Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 33 (5.8.1915)
- Date
- 1915-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israelit. S. August ISIS?! { 4 fi ] Sette 1 9ix. 33 alles Ansinnen der Feinde, der Heerführer wie Wtrtschaftspolitiker, vereitelte. Dankbar erheben wir heute Herz und Hand zu Gott, der dem geliebten Heimatboten „Feind, Seuche, Schwert, Hunger" ferngehalten, sodaß in deutschen Landen im vollen ungestörten Frieden der Natur die Aehre am Halme reift und uns das Brot willig reicht, das uns Feindeshand gern entzogen hätte. Es darf heute die deutsche Gesamtheit Gott danken, dem schweigenden Lenker der Schlachten und dem Führer der Vöikerschicksale nach Maßgabe seiner letzten Weltpläne. Und doch zittert noch das Herz in Trauer und Angst und banger Sorge: in Trauer um schwererlebtes persönliches Leid; in Angst um das Schicksal unserer Brüder, die im Osten bereits mehr als blühendste Phantasie sich auszumalen vermochte, den Kelch des Leides bis zur Neige gekostet-in banger Sorge um Sohn und Gatten und Bruder, die noch draußen all das Große und Gewaltige mit Leib und Leben mit vollziehen sollen. Von der dreifachen Sorge des Vorjahres ist heute, quälender und brennender, die eine und die andere geblieben: die S-rge um den jüdischen „Klal" und die um den Einzelnen aus unserer Mitte, für die noch heißer und innbrünfttger als damals sich heute unser Flehen zum erheben mag. Der jüdischen Trauer und der Sorge des Einzelnen hält aber der Prophet die Nechomoh in der höheren Form der Teschuwah entgegen. Die'er vom Elul-Monat vorbereitete Prozeß der Einkehr, Rückkehr, Selbstprüfung, zu der die gewaltigen Ereignisse von heute ganz besonders drängen, er schafft den wahren Trost, den sicheren Halt, da alles um uns wankt und weichtden „Bund seines Friedens" will Gott mit dem Menschen aufrechterhalten wiffen, auch wenn um ihn her Berge weichen und Hügel wanken. Es trage der Mensch, der leidende und bangende, den Weltfrieden in sich. Prophetentrost und Elul-Horn fließen zusammen, in einem Gottessignal, das von der Trauer über den Trost zur Einkehr führt. SW unter russischer Herrschaft. Das Martyrium der Zuden. Von Feldrabbiner Dr. L. Rofenak in Bremen. Als die Kunde vom ersten Zurückweichen der österreichisch-ungarischen Truppen sich auf dem Wege privater Mitteilungen verbreitete, trat sie gleich in so erschreckender Form auf, daß die jüdische Bevölkerung sofort besondere Maßregeln ergreifen mußte. Es hieß, die Truppen ziehen sich ohne Widerstand nach Westen zurück und hätten keine Absicht, Galizien überhaupt zu verteidigen. Die leitenden Persönlichkeiten in Stryj kamen überein, den Exodus zu organisieren. Alle Familien, die über ein gewisses Vermögen verfügen, sollten sich so schnell als möglich nach Ungarn begeben oder nach dem Westen fliehen, die Armen aber, denen die Mittel zur Flucht fehlten, sollten sich, so gut es eben geht, verbergen. Die Zurückbleibenden wollten die verlaffenen Wohnungen nach Möglichkeit beschützen. So geschah es, daß in den zwei letzten Tagen nach Räumung von Stryj durch die österreichischungarischen Truppen ein Auszug begann, der jeder Beschreibung. spottet. Für Fuhrwerke wurden ungeheure Summen geboten. Hundert Gulden und noch mehr für eine Fahrt zur nächsten Bahnstation. Straßen und Landstraßen wimmelten von Fußgängern: alten Männern, Weibern und Kindern. Ihre Habseligkeiten auf dem Rücken, auf elenden Landkarren, Gepäckstücke in den Händen, so zogen sie die Landstraße entlang, mühsam keuchend, schwankend, kaum fähig, sich noch aufrecht zu halten, immer nur angetrteben von dem entsetzlichen Angstgedanken: die Russen kommen. Eine einzige Staubwolke bedeckt alle Karawanen und die Luft ertönte von dem Rufen, Jammern und Weinen der Fliehenden. Dazwischen mischte sich klägliches Hundegebell. Wie viele blieben hilflos am Wege liegen, wie viele holten sich dabei den Tod. Ich selbst habe einen solchen fluchtartigen Auszug miterlebt. Er wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Einer der traurigsten Eindrücke des Krieges. Am 8. September erschienen die ersten Kosakenpatrouillen