Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 34 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit WEfik. Ein Centralorgan fflr das orthodoxe Judentum I(Ict wcgjgg BegrOndef oon Or. Lehmann in ülainz Lrfisss RI j 56. Jahrgang. Sranhfurf a. M-. gen - 12’0 Miomutncttt Pr» «iertelishrr Gewöhnliche Ausgabe 9H.1.6G, destanSgabr (ftmtftbttiA 9H. 8.-. Auslandspreise: Gewöhnlich« Ausgabe r Oesterreich-Una«« l Kr., Nußlanb 1 Bub., England i sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1.10 fl., Krankreich Frs. MG. Abonnements bei allen »oftanstalten, Buchhandlangen, sowie direkt bei de« Verlas. HeftauSaabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Lnseratenannabme durch den Verlag des Israelit ®. m. b. H., ftrankfurt a.M., Gr. Eschenheimerstr. 23 Del.884S,Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. deS In- und Auslands. Ptatzvorschrtfteu ohne Nerdmdtichkett. Zahlungen können außer direkt au dm Vvckag erfolg« per Skonto »et der t. fl. Vostsparkaste Wir» 9t». M Ui. «onto »ei dem «. Postfharßastenmnt Bndatzest »S.18LAL. Conto »et der Nigaer Co«neerz»a«I t» mit» und der« Kilialea. ver llackiönick öer Urfifiel und Correfponflenjen fles „Israelit“ ilt nur unter genauer Quellenangabe, un5, soweit cs lieft um größere flufföfee __hanöeit, nur nach norheriger öenehmigung geflattet- InhattsSverstcht 1. Leitartikel: Marschau. —2. Aufsätze: Feldrabb. D. L. Rosenak, Bremen: Ktryj unter russischer Herrschaft — 3. H o m i l e r i k: Rabb. Dr M. Lewin, Wreschen: Gerechtigkeit. — 4. Kleines Feuilleton: Religiöse Kriegslektüre. — Aus einem Feldpostbriefe. — Talmud- Humor aus dem Felde. — Vermißte jüdische Familien. 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Machsorim für die Gefangenenlager.) — Frankfurt a. M. (Ellul Selichoth) — Frankfurt a. Ni. (Zur Verpflegung der jüdischen Kriegsgefangenen.) — Berlin (Der Treuhandvertrag der Berliner Repräsentanten. — Lodz (Aus den okkupierten Gebieten.) — Kopenhagen (Die Judenverfolgungen in der Neichsduma.) — Lodz (In der eroberten Stadt.) — Stockholm (Pogrome zur Ablenkung der Bolkserregung.) — 6. Personalien: Wiesloch. — 7. Familiennachrichten. — 8. Feuilleton- Beilage: A. M.: Die Kriegsgeschichtea des alte» Moschest Oersoa. Warschau. Wieder wehten Fahnen in den deutschen Lan- Deu und kündete Glockengeläute von Turm zu Turm neuen Sieg. Die neueste Station aus dem unvergleichlichen Siegeszuge des deutschen Ostheeres heißt Warschau: für uns Juden mehr als ein Begriff genialer Strategie und heldenhaften Fortschreitens. Warschau ruft bet uns unwillkürlich den Gedanken wach an 300000 Juden, denen der deutsche Erfolg für den Augenblick Befreiung aus unerträglichstem Druck gebracht, an die Millionen unserer Brüder im ganzen Polenreich, deren Geschichte im letzten Jahrhundert eine ununterbrochene Kette von Leiden, und Nöten ist, denen die Einnahme von Warschau, die Krönung des polnischen Feldzuges, den Weg zur Sonne — wir hoffen cs — erschließt. Wenn wir heute in den Berichten der Tagespreffe von der freudvollen Begrüßung der deutschen Truppen in der polnischen Hauptstadt seitens der scheu aus ihren Kellerlöchern sich hervorwagenden Juden lesen, so dürfen wir dem vollauf glauben, ohne damit in etwas die Vaterlandsliebe der russischen Juden zu treffen. Man weiß es genugsam, daß die Russen in dem Maße, wie sie dem Feinde tapfer den Rücken zu kehren verstehen,. den eigenen Landesbürgern unh . hefonders den Juden die Faust zeigen. Wie schwer , mag die Judenhett Warschaus in den letzten Wochen unter der entfesselten machtlosen Wut der zum „strategischen Rückzuge" sich rüstenden russischen Soldateska gelitten haben!