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Der Israelit · 1915-08-05 · Heft 33 (5.8.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 33 (5.8.1915)
Date
1915-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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8. August 1918 Der ISraeltt. No. 33 Sette S ziersmenagen und dergl. Den Juden legte er besonders ans Herz, sich daran zu halten, sonst würde jeder Widerspenstige geköpft werden. Die Bevölkerung mußte bald daran glauben, -aß die Russen alles daranfetzen, wenn es sich darum handelt, ihre „lieben Juden" zu akklimatisieren. Alle Lokale wurden gewaltsam geöffnet. Wenn kein Eigentümer da war, setzte man beliebiges Personal ein. Wenn Juden sich vorschriftsmäßig hinter den Ladentisch setzten, kamen sogleich die Patrouillen und holten sie zum Scbanzengraben; wo Frauen allein waren, drängten sich die Russen hinein und plünderten alles aus. Wenn zufälligerweise ein Offizier kam, bezahlte er einen Rubel für ein Paar Stiefel, 20 Kopeken für 5 Kilogramm Zucker usw. In dieser Weise sorgte man für die Einhaltung billiger Preise. Um ein genügendes Arbeitermaterial zum Schanzengraben zu bekommen, wartete man ab, bis sich eine gewisse Anzahl Paffanten in einer Straße befand, sperrte die Straße von beiden Seiten ab und jagte mit Lassos nach den Flieheuden. Auf manche wurden Schöffe abgegeben, andere wurden eingekerkert, um dann in die Karpathen zur Arbeit geschickt zu werden. Diese Verfolgungen trafen auch die christliche Bevölkerung, wurden aber bet den Juden mit größerer Brutalität angewendet. Mein Gewährsmann, ein liberaler Christ, wie er sich selber nennt, hat öfters ohnmächtig auf der Straße liegende Juden gesehen und versichert mir, daß die Christen, soweit sie nicht Ruthenen waren, sich ihrer warmherzig annahmen, sie verbargen und ihnen Beistand leisteten. Umgekehrt ereignete sich auch, daß, als der Dekan von Stryj mit Deportation bedroht war, die Juden ihm Beistand leisteten und große Sympatie entgegenbrachten. Eines Tages wurde ein Jude namens Eisig Turtelbaum einfach ntedergeschoffen. Als man den Soldaten fragte, warum er dies tat, antwortete er, es geschah aus Versehen. Er hatte etwas gegen einen Juden, den aber konnte er nicht finden und schoß einen anderen nieder. Die Frau des Erschossenen beklagte sich beim Kommandanten. Er fragte, ob sie eine Tochter habe. Die Arme kam daraufhin mit der Tochter, in der Meinung, die Bitten des Mädchens würden ihn bewegen, der mittellosen Familie ein^ Unterstützung zu gewähren. Der Offizier erkundigte sich nach den Verhältnissen der Familie und als er erfuhr, daß der Vater des Ermordeten noch lebe und einiges Rindvieh besitze, ließ er ihn holen, nahm ihm die Kühe weg, behielt auch das Mädchen und trieb den alten Vater und die Mutter weg. Auf das Geschrei der beiden verhaftete er sie und ließ die ganze Familie ins Innere Rußlands schleppen. Tags darauf wurde in derselben Weise der Petroleumgrubenbesitzer Eliaffewicz erschaffen. Keiner konnte sagen, warum? Man vermutete den Grund in seinem semitischen Gefichtstypus. Er war aber armenischer Abstammung. Hochgestellte Beamte verwarfen keineswegs kleine und große Gewinngelegenheiten. Es würden massenhaft Firmenschilder bestellt. Kleine und große Schilder mit verschiedenen Phantasieaufschriften bedeckten bald alle Gebäude. Man begriff zuerst nicht, wozu alle diese Behörden sich hier befinden, denn alle staatlichen Funktionen lagen ja schon in der Hand der Polizei. Der alte Schildermaler Zwilling könnte sagen, was alle diese Schilder kosten müßten — wenn sie ihm bezahlt worden wären. So eilig hatten es die Russen mit dem Bemalen der Schilder, daß der Alte um Mitternacht aus dem Bett geholt wurde. Eine gewisse Schilderserie wurde aber bezahlt. Alle