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Der Israelit · 1915-08-12 · Heft 34 (12.8.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 34 (12.8.1915)
Date
1915-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Stet Israelit. 12. August LUS Sette » Ar. 34_ zu der dritten Duma, da den Juden Warschaus zugemutet wurde, ihre Stimme dem ruffophilen, sich frei und öffentlich zur antisemitischen Politik der russischen Bürokratie bekennenden polnischen Kandidaten zu geben. Da sie es nicht taten und dem Vertreter der alliierten russischen und polnischen Arbeiterpartei zum Siege vri halfen, wurde von polnischer Seite mit dem wirtschaftlichen Kampf bis zur Vernichtung geantwortet, mit einer Aushungerungspolitik, die mit der der polnischen Nation eigenen hartnäckigen Zähigkeit bis zuletzt durchgeführt wurde, und zu Beginn des Krieges in eine Hetze gegen die Juden als „Staatsverräter" überging, von deren Wirkung im verflossenen Krtegsjahr unzählige Ruinen jüdischer G meinden sprechen. Eingeweihte wissen aber, daß die Wahlkampagne nur ein Borwand war, um den bereits bestehenden, von russischer Sette eifrig geschürten Konkurrenzkampf zu einem erbarmungslosen Vernichtungskampf auszudehnen. Dabei ist zu bemerken, daß, wie überall in der Welt, auch in Polen die Uebermacht der Juden im Wirtschaftsleben nur noch ein Märchen aus alten Zeiten ist. In der poln'schen Zeitschrift „Tygotnig Jllustrowany" wird in einem sehr instruktiven Artikel vom 7. März 1915 sestgestellt, daß von den industriellen Unternehmungen in Polen nur 30 Prozent in jüdischen Händen sind. In der Textilindustrie wird der Anteil der Juden weit überschätzt, was schon daraus erhellt, daß die größten Fabriken in Lodz, Czenstochau und Sossnowitz nicht in jüdischem Besitz sind. In Berg- und Hüttenbau haben die Juden V« der Betriebe inne, in der Metallindustrie V«. Selbst in der Holzindustrie, die immer als jüdische Domäne betrachtet wurde, haben die Polen ein gewaltiges Uebergewicht. Es gibt heute keinen Handelszweig in Polen, in dem die Juden wie früher noch das Monopol hätten. Transport- und Speditionswesen, Kommissionsgeschäfte und Agenturen werden fast zu gleichen Teilen von Juden und Ntchtjuden betrieben. In einem so speziell jüdischen Handelszweig wie dem der Galanteriewaren (Kleider, Wäsche u.s.w.) gibt es neben 2797 jüdischen 1613 nichtjüdische Firmen. Bon den 643 größeren und kleineren Bankhäusern in Polen gehören nur 140 Juden. Im Kleinhandel haben aber Genossenschaft und Konsumgeschäft in Stadt und Land schon lange bevor noch der Boykottposten vor der Türe des jüdischen Krämers stand, dem Juden das kärgliche Brot entzogen. Man sieht, die Boykotthetze, von langer, nicht rein polnischer Hand vorbereitet, fand einen günstigen Boden und alle Voraussetzungen geschaffen. Der Russe hatte alles Interesse daran, den Polen von seinem Volksschicksal und seinen nationalen Aspirationen abzulenken und Gerechtigkeit. " Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreichen. Mit vollstem Nachdruck schärft uns das dieswöchentliche Schristwort die Wahrheit ein, die in der Theorie von allen Kulturvölkern als solche anerkannt wird, daß Gerechtigkeit die Grundlage und Säule allen gesellschaftlichen und staatlichen Lebens ist. Die heilige Schrift fordert nicht nur: „Richter und Beamte jnäm- Uch zur Ballführung der von den Richtern gefaßten Beschlüsse und gefällten Urteile) sollst du dir in allen deinen Toren einsetzen", sondern sie stellt für diese wie für jeden, der Mitwirken will, daß die Stimme des Bösen zum Schweigen komme und das Gottesreich sich auf Erden ausbreite, als unerläßliches Gesetz die Norm aus, die alles beherrschen soll: pnx pnx, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du erstreben, aus daß du lebest und einnehmest das Land, das der Herr dein Gott dir gibt." Wie wunderbar doch! Der Herr g i bl Israel das bereits den Ahnen verheißene Land, und doch wird fein ihm ein wenig auf Kosten des Juden wirtschaftlich aufzuhelfen. Als Gegenlohn liefert jetzt der polnische Bruder den „jüdischen Verräter" dem Kosaken aus. Einem System, aus Lug und Haß und aufgepeitfchter nationaler Leidenschaft zusammengesetzt, ist nun durch das deutsche Schwert ein Ende gemacht. Wie sich wohl die Lage -nach