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Der Israelit · 1915-08-05 · Heft 33 (5.8.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 33 (5.8.1915)
Date
1915-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 No &et JSraeltt. 8. ilugttst MS Muukaes In der Blüte des Lebens wurde Rabbi Sanwill Kochane, einer der hiesigen Dajanim, uns entrissen. Er beherrschte die talmudische Literatur wie kaum ein zweiter im Lande und vermehrte sein umsaffendes Wissen durch unermüdlichen Fleiß, der sich bei ihm mit seltenem NÄ-in parte. Seine ror»r kannte keine Grenzen. In diesem Jahre, wo die Not alle Dämme überflutete, bildete sein Haus und sein goldenes Herz den sesten Fels, an ~ den .sich die Anker tausender Existenzen sestklammerten. Die aus Galizien geflüchteten B'3n fanden bei ihm ein gastliches Heim und vergaffen in seiner das tiefe Leid der traurigen' Gegenwart. Der Abgang dieses großen -Frommen bedeutet für uns einen schweren Verlust, der umso größer ist, als er ja durch leine auch aus die künftige Generation einwirkte und eine Anzahl von Schülern zu braven rrn erzogt.Sei seiner ^^.gu der sich alle mim sim; und rrn der Umgebung beteiligten, wurde aus beredtem Munde der Heimgegangene ,Tiit betrauert, rrsxjn. Z. B. A. Budäpest. In einem Rundschreiben an die Rabbiner der orthodoxen Organisation macht die Landeskanzlei diese aufmerksam, mit aller Macht dem Unfug der Hataraerteilung zu steuern und die im vorigen Jahre gefaßten Beschlüße des engeren rabbinischen Rat^strong zu berücksichtigen. Z. B. A. GrotzWardein. Josef Vary, 'iner der Hauptmacher im berüchtigten Tiszaeszlrser Prozeß ist hier als königlicher Tafelrichter gestorben. In wildem Drang nach der Kariöre ließ er sich im Jahre 1882 von der herrschenden Windrichtung tragen und er häufte als Untersuchungsrichter das Hotz für den Scheiterhaufen, den uns unsere Erzfeinde mit jenem Schandprozeß machen wollten. Die Präparation des jungen Scharf war damals mit sein Werk. Der Prozeß endete wie bekannt mit der moralischen Niederlage unserer Ankläger und Vary war klug genug, die Richtung zu wechseln. Er soll, wie es scheint, Memoiren aus jener Zeit geschrieben haben. Sie sind, wie Eingeweihte behaupten, Bekenntnisse eines Mannes, der mit reifem Verstände seine Jugendvergehen bereut. Z. B. A. Rrrftlarrd. Die Heimatlosen aus Korono und Kurland. Aetersöierg- 10. Juli (indirekt.) Einem Berichte des Petersburger jüdischen Hilfskomitees ist zu entnehmen: Der Strom der Ausgewiesenen ergoß sich zunächst nach Poltawa, und zwar mit solcher Raschheit und Wucht, daß die Gemeinden des Gouvernements den Aufgaben nicht gewachsen waren. Es erwies sich die Notwendigkeit, durch ein besonderes Zentralkomitee die richtige Verteilung der Emigranten auf die einzelnen Gemeinden durchzuführen. Eine Ueberfüllung der Städte war dennoch nicht zu vermeiden und das Petersburger Komitee mußte um Hilfe angerufen werden. In der Stadt Poltawa selbst befinden sich 961 Ausgewiesene, darunter rund 400 Kinder. Viele Kinder gingen den Eltern in der Eile und Aufregung der zwangsweisen Abreise verloren. Für Obdach und Verpflegung der Heimatlosen Wird zur Not gesorgt. Eine zweckmäßige verdienstbringende Beschäftigung der Leute ließ sich noch nicht durchführen. Es sollen nunmehr Männer, die Arbeit und Verdienst gefunden, in Privatwohnungen untergebracht und Mitte für die Kinderfürsorge aufgebracht werden. In anderen Städten der Provinz und anderen Zufluchtsgegenden wurden Werkstätten, Volksküchen, Flüchtlingsschulen, Kinderheime u.s.w. mit Hilfe des Komitees ins Leben gerufen. Schlimmer bestellt ist es mit der Emigrantenhülfe in dem Teile des armen Litauen, der nicht zum Kownoer Festungsbezirke gehört und daher Fremde aufnehmen durfte. (Es sind inzwischen auch von dort alle Juden ausgewiesen worden. Die Red.) In den Städtchen Wobolink und Kupischok befinden sich je 1000 Ausgewiesene, deren Not man von Petersburg aus zu mildern sucht. Von eminenter Wichtigkeit ist die eingesetzte Kommission zum Schutze des von den Ausgewanderten zuriickgel a s s e n e n Eigentums. Die Tragikomödie non Kuf?ie. Stockholm, 29. Juli. Wenige Tage nach der Niederlage der Russen