Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 35 (19.8.1915)
- Date
- 1915-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448541--67662-2488563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«siwtwwi Sette 4 Ri». 38 und Jsabella nähern, so muß ich jetzt sagen- -aß unsere Zeiten jene schon überstiegen. Zur Verteidigung Spaniens floß kein jüdisches Blut, aber bei uns, im Moment der Verteidigung des Vaterlandes, floß dieses Blut. Es ist eine unerhörte Verleumdung, daß einem ganzen Volke Verrat zur Last gelegt wird. Diese finstere Verleumdung konnte nur auf dem Boden der Rechtlosigkeit entstehen. Ist doch diese Verleumdung in den Ländern, wo Juden Gleichberechtigung genießen, nicht denkbar. Nur durch die Agitation der offiziellen Presse, nur durch die antisemitische Hetze, die vor dem Krieg getrieben wurde, kann man die Erscheinung dieser Verleumdung erklären, die einen fetten Boden gefunden und eine reiche Ernte ergeben hat. Großmütige Leute sagen, daß bet den Juden Verrat verzeihlich sei. Das ist also der logische Schluß jener Verleumdung, welche einen bedeutenden Teil der russischen Gesellschaft ergriff. Ich, meine Herren, würde darauf folgendes antworten: Ja, wir sind rechtlos, man unterdrückt uns, uns geht es schlecht. Aber wir kennen die Quelle dieses Nebels. Sie geht von diesen Bänken aus, (er zeigt auf die Minister-Loge) uns unterdrückt die russische Regierung, nicht aber das russische Volk. Was Wunder also, daß wir unser Geschick nicht mit der russischen Regierung, sondern mit dem russischen Volke verknüpfen. Bor 3 Jahren, als hier der Cholmsche Gesetzentwurf behandelt wurde, konnte dann den Autoren dieses Gesetz-Entwurfs einfallen, daß sic bald Kratzfüße 1 vor dem „freien, autonomen" Polen werden I machen müssen? Wir hoffen auch, daß die Zeit I nicht mehr fern ist, da, zusammen mit dem freien l russischen Volke, auch wir russische Bürger mit [vollen Rechten sein werden. Bor dem Angesicht des ganzen Landes,. — fährt N. M. Frjrdmann fort, — vor dem Angesicht der ganzen zivilisierten Welt erkläre ich, [ daß die Verleumdung gegen die Juden — die t empörendste Lüge, und eine Erfindung [ derjenigen Personen ist, welche ihre $ Verbrechen rechtfertigen müssen. (Beij fall links.) Und alle, welche ihre Mitbürger l des Verrats beschuldigen, sie vollziehen selbst * eine verräterische Handlung. i Sie haben gelesen, — schließt N. M. Friedmann, — daß in allen Städten des rus- | fischen Reiches eine Bekanntmachung angei schlagen war, daß im Dorfe Kuscha unter dem Verrat der Juden unser Heer gelitten hat.! Das Duma-Mitgiied Karensky unternahm eine i, Untersuchung der Sache an Ort und Stelle, j-A und es stellte sich heraus, daß nichts ähn- \iches dort geschah. Es stellte sich heraus, daß f dort keine Keller waren, in denen man deutsche fr f erst dann voll würdig, wenn wir die Scheidewände be- L fettigen zwischen uns und unfern Nebenmenschen, i . Wollen wir in Gott unfern Vater anrufen können, so! sollen wir diesem herrlichen Worte, das uns eine ganze Wett voll Glück und Seligkeit offenbart, nicht seinen Glanz nehmen, indem wir mit unserer Zunge verl wundbare Pfeile gegen unsere Nebenmenschen schleudern, als ob wir nicht alle Kinder eines und desselben Gottes . wären. Es ist tief bedeutsam, daß hier gerade unsere Lehrer anmerken: „jnn pj» sn -an ->vin xin&a. : Wenn in diesem Berse die Mahnung ausgesprochen ist, ( daß wir uns vor allem Schlechten hüten sollen, so r liegt darin eine Warnung vor den Sünden der bösen f Zunge." x Wir haben leider die Gefahren der bösen Zunge in ihrer vollen Schwere mit all ihren schrecklichen!. Folgen kennen gelernt. Das Lügengespinnst, das böse Zungen gegen unser deutsches Volk feit I hren gewoben, hat schließlich diesen gewaltigen verheerenden Feuerbrand entzündet, unter dem die ganze Wett so ° unsäglich viel leidet. Wir wiffen allerdings und die vergangenen Monate haben diese gar trostreiche Ge-; witzheit bestätigt, daß die Lüge nicht bestehen kann, * schließlich unterliegt, ob sie auch für eine Zeit iriuml. phiert hat. (In Paranthese sei an die schöne und ' finnige Versinnbildlichung erinnert, die hierfür unsere f Alten anwenden. Das hebräische Wort für