Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 34 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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12. August 1915_ Straße von einem hohen Offizier verabfolgt. Kr. 3.33 hat man wahrscheinlich deshalb gewähltweil die Zahlen 3+3 leichter zu merken sind. Eine andere begründete Basis würde sich kaum finden lassen. Die Verhältnisse wurden mit der Zeit ganz verwickelt, man fand keinen Ausweg mehr, man verlor jeden Maßstab und wußte nicht mehr, was strafbar und was erlaubt ist. Es wurde jedem persönlichen Haß Raum gegeben, der Willkür waren Tür und Tor geöffnet Wer einen Feind hatte, der auf ihn wies, wurde einfach von der Straße weg verhaftet, für die Angehörigen galt er schon für verloren. Man konnte sich der Ansicht nicht erwehrendaß die „Regierung" auf diese Weise Sibirien zu bevölkern sucht. Die Angst der Btvökerung erreichte ihren Höhepunkt, als eines Tages die geheime Polizei, die „Ochrana", unter Führung des Fürsten Eristow nach Stryj kam. Dieser Mann ging mit einer Reitpeitsche in den Straßen umher und wählte nach seinem Gutdünken Männer und Frauen, welche sofort arretiert und verschickt wurden. Man ließ ihnen keine Zeit, sich nach Hause zu begeben, um einiges an Nahrung und Kleidung einzupacken und von ihren Angehörigen Abschied zu nehmen. Gleichzeitig veröffentlichten Lemberger Zeitungen, welche natürlich unter russischer Zensur standen, Nachrichten, die geeignet waren, jeden Rest von Hoffnung der armen Bevölkerung zu rauben. Die Bevölkerung war aufs schmerzlichste bewegt, die Lage erschien Allen trostlos. Die russische Presse verbreitete das Lügengericht, die letzten Reste der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee hätten sich nach Ungarn geflüchtet, es gäbe für das Oberkommando kein Mittel mehr, einer völligen Niederlage vorzubeugen, einen Zusammenbruch zu verhüten. Und was sonst an falschen Nachrichten und frechen Schmähungen mehr. Eine Spezialität der damaligen Lemberger Presse bildete das Erfinden russischer Siege, und die Schmähungen gegen die verbündeten Monarchen, die unmöglichsten Verleumdungen des deutschen Heeres bildeten eine stehende Rubrik. Es wird interessant sein, diese Zeitungen jetzt, da Lemberg frei ist und nach monatelangem Druck wieder aufatmen kann, nachzulesen- und psychologisch noch interassanter Ware es, von den Redakteuren zu erfahren, mit welchen Gefühlen sie wohl alles das niedergeschrieben haben. U. a. hieß es: „Die Brutalität der Deutschen kennt keine Grenzen. In Przemyst sei ein großes Kino mit furchtbar starker Beleuchtung eingerichtet. In einer beträchtlichen Höhe erscheint ein Film, welcher den Kaiser-König Franz Joseph zu Füßen der Mutter-Gottes in demutsvoller Haltung zeigt. Oben prangt die Inschrift: „Mutter Gottes, erlöse mich von den Russen." Nach _ Der Israeli»._ einer gewissen Zeit fällt die Leinwand und das grelle Licht blindet so intensiv die Augen der dreinschauenden russischen Soldaten, daß alle mit einem Male blind werden. Der Erfinder dieser Greuel sei ein Jude usw." Man sieht, welcher Blödsinn ausgeheckt wurde, um eine Judenhetze zu veranlassen. Aber in all dem lag System. In Stryj wurden die Juden in drei Kategorien eingeteilt. Zur ersten Klasse gehörten die Geflüchteten/ deren Häuser wurden offiziell von Beamten durchsucht, alle Möbel und alle sonstige beweglichen Habe wurden mit Fuhrwerken abgeholt und nach Rußland verladen. Das immobile Gut wurde „konfisziert" oder an eine beliebige Person, an Diener und Hausknechte, an ruthenische Bauern „verschenkt." In dieser Weise verschenkte man einige Häuser des wohlhabenden Bürgers Halpern und Anderer. Ein Jude, der sich über die Nichtigkeit einer solchen Schenkung oder Konfiskation aussprach, wurde gegeißelt. Ein Mitglied des neugebildeten „Ziemstwo" (Bezirksrats) behauptete, der ganze Bezirksrat und seine Beschlüsse seien gesetzwidrig und ständen selbst mit den betreffenden Satzungen der russischen