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Der Israelit · 1915-08-19 · Heft 35 (19.8.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 35 (19.8.1915)
Date
1915-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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19. August 1915 Ro. 35 Sette 3 dabei nicht vergessen, daß auf dem polnischen Boden und in den anderen Grenzgebieten auch tas Blut anderer Nationalitäten fließt, daß dort auch jüdisches Blut fließt und zum Unglück, nicht durch Feindeshand vergossen. Wenn eine elementare Uebersiedlung (Translokation) jüdischer Mafien vor sich geht, wenn die Juden von einem Teile des Reiches in den andern gejagt werden, wenn selbst das rühmlich bekannte Ansiedlungsgesetz verletzt wird, wenn man die Juden zu Tausenden in die Gouvernements Tamboß und Woronefch und nach Sibirien schickt, findet es die Duma nicht für zeitgemäß, diesem vielleidenden Bolke Freiheitsbewegung zu geben. Demnach bleibt im Gebiete der jüdischen Frage alles wie gewesen. Das wurde sogar unterstrichen. Das ging aus allen Maßregeln hervor, welche jetzt die Regierung getroffen. In einem langwierigen Kriege gibt es bald Erfolge, bald Mißerfolge, und es ist für jeden Fall nützlichen Vorrat den Sündenbock zu haben. Dafür existiert eine altbewährte Firma —, der Jude. Der Feind hatte noch nicht einmal die Grenze erreicht, als sich Gerüchte zu verbreiten begannen, daß jüdisches Geld zu den Deutschen hinflröme durch Aeroplane, Särge und das Eingeweide von Gänsen . . . Jedesmal, wenn sich der Feind näherte, erschien der traditionelle Jude auf einem weißen Rosse, wahrscheinlich derselbe, welcher einst in der Stadt auf einem weißen Rosse umherfuhr, um einen Pogrom hervorzurufen . . . Die Juden begannen Telephone zu errichten, den Telegraph zu zerstören. Die Legende wuchs, verbreitete sich dank der Mitwirkung der Machthaber, und die Agitation in den offiziellen Kreisen erreichte unglaubliche Dimensionen. An den Juden wurde eine Reihe von in der Geschichte sowohl nach ihren Härten, als auch nach ihren Motiven nie dagewesenen und gehörten Maßregeln angewendet. Diese Maßregeln, die vor den Augen der ganzen Bevölkerung ausgeführt wurden, flößten derselben und der Armee die Ueberzeugung ein, daß die Juden von der Regierung wie Feinde behandelt werden, daß die jüdische Bevölkerung außer Gesetz gestellt ist. Vor allem kommen diese Maßregeln zum Ausdruck in der allgemeinen, ausnahmslosen Ausweisung der jüdischen Massen aus vielen Orten. Die Ausweisungen wurden im Königreich Polen und in vielen anderen Ortschaften ausgeführt. Im Ganzen wurde der Armut und dem obdachlosen Umherwandern ea. eine halbe Million Menschen pretsgegeben. Derjenige, der gesehen hat, wie die Ausweisungen ausgeführt wurden, wird sie sein ganzes Leben nicht vergessen. Die Ausweisung wurde im Laufe von 24 Stunden, manchmal in 48 Stunden, vollzogen. Es wurden Der JSraeltt. ausgewiesen Frauen, Greise, Kinder und Kranke. Man brachte sogar Wahnsinnige aus den Jrrenanstalten herbei und zwang die Juden, sie mitzunehmen. Jn Mogilnize wurden 5000 Menschen im Laufe von 24 Stunden ausgewiesen. Ihr Weg ging nach Warschau über Kalavaria. Man zwang sie aber, nach Lubliner Gouvernement auf den Landwegen zu fahren und so beraubte man sie der Möglichkeit, ihr Hab und Gut mitzunehmen. Biele mußten zu