Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-07-29 · Heft 32 (29.7.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 32 (29.7.1915)
Date
1915-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448538--67625-2488522
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 9 Jtr. 32 Der ASraeltt. 29. Juli 1915 die mindestens für das Tragen der Schläfenlocken den Hintergrund abgibt. Er schließt dann sehr richtig: „Uebrigens bin ich der Ansicht, daß nicht die Stirnlvcken und nicht der lange Kaftan „aufreizend" wirken, sondern — ihre Träger. Haartracht und Kleiderschnitt der Angehörigen anderer Nationen haben an sich noch nie „off ntliches Aergernis" erregt und den Chinesen läßt man „neidlos" ihren Zopf ' Wer sich an den galizischen Flüchtlingen reib.n will, den stören Locken und Kaftan. Schert ihnen die Locken — und man wird die Armen trotzdem nicht ungeschoren lassen. Ein Borwand wird immer zur Hand sein, und schließlich: mutz man denn einen Vorwand haben, um antisemitische Gesinnung und antisemitische Handlungsweise zu beschönigen?" Daß nach diesen klaren Ausführungen von in Böhmen gewiß autoritativer Seite, ein Einsender in einer späteren Nummer den „Mut zur Wahrheit" zu haben glaubt, indem er feststellt, daß „zum Menschentum der Geist der Schläfenlocken und des KaftanS nicht gehöre" und daß nach ihm sogar ein „Rabbiner", Prof. Dr. Simon Stern in Saaz, uns mit derEntdecknng dient, daß Jesajas und Rabbi Akiba keine Schläfenlocken getragen und daß die Orthodoxie geradezu der mit allen Mitteln zu bekämpfenden Todfeind menschlichen Kulturfortschrittes sei, können wir füglich übergehen. Um so mehr als die Herren treffende Antwort erhalten von einer Seite, von der sie sie sicherlich nicht erwartet hätten. Der bekannte Karlsbader Rabbiner Dr. Ziegler belehrt die Scheren-„Politiker" folgendermaßen: „Bor allem eines: die Wertung einer Sitte darf nie von ihrem Ursprung abhängig gemacht werden. Wenn wir das doch täten, dann könnten alle Konfessionen alle ihre Sitten und Traditionen einpacken, denn sie wären alle wertlos,' dann müßten wir Sabbat und Feste — ja Gott selbst einfach ausgeben, denn was diese Sitten und Begriffe waren und was sie find, hängt nur durch das ererbte Wort zusammen, sonst durch nichts. Es ist auch müßiges Spintisieren, erforschen zu wollen, was z. B. eine Religion von der anderen entlehnt hat; was sie aus demEntlehnren zu machen verstanden hat, darin liegt Kraft und Bedeutung der Religion, darin zeigt sich das religiöse Genie einesVolkes. Es geht uns also, wenn wir dem lebensvollen Pulsschlag des Judentums nachspüren wollen, gar nichts an, welchen Ursprungs Peaus und Kaftan sind, wir haben nur nach ihrem Werte zu fragen für die, die von ihnen nicht taffen wollen. Und diesen Wert erblicken alle maßgebenden Faktoren in der Mauer, welche diese Sitte aufrichtet zwischen europäischer und altjüdischer Kultur. Selbstverständlich habe ich mit vielen Flüchtlingen über diesen Brauch mich unterhalten. Sie haben alle nur eine Begründung für ihn: wir »vollen nicht so werden, wie ihr seid! „Wir »vollen nicht, datz unsere Kinder in die Kaffeehäuser gehen, wir wollen nicht, daß uufere Kinder Theater und Konzerte besuchen, wir wollen sie für die Gemore und die alte Jüdischkeit erhalten, darum behalten »vir Peaus und Kaftan." sührungen von S. R. Hirsch zu »rp'1 Kap. 19, Satz 27 verwiesen. Aufruf an die Mur*). Ihr lieblichen Auen, so anmutersüllt, Ich seh' euch in sommerlirh' Wonne, Wie liegt ihr in Frieden und Eintracht gehüllt, llmglüht von der sinkenden Sonne. Mich deucht fast, sie grüßt euch zu»n letzten Mai, Ihr herrlichen Hügel und Felder, Sie leuchtet vielleicht dir, du schönes Tal, Zuletzt euch, ihr lieblichen Wälder. Ihr höret nicht ferne das dumpfe Gebrüll, Getöse der schweren Geschütze? — Wie tag doch weit um euch sonst alles still — Nun brennt dort des Kampfes furchtbare Hitze. Wißt ihr, ob ein strafender Gott nicht auch Am Morgen den Kampfplatz vernichtet? Wißt