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Der Israelit · 1915-08-19 · Heft 35 (19.8.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 35 (19.8.1915)
Date
1915-08-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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lft. August 1915' . solchen schalen, unflätigen Witzen Gehör geschenkt hätte. Alle nannten den deutschen Kaiser „Wilhelm der Sieger", und verfolgten mit größter Spannung die Vorgänge auf den Kampfplätzen. Mit größerer Toleranz behandelten die Nüssen den Kaiser-König Franz Joseph. Aber auch hier, hörte man Schmähungen, die nicht wiederzugeben sind. Noch eine andere Art der Erpressung mag hier Erwähnung finden. Eines Tages erschienen in den Straßen zahlreiche Offiziere mit gedruckten Formularen und begannen in sämtlichen Geschäften der Stadt vorzusprechen. Mit rührenden Worten baten sie die Inhaber der Firmen, etwas für den Fonds des russischen Roten Kreuzes zu spenden. Was konnte ein armer, ausgeplünderter Krämer geben? Man gab hie und da einen Rubel oder zwei. Dann wurden aber die Herren böse und verlangten wenigstens zehn Rubel Beitrag. Dafür sollte der Betreffende ein silbernes Jeton bekommen, und dieses Abzeichen sollte ihn ann gegen das Einfangen zur Arbeit schützen. Der Offizier präsentierte dann den gedruckten Zettel, nahm die geforderten zehn Rubel und ging fort. Als die „Mitglieder des Roten Kreuzes" den Zettel lasen, fanden sie zu ihrer Bestürzung, daß das Komitee keineswegs die Lieferung des Abzeichens garantiert hatte. Es sei ratsam, sich zwecks Erlangung eines solchen Abzeichens an die Person zu wenden, die das Geld etnkassiert hat. Natürlich hatte sich der Einsammler dem Geber niemals vorgestellt und ebensowenig seine Adresse aufgegeben. Diese milde Gabe, die bei dem Aermsten zehn Rubel betrug, steigerte sich bei Wohlhabenden bis zu 100 Rubel und darüber. Freilich sollte man für diesen hohen Betrag ein „goldenes Jeton" erhalten. In einer armseligen Molkerei, wo keine zehn Rubel qufzutreiben waren, zerschlug der Offizier sämtliche Gläser und Teller und hielt in dieser ritterlichen Weise das Komitee des Roten Kreuzes schadlos. Eines Tages erfuhren die Bürger von Stryj, daß sie sich als russische Staatsbürger zu betrachten haben. Man berief eine Steuerkommission und jeder Firma, jeder Person wurde eine Steuer auferlegt. Es waren keineswegs geringe Summen. Ein Metzgermeifter sollte tausend Rubel zahlen, eine Verdreifachung seiner normalen Steuerquote, und dies für die Zeit von 5 Monaten. Andere Steuern ebenfalls weit niehr als man im schlimmsten Falle an seine legale Steuerbehörde abzutragen hätte. Außerdem wurden Leute mit Steuern belegt, die keinerlei Gewerbe hatten und mit der Firma, die zufällig an ihrem Hause angebracht war, nicht das geringste zu schaffen hatten. Es genügte, wenn sich jemand in der verlassenen Wohnung eines Flüchtlings aufhielt, um alle Steuern für jenen bezahlen zu müffen. Sogar Leute, die aus anderen Städten nach Stryj vorübergehend gekommen waren, wurden mit imaginären Steuern belegt. So war die Herrschaft der Russen in Stryj und gewiß auch in anderen galizischen Städten, eine ununterbrochene Kette harter Grausamkeiten. Neun Monate dauerte diese Knutenherrfchaft. Lange genug, um manches Familienglück zu zerstören, um manches Lebenslicht auszublafen. Als die galizifche Festung noch in russischen Händen war, fragte mich eine Dame aus der Budapester jüdischen