Lüge ipv h besteht aus Buchstaben, die alle nur auf einem Fuße r stehen, während bei dem Worte ran Wahrheit, die es! bildenden Buchstaben auf zwei Füßen ruhen.) Aber r noch in einem andern Sinne verstehen wir unsere \ Lehrer so recht erst jetzt nach den Erfahrungen dieses Krieges, daß sie mit allem Nachdruck hervorheben: „^2'irr *tw 1'3'ix hv, Ziehst du in den Kamps gegen f deine Feinde, vergiß es nicht, nurgegen deine _Der JSraeltt. _ Soldaten verbergen konnte. Im Ganzen besidet sich dort nur ein jüdischer Keller von 4 Arschin Länge, 3 Arschin Breite und nicht einmal manneshoch. Ferner stellte es sich heraus, daß die Niederlagen anr 28. Mai erfolgten, während die Juden schon am 27. Mai von dort fortgingen. Sie gingen mit der Erlaubnis der Militärverwaltung fort, was natürlich nicht der Fall gewesen wäre, wenn sie an irgend etwas schuldig wären. Wir wissen auch, daß der Minister des Innern davon Kenntnis genommen hat, und dessenungeachtet ist diese Verleumdung bis jetzt noch nicht widerlegt worden. Wie schwer auch unsere Leiden, wie groß auch unsere Opfer und Verluste sein mögen, aber das Schwerste für uns ist — die unerhörte moralische Beleidigung, die uns zugefügt wird. Vor einigen Monaten, als einer Stadt an der westlichen Grenze Gefahr drohte, wurde in der Synagoge Gottesdienst abgehalten: Juden beteten, mit ihnen zusammen betete auch ein alter Rabbiner und schloß sein Gebet mit den Worten: „Herr, rette unsere Stadt und nimm unsere Seelen!" Bei diesen Worten verschied der greise Rabbiner mit dem Gebet auf den Lippen. So fühlte, so starb ein alter jüdischer Rabbiner, so dachte, so fühlte das jüdische Volk. Aber ihm versetzt man Schlag auf Schlag, um seine Kräfte zu lähmen. Nur von Ihnen, meine Herren 'Reichsduma- Abgeordneten, hängt es ab, jenes ermutigende Wort zu sagen, jene Handlung zu vollziehen, welche das jüdische Volk aus jener verzweifelten Lage, in welche es gestellt worden ist, hinausführen, welche es in die Reihen der russischen Bürger, die sich zum Schutz des Vaterlandes aufstellten, zurückbringen könnte. (Rufe: „Richtig!") Ich weiß nicht,, ob es die Reichsduma tun wird/ wenn sie es aber tun sollte, so wird sie damit eine Ehrenpflicht erfüllen, so wird sie damit einen Akt politischer Klugheit vollziehen, welcher dem Vaterlande zum Nutzen und zum Heile gereichen wird. SW unter russischer Herrschaft. Das Martyrium der Juden. Bon Feldrabbiner Dr. L. Roienak in Bremen. (Schluß). Der dritten Klaffe gehörten die armen Juden an. Mit dem Rindvieh verfuhren die Russen viel glimpflicher und schonender als mit diesen unglücklichen Menschen. Man sah käglich „Partien" von eingefangenen jüdischen Proletariern in Reih und Glied marschieren. Es hieß, sie müßten Schanzen graben. Es geschah aber zu einer Zeit, wo die Russen sich ganz sicher in Feinde darfst du kämpfen." Was haben unsere braven Truppen nicht alles zu erdulden gehabt, ehe unsere Gegner es eingesehen, daß nur Bewaffnete gegen Bewaffnete kämpfen dürfen! Wieviel Leid wäre der Bürgerschaft auf den Kriegsschauplätzen erspart geblieben, wenn diese Forderung der Vernunft und Sitte unsere Feinde befolgt hätten! Das Blut der Wehrlosen, die Schmach der Geschändeten, der Jammer der Umherirrenden-und die zahllosen sonstigen Beweise der barbarischen Kriegsfützrung unserer Feinde liefern den besten Kommentar zu der Detliung unserer Lehrer: „Nur gegen deine Feinde in Waffen darfst du dich im Kampfe wenden". Darin liegt das Geheimnis für die ungeheuren Waffenerfoige unserer Heere. Auch mitten im Kampfe sind sie sich ihrer Verantwortung bewußt und lassen sie Liebe und Erbarmen walten gegen die Not der von den Kriegswirren mitgennmmenen Bevölkerung. Es ziert gewiß den Soldaten, wenn er seine Waffe mit Mul und Ueberlegung zu führen versteht, es gereicht ihm aber nicht zu geringerer Ehre, daß er Milde und Schonung gewährt, wo diese am Platze ist. Wir haben mit Genugtuung vielfach vernommen, daß sich bei dem folgenschweren Einfall in unsere östliche Grenzprovinz die jüdischen Marlnschaften unserer Feinde von Morden und Sengen sernhielten, sich durch zarte Rücksicht und Schonung auszeichneten und auch mitten im Kampfe nicht ihr Stammessiegel verlengneten. So