in den Straßen der Stadt Stryj. Es fielen einzelne Schüsse und immer häufiger kamen die Nachrichten über russische Gewalttaten. Die Geflüchteten trauten sich natürlich unter diesen Umständen nicht zurückzu - kehren. Sie blieben dort, wo sie die Schreckenskunde ereilt hatte. Die Auswanderer zerstoben, versanken sozusagen in der Erde, man weiß gar nicht, wo sie alle hinkamen. Dieser Instinkt des Verschwindens hat auch vielen das Leben erhalten. Bist dn ein „Jewrj?" fragten die Kasaken jeden Passanten, der ihnen nicht direkt als Jude erkenntlich war. Die Armen beteuerten dann in ihrer ersten Angst, daß sie Christen seien, mußten aber trotzdem zuerst die Taschenuhren hergeben, dann das Vaterunser hersagen, sich bekreuzigen und zuguterletzt alles Geld aus den Taschen herausholen. Für Uhren haben die Russen eine merkwürdige, ganz besondere Vorliebe. Die ack hoc veranstalteten Religtonsprüfungen reichten zuweilen aus, um den Angehaltenen zu verschonen, hatte dieser aber eine junge Frau oder Tochter, mußten diese in die Osfiziersquartiere wandern oder wurden an Ort und Stelle mißhandelt. Viele, die ihre schmerzliche Schande nicht in alle Welt hinaustragen möchten, baten um alles in der Welt, ihre Namen nicht zu nennen. Manchmal gelang es, durch energisches Auftreten sich der Zudringlichkeiten zu erwehren. So traf ein Russe den Ztegeletbesitzer Ch. Schiff und fragte ihn nach der Zeit. Dieser antwortete: „Ich habe eine Uhr, aber nur für mich, nicht für dich", ging seines Weges und ließ den verblüfften Russen auf der Straße stehen. Schiff wurde übrigens später, nachdem ihm ein Schaden von 300000 Kronen zugefügt worden war, mit anderen 17 Männern, darunter auch den Rabbinern, als Geisel aus Stryj fortgeschleppt. Die außerhalb der Stadt weilenden Juden wurden sämtlich als ruffenfeindliche österreichische Spione verhaftet. Dabei ging es nie ohne entsetzliche Grausamkeiten ab. Die „Nagaika" spielte dabei immer eine wichtige Rolle. Monate lang blieben die unglücklichen Opfer zur Verfügung der Behörden etngekerkert. Wer mit Geld seine Unschuld beweisen konnte, wurde so schlecht bewacht, daß er entschlüpfen konnte, die meisten aber, die ihre ganze Barschaft bei der ersten Plünderung verloren hatten, schmachteten lange im Kerker und wurden zum Schanzengraben gezwungen. Beim Einzug der Russen ging eine Deputation der drei Konfessionen den etnmarschirrenden Truppen entgegen und bat um Schonung und Milde. Darunter befand sich auch der Oberrabbiner und Gymnasiallehrer Behrenfeld. Diese beiden wurden schon am nächsten Morgen verhaftet, verblieben neun Monate in Gefangenschaft und wurden beim Zurückweichen der russischen Truppen mit anderen zusammen als Geiseln nach Sibirien mttgeschleppt. Der Rabbiner wurde unzählige Male gezüchtigt, weil er sich weigerte, Nahrung zu sich zu nehmen. Der Stadtkommandant begann damit, daß er der israelitischen Bevölkerung bekannt gab, daß die geflüchteten Juden als ruffenfeindlich zu betrachten sind und ihr Vermögen konfisziert wird, die zurückgebliebenen könnten sich nur freuen, daß sie vom österreichischen Joch befreit sind und nun derselben Freiheit teilhastig werden dürfen, wie ihre Brüder in Rußland. Diese Ansprache endete mit Aufzählung der Gebote, welche die Juden zu befolgen hätten, nämlich: Auslieferung aller österreichischen Spione, verkleideter Soldaten, Offiziere usw., welche sich noch in der Stadt aushalten, Entrichtung einer Erwerbs- und Vermögenssteuer, Stellung einer genügenden Anzahl jüdischer Arbeiter zu den Schanzengräben, Vorzeigung sämtlicher Weinkeller zwecks Konfiskation zu Gunsten der Offi- Die Fürsorge für das heilige Land. