Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 36 (26.8.1915)
- Date
- 1915-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448542--67672-2488574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit J . Ein Centraloraan Iflr das orthodoxe JudeBtiun IrlBW L III Begründe! mb Or. Lehmann in ülainz 26. August 1915 36. Jahrgang. Sranhfurf a. M-. den M 36. 16. Elul 5675. «•mmeMCitf pr« ftfe*ttli*0r: SewShnliche »nsaabe 8H.1.SO. HeftauSaabe («unstdruM «k. s,—. AnSlandSpreise: «ewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Unaarn s Kr., «ußlaud 1 Bub„ Cnclanb l ah„ Amerika 50 eti., RttterlanBe 1.10 fl., Krankreich Fri. 150. MBernttmetttS bei allen vallanstattm, Buchhandlungen, sowie direkt bet dem Verlas. HeftanSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgrspaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannabme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H.. Frankfurt a.M., (Sr. Gfchenheimerstr. 83 Lel.584S.Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen'Expcd. des In- und AuSkan-S. Vlatzvvrfchrstten vfyttt Uerdmdltchkett. Aahlnugen f3nnen außer direkt an den Verlag erfolgen ver , Gonto »et »er Jt« «. VostfparkaHe «Sien Be. WM». Tonis »ei dem It. Vostfpartastenamt Bndapest fU. 18 4M. Tont« »et der Msaer To«merA»anr in Kii« und der« Kilialm. ver nsckSruck Ser Urfiliel uaö Correfponden?en Ses „Israelit“ iü nur unter genauer Quellenangabe, uns, soweit es (ich um größere Ruffäfte banSeit. nur nach norheriger öenehmigung gestattet. Intzallsüvevstcht. 1. Leitartikel: Die Greuel vonKownound Kurland. — 2. Aufsätze: Zum ostjüdifchrn Problem. — B. Kleines Feuilleton: In Kowno. — Rabbiner Dr M. Lewin, Wreschen: Glul. — Zwischen Lodz und Warschau. — 4. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Feiertagsurlaub jüdischer Soldaten.) — Frankfurt a. M. (Soldatenlektüre.) — Frankfurt a. M. (Die Religionsgesetzltche Wertung der Todesmeldungen aus dem Felde.) — Warschau (Aus dem deutschen Warschau.) — Bukarest (Nach russischem Muster.) — New-Aork (Der Schlußakt der Frank-Tragödie. — 5. Personalien: Mainz. — Gunzenhausen. — Koschmin. — 6. Vereinsnachrichten: Heidelberg. — 7. Vermischtes: Hamburg. — Mannheim. — Würzburg. — Gießen. — Soden i. T. — Metz. — Haynau. — 8. Beilagen: Feuilleton: Die Kriegsgeschichten des alten Moschrh Grrson. — Erziehung und Lehre: Anwendung und Einübung der biblischen Geschichte». — Alte und neue Kahne». — M. L. in N.: Znr Fortbildungsfrage. — Csrrespondenzen und Nachrichten. Me Greuel von Kowno und Kurland. Nach allem, was der Oeffentlichkeit über die Leiden der Ausgetriebenen aus Kowno und Kurland bereits bekannt ist, sollte man glauben, daß sich weitere Berichte über dieses neueste und traurigste Kapitel der tränenreichen jüdischen Geschichte erübrigen. Indessen werden im New-3)orker „Tog" von Augenzeugen, unter zweifelsfreien Belegen, Einzelheiten geschildert, die, so haarsträubend sie sind, registriert und der Nachwelt aufbewahrt bleiben müssen. Im allgemeinen gewährte man eine Frist von drei Tagen zur Liquidierung der Geschäfte und Erledigung der persönlichen Angelegenheiten. In drei Tagen hatten sechsmalhunder ttausend Juden ihr Domizil zu verlegen und sich aus allen Beziehungen zu ihrer und der Väter Heimat loszulösen! Allein nicht überall wurde diese Frist von der Polizei eingehalten. An manchen Plätzen begann die Austreibung schon nach zwei Tagen, an manchen anderen rückte die Polizei mit dem Befehle erst wenige Stunden vor Ablauf der Frist heraus. Außerdem wurde in vielen Fällen die Sache so arrangiert, daß die Austreibung bei Nacht und Nebel vor sich ging. In vielen Dörfern wurden die Nichtsahnenden zu diesem Zwecke aus den Betten geholt. Die Ausführung des Befehles lag in der Hand der Kosaken, die mit ihren Nagaikas die Menschen vor sich hiertrieben und jeden blutig mißhandelten, der sich in der angesetzten Minute noch nicht fertig zum Abmarsch zeigte. Die Panik in den Städten in den wenigen Tagen oder Stunden der Vorbereitungszeit läßt sich nicht