Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 32 (29.7.1915)
- Date
- 1915-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 No. 32_ und Hand für die notleidenden Brüder in Palästina zu öffnen. Das Büro befindet sich, Cöln, Hohenstaufenring 14. Geldsendungen können auf das Postscheckkonto des „Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands", No. 50648 eingezahlt werden. ver Jüöifdie Frauenbund. Aerki». 20. Juli. Der Jüdische Frauenbund hielt vor kurzem in Berlin eine Borstandssitzung ab. Folgende Arbeitsgebiete wurden durchgearbeitet und ungefähr folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Besprechung neuer Erwerbsm öglichlichkeiten für Frauen und Mädchen. 2. Die Bahnhofshilfe wird als wichtiger Teil der sozialen Arbeit besprochen und die angeschloffenen Vereine sollen angeregt werden, sich tunlichst den christlichen Bahnhöfsmissionen anzugliedern. 3. Bericht über die beiden Häuser in Isenburg, die zur Zeit 28 Pfleglinge beherbergen, darunter 6 Säuglinge. Die Kriegsarbeit besteht in der Aufnahme von Flüchtlingen und in Uebernahme von Näh- und Strickarbeit für Kriegsfürsorge. Vom Frankfurter Frauen- Seminar sind 2 Schülerinnen zur halbjährigen Ausbildung in den beiden Häusern übernommen worden. 4. Besprechung der Bundesarbeitin der Ernährungsfrage und der Aufklärungsarbeit. Das Flugblatt „Achtet das Brot" ist in einer Auflage von 20.000 Exemplaren zur Verteilung gekommen. Das Kochbuch der Frauenveretne der Frankfurter Logen fand ebenfalls große Verbreitung. 5. Eine ausgedehnte Besprechung erfährt die Fortsetzung der Beratung des Antrages Werner vom Januar 1915: Kulturarbeit in Polen. . Die maßgebenden Organisationen haben bisher die Mitarbeit der Frauen ab.gelehnt, doch steht noch ein gangbarer Weg für dieselbe in Aussicht. HoUcrnd. Die holländifcften Juden und die iüdifcfie Emigration. Kaag, 26. Juli. Neulich fand im Haag eine vertrauliche Konferenz prominenter Persönlichkeiten verschiedener Richtungen statt, die der Frage der jüdischen Emigration nach dem Kriege gewidmet war. Anlaß zur Einberufung dieser Konferenz gab die auch in Holland vorherrschende Ansicht, daß die durch den Krieg jäh unterbrochene jüdische Massenauswanderung aus Osteuropa nach , Der Israelit. der Einstellung der Feindseligkeiten nicht nur ebenso jäh wieder einsetzen werde, fvndern daß sie einen nie geahnten, geradezu bedrohlichen Umfang annehmeu muß, da die Juden Russisch- Polens und eines großen Teiles von Lithauen ebenso wie Galiziens, die durch den Krieg und den russischen Militärantisemittsmus aufs empfindlichste betroffen worden sind, zum großen Teil außerstande sein werden, in den durch die Kriegsfurie ruinierten Gebieten wieder Beschäftigung und Brot zu finden. Um den bevorstehenden Ereignissen nicht wieder, wie so oft ungerüstet gegenüber zu stehen, wird seitens der an der Frage interessierten Juden Hollands die rechtzeitige Einleitung einer großen Aktion zur Regelung derjüdischen Maffenwanderung für dringend notwendig erachtet. Die Konferenz setzte ein Komitee ein, das beauftragt wurde, sich mit leitenden jüdischen Persönlichkeiten in verschiedenen Ländern behufs Verständigung über eine gemeinsame Aktion in Verbindung zu setzen. Der Vorsitzende des Komitees, das den Namen „Internationales Jüdisches Emigrationskomitee" trägt, und seinen Sitz in Haag hat, ist Herr Staatsrat Professor Dr. Oppenheim. dum Schüße beOrohfer ITIenfthenrechte. Laufaune, 26. Juli. In der am 11. d. Mts. stattgefundenen Sitzung der Permanenzkommission zürn Schutze bedrohter Menschhettsinteressen war auch das Komitee für die Judenfrage in Rußland vertreten. Die Vertreter erklärten hier, im Namen eines provisorischen Comite pour la cause juive Klage führen zu müssen über das schwere Leid, das ihre Glaubensgenossen derzeit in Rußland zu erdulden hätten und das in der westeuropäischen Presse allzu wenig beachtet werde. Sie führten in eingehender, mit dokumentarischen Belegen versehener