bei Schawle las man in russischen amtlichen Berichten von einem Verrate der Juden im Städtchen Kuszie bei Schawlt, dem das Mißgeschick der russischen Armee zuzuschreiben sei. Die Juden des Dorfes hätten deutsche Soldaten in großen Massen in den Kellern versteckt gehalten, die den Russen in den Rücken fielen. Diesem verräterischen Neberfall sei auch der Regimentskommandeur Wawilow zum Opfer gefallen. Die von jüdischer Seite veranlaßte Untersuchung stellte jedoch fest, daß im genannten Orte sich nur drei jüdische Häuser befinden, die von etwa 20 Personen bewohnt waren. Keines dieser Häuser besitzt einen Keller. Ein Dementi der in den offiziellen Berichten erhobenen Anklage konnte bis jetzt nicht erreicht werden. Und nach wie vor glaubt das erbitterte Bock an den Verrat der Juden in Knszie, der die Niederlagen in Kurland verschuldete. Amerika. verlorene Ideale- Iew-Y-rk, 25. Juli- Unter dieser Ueberschrift schreibt ein Chicago er Blatt: Während der Präsident sich nicht wenig zugute tut über die Deutschland gegenüber angewandte hübsche Phrase, wonach er nichts für Amerika verlangt, was er im Namen der Menschlichkeit für die Menschlichkeit nicht verlangen dürfte, werden in diesem Lande, aus welchem solch wohlklingende Phrasen in die Welt geschickt werden, mit den Gesetzen des Landes auch die Gesetze der Menschlichkeit niedergerannt. .Von Deutschland fordert der Präsident in dem kategorischsten Imperativ, daß es in seinem Eilstenzkampfe der ohnedies numerisch stärkeren Fetndesschaar aus „Geboten der Menschlichkeit" Waffen unbehindert zuführen lasse, während er, der große Menschlichkeitsapostel, es nicht verhindern kann, daß in dieser friedlichen Republik friedliebende, gute Bürger mit Hintansetzung der Landesgesetze, mit Verhöhnung der Menschltchkeitsgebote in ihrem Eigentum und Leben bedroht werden. Es handelt sich nicht um Neger, die als inferiore Klasse inferior behandelt werden. Es handelt sich um zivilisierte Bürger, gegen welche der Mob im Südstaate Georgia empörende Drohungen ausstößt. Wir haben uns vor einigen Tagen an dieser Stelle mit dem „Fall Leo Frank" befaßt, der wegen angeblicher Vergewaltigung und Ermordung einer Fabrikarbeiterin zum Tode verurteilt, von dem Gouverneur jedoch in der zwölften Stunde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt wurde. Der Mob trat hierauf in Herrschaft und bedrohte den Gouverneur in solchem Maße, daß er zu seinem Schutze die Miliz mobilisieren mußte. Nun hat der Frank-Fall eine neue erschütternde Wendung genommen. Leo Frank ist Jude. Und da hat denn der süße, für Menschlichkeitsideale sich begeisternde amerikanische Mob gegen alle Juden des Städtchens Marietta Stellung genommen. Jüdischen Kaufleuten wurde anbefohlen, ihre Geschäfte zu schließen und mit Kind und Kegel den Ort schleunigst zu verlassen. Der Präsident wird zweifellos zugeben, daß unsere jüdischen Mitbürger die brauchbarsten Bürger dieser Republik find und auf die Achtung aller Anspruch erheben dürfen. Welchen Schutz gedenkt der Präsident diesen guten und achtbaren Bürgern einem entfesselten Mob gegenüber angedeihen zu lassen? Es gehörte zu den Idealen dieses Landes, daß seiner Raffe und seines Glaubens wegen niemand verfolgt werden darf. Sollen diese Ideale gerade heute begraben werden, da der Präsident mit seinen Menschlichkettsgefühlen buchstäblich hausieren geht? Der Präsident gestattete cs, daß eine verlogene Hetzpreffe das Volk gegen die Deutsch- Amerikaner auswiegle. Nun werden unsere jüdischen Mitbürger in Marietta aufs Korn genommen. Wenn erst in Rassen- und Glaubensverfolgungen ein Anfang gemacht werden darf, ist das traurige Ende vorauszusehen. heraus und waren schon bereit zurückzukehren, als eine Kugel sie beide hinstreckte. Wenige Tage darauf mußten die Oesterreicher Josefow räumen, und die Juden des Städtchens konnten in ihre halb ruinierten Häuser zurückkehren. Ihre erste Sorge war, sich zu überzeugen, was mit den Th^,rarvllen und dem Chassidimstübel geschehen war. Und da fanden sie die Rollen auf dem Boden und unter ihnen lagen die Leichen der beiden toten Juden. Am nächsten Tage begruben die Juden von Josefow die Fetzen der Thorarollen