Gesetzgebung in Widerspruch. Dieses Mitglied der „Zümstwo", der Advokat Harasy» mow, wurde für seine kühne Behauptung nach Sibirien geschickt. Dies geschah anläßlich einer Kosfiskation eines Landgutes in der Nähe von Stryj. Die zweite Klasse bildeten die zurückgebliebenen, etwas wohlhabende Juden. Man nannte sie „Disponiblen." Diese betrachtete man als lebendige Geldquellen und verfuhr anfangs schonend mit ihnen. Man wollte erfahren, wie viel ein jeder besitzt und in welcher Weise man ihnen das Geld abnehmen könne. Ihnen wurde gestattet, Handel zu treiben, man stellte ihnen Passierscheine nach Lemberg aus und holte Auskünfte ein über Geldumsatz und Menge der eingekauften Waren. Einem solchen Handelsunternehmen traten sogar russische Beamte bei, um auf diese Weise besser informiert zu sein. Eine Zettlang kamen also Waren aus Lemberg und Rußland herein und die Teuerung nahm rapid ab. Die Bewohner atmeten freier auf. Inzwischen hatte das Vermögensschnüffeln, das übrigens schon vor dem Einzug der Ruffen organisiert war, die unheilvollsten Folgen gezeitigt. Mit einem Male erblickte man an den Mauern der Häuser offizielle Bekanntmachungen, daß infolge der tiefbegründeten Ueberzeugung, daß jeder Jude ein verkappter österreichischer Spion sei, der Handel untersagt werden müffe, keine Passierscheine mehr ausgegeben werden und den Juden kein Recht zustehe, die Stadt zu verlaffen. Gleichzeitig regnete es Geldstrafen. Tausende «o. 34 Sette 8 und Abertausende an Geldstrafen wurden ihnen auferlegt. Einer mußte zahlen, n eil er zu teuer verkaufte, ein auderer, weil er keine Waren hatte oder sie nicht verkaufen wollte, ein dritter, weil er Alkohol gegen eine amtlich ausgestellte Bewilligung der Stadt zuführte, um dort den Apotheken zu medizinischen Zwecken zu überlaffen, ein vierter sprach mit österreichisch-ungarischen Gefangenen, ein fünfter sprach deutsch oder verstand nicht Russisch genug, kurz und gut, man belegte die jüdische Bevölkerung mit einer ungeheueren Kontribution, welche aber keineswegs dem russischen Fiskus, sondern den betreffenden Beamten zufloß. Mehrere dieser Klaffe angehörende Juden wurden zur Zeit des Rückzuges als Geiseln nach Rußland mitgenommen. Der Zweck dieses Verfahrens war durchsichtig genug. Man wollte die Opfer bis zum letzten Tropfen auSpreffen. Zum Schluffe sagte man ihnen, sie sollten sich's als hohe Ehre anrechnen, als Repräsentanten der Stadt betrachtet zu werden. (Schluß folgt). Lorrefpondenzen und Aachnchlrn. : -TV. Deutsches Deich. ITIfldiforim für Ae 6efangenenlager. Irankfnrt a. M., 9. August. Das Büro der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in Frankfurt a. M., Schützenstraße 14, richtet die herzliche Bitte an alle Glaubensgenossen, die im Besitz entbehrlicher Machsorim für die Feiertage sind, ihr diese zur Verwendung für die Kriegsgefangenenlager übersenden zu wollen. Der Bedarf ist ein sehr bedeutender. €((u(‘Se(idioffi. AranLfnrt a W., 10. August. Der Vorstand des „Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands" versendet folgendes Rundschreiben an seine Mitglieder: „Aus rabbinischen Kreisen Ungarns wurde uns die Anregung übermittelt, mit Rücksicht auf den schweren Ernst der gegenwärtigen Zeit die Anordnung zu treffen, daß in diesem Jahre auk- Friedensvermittleraufzutrelenbeabsichtigst. Willst du die wahre Gerechtigkeit, so scheue selbst einen wetten Weg nicht, um einen erprobten, bewährten Richter zu finden." — Das Land, das jetzt unendlich vielen Segen hätte stiften können, wenn es die Vermittlerrolle, in der es sich so unendlich gern gesällt, ehrlich spielen wollte, bringt seinen Rus in Zweifel und rechtfertigt das Vertrouen nicht, das wir in dasselbe zu setzen pflegten. Wie will es auch die Verantwortung tragen, die es auf sich lädt, wenn es unfern Feinden das tausendfach todbringende Eisen und Erz liefert, nur um glitzerndes Gold dafür einzulauschen, wird es je wieder sprechen können: „irr-, ab vwi nin mn ra raur ab Unsere