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Der Israelit · 1915-07-29 · Heft 32 (29.7.1915) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 32 (29.7.1915)
Date
1915-07-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gelte 6 Nr. «2 Der ISraettt 3G. Juli ISIS des Krieges. Jsüx alle Niederlagen suche die Regierung die Juden verantwortlich zu machen und so die Volksemtzörung auf den armen Sündenbock zu leiten. Man spricht in Rußland sogar davon, daß die Regierung entschlossen sei, die Juden and) aus Petersburg auszuweisen, wenn Riga von den Deutschen besetzt wird. Man habe dies schon früher tun wollen, aber auf die Intervention des Ministers des Auswärtigen aufgeschoben. Die revolutionäre Stimmung des russischen Proletariats wachse. Sogar Krankenschwestern seien unter dem Verdacht revolutionärer Agitation unter den Soldaten verhaftet worden. Die Mitteilung schließt: Jedermann in Rußland fühlt, daß man großen inneren Ereignissen entgegenschreitet. v«8 Petersburger Hilfskomitee. Petersburg, 1<>. Juli.- Das Petersburger Hilfskomitee für die Heimatlosen hat nach seinem Rechenschaftsbericht bis zum l. Juni in 14f> Fällen 153000 Personen Unterstützungen zukommen lassen. Trotz der bescheidenen Mittel bewilligt das Komitee sämtlichen Körperschaften, die das lokale Hilfswerk für bte Flüchtlinge leiten, entsprechende Subventionen. In Warschau gereichen die vom Komitee eingerichteten Werkstätten für Schneider und Schuhmacher Tausenden zum großen Segen. Biele Arbeiter wurden mit Nähmaschinen ver sorgt. Aehnliche Werkstätten wurden in Minsk und Lublin errichtet. Die größte Rot herrscht unter den ausgewiesenen Handwerkern. Die Unterstützung beträgt 8':i Kopeken per Tag und per Kops. - Ein umfassendes Hilsswerk wurde in Kielee in die Wege geleitet, das aber mit der Besetzung der Stadt durch die Deutschen seinen Abschluß erhalten mußte. Molsi Molsjewilscli wsmt - . . Petersburg, (indirekt- 21. Juli. Wie „R ietf ch" mitteilt, warnt ein erneuter Erlaß des Höchstkommandlerenden dringend vor allen Pogromen und beunnruhigenden Gerüchten und ermahnt, alle Kraft auf die Organisierung des Landes zu verwenden und die Ruhe zu bewahren. Eine Verordnung der russischen Militärverwaltung ordnet die Räumung der Städte Wilna, Grodno, Kowno und Bialistok an. Wohin werden sich jetzr die Hunderttausende der Vertriebenen wenden? 6egen 9ie ZuSenverlolgung. Zürich, 16. Juli. lieber eine in Warschau stattgefundene flrüsjten und in enthusiastische'- Ertast? die siegenden Befreier empfingen. Kränze, Zigarren, Lebensmittel, Lchmuckgegennnnde und Blumen wurden den Husaren gegeben und so mancher Honued ivurde von einem bärtigen Inden peis,' umarmt und mit Glut geküßt. -Im nächsten Tag n eibeten sie sich dann scharenweise beiw Etappenkommando, um einen Reiseschein zu erhalten. Diese wurden von einem gestrengen Hauptmaiin veral'wigt, der in einem unbegrenzten Raum seines Amtes waltete. Als sich der erste Jude meldete, wurde er vom Hauptmann barsch angeiahren: „Tp Jever,? Bist du ,1 ude Die von zehnmonatlicher Pein gegnälten Menschen zuckten zusammen und schlichen erschreckt dem Ausgang zu. Die Jroqe brachte allen zerschundene Glieder,' gebrochene Rippen, blaue Male und gewaltige Pnsse in Erinnerung. Der Gefragte mutzte aber — es ging nicht anders — antworten: — Ja ... Der Offizier gab ihm einen Passierschein. „Wenn du Onbe bist, dann kannst du frei gehen!" Z. B. A. <Jerusalem in Kriegszeiten). Die „Rew- -lorker Staatszeitunq" bringt einen Bericht ans dem kriegerischen Jerusalem und schildert ^as Veden und Treiben in den Strasten der alten Stadl folgenderrnatzen: Dieses Jahr erwartet Jerusalem keine Pilger. Aber doch wälzen sich lange Karawanenzüge durch die uralten Tore, ziehen an den schweren Mauern vorbei und verschwinden wieder itgondwo fern hinter einem Hügel in der Steinwüste. Soldaten! Endlose Züge