Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 32 (29.7.1915)
- Date
- 1915-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448538--67624-2488521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit . Ein Eentralnraan IBr das orthodoxe Judentum IffÜCT / II Begründe! oon Dr. Lehmann in mainz Bfica i 56. Jahrgang. Sranhfurf a. M . den 29. Juli 19X5 18. Ab 5675. M 32. Kturnmm P« Viertella-rr «ewöhnliche Ausgabe Rk. 1.50. veftauSgabe (Kunstdruck) «k. 3.—. A»Sla«dSv«ise: Gewöhnliche AuSgab«: Oesterreich-Uuaara » Ar.. Rußland 1 Rnb„ Cnglonb l ah., Amerika 60 dt«., Niederland» l.SO fl.. Graukreich Fn. sjo. AbouurmmtS bei all« »ostauftaltm, Buchhandlungen, sowie direkt bei de« Betlaa. HeftauSgabe nur direkt. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannatzme durch den Verlag deS Israelit ®. nt. b. H., Frankfurt a.M.. lSr. Sfchenheimerstr. 23 Xel.5842.Amt Hansa» sowie sSmtl. Annoncen-Exved. deS In- und Auslands. Ptatzvorfchrifte« ohne NerbindtichKett. Zahlnnge« können außer direkt an den Verlag erfolgm per Eonto bet de» K. fl. Wostfparkaffe E»ien 9N. 7# 6*i. Tauto bet de« K. Gostfpaeßaffenanet Budapest Mo. 18AU. Skonto bet der Mtgaer EkoMmerddanS t» Mtga und deren Mlialeu. ver narftdrudi der Rrflkel und Corretoondenjen des „Israelif“ Iff nur unter genauer Quellenangabe, unö, foroeit es tidi um größere ftuffäße fianöett, nur nach vorheriger Genehmigung gehaftet IrrhaltsSsterstcht. 1. Leitartikel: Kaftan und Pros. 2. Aufsätze: Dr.M. W. Rapvaport, Strij: Galizien. — 3. Gedicht: Aufruf an die Matur. — 4. Homiletik.' Rabbiner Dr M. Lewtn, Wreschen: Kochnmt, dir CsurUe aller Laster. — 5. Kleines Feuilleton: Aus dr» Erlebnissen rinrs Frldgristlichrn. — Der Roman eines jüdischen Soldaten im Elsaß. — Sabbat-Nacht im Felde. — Th Jeoreh? — Jerusalem in Kriegszeiten. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Cöin (Hilfe für Palästina.) — Berlin (Der Jüdische Frauenbund.) — Haag (Die holländischen Juden und die jüdische Emigration.) — Lausanne (Zum Schutze bedrohter Menschenrechte.) — Wien (Die Rückkehr oer Flüchtlinge.) — Aus den Gemeinden: Budavest-Steinbruch, Budapest, Ghör. — Petersburg (Man braucht sie.) — Stockholm (Russisches.) — Bern („Die Juden find schuld".) — Petersburg (Das Petersburger Hilfskomitee.) — Petersburg (Nikolai Nikolajewitsch warnt . .) — Zürich (Gegen die Judenverfolgung.) — London (Londoner Allerlei.) — New-Iork (Amerikanisches.) — Johannesburg (Zukunftspläne.) — 7. P e r s o n a l t e n: Memel (Rabb. Dr. Isaak Stein — Hersfeld. — Nördlingen. — Hohensalza. — Frankershausen. — Boskowttz. --- 8.Vermischtes: Gatltngen. — München. — Fürth i. B. — Tilsit. —Eydtkuhnen. — Wien. — Wien. — Timmendorfer Strand. — Kolberg. — Haag. — London. 9. Familiennachrichten. 10. Feuilleton-Beilage : Szenen vom jüdische« Kriegsschauplatz. Kaftan und peos. Bon Friedrich Hebbel/ dem genialen niederdeutschen Dichter, weiß sein Biograph eine tragikomische Episode zu erzählen. Der temperamentvolle Poet bricht auf offener Straße, alle Selbstbeherrschung verlierend, in einen Wutanfall aus, weil er erfahren hat, daß ein von ihm zu Tisch eingeladener, bis dahin hochgeschätzter jüdischer junger Mann aus religiösen Gründen die Einladung auszuschlagen gewagt habe. „Dann sitzt e r — so ruft der Dichter zornentbrannt aus — am Sklaventische der Geschichte und ich am Herrentische der Kultur!" An diese Geschichte, ein seltsames Zeugnis von der geistigen Blindheit eines intellektuell hochstehenden Menschen gegen religiöse Werte, wird man erinnert, wenn man die Polemik verfolgt, die sich während der letzten Monate in Böhmen an den Kaftan und die Peos der galiztschen Flüchtlinge geknüpft hat. In Friedenszeiten schon waren mancherlei Kräfte an der Arbeit, um wenigstens einen schwachen Strahl der in Frack und Rasiermesser, verkörperten westösterreichischen „Kultur" nach Osten M brinK». * Die Galizier waren völlig unempfänglich für diesen Gnadenstrahl aus dem Westen. Und selbst der Köder der sozialen Hilfe verfing nicht. Ihr gesunder jüdischer Instinkt bewahrte sie davor, für Ihr Bestes und Eigenes, das mit angeblich äußeren Formen abzulegen man ihnen zumutete, ein Wesensfremdes einzutauschen und neue Wege einzuschlagen, von denen man gerade durch dieDinge