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrefchen. In unserer letzten Betrachtung haben wir an° deutungsweise bereits auf jenes Thorawort hingewiesen, das da Israel noch vor dem Einzuge ins gelobte Land den besonderen göttlichen Schutz der gesegneten Fluren Palästinas verheißt: „Ein Land, für welches Gott dein Gott sorgt, stets sind darauf die Augen Gottes deines Gottes gerichtet, vom Anfang des Jahres bis ans Ende des Jahres". So wird das Land der Hoffnung und Sehnsucht Israel auch als ein Gegenstand der außergewöhnlichen Fürsorge Gottes gezeichnet. Tief bedeutsaui merken hier unsere Lehrer an - „Sorgt wirklich der Herr nur für es allein, gilt nicht vielmehr seine Fürsorge allen Ländern? Heißt es doch: Um Regen zu spenden menschenleerem Land, der Wüste, wo kein Mensch ift Es heißt aber doch: „Ein Land, für das Gott sorgt," als ob seine Fürsorge nur aus es allein sich erstreckte. Das will nur sagen: daß alle Länder sich der Fürsorge der Vorsehung erfreuen, das ist das Verdienst des heiligen Landes, dem die göttliche Gnade in besonderem Maße befchieden ist." Soweit unsere Lehrer. Vielleicht ist keine Zeit so geeignet, diese Deutung unserm Verständnis näher zu bringen, als die gegenwärtige, die unter den Donnerschlägen der machtvollen Ereignisse einen jeden aufrüttelt und für die Stimmen, die von Gottes Vorsehung künden, empfänglich macht. Welches würde wohl das Schicksal Palästinas sein, wenn wirklich dem Bierverband der Sieg befchieden würde? Welche düstere Aussichten eröffneten sich da der palästinensischen Judenhett, wenn dem Lande, in dem die Unterdrückung, wenn nicht Vernichtung der Juden zum Programm erhoben ist, es gelingen sollte, sein Sehnen zu stillen und seine Machtsphäre auch aufs gelobte Land auszudehnen? Da bauen wir auf das Gotteswort, das ewige Fürsorge dem Lande unserer Vergangenheit und Zukunft verheißt, um nicht an einen solchen Ausgang des Völkerringens zu glauben. Wir haben in dem ersten langen bangen Kriegsjahre reichlich die „Augen Gottes" in Gnaden auf unser und unserer Verbündeten Land gerichtet gesehen, und es ist nicht verwesten, wenn wir Juden diese göttliche Liebe auch als eine besondere Fürsorge der Vorsehung preisen, deren Palästina gewürdigt werden soll. — Noch ist dieses Land die Stätte, an der die herrlichsten Erinnerungen Israels, im Grunde genommen aber auch die der gesamten Kullurwelt haften, an der rein und lauter der Born der heiligen Lehre quillt und begierig aus ihm der Labetrank des Heils geschöpft wird. nron “i’Jö qxvm DxntfH.w fwnn “obo. Liebe um Liebe, Treue um Treue; — die Hingebung, mit welcher im Lande unserer Väter in der Thora an den Stätten ihrer Belehrung und Verehrung geforscht wird, zeigt sich würdig des Schutzes, den der Herr dem heiligen Boden angedeihen läßt. Hier betrachten es noch viele, viele unserer Glaubensbrüder als ihres Lebens Aufgabe und Ziel, als die Weihe und Verklärung ihres Daseins -12^1 -Iiv^ zu forschen und zu lehren, mBW*?! nW? das Ererbte in treuer Hut zu wahren und durch vorbildliche Tat zu erhallen. Darum ist es auch voll berechtigt, daß wir unsere Liebe und Anhänglichkeit ungeschwächt Erez Jisroel wahren und freudig und willig zur Stelle sind, wo es unserer Hilfe bedarf. Seine Not mutz auch uns als die eigene, die persönliche gelten. Mit derselben Fürsorge und Bereitwilligkeit, mit der wir für uns selbst einstehen und unsere eigenen Bedürfnisse zu stillen suchen, sollen wir alle samt und sonders das Elend im heiligen Lande lindern. Keiner, in dem noch ein Funke der Liebe zu seinem Bekenntnis im Herzen glimmt, darf sich dieser Pflicht entziehen, „op'-i 'n pikt rH:, Man erscheine nicht leer vor Gott", so mahnt die Sidrah. Wollen wir uns im Monate Eüul rüsten, um sodann im Tischrt nicht leer vor Gott zu erscheinen, so mögen wir uns gerade in Hinsicht auf Palästina einschärfen: „“itPyri *isVV nryrrfi? tsbc ntpy. Jede Gabe, die wir spenden, wird zehnfach uns ausgewogen, sie wird zum Salz für unsere eigene Habe, sie zeigt uns würdig der göttlichen Gnade und Fürsorge und sichert uns seine Liebe für die Zukunft". Oeffnen wir nur Hand und Herz, damit sich am heiligen Lande wie bisher weiter bewähre: „Ständig sind Gottes Augen darauf geachtet, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres." Viel Kummer und Not hat das Kriegsjahr auch Palästina gebracht, hat es rmTnm nen, arm und-dürftig in seinem Anfänge gezeigt. An uns ist es zu sorgen, r©»3 mtPjtfiö, daß bei Schluß des Jahres die Not wieder aus ihm schwinde. Wer möchte da nicht mittun, nicht sich als -ir n'ir h. niri fli