ihr, ob der prangenden Blumen Ha»»ch Dann auch noch den Müden erguicket? Wißt ihr, ob ein strafender Gott bei Nacht Nicht Schönheit und Freude zerstöret, Die ihr in dem Schutze der Gottes Wacht Bisher habt dem Menschen gewähret? Die Bäume zersplittert, die Erde gehöhlt: Des Krieges so grausame Zeichen — So lieget ihr dann, einst zur Freude erwählt, Bedeckt von unzähligen Leichen. *) Das Gedicht habe ich in unserem Ruheorte Le M. verfaßt, der herrlich im Tale liegt, von waldigen Höhen umsäumt. Daß dies ein Standpunkt ist, wird gewiß niemand leugnen; am wenigsten der, der Gelegenheit hat, die galizischen Verhältnisse kennen zu lernen. Die sogenannte galizisch-jüdische Intelligenz gibt diesem Standpunkt tausendmal recht; ist es doch bei uns schon sprichwörtlich geworden: wenn ein Galizianer modern wird, dann wirft er alles weg. Darum wird auch der Kampf für und wider Peaus nicht bei uns ausgetragen, er ist eine tiefinnere Angelegenheit der galizischen Judenschaft. Hier gilt die Frage, ob cs möglich ist, eine europäische, moderne jüdische Orthodoxie für Galizien intz Leben zu r»rfen oder nicht; ist der galizisch-jüdische Boden empfänglich und reif für die Verpflanzung der Samson RaphaelHirsch-Orthodoxie oder nicht'?Diese allein könnte Peaus und Kaftan ein Ende rnachen, andererseits wieder die Reformbestrebungen in Galizien vor uferloser Zersplitterung bewahren und vor„Ueberfließung in die christliche Notreligion" behüten." Soweit Ziegler, der ja schon in feinem geistreichen, an dieser Stelle ausführlich gewürdigten „Religions"-Buche gezeigt hat, daß er wenigstens Verständnis für das Wesen der Orthodoxie besitzt. Wir aber möchten vor allem der Beschämung darüber Ausdruck verleihen, daß die vielen gelehrten und ungelehrten Stammes genossen, die über Kaftan, Peos und Kultur philosophieren, gar nicht merken, welch krasse Unbildung sie verraten. Die Herren scheinen noch nie etwas davon gehört zu haben, daß Civilisation und Kultur verschiedene Dinge sind. Mags immerhin sein, daß Kaftan und Peos nicht in die abschleifende, gleichmachende, Völker und Menschen einander nähernde allgemeine westeuropäische Civilisation hinempnsen — mir dem grade heute zu neuem Reichtum erwachenden Begriffe der Kultur hat die Nivellierung der Kleider und der Haartracht der Menschen wahrhaftig nichts zu tun! Selbst wenn der lange, zu Füßen wallende Rock nicht an einen höchst bedeutsamen Kultur in halt erinnerte, die Verhüllung menschlicher Blöße (siehe das Bibelwort II. B. M. 20,23), selbst wenn die Peos nicht das Menschenantlitz als den Spiegel der Seele in geschlossenem Rahmen hervortreten ließen und damit gleichfalls inhaltlich einen vollkommen „kulturberechtigten" Gedanken ausprägten — seit wann ist denn überhaupt das Ideal der Kultur die Gleichförmigkeit und nicht vielmehr die Eigenart? Wächst die Kultur, wenn die Natur und die Menschen alle uniformiert werden, oder sinkt sie nicht vielmehr im öden Gleichmaß des civilisierten Einerlei und erhebe sich nur in der Reibung der Individualitäten? Was können Kaftan und Peos als solche dazu, daß eine blöde Oberflächlichkeit sich den Kaftan nur schmutzig und die Schläfenlocken nur als Symbol der niemals beliebten Armut vorstellen kann? Warum der europäische Ladenschwengel mit Erftreifet euch nicht, die von Pracht ihr umgeben, Der Anblick der Schwcstergefilde? — Wohin ihre Anmut, wohin doch das Leben Der göttlich erhab nen Gebilde? Ergreifet euch nicht, ihr so prunkende Reichen, Das Elend der Nachbarn, der armen? Sie durften doch einstmals mit euch sich vergleiche»«, - Heut' find't ihr für sie kein Erbarmen? O, schneiden nicht tief in das Herzeuch die Wunden Der Menschen, die drarctzen jetzt bluten? Seit Tagen schon keiner mehr, der sie verbünde»«, So spür'n lie die soinmerlich' Gluten. O, schneiden nicht lies in das Herz euch die Qualen, Die Menschen da draußen erleiden, Die unter der Abendsonn' ruhigen Strahlen Wohl jetzt für das Vaterland scheiden? Verhüllt