Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 35 (19.8.1915)
- Date
- 1915-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Lette L »tr. 35 »er A-rarltt. Mindestforderungen für Schulwesen und öffentliche Gesundheitspflege auszustellen wären. Er sagt alsdann zur Sprachenfrage: „Die grosse Schwierigkeit für jedes stark gemischtsprachige Staatswesen ist die ^sprachenfrage. Nichts schafft mehr Verbitterung, nichts lockert ein Staatswesen mehr als die Bekämpfung der Muttersprache der Minderheiten, die Aufzwingung der Sprache der Mehrheit oder der herrschenden Klaffe in Schule, Kirche, amtlichem Verkehr, politischen Versammlungen Andererseits ist es unerläßlich für den inneren Verkehr der Behörden, für die Verhandlungen der parlamentarischen Körperschaften, vielleicht auch als Kommandosprache nur eine, höchstens zwei Sprachen zuzulasien. In einem Parlament, in dem mehr als zwei Sprachen gesprochen werden, sind die Reden — in noch weit höherem Matze als sonst — Monologe oder Ansprachen, lediglich an die Parteibezw. Sprachgenoffen. Selbst wenn das neue Staatswesen nutzer aus dem Generalgouvernement Warschau noch aus den Gouvernements Kowno, Wilna und Grodno, sowie aus den Ostseeprovinzen gebildet würde, könnte als Parlamentssprache, sowie als innere Verwaltungssprache der Reichsbeyörden, eventuell auch als Kommandosprache, wohl nur das Polnische in Betracht kommen, um so mehr, als polnisch und litauisch verwandte Idiome sind und Polen und Litauer sich untereinander verstehen. An eine Angliederung der Gouvernements Minsk, Mohilew und Witebsk, die ganz vorwiegend von den den Grotzruffen sprachlich nahe stehenden Weitzruffen bewohnt werden, könnte höchstens in soweit gedacht werden, als einzelne kleine Teile behufs besserer Grenzbild ung dem neuen Staatswesen zugeschlagen würden. — Wo würde die Grenze zu ziehen sein, wo eine Behörde noch mit dem Publikum in dessen Muttersprache verkehren mutzte? Man würde z. B. in den meisten Gouvernements des heutigen Generalgouvernements Warschau wegen einiger vielleicht auch hinterher noch verbliebener russischer Familien — die meisten sind Beamten- und OffiziersfamUien und dürsten nach der Lostrennung von Rußland auswandern — nicht verlangen können, datz die Behörden mit diesen Bolkssplittern russisch verkehren. Erst dann wenn in einer Stadt bezw. in einem Verwaltungsbezirk eine Sprachgemeinschaft mit einem bestimmten Bruchteil der Bevölkerung vertreten ist, würde man ihr das zubiüigen müssen. Ob die Grenze dafür bei 8 oder 107<> oder höher zu ziehen tväre, bleibt dahingestellt." „Man würde hierbei", so schließt Gothein den ersten Teil seiner Ausführungen, „dieJuden, diealsMuttersprache meist jiddi sch, also deutsch sprechen, zur deutschen Sprachgemeinschaft rechnen können. Es läge dies vielleicht auch im Interesse der Deutschen." (Schluß folgt). Der jüdische Ankläger in der Aeichsduma. Die Anklagerede des Abgeordneten N. M. F r i e d m a n n in der russischen Duma, die wir in der jüngsten Nummer bereits kurz skizziert haben, wird uns trun über Kopenhagen im Wort' laute vermittelt. Die jüdische Presse hat die Pflicht, dieses Dokument des in der Geschichte einzig dastehenden jüdischen Leidesgeschickes der Oeffentlichkeit und Nachwelt zu erhalten. Herr Friedmann sagte: Es muß zunächst