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Der Israelit · 1915-07-29 · Heft 32 (29.7.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 32 (29.7.1915)
Date
1915-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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SS. Jult 1915 Der JSraeltt. No. 33 Sette 3 men: Es sind die Flüchtlinge. Eine vorzügliche Definition für dieses Wort ist gefunden, es ist ein Titel insofern als die Bezeichnung doch einen Menschen benennt, der für das Vaterland sein persönliches Wohl aufgeben mußte. Und die Kehrseite der Medaille ist, daß das Wort auch besagt, daß die Mittel der Betreffenden beschränkt sind, daß sie kleiner als die normaler Durchschnittsmenschen sind, daß der Bezeichnete ökonomisch tiefer steht, w.etl er ohne genügende Mittel ist. Allerdings gibt es verschiedene Grade der Mittellosigkeit. Die einen haben nur den Luxus, an den sie sich gewöhnt haben, zu entbehren, sie haben noch Tausende, aber es fehlen ihnen die Zehntausende, das sind die Beneidenswerten. Andere können wenigstens in der Gegenwart aus eignen Mitteln ihr Leben fristen. Sie verkaufen ihre Wertpapiere und ihren Schmuck, den sie mitgenommen, sie leben statt in behaglichen Heimen in Mietskasernen, aber sie leben doch und brauchen andere nicht in Anspruch zu nehmen. Die dritten sind die, die nur ihre persönliche Tüchtigkeit besaßen, und zuhause auf Grund derselben sich einen genügenden Verdienst verschaffen konnten, jetzt aber in der Fremde ohne Heller dastehen und ihre persönliche Tüchtigkeit nicht entfalten können oder gar dürfen. Das sind die Beklagenswertesten, die das Elend des Exils bis zur Hefe auskoften müssen. Wohl griff der Staat ein. Er leitete eine Unterstützung in die Wege, die zwar nicht groß war, aber zuerst, als die Lebensmittel noch nicht zu teuer waren, wenigstens vor dem direkten Verhungern schützte. Zum Leben war es allerdings immer noch zu wenig) 70 Heller, von denen noch ein Teil für Miete abgezogen wurde!! Natürlich griffen private Organisationen ein, um den Bedrängten beizustehen. Die gegenwärtige Lage ist trostlos. Durch das Moratorium sind alle Außenstände rechtlich nicht einzutreiben. Was man nicht in der Tasche hat, besitzt man nicht. Das gilt selbstverständlich nur für galizische Außenstände, für die das volle Moratorium besteht, im Westen der Monarchie sind feine Wirkungen fast sämtlich ausgehoben. Was nach dem Frieden sein wird, kann man im Augenblick nicht sagen. Es kann sein, daß die an Nichtzahlen gewöhnten Schuldner sich wieder ans Zahlen gewöhnen, es kann sein, daß schlechter Wille und juristische Schwierigkeiten das Inkasso weiter erschweren. Es bleibt jedenfalls für die Peffimisten genug Veranlassung, aus der traurigen Gegenwart auf eine noch traurigere Zukunft zu schließen. Objektiv sind aber diese Befürchtungen nicht begründet. Es ist anzunehmen, daß die Regierung mit der ganzen Strenge des Gesetzes etngreifen wird, um dem Gläubiger wieder zu seinem Gelde zu verhelfen, um Treue und Glauben Zeugnis feiner Liebe und Hingebung, die erst aushörte, als sich sein Auge für immer schloß. Moses will Israel mit unzerreißbaren Banden an Gott ketten. Darum erinnert er es in den mannigfachsten Tönen und Weisen an feine Liebe, die auch noch im Zorne in Erbarmen waltet, „n2&»n ,*£ man. Gedenke — daß du ja nickt vergessest", — das sind Mahnungen, die im Munde Moses immer wiederkehren. Die ganze Vergangenheit, seitdem des Herrn Gnade Mizraims Fesseln gesprengt, läßt er jMose) an Israels Geiste vorüberzieh.en, damit sich in ihm die Erkenntnis festige: ,,‘rn rW5 N2 “p>;ni;n n'.n '2, daß er es ist, der die Kraft gibt, um Macht zu schaffen". Mose sucht vor allem den Hochmut zu bekämpfen, weil er in ihm den Quell aller Irrungen und Verfehlungen sieht. Darum ruft er wiederholt aus: ,,r« rrcen “,m£? cni "pp'sn '-!, daß nicht stolz werde dein Sinn und du des Herrn deines Gottes vergißt". In diesem Satze, sagen die Alten, liegt eine Warnung für alle Stolzen und Hochmütigen. Er besagt gleichsam: „rnv: is w “s f?r *rrft »*m prr jrapn ie» nn. Von dem Hochmütigen spricht Gott: ich und er können nicht gleichzeitig in der Welt wohnen", da aber Gon über Raum nnd Zeit hoch erhaben ist, grabt stch der Stolze