- Es fehlt an klaren historischen Daten, der Entwicklung der jüdischen Zentren in Polen in ihren Uranfängen nachzuspüren. Soviel steht fest, daß die Juden irn Mittelalter aus Deutschland den Weg nach Polen gefunden haben. Zur Zeit der Kreuzzüge bot Polen den Flüchtlingen aus Deutschland ein Asyl, in dem sie unter einer freundlichen politischen Sonne Ruhe und Nahrung fanden. Was sie dem Lande gaben, war jedoch weit mehr: einen in Polen, im Lande der Adeligen und Leibeigenen, bis dahin ganz und gar fehlenden gesunden Mittelstand. Die jüdischen Kaufleute und Handwerker aller Art waren bald ein integrierender Teil der polnischen Bevölkerung, ohne den der Austausch der Kräfte, der Perkehr zwischen Stadt und Dorf, die Verteilung der Bodenerzeugnisse, kurzum die Entwicklung von Lgnd und Volk nicht gut denkbar war. Unter den polnischen Königen, besonders unter Kasimir HI. im IZ.Jahrhundert und noch mrhr und Kasimir IV. int 15. Jahrhundert, erfreuten sich die Juden im Königreiche politischer Rechte und sozialen Ansehens wie wohl nirgendwo auf denk Erdball. An gelegentlichen vorübergehenden Judenverfolgungen fehlte es später auch in Polen nicht. Die Welle des Judenhasses kam aber entweder, wie zur Zeit des schwarzen Todes, von W e st e n her oder, wie zu Beginn dcs 17. Jahrhunderts mit seinen verheerenden Ehmelnitzki- Verfolgungen, vom Osten. Was die Judenheit auf dem Gebiete ihrer Geisteskultur Polen zu verdanken hat, ist allbekannt. Es genügt, in diesem Behufe auf die Vierländer-Synoden in Jaroslaw, Lemberg und Lublin, die sich uns als die erste stramme Organisation des Thora-Juderltums im Mittelalter darstellt, hinzuweisen. Namen wie Rabbi Salomon Lurie (Mahaschal), Rabbi M o s ch e h Isserles (Nemo), Rabbi Metr Lublin (Maharam), Rabbi Samuel Edels (Mahaschoo), Rabbi Jom tos Lippmann Heller und ungezählte andere zeigen uns, wo lange Jahrhunderte die Führung im jüdischen Geistesleben gelegen hat. Im letzten Jahrhundert mag sich das Thorastudium von Polen «ach Ltttauen verschoben haben, was aber beim regen, geistigen Verkehr zwischen, allen Gegenden des Ostens für diese Betrachtung nicht sehr ins Gewicht fällt. Mit der Uebernahme der Stadt Warschau durch die Ruffen im Jahre 1813 trat auch sofort die Wendung im Schicksal der Juden Polens ein. Die eigentlichen Verfolgungen setzten aber erst zu Beginn der achtziger Jahre ein, die mit den Jgnatievschen Mai-Gesetzen in Permanenz erklärt und bis aus den heutigen Tag in steigendem Maße erhalten wurden. Durch das neue Wohngefetz, das den Juden das innere Rußland verschloß, wurde Polen in Verbindung mit den wenigen Provinzen Littauens zum großen L a n d e s g h e t t o, zu einem Konzentrationslager gestaltet, wo an 5 Millionen Juden, ohne Licht und Luft und Ellenbogenfreiheit eng zusammengepfercht zu vegetieren haben. Jedes kommende Jahr brachte neue Verfolgungen und zog den eisernen Mng der Beschränkungen um die jüdische Bevölkerung der „Tscherta? immer enger, so daß in Wilna und Warschau Zentren des jüdischen Elends entstanden sind, wie sie die jüdische Geschichte in Zettender bittersten Not nicht aufzuweden hatte. In der Altstadt der polnischen Metropole, die noch allein sichtbare Spuren einer deutschen Vergangenheit trägt, wälzen sich die Maffen des jüdischen Proletariates in den krummen Gaffen, aus den engen schmutzigen Märkten, lebende Zeugen eines Systemes, dasauf Ausrottung und Verelendung ganzer Völkerschichten hinausgeht. An 300.000 Seelen zählt heute die Judenstadt War schaus, der größten Jndengemeinde Europas, der zweitgrößten — nach New-Ljork — der Welt, von denen aber 13"/.., nach derWohltätigkeitsstatistik von 1013, also schon zu Friedenszeiten, Unterstützung zum Pessichfeste erhalten mußten. Schon vor Jahren zählte die Riesengemeinde Warschau kaum 3500 Kultnssteuerzahler und, da das Wahlrecht von einem Steuerminimumvon 15 Rubel abhängig ist, nicht mehr als 1300 Wähler. Wie sich die Lage in der traurigenB o y kottaer a, die von der Kriegsnot abgelöst wurde, gestaltet hat, läßt sich nach diesen Angaben leicht denken. Es ist wohl das bitterste, was die Juden Warschaus und Polens überhaupt erlebt haben, die Boykotthetze der letzten drei Jahre. Es war den russischen Machthabern, die von jeher Polen und Juden gegeneinander ausspielen, gelungen, eine Bresche in die alte Burg des traditionellen, durch gemeinsame Not befestigten friedlichen Zusammenlebens beider Völker zu schlagen. Es begann mit den Wahlen yrnsnekitt*