konstatiert werden, daß ungeachtet ihrer schreienden Rechtsosigkeit sich die Juden in bedeutendem Maße an dem Kriege heteiltgt haben und mit ihren Opfern hinter keiner anderen Bölkergruppe zurückgeblieben sind. Die Juden haben sogar, entgegen dem ausdrücklichen Wortlaute des Gesetzes, ihre einzigen Söhne in die Schlacht geschickt Wenn das auch unter gewiffen Begrenzungen geschehen ist, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß unter allen Nationen Rußlands die Juden allein es waren, aus deren Mitte auch die einzigen Söhne und Brotgeber der Familien Haus und Hof und die alten, schutzlosen Eltern verlassen haben, um ihr Blut auf den Schlachtfeldern zu vergießen. * Zu Kriegsbeginn haben die Zeitungen die Zahl der Freiwilligen registriert, woraus sich ergab, daß die jüdische Jugend, die infolge der Prozentnorm an ausländische Universitäten gedrängt war, dem ersten Ruf des Vaterlands gefolgt und in großer Zahl heimgekehrt ist, sofern nicht die Studenten in die Armeen der Verbündeten etngetreten sind. Die Juden haben, wie die anderen, aus eigenen Mitteln Lazarette gebaut und auf charltativem Gebiete ungeheuere Opfer gebracht. Auf den Schlachtfeldern selbst haben sie gleich ihren Kameraden überall ihre Pflicht getan, was schon die überaus große Zahl der jüdischen Auszeichnungen deutlich genug beweist. Auf Grund offizieller Angaben kann ich erklären, daß die Zahl der jüdischen Soldaten in diesem Feldzuge 47i«70 beträgt, während die Juden - heit nur 47... 7o der Gesamtbevölkerung bildet. Ich besitze den Brief eines jüdischen Emigranten, welcher nach Rußland aus weiter Ferne gekommen war, um sein Vaterland zu verteidigen und auf dem Bahnhof zu Riga seine Eltern traf, die zusammen mit allen Bewohnern des Städtchens aus der Heimat gejagt wurden. Der junge Mann hat in der Schlacht den rechten Arm verloren. Er schreibt zum Schluß: „Erklären Sie den Herren von der Rechten in der Reichsduma, baß ich nicht den Verlust meiner Hand bedauere, sondern die unwürdige, tief beschämende Art, in der man in meinem Vaterlande daZ primitivste Menschenrechte mit Füßen tritt." Wie hat sich aber die Regierung zu der patriotischen Stimmung der Juden verhalten? Man hätte annehmen sollen, daß sie bei dieser Gelegenheit mit allen Mitteln das Los der Juden, die das Unglück hatten, im Zentrum der Kriegs- _19. August 1915 operationen zu leben, zu erleichtern suchen würde. Das Gegenteil war der Fall. Man hat ihnen die unvermeidlicheKriegsnoi nicht nur nicht erleichtert, sondern ihnen noch Leid auf Leid zugefügt. Die Gewa ltuiaßregeln gegen die Juden wurden noch wesentlich vermehrt und verschärft. So hat mail beispielsweise in Kursk der Frau Gutermann das Wohnrecht entzogen, nachdem ihr Mann unter die Waffen gekommen war, und aus der Stadt verwiesen. Aus dem Dorse Li ski, Kreis Retschir, hat man einen Schuhmacher ausgcwiesen, der drei Söhne auf dem Kriegsschauplatz hatte. Grund: Diese Süff»e waren die eige.etlichen Verdiener, die als Handwerker der Familie das Wohnrecht am Platze sicherten . . . Ein verwundeter Soldat, namens Raschkow, kam auf Anordnung der Lazarettverwaltung einer anderen Stadt nach Charkow, um sein Augenlicht zu retten, da sich dort ein Augenspezialist befindet. Als man in Charkow seinen Paß las und daraus erfuhr, daß er Jude sei, schickte