selbst sein Grab. Die ganze Stufenleiter der düsteren Folgen dieses Lasters zeigt uns Mose. Aus dem Hochmut quillt die Gottvergessenheit, daraus dann die Selbstanbetung, die Vergötterung der eigenen Kraft und Macht, der gesährlichste Götzendienst und schließlich ist Sturz und Untergang das sichere Ziel. Ein schönes Wort unserer Alten lautet: „aipo mm» jöttD nn« bp nrapi rft’2s »ra nruw. Ueberall wo die Thora dem Volke Segen und Ueberflutz an irdischen Gütern verheißt, fügt sie auch eine Warnung hinzu." Reichtum und Macht führen nicht selten zum wieder Einzug ins Land finden zu lassen. Durch entsprechende Abkürzung des Rechtsverfahrens, durch bestimmte Machterweiterung der Gerichte wird hoffentlich jeder wieder zu dem Seinen gelangen, das er zur Basis eines Geschäftes, zur Grundlage einer gesicherten ökonomischen Stellung in seiner Heimat wird machen können. In erster Linie sind aber die Juden darauf angewiesen, solchen Schutz für ihr Vermögen zu finden. Denn eben die Juden haben in Galizien die größte Anzahl der Außenstände, sowohl nach der Menge der Schuldner wie auch nach der Größe der Gesamtsumme. Denn in Galizien speziell sind sie die einzigen Bankiers, die mit dem Gros der Bevölkerung auf dem Lande und in den Städten zu tun haben. Die Herrschaft des Rechts nach einem siegreich erkämpften Frieden ist die Hauptbedingung für die Existenz der Juden, die wichtigste Lebensfrage für sie. Schon jetzt, wenn die Bevölkerung in das vom Feinde gesäuberte Galizien zurückkehrt, ist ein besonderer Schutz der Gerichte nötig, wenn geordnete Zustände wieder kinkehren sollen, da durch die fremde Invasion alle Bande gelöst sind. In der Zwischenzeit hatte nämlich nur das militärische Gericht geherrscht, das fremde militärische Gericht. Und es waren militärische Interessen und Wirtschaftsverhältnisse der Bevölkerung/ die es hütete. So hatte man sich in Galizien das normale Leben abgewöhnt. Man muß dieses daher erst wieder Eingang finden lassen, und nur dann wird eine normale Wiederkehr der jüdischen Einwohner möglich sein. Die Zentralmächte waren immer Verteidiger des Rechts und dadurch allein schon Beschützer der Juden. Was immer war, wird hoffentlich immer bleiben, und die österreichische Regierung wird im eigenen Interesse, wie auch im Interesse ihrer jüdischen Bürger dem wtedereroberten Galizien das geben, was überall im Reiche herrscht: geordnete kulturelle Verhältnisse. Lorrespondenzen und Aachrichten. Deutsches Uetch. Me Mr PsMins Gör«, 27. Juli. Am vergangenen Sonntag Nachmittag fand in Cöln eine von der Zentrale für Rheinland verderblichen Hochmut und bergen so für ihren Besitzer eine große Gefahr in sich. Sie können gewiß ein Segen werden, wenn sie dem Menschen ein Werkzeug sind zur Förderung des Heiligen und Guten. Die heilige Schrift verwirft auch das Streben nach irdischen Gütern nicht, sie warnt nur vor ihrem unwürdigen Gebrauch und schärft uns ein, nro*. njdwi xtohi, über der Gabe nicht des Spenders zu vergessen, bei jedem Genuß, er sei ein sinnlicher oder ein geistiger, sein Herz und seinen Sinn zum Schöpfer zu erheben, der alles so schön hat gestaltet zu seiner Zeit. Das ist der Sinn der nana, die wir sprechen, sie sind die Weihe des Genusses, sie wandeln nnfern Tisch in einen Altar, an dem wir uns Priestern gleich in die Gewänder der Reinheit und Heiligkeit hüllen. Das alles schärft Mose Israel in seinen Mahnungen ein, und daß in diesen Gott selbst redet und sein Geist waltet, beweist die Tatsache, daß jene Warnungen allen Zeiten und Geschlechtern in gleicher Weise gelten. Die Gefahren des Hochmuts haben wir wohl zur Genüge jetzt erkannt. Dieser hat den unsäglichen Weltbrand entzündet und ist schuld daran, daß noch immer die Kriegsfackel so mächtig lodert. Der Hochmütige duldet niemand neben sich und sucht jeden Gleichstehenden niederzuhalten, das ist der Schlüffe! für 'den unüberwindlichen Neid, mit dem unser Volk von seinen mächtigen Nebenbuhlern verfolgt wurde, der zu diesem erschütternden Weltdrama geführt hat. Das Schicksal dieses Krieges müßte jedem, der klar sehen will, eigentlich als entschieden gelten, der Hochmut trübt aber das Urteil, und so soll das grausige Spiel bis zur Vernichtung fortgesetzt werden. Der Hochmut des