Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 32 (29.7.1915)
- Date
- 1915-07-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448538--67628-2488525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 32 Sette 6 90. Juli 1915 ÜUtgovtt. Bus flen SemelnSen. Bttdapest- Steinbruch. Erschütternd wirkte aus alle Augenzeugen das wunderbare Wiedersehen Hermann Sahlings aus Tuchla, Galizien, mit seinem verschollenen, totgeglaubten Sohn Chajim. Der ältere Sahling war ein wohlhabender Kaufmann in Galizien, den die Rufleninvasion heimatlos machte und erst nach Szatmar und von dort nach Pest führte. Hier ernährte er sich kümmerlich durch Verkauf von'Konditorwaren. Aber die Sorge um seinen ältesten Sohn Chastm peinigte ihn. Dieser hatte vor" Jahren nach Latowitz in Rußland geheiratet, einen Laden geöffnet uud „ein Leben gemacht". Seit Ausbruch der Feindseligkeiten aber war er verschollen. Es war keine positive Nachricht von ihm zu bekommen. Gerüchte gab es aber genug, die ihn für tot erklärten. Und das war umso wahrscheinlicher, als es bestimmt war, daß man Chajim in die Front schickte. Am vergangenen Mittwoch, als der gebeugte Sahling bei der Öen Station seine Süßigkeiten feilbieten wollte, te ein langer Wagenpark heran, dem alles neugierig entgegeneilte. Er trug den jüngsten Transport gefangener Russen, die in ihre Baraken abgesührt werden sollten. Auch Sahling lief, von der gaffenden Menge gedrängt, dem Zug entlang und blieb vor einer offenen Wagentüre wie sestgebannt stehen. — „Bater!" drang ein heiserer Schrei aus dem Wagen. — „Mein Chajim!" war darauf die Antwort. Hermann Sahling brach bewußtlos zusammen. Das Leid konnte sein gequältes Herz ertragen; für die Last des freudigen Erlebens war er zu schwach. . Z. B. A. Budapest. Durch eine Erklärung des „Egyhazi konnioncy" veranlaßt, ließen sich die Erben Szabolcsis bestimmen , den Pretzprozetz gegen Professor Huber zurückzuziehen und so die Restraktierung einer Ritualmordverhandlnng zu verhindern. „Blutmorde, erklärt das offizielle Kirchenorgan, haben weder in dem Talmud, noch in der Kabbala irgendwelche Spur und darf weder die Religion noch das Volk wegen solcher angeklagr werden" Knapp vor seinem Tode schrieb Szabolcsi seinen letzten energischen Artikel in dieser Sache. Es ist ein merkwürdiges Spiel des Zufalls, daß er mit dem gleichen Stichwort die Bühne des öffentlichen Lebens verließ, mit der er sie betreten hat. Z. B. A. Györ. In einem hiesigen Blatt schreibt der nichtjüdische Redakteur Csskonai V. Mi ho ly über seine Erlebnifle auf dem Schlachtfeld. Ergreifend ist folgende Episode: Es war in Wiznitz. Dieser Ort wurde noch vor wenigen Tagen von einer Rotte entmenschter Kosaken und russischer Banditen geplündert, ausgeraubt und die Einwohner gepeitscht und geschändet. Nach vier Tagen kamen unsere Truppen und bald darauf waren die Einwohner Zeugen eines Gefangenentransportes, der auS der Front hier durchgeführt wurde. Die ganze Bevölkerung bildete Spalier. Da bemerkte man, daß bei einem jungen russischen Soldaten, deffen Fuß verwundet war, der Verband sich lockerte und er blutend und hinkend mit den übrigen sich weiter schleppte. Nun drängte sich ein altjüdisches Mütterchen aus der gaffenden Menge hervor, nahm ihr weißes reines Tuch vom Kopfe, winkte zärtlich dem verwundeten Russen