dem Freiwerden tausender gebundener Kräfte unter einer milderen Sonne von Recht und Kultur für unsere Brüder gestalten wird, vermag man mit Sicherheit nicht zu sagen, solange man keine festen Anhaltspunkte dafür hat, wie die geographische Weltkarte von morgen aussehen wird. Es lassen sich heule nur Vermutungen aussprechen, aus einem Gefühle der Erleichterung und des Vertrauens zum Weltenlenker heraus, der dte Verbesserung des jüdischen Loses sicherlich mit ein Ziel der gewaltigen, leidreichen Ereigniffe werden läßt. Eines sei jedoch hier noch erwähnt, was zur Gestaltung des künftigen Verhältnisses zwischen Polen und Juden von Bedeutung fein dürfte: Die Polen der österreichischen Kronländer, die in Galizien ihr autonomes Zentrum haben, sind im großen und ganzen von der Welle der Boykotthetze jenseits der Grenze unberührt geblieben, wiewohl es an vereinzelten Versuchen nach dieser Richtung auch hier nicht fehlte. Der Krieg, der zu seinen vielen Unnatürlichkeiten und Widersinnigkeiten auch die geschaffen hat, daß „polnische Legionen" gegen „polnische Legionen" um das gleiche' Ziel : um Polen, kämpfen, hat die Spaltung zwischen Polen und Polen auch in der Judenfrage mit aller Deutlichkeit blüsgelegt. Im polnischen Oesterreich schämt man sich ein wenig der Taten der Brüder von der anderen Sette und ein in Wien erscheinendes Organ unter dem Namen „Polen" sieht seine vornehme Aufgabe zunächst darin, die Hoffnungen Polens unter der Zukunftssonne der Zentralmächte neu aufblühen zu laffen, dann aber auch die unterbrochenen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Polen wieder herzustellen. In so manchem bedeutsamen und bemerkenswerten Artikel dieser Hefte ist von berufener Feder so etwas wie eine Rechtfertigung oder Ehrenrettung der polnischen Nation versucht worden. An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dieser Bekenntnisse ist nicht zu zweifeln. Daß sie aber auf der anderen — russischen — Seite nach der einen oder nach der anderen Richtung Gegenliebe gefunden hätten, davon war leider zunächst nichts zu merken. Des Zaren Versprechungen an die Polen fanden in Rußland vielfach geneigtes Ohr und gläubiges Gemüt, und gar zu gern stimmten die Vertreter der Polen in Duma und Reichsrat in den Chor Erwerb ihm erst zum Lohn, als Wirkung und Folge der gewissenhaften Beachtung dieses Gebots in Aussicht gestellt. Doch es wurde hier dem Volke eingeschärft: „Erwirb es, um es zu besitzen". Immer von neuem soll Israel durch Aufrechterhaltung und Gewährleistung der Gerechtigkeit sich den Besitz des heiligen Landes als dauerndes Eigentum sichern, als ein Erbe, das ihm niemand streitig machen könne. Wir wissen aus dem Verlaufe unserer Geschichte, daß die Propheten, die Verfechter unserer Ideale, sie, die das ewig wache Gewissen des Volkes wurden, oft genug gegen den Mangel an Rechtsgefühl, gegen die Erschütterung der Grundlagen des jüdischen Staatswesens ihre warnende Stimme erheben mußten und das; die beiden Reiche Israel und Juda schließlich in Schutt und Trümmer sanken, als hier nicht mehr Recht und Gerechtigkeit als die Stützen des Gottesthrones das Szepter führten Der Prophet, der Israel aufrichten will und seine Heilung in der späten Zukunft vorausfieht, ruft auch gleich bei Beginn seiner Wirksamkeit aus: „VS2»V2 p'5t mtn, Zion wird durch Recht erlöst und die dorthin Zurückkehrenden durch Gerechtigkeit." Wir begreifen es wohl, daß hier Mose, wo er dem Volke die Bedingungen auseinandersetzen will, unter denen das heilige Land ihm das ersehnte und verheißene Heil bringen wird, feierlich ausruft: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du erstreben." Wohl ist hier zu beachten, daß doppelt die Gerechtigkeit empfohlen wird und daß der Ausdruck fpTir Qemäfylt ist, als ob man nach der Gerechtigkeit jagen müsse. Die Gerechtigkeit kann nur durch Gerechtigkeit errungen werden, nicht etwa durch die Liebe, die sich vielleicht des Schwachen und Armen annehmen und ihn gegenüber dem Reichen in Schutz nehmen möchte, ohne der Stimme des Rechts zu folgen oder durch die Rücksichtnahme auf Stellung, Ansehen und Verhältnisse der Streitenden. Es genügt der Rache gegen dte „deutschen Barbaren" ein und taten so, als würde durch diese alles Glück und alle Hoffnung