uns feindlichen Jnselvolkes hat den in ihm schlummernden religiösen Sinn, der ehedem den andern als Beispiel nnd Borbild galt, geradezu zum Schweigen gebracht, und so hat seine Kriegführung und Westfalen einberufene Versammlung der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung statt. Die Pekidim und Amarkalim in Amsterdam hatten als Vertreter Herrn Rabbiner I. Horowicz aus Jerusalem gesandt. In kurzen Eröffnungsworten stellte der Versammlungsleiter fest, daß es sich nicht um eine Neugründung handelte, sondern nur darum, eine in unseren Bezirken lang vernachlässigte Institution neues Leben gewinnen zu lassen. Das Cölner-Zentralkomitee für Rheinland und Westfalen wurde im Februar auf Anregung der Pekidim und Ainarkalim konstituiert, und seine Mitglieder wurden noch im selben Monat von der Amsterdamer Leitung bestätigt. Es hat sofort seine Tätigkeit ausgenommen und in wenigen Monaten war es in der Lage, über 12,000 M. ihrer Bestimmung zuzusühren. Nach einem kurzen Kassenbericht seitens des Rendanten, Herrn Louis Rothschild, erhielt der Schriftführer, Herr Jonas Wolf, das Wort zu ausführlicher Darstellung der Htlfstätigkett der Pekidim während der Kriegszett. Nunmehr nahm Herr Rabbiner Horowtcz das Wort zur Schilderung der Leistungen der Pekidim überhaupt. Das erschöpfende Referat führte nach einer angeregten Diskussion zu folgender Resolution, die einstimmig angenommen »wurde: „Die heute in Cöln tagende Erez-Jisroel-Versammlung erkennt dankbar an, daß die Deutsch-Holländische Erez-Jisroelverwaltung getreu ihren hundertjährigen Traditionen auch in dieser nie dagewesenen Krtegsnot auf der Höhe ihrer Aufgabe gestanden und in Liebestaten für die notleidende Bevölkerung Palästinas sich vorzüglich bewährte. Die Versammlung betrachtet es als doppelte Ehrenpflicht der deutschen Zionsfreunde in diesem segensreichen Hilfswerke der gesteigerten Bedrängnis der Zeit dauernd Rechnung zu. tragen, weil eine Reduzierung oder Unterbrechung dieses Hilfswerkes für die notleidende Bevölkerung von katastrophaler Tragweite sein könnte. Di Herren Gabaim, Lokalkomitees und Veertrauensmänner der Pekidimverwaltung werden es daher als thre patriotische als auch religiöse und humanitäre Pflicht erachten für die wettere Aufbringung der nötigen Mittel in der Sphäre ihres Wirkungskreises alles Nötige unverzüglich zu veranlassen." Möge die Versammlung ihren Zweck erreicht haben, um die Augen von Rheinland und Westfulen auf die in Palästina herrschende Not zu richten, und in der herannahenden Zeit, Herz eine Richtung angenommen, die das Unheil noch außerordentlich verschärfte. Ein ganzes Volk aushungern wollen, das muß aber ein erfolgloses Unterfangen bleiben. & enn Gott, der Israel in der Wüste gespeist hat, ist der Herr der Herren, der große, starke und gefürchtete Gott, „rmd i; im« ein» bbpd mw? Dn*? ft, der das Recht der Waisen und Witwen schafft und den Fremdling liebt, ihm Brot und Gewand zu geben." Seine Verheißung gilt für die Ewigkeit: „Wenn ihr gehorchet, werde ich Regen geben euerm Lande zur Zeit, und du wirst dein Korn einsammeln, deinen Most und dein Oel, — und ich werde Kraut aus deinem Felde für dein Vieh geben; du issest davon und sättigst dich." — Mögen uns auch unsereFeinde von jedem Handel und Verkehr absperren wollen, der Gerechte und Sittliche darbt nicht, —'auch feinem Vieh fehlt die Nahrung nicht,- das ist unsere Ueberzeugung und Hoffnung. Der Krieg hgt unser deutsches Volk inniger mit dem Glauben an eine Vorsehung verknüpft, darum dürfen wir auch auf unser Vaterland daSWori anwenden, das zuerst und zunächst von Zions heiligen Fluren galt: „Ein Land ist es, für das Gott sorgt, stets sind darauf die Augen Gottes gerichtet, vom Anfang des Jahres bis ins Ende deS Jahres." (Bgl. Sifri zur Stelle.) Das erste Kriegsjahr, von seinem Anfang bis zum Ende, hat uns diese göttliche Fürsorge für unser Land und Volk veranschaulicht. Das bekennen wir mit Dank gegen den Schöpfer und Weltenlenker, der an unserm Baterlande auch in Zukur ft das Wort der Schrift zur Wahrheit machen wird: „Er wird dich segnen und dich vermehren, er wird segnen die Frucht deines Schoßes und die Frucht deines Bodens." -.V-

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