man ihn schleunigst mit seinem kranken Auge wieder aus der Stadt, Solche Dinge bilden eine nicht mehr zu tilgende Schmach der Verwaltung. Zwar ersolgle bald das Zirkular des Ministers des Innern, das verfügte, daß die Familien der zunl aktiven Dienst Gerufenen in ihren Wohnorten bleiben können, aber dieses Zirkular betrifft nur die F a m i l i e n der Verwundeten, nicht aber die Verwundeten selbst. Schon der Erlaß dieses Zirkulars allein charakterisiert unsere Gesetzgebung. Ich kann auch nicht die Beziehung zur jüdischen Presse unbemerkt lassen. Gerade dieser Tage erfolgie eine Verordnung über die Einstellung der gesamten jüdischen Presse, und die jüdischen Massen sind dadurch der Möglichkeit beraubt, sich mittelst V rer Presse zu orientieren. (Zurufe rechts: „Sie können russisch lesen"!) Nein, cs gibt sehr viele Juden, die russisch nicht lesen. Nehmen Sie ferner die Politik des Ministeriums der Volksbildung. Früher wußten wir, daß, damit ein Jude in eine Lehranstait ein treten könne, er eine Fünf oder ein „gutes Los" bekommen müsse, jetzt aber, in der Gegenwart, muß er dafür einen gefallenen Vater oder einen verwundeten Bruder haben. Was hörten wir hier gestern von der Spitze der Regierung? Das Anspru.chsrecht ans Gerechtigkeit erkennt man nur für Polen an. Den anderen Nationalitäten, die ihr Blut auf dem Felde der Ehre vergießen, wurde eine wohlwollende Beziehung versprochen, was aber eine wohlwollende Beziehung in einem Polizeistaat bedeutet — wissen wir. In der Retchsduma wurden viele freundliche Worte an die Adresse Polens gesagt. Das ist natürlick gereckt und billig. Man darf abn. Kleines Iemlleion. In Kowno*). Aus dem Bahnhof zu Kowno raust ein halb's Dutzend barfüßiger jüdischer Jungen um mein Handgepäck. Ebensoviele Droschkenkutscher, deren Nasenbau und wildwuchernde Bärte sehr schlecht zu der vorgeschriebenen schwerfälligen, echtrussische»» „Jswoschtschik- Tracht" passen, umringen mich. Jeder von ihnen empfiehlt mir auf deutsch, russisch und kebräisch seinen kleinen Wagen, der „auf Gummirädern durch die Lnft schwebt". Einheitlich und natürlich wird die Sprache erst dann, als sie hart aneinander geraten und ein lebhafter Streit um meine liebwerte Person im Gange ist. Hier sind sie wieder Menschen und sprechen „Jdes" (Jüdisch) uiilemonder . . „A ruach in sein Tates Taten, der Meschumed, der Kolbeinik!", lautet der letzte *) Die Eroberung Kownos veranlaßt uns, das Bild, das unser Vertreter vor drei Jahren, da die Täler Litauens und Polens noch im tiefsten Frieden lagen, vom jüdischen Leben und Treiben in dieser Stadt entworfen hat, den Lesern noch einmal vor Augen zu führen. Die Schilderung dürfte heute, nachdem die Rjemen Metropole zum Mittelpunkte gewaltiger historischer Ereignisse geworden, in gesteigertem Matze interessieren. Es wird sich bald zeigen, ob es den Russen, was zu befürchten steht, gelungen ist, vor ihrem „strateyischeu Abzüge" das jüdische Leben in diesem altehrrvurdigen Tyorazenirum gänzlich zu zerstören. Scheidegrutz meines Fuhrmanns an seinen Konkurrenzen, nachdem er mich glücklich in fein Vehikel gelockt und sich nun siegesfroh onschickte, mich „auf Gummi - rädern durch die Lust schweben zu lassen . . ." Er hat nicht zuviel versprochen. Schon beim ersten Anlaufe des katzenartig springenden Pferdes