im kulturdurchtränkten Westen genugsam wußte, wohin sie hinausführten. Nun kam der Krieg, der entsetzliche, der Völker und Menschen trennt und eint und durcheinanderwtrbelt nach eigenen, ad lioc geschaffenen ehernen Gesetzen, der das Wunder vollbringt, daß der Berg zum Mohammed kommt. Galizien kam nach Wien und Prag. Gejagt von Kosakenbajonetten, getrieben von heißer Liebe zum Kaiser und zur armen Heimat, so kamen die Leute, Und fanden in der Eile der Flucht keine Zeit, ihre Toilette nach den Begriffen der ästhetischen Salons in Wien und Prag zu ordnen. Uebrigens konnten sie glauben, daß zu einer Zeit, da Kriegsbart und Schützengrabenkot Ehrenzeichen sind, da geflüchtete Slovaken, Ruthenen, Polen in ihrer heimatlichen Tracht die Straßen der Hauptstädte füllen, ihr langer Rock und ihre Schläsenlocke nicht sonderlich auffallen und kein anderes Gefühl als das des Mitleides und der Teilnahme mit den vom Kriege am härtesten Betroffenen wecken würden. An Mitleid fehlte es in den jüdischen Kreisen in der Tat nicht, und auch nicht an werktätiger Hilfe. Aber daß sich dem Mitleid die Verachtung gesellte und das Bestreben zeitigte, nun zu kultivieren, zu kultivieren um jeden Preis, die Galizier der „Ouelle alles Nebels und Unglücks", dem Kaftan, zu entziehen und sie nach Wiener und Prager Facon selig zu machen, des belehrt uns ein Blick in die jüdische Presse Oesterreichs, in der der Kampf um den Kaftan seit Wochen so heiß tobt, als gelte es, die letzte, den Weg ins Kulturland freigebende Höhe im Sturm zu nehmen. Es begann mit einem in jüdischen Buchstaben geschriebenen Aufruf an die Flüchtlinge, worin dieseaufgesordertwerden, sich in eigenem, wie auch im Interesse der Prager jüdischen Bevölkerung die Schläfenlocken abzuschneiden und die Kaftane abzuzulegen, zu dem in der Prager „Selbstwehr" vom 11. Juni zunächst, von zionistischer Seite sehr scharf mmommen wird. Ganz und gar nich t in unserem Sinne, aber nicht ungeschickt mit einem Hinweis auf die Zeit in Rußland, da Peter der Große auf den genialen Gedanken kam, allen Russen kurzweg mittels Schere zu euro päisieren und für die moderne Kultur zu gewinnen; alle russischen Bärte wurden zwangsweise abge schnitten. Es werde Licht!, sagte Peter der Große, und — als der Bart abgeschnitten ward, entstand das russische Licht! . . . „Nun wollen die Prager Herren an jene Art ankuüpfen, eine neo-petrische Kulturrichtung im Judentum e entwickeln, die aber nur ebensolche faule Früchte zeitigen wird." „Den Kampf um den freien, unabhängigen jüdischen Gedanken, meint der Arttkelschretber weiter, führen andere, mit anderen Mitteln und auf anderen Wegen. Andere: das nationale Judentum, das sich im Zionismus organisiert hat. Mit anderen Mitteln: einen Glauben kann man nur durch einen anderen ersetzen. Auf anderen Wegen: indem man in Liebe zum Volke es bildet und erzieht, um Ideale zusammenschart, die der Masse heilig werden, eine Revolution der Geister bewirkt, und ist das geschehen, ist der neue Glaube eingepflanzt, dann bedeutet dieser auch implizite den Tod der alten fanatischen Gebräuche, die natürlicherweise von selbst untergehen." Klarer und eindeutiger, das sei so nebenbei bemerkt, ist das jungnationale Glaubensbekenntnis, wie es tatsächlich die nationale Jugend besonders in Oesterreich beseelt, unseres Wissens noch nie ausgesprochen worden, und das Wort vom neuen Glauben, das enfant terrible der „Selbstwehr", wird vermutlich den Herren, die Andere und sich selbst gern über die innere, nach neuer Weltanschauung umwertende Bedeutung des Kulturzionismus hinwegtäuschen, keine Freude machen. Uns jedoch damit heute weiter auseinanderzusetzen, ist nicht die Aufgabe dieses Artikels. Bleiben wir also beim Kaftan, den wir auch verteidigen können, ohne in ihm „andererseits" den Ausbund eines mit allen Mitteln der Erziehung und einer Revolution der Geister zu bekämpfenden „Fanatismus" zu sehen. Herr Oberrabbiner Dr. Brody, Prag, tut es auch im gleichen Blatte, indem er die Verantwortung für das genannte Flugblatt ablehnt und auf die religiöse Seite der Frage eingeht,*) *) Wer sich für diese besonders interessiert und über den religiösen und ethischen Untergrund des «7-Berbotes mehr erfahren will, fei auf die AuS- -ff. -«r“* —s. .