Gesellschaft: „Was wird aus Przemysl?" Ich antwortete: „Wir werden es entsetzen." Später, als die Festung wieder in russische Hände siel, sagte mir jene geistreiche Dame: das „Entsetzen" war aber in Budapest. — Ja, man darf es jetzt ruhig sagen, die russische Gewaltherrschaft lastete schwer auf der Bevölkerung ganz Oesterreich-Ungarns, mittelbar und unmittelbar. Danach begreift man den Jubel der Bevölkerung und auch unsere Freude über den Entsatz der galizischen Hauptstadt. Was mag da erst Vorgehen in den Herzen derer, die unmittelbar daL Glück empfinden, nach Abzug der rusfischen Horden als fteie Menschen wieder aufatmm zu dürfen. Der Israelit, Vermißte Wische Familien. XXXI. Es sucht: Es werden gesucht: Nathan Löw, Frank- Schlome (Salom.) Will furt a. M., Mainstr 23. ner aus Frysztak (Galizien); wurde als Geisel verschleppt. ' Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Aachrichten. Deutsches Deich. ZS erlitt, 12. August. Auf Antrag des preußischen Ministers der geistlichen und der Unterrichtsangelegenheiten hat der Reichskanzler den nichtstaatlichen jüdischen Lehrerseminaren in Hannover, Münster, Kassel und Köln für die Dauer des Krieges ausnahmsweise die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen über die Befähigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst mit der Maßgabe verliehen, daß das Zeugnis denjenigen ihrer Abiturienten auszustellen ist, die die Semtnarentlaffungsprüfung (1. Lehrerprüfung) während des Krieges abgelegt haben und in den Heeresdienst eingetteten find. Auch soll bezüglich dieser Berechtigung der Allerhöchste Erlaß vom 22. Juni 1915, betreffend die Genehmigung von Ausnahmen von den Vorschriften des § 90 der Wehrordnung auf die vorbezeichneten vier Seminare Anwendung finden. Rus den okkupierten Gebieten. Lodz, 13. August. Ueber den Abzug der Rusien aus Ciechanow berichtet die Lodzer „Gtazeta Lödzka": Der erste Kanonendonner wurde am 19. Juli vernommen. Am 22. Juli verstärkte sich der Geschützdonner. In heißem Kampfe wurden die Russen aus ihrer Stellung dicht bei der Stadt geworfen. Unter der Bevölkerung brach eine Panik aus) eiligst suchte man die Keller auf. Aus dem Gefecht flüchtende einzelne Soldaten ließen sich Ausschreitungen gegenüber der Bevölkerung zuschulden kommen. Freitag früh war die Stadt von den Russen frei. Gleich "darauf zogen die ersten deutschen Vorposten in Ciechanow ein, um hierauf die Verfolgung des fliehenden Ruffenheeres aufzunehmen. Am Sonnabend führte der deutsche Stadtkommandant wieder Ruhe und Ordnung ein und das Leben begann in das alte Getriebe zu kommen. Die Ruffenwirtschaft hatte schwer auf Ciechanow und Umgegend gelastet — vor drei Wochen wütete die Cholera in der Stadt. 150 Fälle von Erkrankungen an dieser schrecklichen Seuche wurden sestgestellt, 25 endeten mit dem Tode. Unter den Toden befanden sich 14 Juden, darunter der Rabbiner. Aus Ciechanow war die jüdische Bevölkerung von den Russen nicht entfernt worden. Doch wurden vor 2 Wochen etwa 300 Juden vom rusfischen Stadtkommandanten nach dem Krasnofielsker Walde geschickt, um dort Bäume zu fällen. Einigen Personen gelang es, die Wachsamkeit ihrer Wächter zu täuschen und nach der Stadt zurückzukehren. Sie erzählen Schauergeschichten von der grausamen Behandlung der Juden, wodurch mehrere Todesfälle erfolgt seien. Das weitere Schicksal dieser 300 Juden ist unbekannt. Zu eben dieser Zeit erließen die Behörden den Befehl, daß sich die gesamte männliche Bevölkerung der Stadt im Alter von 18 bis 35 Jahren zu stellen hat) der Befehl war jedoch erfolglos. Sämtliche Metallvorräte wurden eingezogen, sogar die Kirchen gl ocken wurden nach War- Ro . 