euer Haupt dr»rm, ihr friedlichen Auen, O, trau're, du liebliche Erde- — Und höret ihr dann,wenn der Morgen »vill grauen, Das tägliche Schöpfungsrv rt: „Werde" */ — Dann betet zu Gott, daß uns kräft'ge sein Wort, Auch uns bald erwecke zum Leben, Dann betet zu Ihm, zu dem göttlichen Hort, Der Frieden bisher euch gegeben. Und fleht für uns Menschen, die Gott nicht mehr hört, Daß Er uns den Frieden schaff' wieder, Den himmlischen Frieden, den alles begehrt, — O, flehet zur Erd' ihn hernieder! — M. C. *) jiwd npyö m' bhhön. Smoking und glattrasiertem Gesicht durchaus schöner sein soll als das mflde Antlitz des Denkers in weißseidenem Kaftan, vor dessen Stirnlocken aus feurigen Allgen die geistige Arbeit eines langen Lebens glänzt — mag vielleicht der sogenanltte Herr Rabbiner aus Saaz wissen, ein von Fanatismus freier Beurteiler nimmermehr. Es ist einfach Urteilslosigkeit und Feigheit, die den Kampf gegen Kaftan und Peos heraufbeschworen haben, einen geradezu kulturwidrigen Kampf, der in diese Zeit des Brechens aller Vorurteile und der Würdigung aller nationalen Besonderheiten schlecht hineinpaßt. Wenn unsere galizischen Brüder also — mit Recht — der Meinung sind, daß inmitten der östlichen Massensiedlung der plötzliche Bruch mit der überlieferten Sitte in Kleidung und Haartracht für die Heranwachsende Jugend ein gefährliches Spiel mit dem Feuer sei, so brauchen sie sich dieses Standpunktes vor dem Forum wahrhafter Kultur wahrlich nicht zu schämen. Man kann in Kaftan und Peos ein Leugner unh Verächter von Thora und Mizwos, kann in Westeuropas Schnitt und Stil der treueste Sohn des Stnaigesetzes und der rabbinischen Lebre sein — aber die Masse, die Allgemeinheit soll und darf nicht in die unwahre und unsittliche Vorstellung hineingehetzt werden, als gelte es nun, Glück und Fortschritt durch geschäftiges Niederreißen aller Scheidewände zu erkaufen, Hutter denen sich durch Jahrhunderte des Leides eine von Gottesliebe und Gesetzestreue getragene, selbständige jüdische Kultur entfaltet hat. Nichts wäre herrlicher,.als wenn mit Kaftan und Peos eine Generation von jungen Ostjuden heranreifte, die mit dem alten tiefen jüdischen Thorawissen, mit der alten religiösen Gefühlstiefe das volle Verständnis der Zeit und des Lebens verbände, und so Kaftan und Peos zum Symbol einer vollberechtigten Art von Lebensvollendung würden. Ein Problem — gewiß - aber —man l ö st Probleme gewiß nicht damit, daß man ihre Lösung durch einen Wust von oberflächlichen Kulturphrasen zur Unmöglichkeit macht, sondern lediglich dadurch, daß man sie ri chtig stellt und ernsthaft ins Auge faßt. Galizien. Rückblicke und Ausblicke. Po»» Dr. M. W. Rappaport in Strij. (Schluß). Die dritten, die Geflohenen, entwickeln sich zu einem besonderen Stand mit besonderem Na- Hochmut, die Quelle aller Laster. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen. Wie die Sonne noch schön ist im Verglühen, wenn sie mit ihren letzten Strahlen der Bäume Wipfel golden färbt und das Himmelsgewölbe in anmutsvollem Rot aufleuchten läßt, wie wir sie dann gerade staunend betrachten, »venn sie unierzutauchen willens ist, so bc- »»«»tudern wir auch Mose noch besonders in seinem segensvollen, heilbringenden Wirken vor seinem Scheiden. Der Herr hat das folgenschwere Wort gesprochen, das seinem Sehnen und Wünschen ein Ziel gesetzt; mit einem Herzen voll Kummers und banger Sorge hat er hart am Ziele seiner Hoffnung, wo seinem Schaffen und Mühen die Ernte seiner Aussaat winkte, vernommen: ,/f? -i, Genug dir!" Er bleibt aber der gleiche treue Hirte seiner Herde von ehedem. Er ermattet und erschlafft nicht. Mit einer Selbstlosigkeit »tnd Selbstverleugnung, deren nur sein goldreines Herz fähig war, nützt er nuä jeden Tag, ja jede Stunde, die ihn» noch gegönnt ist, unr zu mahnen und anzuspornen, zu belehren und anzueisern, um so des Bockes Zukunft zu sichern. So find Moses Reden ein herrliches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.