Geschäftslokale mußten mit russischen Firmeninschriften versehen sein, auch die Geschäfte, deren Besitzer geflüchtet waren, die leer standen und verschlossen waren. Dafür mußte der Gemeinderat aulkommen. Es sollte der Bevölkerung vor Augen geführt werden, daß Stryj sich schon im Herzen Rußlands befinde und daß die Herrschaft des Zaren in Galizien bereits unerschütterlich festftehe. Sie dauerte leider volle neun Monate. Die tätliche Angst, welche auf allen lag, gab sich verschiedenartig kund. Es geschah öfter, daß auf einmal einige Juden zu rennen anfingen, sich zu verbergen suchten und die Alten und Jungen laut aufschrieen. Falsche Alarme wurden von Stunde zu Stunde laut. Es hieß einmal, man habe einen Juden erschossen, weil er zu einem hohen Preise eine Nummer der ..Neuen Freien Presse" in Lemberg erwarb und das Blatt gegen Bezahlung Anderen zu lesen gab. Manchmal schossen Soldaten blos zum Zeitvertreib, manchmal, um sich selbst waffenunfähig zu machen, öfter aber wurde auf den einen oder anderen Juden Jagd gemacht. (Schluß folgt). Vermißte Mische Familien. XXX. Es sucht: Es werden gesucht: R ofa Lustgarten, Frankfurt a. M., Schützenstr. 14 b. Drenger. Nathan Lötn, Frankfurt a. M., Mainstr 22. Uscher Bobker a. Zarsfyn b. Sanok (Galizien.) Moses Bucheubaum u. Frau, Lisko (Galizien.) Schlome (Salom.) Witt iter aus Frysztak (Galizien); wurde als Geisel verschleppt. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Nachrichten. Deutsches SUtdj. Aus Sen okkupierte» Gebieten. «Lodz, 1 August. Unter den Städten Polens, ötc der Krieg hart mitgenommen, ruft das Schicksal der als alter Sitz eines weltberühmten Chassidimrabbi bekannten Stadt Sochaczew große Bestürzung in weiten Kreisen hervor, denen der Ort ein Heiligtum war. Die Stadt ist vollständig zerstört. Die Straßen werden von Schutthaufen eingesäumt, die kreuz und quer von Schützengräben durchzogen sind. Die Bevölkerung — an die 30000 Seelen — hat sich anderweitig ein Obdach suchen müssen, so daß die Stadt vollständig verödet ist. Die Friedhöfe sind eine einzige Trümmerstätte, auch nicht ein Denkstein ist ganz geblieben. Der Palast des Rabbi mit Hof und Park ist nur noch ein Haufen Steine. In R a d o m wurde von der deutschen Macht den Juden erlaubt, bei der angeordneten Neuanlegung der Soldatengräber, die jüdischen Toten, auch die von der Feindesselte, zu “ap, zu bringen. Bis jetzt konnten 200 jüdische Soldaten auf dem jüdischen Friedhofe beigesetzt werden. Die Gräber wurden mit Denksteinen und Aufschriften versehen. $|.n0arn. Aus den Gemeinden. Budapest. Feldrabbiner Leopold Fischer von der 55. Jnfanterie-Truppendiviston erliefe einen Appell an sämtliche orthodoxen Gemeinden, der Heeresleitung einige Krankentransport-Automobile zur Verfügung zu stellen, um es den Kriegsverwundeten zu ermöglichen, je eher aus der Feuerlinie gebracht und in Spitalspflege gegeben zu werden. Mit 2000 Kronen leitete er die Sammlung für diesen humanen Zweck ein. Z.B.A, Budapest. Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden die Trödler durch den Krieg. Dieser speziell jüdische Handelszweig ist durch den Weltensturrn fast ganz gebrochen. Ueber zwanzig Trödler vom Telekiplatz, der Handelsbörfe der antiken Garderoben, sind im Felde. Zwei von ihnen, die Brüder Taussig, fanden den Tod vor dem Feinde. Die Frauen können das Geschäft nicht weiter betreiben. Alles stockt. Die alten Sachen werden als Liebesgaben verschenkt, was die Leiden dieser Armen nur noch vermehrt. Die Furcht vor infektiösen Krankheiten dämmte den Hausierhandel, ganz ein. Z. B. A. Sendbote des Herrn bewähren, der sein Land, unser Land wieder segnen will? „Fördert das Heil Jerschulaims, dann wird Frieden wieder wallen in deinen Mauern, Ruhe in deinen Räumen." Kleines Zemlleton. Reiner