Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 31 (22.7.1915)
- Date
- 1915-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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11. Jahrgang. üdiecber Volköfreund *44 Monaiz-Veilage rum „zrraein Tcrantwortlube Redaktion* Rabbiner Dl*, ß. Wolf in Köln. Seffentliche Einladung zur Versammlung unserer Vertrauensmänner in Rheinland und Westfalen zur Beratung aller die Aot in betreffenden Fragen. Palästina Sonntag, 25. Juli, nachmittags 3 Uhr in Cöln> Hotel Goldener Stern, Perlenpfuhl 5. Gäste willkommen. Deutsch-Holländische PalästinaBerwaltung. Lokalkomitee Cöln, Zentrale für Rheinland und Westfalen. Unsere Sol-atenfiirforge. Wo viele Hände sich regen, da bedarf es des Einzelnen nicht, wo wenige sinnen, da lohnt sich des Einzelnen Müh'. Um das große Elend der Massen sorgt sich der Brüder Schar, der geistigen Not Pflichternster sind die meisten Ohren verschlossen. Körperliche Leiden ergreifen, weil man das Unglück sieht, seelische Schmerzen gehen nur dem Empfindenden nah. Großzügig nennt man ein Wirken, wenn es auf viele sich ausdehnt, Kleinarbeit heißt man ein Schaffen, wenn es nur wenigen dient. Und doch ist nur für den Geber die große Gabe groß, wiewohl nur klein ist der Anteil, der einem von vielen beschießen. Für den Empfänger aber ist die kleine Spende bedeutsam, wenn er aus den Vielen als Sorgenkind hervorragt und ihn der Gedanke erhebt, daß „mit dem Brot der Spender Gemüt ihm mitteilt." Was groß und was klein ist, darüber entscheidet der Wert. Der Segen liegt nicht im Umfang, er wird durch die F r u ch t bezeugt, die er trägt. Ob wirtschaftliche oder sittlich-religiöse Not mehr Anspruch aus unsere Hilfe erhebt, ist dem Juden längst keine Frage. Nicht daß, sondern wie wir leben, bildet des Daseins Ziel und Inhalt. Das menschlich jüdische Leben bezeichnet die Forderung unserer Lebenspflicht. Diese.Pflicht, dem Bruder, der in Nöten ist, erfüllen M helfen, ist unsere nächste jüdische Gegenwartsaufgabe. Wer je als Jude mit dem Juden.jüdisch gefühlt hat, begreift die seelische Erhebung, die in der Brust des Juden im Felde das Wörtchen „Koscher" auszulösen vermag. Wer für die Koscherbeköstigung der jüdischenSoldaten spendet,- spendet zugleich zum Bäu eines heiligen Zukunftstempels, in dem wahre Priester des opferfreudigsten Judentums ihre Gaben oereinst aus den Altar ihres Volkes und der Menschheit in reiner Ueberzeugung und edler Dankbarkeit niederlegen werden, wenn die Waffen wieder ruhen und der Frieden seine Segnungen ausstreut Mir Versöhnung der Menschheit mit sich und ihrem Gott. Darum spendet reichlich und spende t immer Matzer für die Koscherbe« löstigung der Soldaten in Garnison und Feld. Kleinste und große Gaben, wöchentlich, oder monatlich als jüdische Volkssvende gegeben, belasten niemand und bezwecken Großes. Ans zu jüdischer Bolksfpenve in Stadt und Land znm Besten unserer jüdischen Soldaten rr Anmeldungen nimmt die Schriftleitung entgegen. Gin erstes Zusammentreffen. Wenn Kulturen sich begegnen, dann kommt es auf den ersten Eindruck an, ob sie sich Geschlechter hinaus miteinander harmonisch vereinen können. Der Hellenismus traf die Sadducäer und wurde zum geschworenen Feinde des Judentums, zu dessen Vernichtung er sich mit dem neuen Freunde verband. Wäre er von den Pharisäern empfangen worden, er hätte zur Stärkung des überlieferten Judentums beigetragen und die Seichtheit und Aeußerlichkeiten der Sadducäer wäre gebrandmarkt worden. Unsere Brüder in den von Deutschland neu besetzten Gebieten Russisch-Polens machen von neuem eine Zeit durch, wie sie der Epoche zu vergleichen ist, die man mit dem Auftreten des Hellenismus auf palästinensischem Boden zu bezeichnen pflegt. Ob dieser Vergleich im einzelnen wissenschaftlich gerechtfertigt ist, darauf kommt es uns im Augenblick nicht an. Wir wollen nur praktisch verstanden werden. Gegeben ist folgendes Problem. Die Maffe der polnischen Juden in Lodz, Bendzin und Umgegend verkommt angeblich