und nicht weit davon die beiden Freiwilligen, die den Heldentod gestorben waren. tKopenh. Jüd. Volksztg.) Tischobeaw im Felde. Im Schützengraben, 2l. Juli. Sehr geehrte Redaktion! Als ich den dreiundzwanzigsten Brief des Niekor Chajim las, da stieg bei mir die Frage aus: „Accko" und „Eicho", wo und wie wirst du hier draußen in Frankreich den Tischobeaw verbringen? Und gar bald wurde diese Frage durch einen Divisionsbefehl gelöst, der bekannt gab, daß am Gedenktage der Tempelzerstörung ein Feldgottesdienst für jüdische Mannschaften in einem Truppenlager stattfindet. In der Morgendämmerung des 0. Ab marschirtcn wir aus dem Schützengraben unter Führung eines jüdischen Unteroffiziers ab. Wir waren etwas über Mtnjan. 4 Stunden Weg hatten wir zuriickzuleqep, aber wir taten es gern, denn es war für uns alle das erste Mal, daß wir hier draußen einem Gottesdienst beiwohnen sollten. In dem Truppenlager S. hatte man die Kapelle ausgernumt. Hier stand der Feldgeistliche. Etwa 120 jüdische Soldaten waren anwesend. Alle Regimenter der Division waren vertreten, alle Chargen von Offiziersstellnertreter abwärts, gar mancher mit dem Eisernen Kreuz oder der Tapserkeirsmedaille eines Bundesstaates ausgezeichnet. Der Prediger beginnt den Gottesdienst, indem er zunächst ganz Schachr.s erläuterte. Und hier bemerkte ich, was mir schon am Pesach hier ausgefallen war, einen erschreckenden Mangel an Tefilaus. Hier ist noch ein Feld, wo jüdische Liebestätigkcit einsetzen könnte! Darm sagte der Prediger einige Kinaus und hielt bann eine Ansprache, in der er die Bedeutung des Tages würdigte. Kaum war der Gottesdienst zu Ende, so ging ein Begrüßen los, daß es fast zur Wirklichkeit wurde: „Kol Jisroel achim". Die Angehörigen unserer Division stammen säst alle aus Frankfurt, Hanau, Fulda und den in der Umgegend liegenden Ortschaften. Am Nachmittag trennte man sich, teils ging es in die Ruhequartiere, teils in den Schützengraben. Uns allen, die wir dabei waren, wird dieser Tischobeaw im Felde unvergeßlich bleiben. H. W. (Die Getuchsnerven des Hasses.) Der in feindlichen Ländern jetzt im vollen Schwünge sich äußernde Deutschenhaß entspricht bis aus jeden Punkt dem Judenhaß. Alle antisemitischen Anklagen gegen die Juden kehren nahezu wörtlich wieder in den antideutschen Schriften der Engländer, der Franzosen und Italiener. Selbst Ehamberlains Kampsmethode gegen die jüdische Rasse wird bis auf jeden Zug von den antideutschen Schriftstellern nachgeahmi. Nur ein einziges Moment hat bis jetzt gefehlt, i>: i. der ^Jud enger» ch") der ,kostor Maicua", h, ‘ einer literarischen Fälschung eigentümlicher Art verdankt, hat bis jetzt in der antideutschen Literatur keine Parallele gefunden. Wir waren aber sicher, daß auch das noch kommen dürfte und daß wir früher oder später dem „Gerüche der Deutschen" begegnen werden. Richtig hat es das Pariser „Journal des DebatS" herausgefunden, daß der Deutsche einen besonderen Geruch ausströme, dem das Blatt in seiner Nummer vom 11. Juli eine eingehende Studie widmet. — So stark wirken eben die Geruchsnerven des Haffes. (Womit die Russen ihre Unterstände abdichten.) Die Kriegs-Ausstellung des Deutschen Buchgewerbe- und Schriftmuseums in Leipzig war nicht wenig überrascht, als sie kürzlich von dem früheren technischen Direktor der Internationalen Allsstellung für Buchgewerbe und Graphik, dem Kaiserl. .Baurat Dr. Nieolaus, der als Hauptmann im Osten steht, ein Blatt einer hebräischen Pergament-Handschrift mit der Bemerkung übersandt erhielt: „Inliegend eine hebräische Pergament-Handschrift, von den Ruffen zur Dichtung ihrer Unterstände Verlvandt." Es ist eine große, schön geschriebene Pergament-Handschrift, die leider in ihrem oberen Teil durch Sand und Erdreich etwas gelitten, hat und durch Nässe beeinträchtigt wurde, im großen und ganzen aber recht gut erhalten geblieben sodaß sie mühelos gelesen werden kann. Sie hängt mm neben anderen „Kulturlei stmrgen" der Russen in dem Raum „Das Kriegsjqhk 1914-15" und lyird manchem Besuch«: der Ausstellung so recht vor Augen führen, wie es um die „Bildung" des russischen Heeres

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