Hände haben nicht vergasten dieses Blut und unsere Augen nicht gesehen?" Es ist allerdings fernab aus Schußweite und sieht dieses Elend nicht, aber die zu Boden liegende Gerechtigkeit ruft nach Rache. Da können wir uns auch seinem Schiedsspruch nicht beugen, der nur wie eine Rechtsbeugung klingt. Unsere Lehrer bringen ein Beispiel für eine gerechte Ausgleichung von Gegensätzen zwischen zwei Streitenden. Da fahren zwei Schiffe dahin, auf einem Fluffe, sie treffen einander. Unrettbar find sie beide verloren, wenn sie gleichzeitig weiterseglen, nur wenn sie eines nach dem andern segeln, entgehen sie der drohenden Gefahr. Welches soll nun zuerst seinen Kurs nehmen'? Dagilts richtig abzuwägen, äuf.Umstände und Berhäliniste genau zu achten, daß keiner dabei im Nachteile bleibt. — Mit einem Machtworte will uns der ungerufene Schiedsrichter die Waffe aus den Händen nehmen, mit der wir die Folgen der grausamen Kriegsführung unserer Feinde rinigermaßen abzuschwächen vermögen, anstatt daß es auf den Grund, sätzen des Rechts und der Billigkeit seine Urteile aufbaut. So lodert -er Brand weiter fort und fordert weiter ungeheure Opfer an Blut wie materiellen und sittlichen Werten. Die Gerechtigkeit bahnt sich aber schließlich ihren Weg. Auf diese bauen wir und setzen wir unsere Zuversicht in ein glückliches Gelingen unserer deutschen Sache. Dann tritt die Zeir ein, wo wir den Segen des Prophetenwortes an uns erfahren: „O2vn2v nin '218 '228, Ich, Ich, der ewig Unwandelbare, tröste euch!" Kleines Feuilleton. Religiöse Kriegslektüre. Dem.im Felde doppelt empfundenen Bedürfnisse des religiös veranlagten jüdischen Soldaten nach dem Tröste des Gotteswortes kommen einige in letzter Zeit erschienene handliche Bändchen neuerdings in rühmenswerter Weise'»entgegen. Es seien zunächst die von Dr. B. M a y und I. B. Levy herausgegebenen „Psalmen" (Verlag M. Lehrberger, Frankfurt a. M., Preis 1,20 Wtt.) erwähnt. Schön und'bequem in der Form eines Taschenbüchleins ausgestattet, kann dieses Tillimbuch mit seinem vollständigen hebräischen Texte und seinen deutschen Umdichtungen und Nachbildungen aus der Feder bekannter, alter und neuerer Bidelübersetzer wohl als treuer, trostspendender Begleiter des jüdischen Kriegers durch Not und Gefahr gedacht werden. Nicht weniger empfehlenswert ist die neuerschienene „Feldbibel" der Lammstchen JWischen Jeldbücherer (Verlag LouiS Lamm, Berlin- Preis 60 Pfg3. Sie kann insofern als wertvolle Ergänzung zum cüfa genannten Buche dienen, als sie in guter Uebersetzüng^ für den Zweck glücklich gewählte Auszüge aus Thora und anderen Büchern der Schrift bringt. Wer von Soldaten und deren Angehörigen über die Bibel hinaus den kühlenden Labetrank auch aus den Büchern der späteren jüdischen Weisheit schöpfen mag, wird gern nach dem Heftchen „I m Krieg slager" (Jüd. Volksschriften-Verlag, Preis 30 Psg.) greisen, das mrt leinen kurzen, leichtfaßlichen Abhandlungen ein Bück>fein warmjüdischer Belehrung und Erbauung ist. Aus einem Feldpostbriefe. E.. 27. 7. 15. Meine lieben guten Ettern! Liebe Geschwister'. Seit gestern bin ich durch Wachtmeister R. für ein paar Tage zur Bagage kommandiert, also etwas rückwärts, zum Schriftemnalen, und kann ich mir heute ein wenig Zeit und Ruhe gönnen, Euch zu schreiben. Zunächst alle Paketchen gut angekommen; das ist doch viel, ich weiß gar nicht, was ich zu all dem freundlichen Bedenken sagen soll, ich mache mir demgegenüber oftmals Vorwürfe über meine Undankbarkeit, indem ich nicht schreibe, selbst Euch, teure, geliebte Eltern oft so lange warten ließ, aber ich kann jetzt zu allem nichts weiter sagen, als daß ich weiß, wie viel ich an mir zu bestern habe, immerfort bete ich im stillen -um lieben Gott, daß er mich auch ohne schwere Züchtigung zum rechten Wege führe, damit ich ihm bester dienen könne.-Ich hasse und harre. Er «Höret mein Gebet, auch daß diesem traurigeu Kriege bald ein Ende wird. — An icru rar, ich hüte in einem benachbarten Dorf« Wasser zn