Soldaten in der seldgrünen Uniform der neuen Türkei. Zu Fnst, zu Rotz, zu Wagen, Kanonen und Provkasten, Pferde mit Maschinengewehren ansgeparkt, Proviantkolvnnen, Wagen und Lasttiere, Kamele, endlos ein Arbeitcrversammlung, die Protest gegen die neue Juden hetze einlegte, berichten Schweizer Blätter: Eine achthundert Arbeiter zählende Versammlung in Warschau nahm eine Protestresolution gegen die offizielle Verfolgung der Juden an, die vom Zentralkomttt' des sozialisttschen „Bund" auch in anderen Städten den Arbeiter- Versammlungen vorgelegt und jetzt in Form einer Deklaration herausgegeben wurde. Die Erklärung stellt fest, daß der Krieg die übliche antisemitische Pogrom Politik der russischen Regierung nicht nur nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt hat. Im Augenblicke, da das Land die größten Erschütterungen erlebt, unterdrückt die Regierung mit den Phrasen von der „Völkerbefreiung" diese Völker fortwährend und droht mit der direkten Ausrottung des jüdischen Volkes. Die Erklärung führt die Niederlagen der russischen Armee auf Uebelstände des Regierungssystemes zurück, aber „es müssen sie büßen an der kaukasischen Front die Mohammedaner, an der westlichen — die Juden. Den Verrat der russischen Gendarmen, der Verdat Mjassojedows muß das jüdische Volk mit seiner Sicherheit, Freiheit und seinem Leben zahlen." Das Dokument zählt dann eine ganze Reihe von Missetaten der Regierung auf, es führt die „erfundenen und unsinnigen Geschichten," in Kielce, wo man die Juden der Spionage bezichtigte, an, um zum Schluffe zu gelangen, daß die Regierung durch Verbreitung und Veröffentlichung solcher Fabeln die eigentliche Trägerin der Pogromagition im Lande sei. Grrglarrd. ßtznöoner allerlei. Lands», 12. Juli. Im „Daily Telegraph" vom 4. Juli beklagt sich ein Herr Rosenthal, Mitglied des Board of Deputies, darüber, daß man alle Juden für Deutsche hält. So mußten bet den Unruhen, die durch die Lusitania-Affäre entstanden waren, viele Juden, deren tapfere Söhne für England ihr Blut vergossen und ihr Leben vorloren haben, durch Spitzbuben und Lumpen schwer leiden. Man sollte dafür Sorge tragen, daß wenigstens die Eltern der Soldaten unbelästrgt bleiben. Bekannt ist die Liebe der Juden für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit, aber während man vom ungebildeten Volke nicht viel erwarten kann, konnte man kürzlich eine anscheinend den besseren Ständen angehörende Dame sehen, die im Hydepark die Menge gegen einen in England geborenen Juden russischer Abstammung aufhetzte. Vor kurzem wurde auf dem Alfredplatz Bedfordssquare, in Gegenwart des Chiefrabbis und anderer Rabbiner der Grundstein zu einer Tier hinter dem andern. Rings um die Mauern Jerusalems tönt immerfort der Klang kriegerischer Trom, peten. In den Oelbaumwäldern lagern die Bataillone scharf heben sich die spitzen, bleichen Zelte von dem satten Grün der Oliven ab. Die Hänge Zions sind übersät mit kauernden Maultieren und Reitkamelen. Und durch dieMratzen der heiligen Stadt jagt ein Gerücht, ein Kriegsgeschrei das andere. Jerusalem ist der Sitz des Hauptquartiers von Djemal-Pascha. Die guten Vasarspietzer sehen vieles, hören vieles und ihre Phantasie treibt herrliche Blüten. Die arabischen Zeitungen werden durch die Basarstratzen ausgerufen: „Wieder 10 000 Russen gefangen." Das imponiert dem Orientalen, das treibt ihn von der Wasserpfeife weg. Bor dem deutschen Hotel, dem Quartier der deutsch-türkischen Offiziere rverden die Trottoire nicht teer. Immer gibt es dort etwas zu sehen. Schweitz und stnubbedeckt gleiten ein paar junge Beys von den Gäulen, sie kommen direkt von der Wüste. Kamele lagern vor den Toren. Bei jedem Pack, der ihnen aufgeladen wird, brüllen sie. Ein kleines Detachement geht eben nach der Wüste ab. Drüben auf dem Paradeplatz steht Reihe an Reihe, Glied an Glied, Geschütz an Geschütz. Der