Fuß gehen. Als sie in Lublin ankamen, waren für sie vom jüdischen Komitee Brot und andere Nahrungsmittel vorbereitet,- aber man ließ sie nicht anhalten, sie mußten weiter wandern. Auf dem Wege geschah ein Unglück: ein sechsjähriges Kind siel aus einem Wagen heraus und verletzte sich derart, daß es tot liegen blieb. Man ließ die Eltern nicht das Kind begraben. Ich sah die Ausgewiesenen vom Gouvernement Kowno. Leute, die noch gestern wohlhabend waren, wurden an einem Tag bettelarm. Ich sah unter den Ausgewiesenen jüdische Damen und junge Mädchen, die früher zusammen mit den russischen Damen gearbeitet, zusammen Wäsche genäht und Liebesgaben gesammelt haben,' ste irrten jetzt am Bahnkörper herum. Ich sah Familien von Reservisten, verwundete Soldaten mit Ordenskreuzen des heiligen Georgs. Man erzählt, daß die jüdischen Soldaten, die durch die Städte Polens marschierten, Zeugen sein mutzten, wie man ihre Frauen und Kinder vertrieb. Die Juden wurden inGüterwaggons, wie Vieh, mit Frachtscheinen verschickt. Es wurde ein solcher Frachtschein geschrieben: die Ware 450 Juden, wird dahin und dorthin übersandt. Es kamen Fälle vor, daß die Gouverneure die Juden nicht aufnahmen. Ich selbst war in Wilna, als ein ganzer Zug mit Juden auf der Station Nowo-Wilejk ganze vier Tage dastand. Das waren Juden, die vom Gouvernement Kowno nach dem Gouvernement Poltawa geschickt wurden, aber der Gouverneur nahm sie nicht auf, sondern schickte sie zurück nach Kowno, von wo man sie wieder nach Poltawa schickte. Bedenken Sie nur: in der Zeit, da wir Waggons zur Beförderung von Munition nötig haben, da von überall Klagen über Mangel an Beförderungsmitteln einlaufen, stehen 110 Waggons mit jüdischen Ausgewiesenen. Eine andere Maßregel, die im Laufe der ganzen Geschichte der zivilisierten Welt nie dagewesen ist, ist das sogenannte Institut der Geiseln. Man nahm Geiseln nicht von den Feinden, sondern von den eigenen Untertanen, von den eigenen Bürgern. Geiseln wurden genommen in Radom, Kelzy, Lomscha, Kowno, Riga, Lublin u.s.w. u.s.w. Die Geiseln wurden im strengsten Regime gehalten und jetzt noch sitzen jüdische Geiseln aus dem Kelzyer und Radomur Gouvernement in Poltawa fest. Der Bevölkerung vom Kownoer Gouvernement wurde die Erlaubnis der Rückkehr in ihre Wohnorte vorgeschlagen, falls sie freiwillig Geiseln stellen würde. Als Antwort darauf habe ich als Deputierter aus dem Kownoer Gouvernement an den Vorsitzenden des Ministerrats einen Brief gerichtet, in welchem ich darauf hinwtes, daß die jüdische Bevölkerung im Kownoer Gouvernement das obdachlose Umherwandern und den Hungertod vorziehr der Erfüllung einer Forderung, welche ihre bürgerliche und nationale Ehre mit Schmach bedeckt, und daß die Juden ihre Pflicht gegen das Vaterland stets erfüllt haben und stets erfüllen werden und keine Verfolgungen sie von dem Wege der Ehre abbringen und sie zwingen werden, die Lüge als Wahrheit zu proklamieren. Die Erlaubnis, unter schmachvoller Bedingung zurückzukehren — schrieb ich —, erweist sich uns als eine neue zwecklose Beleidigung. (Zurufe im Zentrum und links: „Bravo!"') Eine Antwort auf diese Erklärung blieb aus. Noch nicht so lange her erfolgte die Verordnung über das Verbot des Aufenthaltes in den Sommerwohnungen am Finnischen Strande für die Juden. Hier werden nicht allein die polnischen