mögen wir, Israels Kinder, wo immer, wann immer wir kämpfen, eingedenk bleiben der Mahnung: „Daß du dich ja vor allem Schlechten hütest", dann werden wir siegen und auch der Siege herrlichsten herbeiringen: den'Sieg iiber uns selbst. _. _ 1tz. August 1815 Stryj fühlten, wo keine Gefechte. in der Nähe ftattfanden, als auch keine Notwendigkeit etwaiger Schanzenarbeiten bestand. Diese angeblichen Arbeiter wurden in der schlimmsten Kälte durch Schnee und Ets nur meilenweit geschleppt, dann ohne Rast in die Stadt zurückgesührt, endlich von Soldaten ausgeplündert und dann freigelassen. In drei Tagen wiederholte man das Verfahren und dann wieder — bis schließlich ein einziger Wehruf die ganze Stadt erfüllte. Schwere Baumstämme mußten sie kilometerweit über die Berge schleppen, obgleich sie auf kürzerem Wege in wenigen Minuten das Ziel erreicht hätten. Beim Einfangen fragten die Soldaten: „Bist du ein Jude?" Wer kein Jude war, wurde nicht erfaßt. Man stellte außerdem der katholischen Bevölkerung Zeugnisse aus, die sie vom Schanzengraben befreiten. Unter den jüdischen Arbeitern waren mitunter so alte Leute, daß sie zusammenbrachen. Aber auch die jüngeren Kräfte konnten es nicht immer aushalten. Am 20. Juni wurde ein 20 jähriger junger Mann als Opfer dieser Grausamkeiten auf dem jüdischen Friedhof in Stryj begraben. Das Einfangen der Juden geschah mit Vorliebe an Samstagen und jüdischen Feiertagen. Manchmal wurden aber in der Tat Schanzen gegraben. Dann kamen massenhaft verstümmelte und schwer verwundete Arbeiter nach Hause zurück. Dann verbreitete man die Kunde, österreich-ungarische Truppen hätten auf die arbeitenden Zivilisten geschossen. Das war eine offenkundige Lüge, denn man hörte in der Stadt keinen Schuß, weil die damaligen Gefechte ziemlich entfernt waren. Ueberdies waren es keine Schußwunden, die sie erhielten. Es waren Quetschwunden und Verletzungen, die ohne Weiteres als von Kolbenschlägen und Fausthteben herrührend erkannt wurden. Viele erhielten Ohrfeigen und Peitschenhiebe. Das konnte unmöglich von österreichischungarischem Schrapnellfeuer herrühren. Unaufhörlich wurde den Arbeitern eingeschärst, sie müßten Respekt vor den Ruffen haben. Als aber einer dem ihn belehrenden Gendarm treuherzig versicherte, er habe sehr viel Respekt vor den Ruffen, sogar mehr als sich geziemt — wurde er mit 50 — sage fünfzig — Peitschenhieben dafür bestraft. Es gab nur ein Mittel, sich bei der Verwaltung beliebt zu machen, und dies bestand in Jnvektiven gegen die Person des deutschen Kaisers. Die Soldaten und Offiziere provozierten dies täglich. Die Bövölkerung aber — jüdisch und katholisch — verhielt sich dabei streng loyal. Das Auftreten der deutschen Truppen, obwohl in der russischen Presse verstümmelt und parodiert wiedergegeben, imponierte während der ganzen Zeit so gewaltig, daß sich kein Mensch fand, der (Der Heldenmut der polnischen Juden.) „Az Est" bringt hochinteressante Schilderungen aus den Kämpfen um Lemberg. Hiernach waren die berühmten Szeklertruppen zur Erstürmung der Lemberger Landstraße ausersehen. In eine stark gelichtete Szeklerkompagnie wurden 400 polnische Juden, sämtlich alte Landstürmer mit langen Bärten und Ringellöckchen, eingereiht und der Befehl gegeben, die polnischen Juden nicht anzutreiben, wenn sie während des Sturmes Zurückbleiben würden. Der Sturm begann. Die Szekler liefen mit außergewöhnlicher Heftigkeit gegen die Russen an und schlugen mit Dvppelspaten und Gewehrkolben rücksichtslos ein, obwohl der Feind die Angreifer durch, ein fürchterliches Feuer fernzuhalten versuchte. Die polnischen Juden machten ohne Ausnahme den Sturm begeistert mit. Sie hatten ihre Gebetriemen um die Stirn gewickelt nnd riefen während des Anlaufes den alljüdischen Kampfruf: „Schma Jisroel!" In diesem leidenschaftlichen Kampfe kam der ganze Hatz des polnischen Judentums gegen seine Bedrücker elementar zum Ausbruch. Die außergewöhnlich tapfere Haltung dieser polnischen Juden, die allgemein bewundert wird, hatte eine bedeutungsvolle Wirkung, denn nach einstündigem heißen und blutigen Ringen wurde die Russenfront durchbrochen und die Landstraße von den Szeklern und den polnischen Juden genommen.