Rutter*). Nicht uns, die fechten, stürmen, siegen, fallen, Schlägt dieser Krieg am blutigsten die Wunden. Er gab uns manche frohen, frischen Stunden. Die Mütter trifft die schwere Zeit vor allen. Denn ist's hier draußen auch ein hartes Leben, Wir lernten schnell, darein uns zu gewöhnen, Sie aber sind beständig bei den Söhnen. Mit ihren Sorgen unter stetem Beben. Wir lernten uns an trocknem Brot zu weiden, Uns scheint's ein Leben, wie es Fürsten führen, Sie mag den vollen Teller nicht berühren: „Wird auch mein Sohn nicht heute Hunger leiden?" Uns naht auf freiem Felde tiefer Schlummer, Und saules Stroh ist uns ein süßes Bette, Sie aber flieht aus weicher Lagerstätte Jedweder Schlaf, und rastlos wacht der Kummer. *) AUS der „Aller Kriegszeitung." „Wo mag mein Sohn sich heut wohl niederstrecken? Wird er nicht frieren?" So gehn ihre Sorgen. Und schlaflos findet sie der frühe Morgen, Und frierend liegt sie unter warmen Decken. Uns macht der Kampseslärm nicht mehr beklommen, Die Kugeln schrecken uns nicht mehr, die schnellen, Die nächtens schrecklich in den Traum ihr gellen — Es hat ihr jede ihren Sohn genommen. Es wird dereinst der Friede schnell vertreiben Bei uns des Krieges Ungemach und Wunden. Ihr aber blieb ein Zeichen dieser Stunden, Denn graues Haar wird immer graues bleiben. Ich glaub', wenn wir der Mutter einst begegnen, Wir werden auf die Kniee sinken müssen, In Demut ihre grauen Strähnen küssen: „O Mutter, sieh! Mir half dein treues Segnen! Latz deine Hände küffen, deine weitzen, O süße Mutter, laß mich dies dir sagen: Auch du hast diesen schweren Krieg geschlagen, So laß mich dich die größte Heldin heißen!" Ludwig Franz Meyer. Am der Thora willen! Die Leiden, welche die Juden in Josesow (Gouvernement Lublin) im Laufe des Krieges erdulden mußten, sind kaum zu beschreiben. Das Städtchen, welches auf dem rechten Weichfelufer liegt, war der Schauplatz eiyer der gewaltigsten Schlachten zwischen den Ruffen und Oesterreichern. Wenige Tage nach Kriegsausbruch nahmen die letzteren es ein und hielten es fünf Wochen. Als dann die russische Armee kam, begann fie die Oesterreicher aus all ihren befestigten Positionen zu verdrängen. Es entstand ein mörderisches Schlachten. Die Kanonenschüsse auf beiden Seiten machten Erde und Luft erbeben, beleuchteten den Himmel viele Meilen ringsum und verwandelten Josesow in eine wahre Hölle. Die Bewohner, die fast nur aus Juden bestehen, liefen wohin sie die Füße trugen. Der ganze Weg, den sie zurücklegen mußten, war ein Feuermeer. Gewehrkugeln und Schrappnells fielen wie Hagel. Unzählige der Flüchtlinge blieben tot oder verwundet liegen. Plötzlich erinnerten sich mehrere Juden, daß in dem chassidischen „Stübel" einige Thorarollen liegen geblieben waren. Nach kurzer Beratung kam man überein, datz, wenn man die Thorarollen herrenlos liegen laffen würde, dies eine ewige Schande für die Josefower Juden sein würde und die Thorarollen ohne Rücksicht auf die Gefahren Herausgeiragen werden müßten. Aber wer wird sein Leben für die Thorarollen einsetzen? Ohne lange Ueberlegung machten sich fünf ältere Süden dazu erbötig. Dieselben Juden, welche aus dem tädtchen mit solcher Todesangst davongelaufen waren, datz sie kein einziges Stück vo»t ihrem Vermögen Mitnahmen, eilten jetzt unter einem Kugelhagel nach dem Städtchen zurück, um ihre Heiligtümer zu retten. Ehe sie noch nach Jofefow gelangt waren, platzte neben ihnen eine Granate. Zwei von ihnen blieben auf der Stelle tot, ein dritter wurde verwundet. Die anderen zwei trugen den Verwundeten zur Seite, damit er nicht fo sehr der Gefahr der Kugeln ausgefetzt sein soll. Dann eilten sie weiter. Endlich erreichten fie das „Stübel". Sie öffneten die Lade, nahmen die Rolle« ■3SS

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