Juden, sondern die ganze jüdische Bevölkerung verdächtigt. Damit ist die Summe des Elends und der Not, die das jüdische Volk ausstehen mußte, nicht erschöpft. Es gab noch schlimmeres. Es ereigneten sich Fälle von Pogromen, Beraubungen, Vergewaltigungen von Frauen. Ich werde momentan keine Einzelheiten anführen, sondern werde die Dokumente in einer geheimen Sitzung zustellen. In meinen Händen z. B. befindet sich eine Bescheinigung des Kommandanten darüber, daß die jüdische Bevölkerung Lublins sich vollständig korrekt hielt, allen Forderungen der Regierung immer entgegenkam und eine vollständige Loyalität und Zuverlässigkeit zeigt. Diese Bescheinigung wurde, wie aus ihr zu ersehen ist, dem Vorsitzenden des jüdischen Kuratoriums ausgehändigt, um sie dem Feldkommandanten vorzulegen mit dem Ersuchen um Schutz vor verbrecherischen Ueberfällen, die gegen die jüdische Bevölkerung seitens der Verletzer der Gesetze geplant waren. Wie Sie sehen, ist eine besondere Erlaubnis der Machthaber nötig, um Schutz von Leben und Eigentum zu bitten. Sie können danach urteilen, wie es in den Fällen ging, wo solche Bescheinigungen nicht erhältlich waren. Wenn der Führer der Opposition noch vor dem Kriege, bei der Beurteilung all defirn, was in Bezug auf die jüdische Bevölkerung geschieht, sich äußerte, daß wir uns den Zetten von Ferdinand Ausdruck. Dieser wundert sich noch mehr, über meine Unwissenheit nämlich. Aus seiner weiiausgehollen Erklärung erfahre ich denn, daß „vergiß t" mit „V e rgessen" gar nichts zu tun hat und vielmehr von „Gießen" hergeleitet wird. D.'r Mann hatte nämlich eine flüssige Masse erfunden, mit der er beschädigte Gummischuhe repariert und alle Lucken und Löcher dieser in Rußland ganz unentbehrlichen Fußbekleidung angeblich restlos „vergießt". Ein barfüßiger Mensch ohne Rock in zerfetzten Beinkleidern sieht blöde in den Wagen hinein und lacht hell auf. „A Meschuggener!" belehrt mich der Fuhrmann. Einer der vielen Irren, die aus Mangel an geeigneter Fürsorge heute noch wie vor zwanzig Jahren hier frei herumlaufen. Ein kleiner Leichenzug kommt des Weges. In irgend einer dumpfen, licht- und lustlosen Kellerwohnung hat ein gequältes Herz zu schlageu aufgehö'rt. Dicht hinter dem schwarzen Wagen jammert ein junges, in Lumpen gehülltes Weib mit einem halben Dutzend laut weinender, halbnackter Kinder an der Hand um ihren Ernährer. Für eine Weile weint die ganze Straße, die Menschen, die Kramläden, die Laternen und Leiterwagen. Und dumpf tönts über dem Weinen der Straße: „Zedokoh tazil mimoweß!" . . . Das traurige Bild hat sich verzogen, und mein Wagen kann weiter. Natürlich hat der Kutscher keine Ahnung vom Wohnorte meines Freundes, bei dem ich absteigen will, wiewohl er ans meine diesbezügliche Frage am Bahnhofe sehr selbstsicher, aber, wie mir jetzt einfällt, ebenso doppelsinnig, beteuert hatte: „A soi soll ich wissen, wann Moschiach kummt." Er muß sich erst befragen. Eine kleine Menschenansammlung bildet sich um den Wagen. Drei Arme, deren einer blind ist und von einem Jungen geführt wird, nutzen die Haltegelegenheit und strecken tutend die Hand aus. Sie danken nicht für die Gabe, sie würden damit den Gotteslohn für den Spender herabmindern. Ein Polizist nähert sich. Mir ist es bange um die armen Leute. Ich mefle immer noch mit preußischem Maßstabe und fürchte für