beschreiben. Rat- und kopflos liefen die Leute über die Straßen. Telegramme flogen dahin und dorthin, zu Gouverneuren, Ministern und kommandierenden Generälen. Die Antwort lautete überall einstimmig: „Abfahren zum bestimmten Termin!" Man nahm in der Eile nur das mit, was gerade zur Hand lag, oft das Wertloseste. Wie auf Verabredung verweigerte die christliche Bevölkerung, mit der man bis dahin ganz leidlich ausgekommen war, Pferd und Wagen. An einigen Plätzen zahlte man 200 Rubel für einen Wagen, um die Totkranken und die Thorarollen hinauszuschaffen. Die sonst friedlichen litauischen Bauern waren auf einmal ganz demoralisiert und verloren jede Mitempflndung, jedes Menschengefühl. In Haufen füllten sie die Straße und warteten ungeduldig der Abfahrt der Juden, um sich schleunigst in ihre verlassenen Häuser zu stürzen, wo sie keinen Nagel übrig ließen. Der Jude war auf einmal in der eigenen Heimat, auf dem Boden, der die Gebeine seiner Väter barg, erwas wie Freiwild, seine Habe Freig u t. Der Berichterstatter, ein amerikanischer Bürger, der in einem Städtchen bei Kowno der Austreibung beiwohnte, war Zeuge einer Szene, die ihn bis aufs innerste erschütterte. Als die Juden, von den um sich schlagenden Kosaken bedrängt, von den höhnischen und raubgierigen Blicken der Nachbarn begleitet, den Wandermarsch antreten sollten, sprangen sie, wie auf ein stilles Abkommen, noch im letzten Augenblicke in ihre Häuschen und fingen an, allen Hausrat selbst kurz und klein zu schlagen. Ein Pogrom im eigenen Hause. Dann packte man irgend einen Gegenstand, ein Kochgeschirr, ein Kiffen, drückte auch jedem der Kinder eine seinen Kräften entsprechende Last in die Hand und hinaus ging es unter Püffen und Schlägen und . .unter lautem Jammern der Gepeinigten in die Nacht. In den Städten, die an einer Eisenbahnlinie liegen, ging der Abschub mit der Bahn vor sich. In Kowno selbst trieb man 32000 Juden auf dem Bahnhof zusammen, darunter den. ganzen Bestand des Alterasyls, der Krankenhäuser, ja sogar der Irrenanstalt. Selbst die jüdischen Verwundeten, die sich in Spitälern oder auf Urlaub befanden, wurden zu dem großen Haufen gejagt. Der Berichterstatter stellt fest, daß von der alten historischen Judenstadt nur noch vier Menschenruinen zeugten: drei Typhuskranke, die dem Ende entgegengingen und ein Wahnsinniger, der als gemeingefährlich geflüchtet war. Die Szenen auf dem Bahnhofe stellen alle Phantasiebilder eines Dante in den Schattens Mit Nagaikas wurden die Menschen in die Wagen getrieben, und zwar nichtnachFamilien gruppiert, sondern wie sie gerade in wirren Haufen dastanden. Man warf Kinder und Säuglinge, nach denen die Mütter verzweifelt jammerten, in am dere Wagen zu fremden Menschen hinein.; Unzählige Familien wurden so auseimmdergerissen, daß sie sich bis heute nicht wiederfanden. Der Berichterstatter fordert den Redakteur der „Times" aus, sich telegraphisch beim Feslungskommandanten zu Kowno zu erkundigen, ob er nicht einige Stunden, nachdem die Judenzüge von Kowno abgefahren waren, eine Depesche von einer Frau erhalten hätte, die ihm mitteilte, daß ihr Mann seit Kriegsausbruch unter den Fahrten stehe und sie bei der Abfahrt in Kowno alle ihre fünf Kinder verloren habe. Sitz bat, aus einige Stunden zurückkehren zu dürfen, um ihre Kinder zu suchen. Die Bitte blieb unbeantwortet. Keiner von den Juden, die als Menschenfracht die von außen plombierten Waggons füllten, wußte, wohin die Reise ging. Inzwischen erfuhr man in den von Juden bewohnten Städten zwischen Kowno und Wilna von dem wandernden Elends daß tausende von eingesperrten Brüdern und Schwestern mit verhungernden Säuglingen, Greisen und Kranken vorüberfahren, und alles machte sich auf die Beine, um mit Milch, Brot, heißen Speisen und warmen Kleidern die Unglücklichen zu empfangen. Auf dem Bahnhof fanden aber die Helfer einen ganzen Kordon von Soldaten, die den Zugang zu den-„Judenwagen" mit aufgepflanztem Bajonett versperrten. Sie mußten mit ihren Liebesgaben unverrichteter iü.'«: . V