stehen zu bleiben und verband ihm dann die blutige Wunde. In seiner ersten Ueberraschung blickte der Russe wie verblödet auf die Jüdin, dann brach ein Tränenstrom aus seinen Augen und ergriff die Hand der Alten und küßte sie. Z. B. A. Der JAraeltt, UrrMand. Man braucht fie. Setersvnrg, 10. Juli. Das Zentralkomitee für den Kriegsbedarf hat beschlossen, die Regierung zu ersuchen, Munitionsarbeiter vom Kriegsdienst zu befreien sowie die flüchtigen Juden und andere jüdischen Handwerker zur Herstellung von Munition heranzuziehen und hierfür ihnen Freizügigkeit zu gewähren. KuMckes. _ Stockholm, 13. Juli. In Moskau ist die neue „Vaterlandspartei", die aus Mitgliedern der früheren Schwarzehundert-Organtsation besteht, gegründet worden. Sie hat in ihren Statuten eine Bestimmung, wonach auch Ntchtslawen in die Partei ausgenommen werden. Das Hauptorgan der Schwarzhundert in Petersburg, das „Ruffkoje Snamja", richtet giftigste Pfeile gegen die neue Partei, die Juden aufnehmen will, obwohl ganz Rußland aus den Bekanntmachungen des Hächstkommandierenden wiffe, daß die Juden Verräter seien. Auch die „Semstschina" hetzt aufs neue gegen die Juden. Großes Aufsehen verursachte in Petersburg ein Polen und Juden gewidmeter Artikel in dem Volksblatte „Swjet". Der Inhalt des sensationellen und in diesem Blatte unerwarteten Artikels ist folgender: Die Polen hätten sich als treue Söhne Rußlands erwiesen, während alle Juden ohne Ausnahme Verräter seien. Wenn man die deutsche Presse verfolge, ersehe man leicht, daß dieJuden überall für das Deutschtum^ kämpfen. Die deutsche Regierung hätte selbst zugegeben, daß die Juden deutsche Vorposten seien. Die Polen hätten dies früher gewußt als die Russen, sie hätten den gewaltigen Kampf gegen Juden schon vor Jahren begonnen. 23 Millionen Polen seien in dem Wunsch einig, die Juden wirtschaftlich überall zu verdrängen und unschädlich zu machen. Diese 23 Millionen Polen als treue Söhne Rußlands zu besitzen, bedeute neue 23 Millionen Kämpfer gegen Juden und Deutsche. Der Tag werde kommen, wo alle Teile Polens zu Rußland gehören und alle 23 Millionen den Russen helfen werden, den Kampf gegen Judentum und Germanismus zu führen. Die Juden und die Deutschen hätten sich mit China verbunden, um Rußland zu vernichten." (!) Dieser Artikel ist interessant als neuer Beweis, daß die russische Regierung alles aufbietet, um Judenpogrome zu provozieren. Vor kurzem beschloß der Mtnifterrat 18 Millionen Rubel auSzuwerfen, um Volkszeitungen zu gründen oder solche zu unterstützen, das erklärt die neue Subvention an den Swjet, der gegen die Juden hetzen soll. Stockholm, 16. Juli. Das „Rußkoje Slowo" meldet, daß der Kommandant in dem Militargebiet von Kiew das Erscheinen von jüdischen Zeitungen und allen anderen jüdischen Publikation verboten hat. In der „Rozwage" (Erwägung), einem jüdischen Organ, das in Warschau zu erscheinen begonnen hat, ist zu lesen: „Für uns genügt nicht eine Gleichberechtigung, wie sie in den sechziger Jahren Graf Wielopolski uns gegeben, wir verlangen politische Rechte, Rechte für unsere Sprache, das Recht der Selbstverwaltung in unseren kulturellen, philantrvpischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Die Juden sollen nicht nur das Recht auf Jargon-Elementarschulen haben, sondern auch auf Mittelschulen