der polnischen Nation zerbrochen. So stand die Sache bis vor einigen Wochen. Nun aber sprechen doch in letzterer Zeit deutliche Anzeichen dafür, daß auch hier der überzeugendste Beweis der Erfolg ist. Eine Wendung ist seit den letzten deutschen Siegen unter den Polen Rußlands unverkennbar, worauf der Umstand hinweist, daß an einer Sitzung polnischer Vertreter, die jüngsthin in Krakau stattgefunden hat, sich auch ein Delegierter aus Warschau beteiligt hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit der Einnahme der polnischen Hauptstadt durch die Deutschen und der Herstellung des Konnexes zwischen Warschau und Lemberg die galtzische Richtung das Uebergewicht erhält und die gesamte polnische Nation die von Wien aus gewiesenen Wege einschlägt. Diese führen, wie wir bereits gesehen, vom Judenhasse weit weg, zu einer friedlichen, glücklichen Zukunft, auf der Basis des traditionellen, friedlichen Einvernehmens zwischen beiden Nationalitäten des alten Polenlandes. Manches Hindernis, von chauvinistischen Trieben und tiefwurzelnden Mißverständnissen geschaffen, wird sich auf dem Weg zu dieser Zukunft noch ergebenaber die Hoffnung ist nicht unbegründet, daß es grade der deutschen Politik gelingen werde, durch einen vernünftigen Interessenausgleich den unheilvollen inneren Kämpfen ein Ende zu machen und auf altem geschichtlichen Boden neues europäisches Kulturleben erblühen zu laffen. SW unter russischer Herrschaft. Das Martyrium der Juden. Bon Feldrabbiner Dr. L. Rosenak in Bremen. (Schluß). Dte Behörden waren unermüdlich im Affichieren verschiedener Plakate. Einmal verhieß man große Belohnung für die Auslieferung der österreichischen „Spione", dann stellte man die Ausstellung von Passierscheinen an die gewerbetreibenden Inden ein, unter dem Vorgeben, alle Inden seien österreichische „Spione^. Durch diese Maßregel entstand eine Unterbrechung der Warenzufuhr und das zeitigte eine enorme Teuerung der Genußmittel, dessenungeachtet bestand man rücksichtslos auf Einhaltung des unsinnig niedrigen und ganz willkürlichen Maxlmaltartfs und bestrafte jeden aufs allerstrengste, der es wagte, den hohen Kurs des Rubels, welcher mit Kr. 3.33 festgesetzt war, herabzudrücken. In einer Stadt wurden einem Unglücklichen wegen eines solchen Vergehens 25 „Nagaika"-H1ebe auf offener auch nicht, daß inan selbst von Unrecht sich fernhält, aber gleichgiltig bleibt, wo man die Kraft hat, das Recht zu schützen und der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Nein, Gerechtigkeit um jeden Preis, Gerechtigkeit für jeden, das ist die Forderung der Moral. Wenn irgend wann, so verstehen wir gerade jetzt den Nachdruck, mit dem die Gerechtigkeit als die Grundlage aller Sittlichkeit und Moral bezeichnet wird. Der Weltbrand wäre nicht entzündet worden, wenn die Forderung der Gerechtigkeit erfüllt worden wäre. Mußte nicht ein jeder rechtlich Denkende vor einem Jahr und mehr die Forderung als billig und gerecht anerkennen, daß sich die Sühne des Fürstenmordes in Sarajewo unter den Augen der österreichischen Behörden, der berufenen Wächter für die Erfüllung des Rechts, vollziehe? Diese waren doch gleichsam jene, denen als „den Nettesten" des so schwer betroffenen Reiches die Pflicht vorschrieb: „Du aber hast das unschuldig vergoffene Blut fortzuschaffen, indem du geschehen läßt, was recht ist in den Augen Gottes". Die Macht sollte aber über das Recht gehen, und so suchten die Führer des Landes, in dem Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Wehrlosen an der Tagesordnung ist, die Mordbuben zu schützen und die Förderung der Gerechtigkeit zu hemmen, nur um ihrem Machtgelüste Befriedigung zu bringen. Und nun sich Blut auf Blut hauset und wir es zu fühlen bekamen: pin^r» 1MMS nsns? nb:y n^tss, wenn der Tod einherschreitet durch die Lande, dann ist dies nur, dieweil dte erste Schuld ungesühnt geblieben, erfahren wir von neuem und immer augenfälliger, wohin die Rechtsbeugung führt. Des Talmud Weisen knüpfen an unser Schriftwort ebenso sinnig wie treffend folgende Lehren an (Sanhedrin 33d): „Nach GerechtigkÄt strebe du. der du auf Grundlage der Gesetze zu richten berufen bist, aber auch du, der du aus gleichen willst, der du als

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