Rede aus, wie die jüdische Bevölkerung Rußlands trotz aller Staatstreue und allen Opfermutes als minder berechtigt behandelt werde und wie man alle Erbitterung ob des Mißerfolges der russischen Waffen an diesen hilflosen Opfern kühlen wolle. Eine Debatte entwickelte sich, in deren Verlauf Professor Bracher in warmer Weise vom traurigen Schicksal eines anderen, von der russischen Regierung unierdrückten Volkes sprach, von den Ruthenen. Die Versammlung lauschte in tiefer Ergriffenheit diesen Ausführungen und nahm hierauf einstimmig nachstehende Resolution an: „Die Kommission appelliert an die intellektuellen und liberalen Schichten Rußlands, sie möchten sich dafür einsetzen, daß endlich den systematischen Grausamkeiten der russischen Negierung gegenüber ■ ■_ -SKJM-IHK der jüdischen Bevölkerung (Maffenausweisuugen, Plünderungen und Metzeleien—unter dem Namen Pogrome bekannt — sowie Mißhandlung der verwundeten jüdischen Soldaten), wie sie seit Beginn des Krieges bis auf den heutigen Thg verübt werden, ein Ziel gesetzt werde." Gestenreich. Die RUchhehr Ser Slüchflinge. Me«, 25. Juli. Am 20. Juli erschien ein Aufruf deS Ministers des Innern, mit welchem die Flüchtlinge aus den Bezirken: Biala, Oswiecim, Chrzamow, Zywiec,' Nowy, Targ, Wadowice, Bochnia, Myslenice, Limanowa, Nowy Sacz, Brzesko, Dabrowa, Mtelec, Kolbuszowa, Pilzno, Ropczyce, Grybow, Strzyzow, Krosno, Stary-Sambor und dem nicht zum Festungsbereiche gehörigen Gebiete der Bezirke Wieliczka und Podgorze aufgefordert werden, in ihre Heimatstädte zurückzukehren. Die Aufforderung bezieht sich auf diejenigen Flüchtlinge, die bei Kriegsausbruch in einem dieser Bezirke ihren ständigen Wohnsitz hatten und nicht arbeitsunfähig und gleichzeitig erwerbs-, beziehungsweise substistenzlos sind. Diejenigen Flüchtlinge, die bis zum 15. August Wien nicht verlassen, verlieren den Anspruch auf die staatliche Unterstützung, sowie die Begünstigung für freie Fahrt und kostenlose Beförderung ihres Gepäcks (Kleider, Bettzeug, Wäsche, Hausgeräte). Die für die Rückkehr freigegebenen Bezirke umfassen etwa 1500 Gemeinden in 23 Bezirken. Es wurden bereits die Katasterblätter jener in Fürsorge stehenden Flüchtlingen ausgehoben, die aus diesen Gemeinden seinerzeit nach Wien kamen. Aus Grund dieser Katasterblätter wird nun eine strenge Kontrolle erfolgen, ob die Flüchtlinge im Sinne der Ministertalverordnung. innerhalb der angegebenen Frist abgeretst sind. Flüchtlinge, die der Aufforderung zur Rückkehr innerhalb der angegebenen Frist nicht Folge leisten, verlieren bekanntlich einerseits für die spätere Rückkehr die Begünstigung der freien Fahrt, andererseits die weitere staatliche Flüchtltngsunterstützung. Personen, die nicht transportfähig sind oder bet denen besondere Gründe geltend gemacht werden, die ihr weiteres Verbleiben in Wien und die fernere Auszahlung der staatlichen Unterstützungsbeiträge rechtferttgen, haben rechtzeitig diesbezügliche Gesuche etnzubringen. Zur Rückkehr stehen den Flüchtlingen bestimmte Züge zur Verfügung. Kleines Feuilleton. Aus den Erlebnissen eines jüdischen Feldgeistlichen. Dr. Leopold Rosenak, Rabbiner in Bremen, begleitet als Feldgeistlicher die in Galizien operierende deutsche Südarmee. Er erzählt im „Egy-y" einige interessante Episoden aus den Erlebnissen bei diesen Kämpfen. —„Ein jüdischerLandsturmmann kam jüngstens zu mir. Sein zersetztes Gewand hing ihm beschmutzt vom Leibe. Seine Mütze war von Kugeln zerrissen. Die rechte Hand trug er aufgebunden, den Hals in Jodoform gepackt: in der Linken trug er einen Stock, mit dem er sich langsam weiterschleppte. Die Schußivunde an der Brust machte seinen jämmerlichen Zustand fast unerträglich. Man sieht solche armen Menschen oft bei der Front. Sic gehen lieber mühsam zu Fuß ins Lazareth, als sich von einem holpernden Wagen die Knochen zerschlagen zu lassen. Bei einem Sturmangriff — erzählte mir dieser — kam ich in Flankenfeuer. Ich war am äußerst exponiertesten Flügel