und auf eine Universität mit dem Jurgon als Unterrichtssprache. In Polen müssen dieJuden eine eigene Bühne und eigene Kunstmuseen haben, und der Kronmarschall des Landtages hat die Sitzungen in der polnischen Sprache der politischen Mehrheit und zugleich im Jargon der politischen Minderheit des Landes zu eröffnen." „Rjetsch" wendet sich gegen einen Artikel des echtrussischen Blattes „Semschtschina", in dem angeraren wird, sämtliche Juden aus der russischen Armee zu entfernen, weil fie Verräter und Feiglinge seien, und der Armee mehr Schaden als Nutzen brächten. Wenn sie schon im Lande schädlich seien, könnten sie noch weniger an der Front nützen, wo sie die russischen Truppen demoralisierten und regierungsfeindliche Propaganda trieben. „Rjetsch" fragt, wie derartige Aeußerungen möglich seien, denn dann hätte ja Deutschland recht mit der Erklärung, daß es die unterdrückten Nationalitäten befreien wolle. Auch in Deutschland und Frankreich gäbe es antisemitische Blätter, aber solche Auslaffungen seien dort undenkbar. Wo bleibe die russische Zensur, die solchen Blättern derartiges zu schreiben gestatte? Die wirklichen Verräter des Vaterlandes seien die „echtrussischen Leute". „Die Zugen sing kfuifö." Aerrr, 18. Juli. Das Auslandskomitee des Arbeiterbundes erfährt laut „Berner Tagwacht" aus Rußland: In der Moskauer Gesellschaft spreche man von der völligen Niederlage Rußlands. Auch die vom Kriegsschauplatz heimkehrenden Offiziere verzweifelten offen an einem günstigen Ausgange daß Moritz Weil ein „sehr gewagtes Spiel" in Szene gesetzt habe, um auf dem Umwege des Kriegsverrats seiner Dienstpflicht zu genügen. Doch sei das Be» streben, heimzukehren zu solcher Zeit weit ehrenvoller, als ein untätiges und gefahrloses Zurückbleiben in fremdem Lande. Durch Zeugenaussagen wurde bewiesen, daß der Ueberläufer nach dem Geborgensein in den deutschen Linien wie befreit aufatmete und erklärte : „Gott sei Dank, jetzt bin ich in guten Händen!" Der Vertreter der Anklage beries sich darauf, daß sich der Angeklagte des Verbrechens des Kriegsverrats nach dem Wortlaut des Gesetzes schuldig gemacht, wobei von einem Notstand nicht die Rede sein könne. Der Offizial-Verteidiger stellte die ganze Sachlage als eine dem Feind gegenüber erlaubte und gerechtfertigte Kriegslist dar und hob die vaterländische Gesinnung des Angeklagten hervor, der solches Wagestück unternommen habe. Nach kurzer Beratung kam das Gericht zu einem freisprechenden Urteil, in deffen Begründungdie edlen Motive des Moritz Weil, die ganze Ehrlichkeit^und Offenheit seines Verhaltens auch während der Untersuchung und Gerichtsverhandlung hervorgehoben wurden. (Sabbat-Nacht im Helde.) Einer unserer Gesinnungsgenossen schreibt seiner Schwester: Während Bomben, Granaten und Schrappnells die Lust mit ihrem unheimlichen Zischen durchsausten, erhielt ich deine lieben Briefe und Pakete. Lustig fitz ich im Schützengraben, auf dem Schoße dein süßes Geknabbere und vor mir ein großes Feuer, um Kaffee zu kochen. Noch mal so aut schmeckt es aber, wenn der Franzmann seine eisernen Grütze dazu sendet. . Sechs lange Wochen habe ich nun im Lazarett gelegen. Es war aber mal eine herrliche Ruhepause, denn durch die Schrecken des Krieges und hauptsächlich durch die Bajonettgesechte waren wir so heruntergekommen, daß wir