auf dem krummer», spitzen Pflaster gibt es einen Ruck, datz ich ganz „erschüttert" nach der Seite neige und wirklich und wahrhaftig nahe dran bin, „in die Luft zu fliegen". Zum Glücke macht jetzt der Gaul der Parität halber eine ebensolche gegensätzliche Bewegung. Und ich habe mein Gleichgewicht wieder. Die Stratze vor dem Bahnhof ist nicht besonders verkehrsreich. Kleine, armselige Häuser von beiden Setten, die durch offene Rinnsteine vom holperigen Fahrwege getrennt sind. Ueberall abgehärmte, gebeugte jüdische Gestalten. Die christlichen Passanten sind zu zählen. An jeder Stratzenecke einige Gordowois (Schutzleute), die in ihrer schmutzigen, grauen Uniforur und mit ihrer höchst lässigen Haltung nur wenig achtunggebietend anmuten. Ich erkundige mich beim Fuhrmann über die Verhältnisse seines Berufes. Er dreht sich um und stimmt sehr mitteilsam ein umständliches Klagelied an. 80 jüdische Droschkenkutscher in der Stadt und der Verkehr nicht sehr groß. Ueberall Armut. Alles läuft zu Futz, zum Teil sogar barfuß . . . Das Pferd, der Fresser, braucht für einen Rubel den Tag Hafer, sonst ist er nicht vom Flecke zu bringen, der Hund, der Meschumed . . . Die Polizei verfolgt aber den jüdischen Fuhrmann auf Schritt und Tritt. Der lange, dicke Savelock mit der Pelzpellerine und der „zentnerschwere albzylinder aus Blech und Leder sind die borschriftsmätzige Kutscherkleidung. Hat man schon so etwas gehört? Pelzmantel und Blechzylinder bet dreißig Grad Hitze! „Gebraten soll er werden in allen sieben Mammen des Gehenem!" . . . Der Quarialpristav nmnlich, der mir Argusa»,gen über die Einhaltung dieser Verordnung und hundert anderer »vacht, als hänge von ihnen der Bestand der Welt ab. Er zählt cs »nir von den Fingern ab, wie er bei d»lrchschnittlichen» Tagesverdienste von drei Rubeln »nindestens vier täglich an den gefräßigen Gaul und die ebenso unersättliche Polizei hergeben mutz. „Da begreife ich doch nicht, guter Mann, rvarum Sie unter diesen Umständen überhaupt fahren und sich mit Ihrem Handwerke befassen?" „Wie heißt, warunr", wundert sich der Fuhrrnann, „vun was soll ich sunst mefarnes sein mein Weib u»»d die neun Kinder sollen leben?" . . . Je weiter wir iw die Innenstadt eindringen, umso lebendiger wird es um uns her. Die schmalen, endlos langen Gassen sind wie Ameisenhaufen angefüllt von beweglichen jüdischen Händlern und Arbeitern. Ich sehe in Kramläden hinein, die nicht breiter find, als ihre Eingangstüre und deren ganzes Lager aus einer Tonne Hering, einem Säcklein Salz und einen» Tonkübel sauren Kurken besteht. Abgezehrte und sehr dürftig gekleidete Fra»»en bieten Gemüse und Obst feil. Auf ihren» A»»stegetisch befindet sich ein Häuflein Zwiebel- und Knoblauchköpfe, ein Körbchen voll Mohrrüben und einige Dutzend halbreifer Aepsel, alles iur Werte von kann» 50 Kopeken. Fast alle Läden und Werkstätten tragen grosse farbige Schilder, auf de»»en mit hebräischen Lettern in jüdisch-deutscher Mundart die Fir»»,a bezeichnet und deren Leist»»ngen geprieser» werden. „H i e r v er gi ßt m an 51 u l oschen lese ich über deru Erke» fettstereines kleinen Schusterladens. Es ist mir gnriz uubegreiflich, warum mm» hier unbedingt seine Gummischuhe vergessen mutz, und ich gebe meiner Verwunderung darob meinem Mentor ans dem Bocke gegenüber lebhaften