und meine Lage war zum Verzweiflen. Nirgends ein Baum oder Strauch, der mir Deckung und Schutz gewähren konnte. Ich bewahrte in meiner linken Brusttasche ein kleines Gebetbuch, das ich einem gefallenen Kameraden vor einer Stunde abgenommen habe. Es blitzte mir durchs Hirn, noch einmal ein Kapitel Tillim mit heiliger Inbrunst als letztes stilles Gebet zu verrichten. Eine pfeifende Kugel bohrte sich! mir in diesem Moment durch die rechte Hand. Mit! nacktem blutigem Arm grub ich meine Finger in die linke Tasche, um das Büchlein hervorzuholen, da verspürte ich einen mächtigen dumpfen Schlag in der Herzgegend. Ich stürzte zu Boden. Als ich mich ermannte, war ich an der Brust schwer getroffen. Ich ließ das Vorhaben nicht los) ich wollte die Tfilo haben, ich mußte beten und es gelang mir auch, den kleinen Lederband mit Messingbeschlägen herauszunehmen. Es war dies aber eine schwere Arbeit Die Kugel, die den Panzer durchbohrte, streifte das kleine Buch, zerriß es und prallte an den Beschlägen zurück. Interessant ist, das; die Kugel bei dem Bers: 1^ nrx pyö - Du warst uns Schutz — ihre Kraft verlor. Er gab mir diese Tsilo. Sie ist meine teuerste Reliquie. Z. B. A. (Der Roman eines jüdischen Soldaten im Elsas;.) Die „Straßburger Post" berichtet über eine Kriegsgerichtssitzung, die dieser Tage vor dem Kriegsgericht der Landwehrinspektion Straßburg stattfand, folgendermaßen: Dem Gericht wurde in französischer Jnsanterieunisorm der *21 Jahre alte Kaufmann Moritz Weil aus Straßburg vorgeführt, gegen den die Anklage wegen Fahnenflucht und Kriegsverrats erhoben worden war. Der Angeklagte stellte den Fall also dar: Er war bei Verwandten in Newport, wo er am 31. Juli vom bevorstehenden Kriegsausbruch erfuhr. Schon anderen Tags und später noch mehrmals suchte er mit vielen hundert jungen Leuten das deutsche Generalkonsulat auf, um durch dessen Unterstützung auf dem raschesten Wege in die Heimat zurückzukehren, was sich aber nicht bewerkstelligen ließ, da alle neutralen Schiffahrtslinien die Beförderung wehrpflichtiger Deutscher ablehnten. Auch als Kohlentrimmer kam man nicht an; die Paffe wurden aufs schärffte nachgeprüft. Die Absicht, unter allen Umständen zurückzukehren, ließ dann in ihm den Plan reifen, am Bord eines französischen Dampfers der Fabre-Linie Genua zu erreichen, um von dort aus ins Elsaß zu gelangen. Trotz Abmahnung suchte er das französische Konsulat auf, und erhielt unter dem Namen seiner Mutter als Monsieur Gerard aus Giromagny in den Vosges anstandslos einen Freipatz. Am 9. August schiffte er sich ein, unterwegs wurde die Reiserichmng geändert und Bordeaux angelaufen. Man zwang ihn zum Ausfteigen und zur Weiterfahrt nach Paris, von wo er ohne Aufenthalt nach Belfort übergeführt wurde. Dort oberflächlich untersucht, nahm man Ihn als Rekruten an. Zunächst kam er nach Lyon, um dort bis zum 21. November militärisch auSgebildet zck werden, danach mit anderen Refervetruppen an die Front, wo er dem Abschnitt zwischen ReimS und ChalonS zugewiesen wurde. Bis zum 29. Januar blieb er dort in Rückstellung und erst an diesem Tage bezog er den vordersten Schützengraben. Kurz vor 7 Uhr abends ließ man ihn allein als Wachtposten, während die anderen weiter rückwärts abkochten. Er machte sich diesen Umstand zunutze, kroch aus dem Erdloch heraus, schob sich vorsichtig auf dem Bauch kriechend 200 Schritte vor, sprang auf, schleuderte das Gewehr fort und lief den deutschen Schützenlinien zu, die auf 600 Meter Entfernung vor ihm lagen. „Schießt nicht", rief er mit aller Kraft, „ich bin einer von euch!" Am Drahtverhau halfen ihm zwei deutsche Soldaten und gleich danach war er im deutschen Schützengraben geborgen, der sich vorteilhaft von dem der Franzosen unterschied und deffen Unterstände gegen die französischen als wahre Paläste anzusehen waren. Inzwischen ist er dann als Kriegsgefangener hierher verbracht worden. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts stellte fest, mm.