uns kaum noch zu den Menschen rechnen konnten. Die Heilung meines Fingers machte gute Fortschritte; nur steif ist der Finger noch. Jedenfalls aber dauert es nicht mehr lange, und ich kämpfe wieder mit Gott für Kaiser und Vaterland. In Folgendem will ich dir nun schildern, wie ich meine Verwundung erhallen habe. Es war am 2. April, ich glaube ein Freitag abend. Wir, 6 Mann und ich, lagen zur Reserve in den Unterständen, bezw. Erdhöhlen und freuten uns schon, eine Nacht wohlverdienten Schlafes vor uns zu haben. Ich war inzwischen schon eingeschlummert, und träumte von den herrlichen Freitag-Abenden, die ich so oft daheim zugebracht. Wie sich doch das Bild ändern kann. Sonst bei herrlichem Lampenschein und Kerzenlicht und jetzt in tiefer Erde, stockdunkel und dumpf. Früher die schönen jüdischen Lieder, aber jetzt das unaufhörliche Sausen und Heulen der Granaten und Schrappnells; doch ach, ich werde schon zu weitschweifig. Kurz und gut, es herrschte eine unheimliche Stille, und alles war von den Strapazen erschöpft, eingeschlafen. Das Infanterie- und Artillergeknatter stört einem gar nicht mehr, denn daran hat man fich schon gewöhnt, als plötzlich in den Wald, in dem wir lagen, hageldicht Schrappnells und Granaten hereinsausten. Alles mutzte selbstverständlich in Deckung bleiben. Aus einmal gings — bums scht—scheng — eine Kugel kam in unseren bombensicheren Unterstand hineingeflogen. Einige Minuten lag ich wie betäubt, und als ich wieder erwachte, hatte das Stroh, welches in unserem Unterstand lag, Feuer gefangen und beleuchteten grell die schrecklich verstümmelten Körper meiner 5 anderen Kameraden. Es galt nun diese hinauszuschaffen, und das Feuer mit Kochgeschirren zu löschen. Der Feind hatte nämlich jetzt ein brillantes Ziel, und Schuß um Schuß krachte rings um den Feuerschein. Es war ein mächtiges Stück Arbeit und eine der unheimlichsten und grausamsten Nächte. Bei diesem ganzen Arltlleriefeuer bin ich wie ein Wunder nur mit dem blauen Auge davon gekommen. Eine Schrappnellkugel war in das letzte Glied meines Zeigefingers emqedrungen und dort stecken geblieben. Während der Löscharbeiten muß wohl Schmutz in meine Wunde gekommen sein, denn als am anderen Morgen der Verband abgenommen wurde, war bereits Blutvergiftung eingerreten. Ich wurde sofort operiert, es ist Gott sei Dank alles gut verlausen und ich bin froh, daß ich meinen Finger behalten konnte, denn sonst hätte ich dir heute nicht so ausführlich schreiben können. Also morgen geht es mit frohem, frischem Mute hinaus ins Feld, um für Deutschlands Macht und Ehre zu stteiten. Recht interessant sind übrigens auch die Fliegergefechte, welche sich hier täglich abspielen, wenn auch hierbei recht häufig Liebesgaben in Form von „Bomben" ausgeteilt. werden. Lebe weiter recht wohl und sei du, sowie die lieben Eltern recht herzlich gegrüßt und geküßt von (Ty JcvreyAus Lemberg wird dem „Az Est" geschrieben: Die stereotype Frage aller russischen Beamten, Offiziere und Polizisten an die Bürger die fich um Zerttfikate, Zeugnisse, Scheine und Päffe an sie wandten, war hier: Ty Jevrey? Bist du Jude? War die Antwort bejahend, griff der Moskillo zu seinem Stock und verprügelte den Gefragten ganz elendiglich. Es war darum begreiflich, daß die so gequälten Juden In den einziehenden Truppen ihre Erlöser be-