sie, Bestrafung wegen Straßenbettelns Die Sache wickelt sich weit harmloser ab. Der Polizist näselt etwas auf russisch. Der Fuhrmann „vertaiischt": Der Kelew will auch a Mainas Jad". Mit einem Zehnkopekenstücke, das in den Augen des Hüters der öffentlichen Ordnung den Wert von zwei Gläschen repräsentiert, ist der Handel glatt erledigt . . Nun ist. auch glücklich der Weg gefunden. An dem viereckigen sonnigen „Paradeplatz", in besten Mitte ein umgitteter pittoresker Turm aus Gußeisen mit Bronzearabesken und vergoldeter Kuppel von der Niederlage des großen Korsen und seiner Flucht durch das Niemengebiet erzählt, biegen wir in eine schmale Gaste ein, wo hunderstimmiger, schmelzender Gesang unser Ohr gefangen nimmt. Es sind helle Lerntöne aus frischen Kinderke flen. Dort ist der „Alte Besmedrasch" mit seinen hundertjährigen Jeschiwaus. Und nebenan im roten Ziegelhause befindet sich mein Abfteigquartier. (Schluß folgt.) Die Quelle unserer Kraft. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen Zu heißem Ringen und Kämpfen gegen den inneren Feind, der in einem jeden Menschenherzen sein Lager auszufchlagen sucht, will uns der Monat Elul befähigen. Mit Schofarton rüttelt er uns auf und lenkt unfern Sinn weg von den irdischen Nichtigkeiten hin zu den Höhen unserer Bestimmung, wo die reine Luft des Göttlichen und Heiligen weht. An der Wende der Zeilen soll unser Wille gestählt und unsere Kraft gesteigert werden, diesen schweren Kampf aufzunehmen und bis zu Ende zu führen, baß die Stimme der Sinnlichkeit in unserer Brust verstumme und das Ewige, das Bleibende unfern Willen beherrsche. Da verstehen wir auch das Schristwort, das gerade zu rechter Zeit mahnt: „Wenn du zum Kampfe gegen deine Feinde ausztehst, so hüte dich vor jeglichem Schlechten." Hierin sehen wir die Bedingung für unfern Sieg angedeutet. Das Schlechte, das Niedere, das Genieine mutz weit von uns bleiben. - Dem Guren und Schönen sollen wir Zugang zu unferm Herzen und auch zu unserer Umgebung sichern. Wer dem Feuer entgehen will, darf doch ihm nicht neuen Brennstoff zusühren. Wollen wir also den jnn 12', den Trieb und Hang zum Bösen überwinden, dürfen wir ja nicht feine Flammenähren. Bor jeglichem Schlechten sollen wir uns da hüten. Der Monat Elul soll eine Zeit der Sammlung und Wethe werden, da ist Heiligkeit und Keuschheit in Wort und Gesinnung, Reinheit und Wahrheit in Gefühl und Handlung, volles Aufgehen in Pflichttreue und Hingebung der Weg, den wir zu beschretten haben, wollen wir das Ziel nicht verfehlen. Darum erinnern unsere Lehrer in diesem Zusammenhänge gerade an den Ausspruch deS R. Ptnchas b. Jair: ,,.-rw2v min V'21V ETTPD rp?, die Thora verbürgt gute Werke, diese führen zur Achtsamkeit, aus dieser quillt dann die Hingebung undReinheit, letztere leitet zur Enthaltsamkeit, diese wieder zur Lauterkeit und Heiligung", bis man mit der Wonne aller Tugenden, mit der Demut geschmückt ist, die uns vor dem Herrn ein gnadenvolles Gedenken sichert. Die Lugend sprießt nur da auf, wo das Unkraut des Schlechten vernichtet ist. Sie muß Raum haben zu ihrer Entfaltung, darum mahnt die Thora: „Alles was irgend schlecht ist, und wäre es in deinen Augen noch so winzig, weise init ganzer Kraft zurück." Des Herrn werden wir erst, seiner Liebe und Gnade i£i,

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