35 Sette 6 schau geschickt. Am Dienstag wurde der Befehl erlassen, daß die polnische Bevölkerung im Alter bis zu 45 Jahren die Stadt zu verlassen habe. Auf die umliegenden Felder wurden mit Sensen versehene Soldaten entsandt, mit dem Befehl, das Getreide abzumähen. So sind denn auch sämtliche Felder zwischen Przasnysz und Ctechanow abgemäht. In Makow erließen die Russen den Befehl, daß die jüdische Bevölkerung sich zur Ausführung von Erdarbetten zu stellen habe. Da die jüdische Jugend sich verborgen hielt, wurden die Juden gewaltsam festgenommen und nach den Schützengräben geschafft. Der Rabbiner wurde verhaftet, wobei ihm angedroht wurde, daß er im Falle des Widerstandes seiner Glaubensgenossen erschossen würde. Schließlich verhaftete man 150 Jüdinnen und führte sie zu Erd arbeiten weg. Ueber ihr Schicksal ist nichts bekannt. Lodz, 16. Aug. Eine Verordnung der Behörde regelt hier und tn der Provinz den Handel an Sonn- und Feiertagen tn der Art, daß die Märkte von 8 Uhr morgens an geschloffen sein müffen, während die Läden nur von 12 bis 3 Uhr geöffnet sein dürfen. Eine Ausnahme machen nur der Zeitungsverkauf und die Apotheken, die keinerlei Beschränkungen unterliegen. In Ser eroberten Stadt. Warschau, n. August. Gestern Dienstag ist hier die erste Nummer einer deutschen Zeitung, die den Namen „Deutsche Warschauer Zeitung" führt, erschienen. Die neuentstandene Zeitung soll, wie aus den Geleitworten hervorgeht, demselben Ziele dienen wie die „Lodzer deutsche Zeitung", nämlich, um alle Deutschen der Stadt und Umgebung ein einiges Band schließen. Am Freitag erschienen auch die beiden jüdischen Zeitungen „Haint" und „Moment" wieder. Die berüchtigte im Dienste der Boykotthetze stehende Zeitung „Dwa Grosze" ist ebenfalls am Freitag wieder erschienen und zwar unter dem Titel „Gazet Codzienna." Hoffentlich wird das Blatt unter dem Zwange der ordnungschaffenden deutschen Macht mtt dem Namen auch den Kurs ändern. Der „Moment" vom letzten Sonntag trägt den Stempel der neuen Ordnung an sich. An der Spitze find der deutsche Tagesbericht und amtliche Anzeigen veröffentlicht. Wir erfahren u. a. daß in der neuen, unter Borfitz des Fürsten Lubomtrskt stehenden. Stadtverwaltung anscheinend auch ein Jude, namens Jan Lew ins kt, Sitz hat. Die erste Sabbatnacht unter der deutschen Herrschaft war für die Einwohner des linken Weichsel-Ufers eine schreckensreiche) von 10 abends ab fielen Schüsse in den Straßen. An 50 Opfer hat die Schießerei, unter den Juden gefordert. Biele Häuser in den Straßen Nowe- Miasto, FranciSzkanska, Boniftaterska, MuranowSka u. a. wurden beschädigt. Oesterreich. Der Geburtstag des Kaisers Me«, 17. August. Zum Kaisersgeburtstag brachten die jüdischen Zeitungen Oesterreich-Ungarns schon in ihren letzten Nummern große Artikel, in denen die tiefe Liebe der Judenheit zu dem nun 85 Jahre alten Monarchen und zum vom Erbfeinde der Juden bedrohten Baterlande zum Ausdruck - kommt. Für morgen, den 18. August, sind in den Synagogen Wiens und aller Grönländer feierliche Dank, und Bittgottesdienste vorgesehen. Rus den Gemeinden. Grosiwardem. Im nahen Sommerkurort, RuSpokfürdö ist der LephalomerRabbiner I. A. Landes-

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