oder buchstäblich vor Hunger und Elend. Agenten und Direktoren der Fabriken im Westen werben die Arbeitsfähigen ohne Rücksicht auf deren früheren Beruf als Arbeiter an. Aus Mangel an Arbeitsgelegenheit in der Heimat nehmen die Leute das Angebot an und unterzeichnen den Vertrag, der ihnen vorgelegt wird. Sei es, daß ihnen auch bisher nichts daran lag, fei es, daß die selbstverständlichen Einrichtungen des Ostens! ihnen durch die Gewohnheit nicht als Ausfluß eines Psttchtgebotes, sondern als zufällige Einrichtung erscheint, über die sie nicht Nachdenken oder fei es, daß sie, eingeschüchtert, als Zwang ansehen, was zur freien Wahl ihrer Entschließung gehört: sie unterlassen es, in den Vertrag entsprechende Bedingungen über Schabbosruhe und koschere Beköstigung aufnehmen zu lassen. So kommen sie in Krtegszeiten, ohne Kenntnis des jüdischen Schrifttums nach dem Westen nur mit einiger Erinnerung an gewohnheitsmäßig in bestimmter Umgebung gepflegten religiösen Uebungen ausgestattet. Was ist hier ihre erste Erfahrung? Welchen Eindruck von westlicher Kultur erhalten sie? Die durch den Krieg bedingten Beschränkungen zur staatlichen Sicherheit würden die Leute begreifen und wüßten die Tatsachen zu würdigen. Unter der eisernen Notwendigkeit der Verhältnisse wirken solche Vorschriften nicht persönlich verletzend und verbittern nicht. Aber die menschliche Behandlung läßt zu wünschen übrig. In einem Schuppen, ohne Licht und zu viel Luft, zusammengepfercht, haben Hunderte von polnischen Arbeitern ihr Omartier. Die eilig gezimmerten Betten stehen vierfach übereinander ohne genügendes Bettzeug. Die Arbeiter werden Opfer von Wirten, mit oenen die Fabriken Verträge abschloffen. Ueber 2 M. wird pro Tag für Verpflegungskosten am Lohn abgezogen, ohne daß die Kost entspricht. Für die religiösen Bedürfnisse haben die Fabrtkleiter kein Verständnis, gewiß nicht, wenn sie eine Unterbrechung der Arbeit bedeuten würden. Sie stützen sich auf die Verträge und sind in diesen Punkten formell im Recht. Aber die Psyche? Die erste Berührung mit dem Westen ist Arbeit, ist Geschäft und zwar bet ungesunden Lebensverhältnissen. Hand in Hand mit dem Erwerbsleben ist die Nichtbeachtung der gewohnten und ernst zu nehmenden Religionspflichten. Also vor dem Geist dieser Arbeiter steht der Westen unter dem Zeichen der Opferung von körperlicher und geistiger Gesundheit für die Arbeit. Im Westen gibt es keinen Schabbos, keine Speisegesetze, keine Tefilltn, kein Gebet — nichts was an Jüdisches erinnert. Dem Judentum sind diese Leute verloren. Es gilt daher, diese Bevölkerung in Russisch- Polen auszuklärea, bevor sie die Vertrage unterzeichnen. Einflußreichen Persönlichkeiten in jenen großen Gemeinden, die ihren Menschenstrom jetzt in den westlichen Jndustriebezirk ergießen, muß die Lage der Leute hier im Westen geschildert werden. Vielleicht gelingt es, diesem nicht nur religiösen, sonden auch körperlichem Massenelend Einhalt zu gebieten, damit das Judentum nicht wieder Kämpfe zu bestehen hat gegen den Materialismus, der Roms Erfolg gewesen ist, und die Welt allüberall in den kleinsten Kreisen und auf allen Gebieten dem Idealismus mehr Huldigung entgegenbrtngt. Der Geist des Materialismus har diesen Krieg beschworen, nur der Idealismus vermag ihn für alle Zeit zu bannen. tüDC^D So manches Prophetenwort wird durch seine Erfüllung erst verständlich. Aus dem Eintreffen seiner Ankündigung erkennen wir, daß „auch nicht eine einzige vermißt wird." Auch der Werdegang zur endlichen Zukunftsverheißung für Israel und für die Menschheit, auf dem wir — welch' frühe oder späte Etappe auch immer wir heute erleben — uns befinden, läßt iu uns ein ahnendes Begreifen dieser furchtbaren Gotteswaltung aufdämmern, vor deren Größe wir anbetend verstummen. Unfaßbar ist dieses Drängen der Staaten zum Krieg, unnatürlich besonders von dm Völkern, die (Äend und Schrecken, Rücksichtslosigkeit und Rohheit, Haß und Erbitterung, die in diesem Morden und Gingen die Herrschaft behaupten^ in