Divisionskommandeur reitet die Frönt ab. Die Seitengewehre blitzen auf. Der Kommandeur verliest den Dank des Sultans an seine Truppen. Der Imam, der Geistliche spricht? Alle Soldaten halten die Hände vor wie Menschen, die etwas empfangen. Das ist ihre Gebetsstellung. Der Zivilgouverneur spricht, immer unterbrochen von lautem Händeklatschen; „Mit Deutschland und Oesterreich- Ungarn steht die Türkei einer Welt von Feinden gegenüber. Gott wird die Feinde schlagen!" I neuen Synagoge an der Stelle der tm vorigen Jahre auf dem St. Albansplatz geschloffenen Westend-Synagoge gelegt, die den gleichen Namen tragen soll. Ursprünglich tm Jahre 1768 durch Baron von Symons in Bedfordrow gegründet, war sie einer der ältesten Mischen Andachtsplätze in der Gegend. Im Jahre 1797 wurde sie nach Denmark-Court verlegt und im tahre 1826 auf dem St. Albansplatz neu errichtet. »er Oberrabbiner betonte in seiner Weiherede, daß die neue Synagoge als ein Zentrum ernsten jüdischen Lebens bestimmt sei. Das englische Kriegsministerium hat die Bitte des englischen Board of Deputies (Kultusvorstand), die kriegsgefangenen deutschen und österreichischen Juden mit Ko scher fleisch zu versorgen, endgültig abgelehnt. Diese Absage rief unter den englischen Juden große Enttäuschung hervor. Amerika. nmerlkmifdies. Kerv-VorK, l. Juli. Hiesige Seitungen bexidjten: Die Torpedierung der „Lusitanta" hat aus die amerikanische Regierung die Wirkung ausgeübt, daß sie nicht die zwangsweise Beförderung von Passagieren auf Schiffen, die mit Munition beladen sind, zuläßt. Präsident Wilson hat aus diesem Grunde die vom Einwanderundskommiffär gegebene Weisung zum Rücktransport von 150 jüdischen Einwanderern aus Rußland, zum größten Teil Frauen und Kindern, auf dem Dampfer „Czaritza" der russischamerikanischen Linie rückgängig gemacht. Die Newyorker jüdische Organisation hatte sich nämlich an den Präsidenten gewandt und ihm nahegelegt, daß der Dampfer, der zweifellos Munition an Bord führt, dem Schicksal der „Lusitania" verfallen könnte. Die „Czaritza" fuhr am 22. Mai ohne die jüdischen Paffagiere nach Archangelsk ab. Das Amerikanische Komitee hat einen besonderen Appell zur Unterstützung der polnischen Juden erlaffen. Die Rockseller-Gründung erhielt vor einigen Tagen ein Telegramm von seinen Vertretern in Polen, in dem gesagt wurde, daß dort die bitterste Not herrsche und daß die Zustände schlimmer seien als jemals in Bedien und Nordfrankreich. Ein Volk von 3 Millionen, sagen die Vertrauensmänner des Komitees, stirbt tatsächlich Hungers. Bereits 800,000 Dollar hat man? gesandt, aber — wie es in dem Appell heißt — „diese Summe kann kaum einen Bruchteil der Not lindern." ®ra«#tmaU öuhunffspläne- Ao-armesvrrrg, 20. Juni. Das Exekutivkomitee der Südafrikanischen Zioniftenförderatton hat auf seiner letzten Tagung folgende Resolution beschlossen: 1. Die Exekutive der Südafrikanischen Zionistenförderation, welche mehr als 100 zionistische Vereine vertritt, ist der Meinung, daß eine einzigartige Gelegenheit zur Wahrnehmung der Rechte der Juden sich bei den Fried enSunterhandlungen nach Beendigung des Krieges bieten wird und daß die größten Anstrengungen zur Sicherung dieser Rechte, gemacht werden müssen. 2. Es erscheint dringengeboten, eine vereinigte jüdische Aktion einzuletten, um die Forderungen der bürgerlichen, politischen und religiösen Gleichberechtigung der Juden für diejenigen Länder zu formulieren wo sie noch nicht besteht. 3. Eine vereinigte ,Aktton soll unternommen werden, um eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu erlangen. 4. Alle zionistischen Förderationen sollen dringend aus alle Notwendigkeit hingewiesen werden, mit anderen Mischen Körperschaften zusammenzuarbeiten, um eine Zentralkörperschast zu schaffen, welche für die eben erwähnten Ziele

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