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Der Israelit · 1915-07-22 · Heft 31 (22.7.1915) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 31 (22.7.1915)
Date
1915-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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WV';!5>:jwfv; •*'* »'X'*---z-^‘^3^35?^ Leuilleton-Beilage zu Nr. 31 des „Israelit." Feuilleton. fOvv? M dem Kaiser. Eine Kriegsgeschichte aus Galizien. Von Vllyi» Karin. Bei der Flucht aus Lemberg ist er ihnen verloren gegangen. Auf einmal ist er nicht mehr da. Verschwunden. Wo er doch so schlecht laufen kann, der arme Naftali. Die einen meinten, er sei in dem vorderen Ochsemvagen untergebrachr. Aber nirgends ist er zu finden. Nirgends. So sehr der alte Siebenzweig Umschau hält, ihr armer kleiner, verhuzzelter Nnstali ist fort. Die Mutter, die ohnedies ein so verkümmertes Aussehen hat, bekommt plötzlich ein ganz altes, zerfurchtes Gesicht. Ringsum kreischen Kinder, Weiber weinen, Männer schreien ihr Hü und Hott, peitschen die Pferde und Ochsen zu größerer Eile, und aus der Ferne grollt drohend der Geschützdonner über das fahle Land. Dieses geliebte Land, das ihnen Heimat war. Sie wissen nicht mehr, daß ihre Straßen eng, dumpf und schmutzig fiitb. Heimat war es! Schutz, Dach und Leben war es gewesen! Naftali aber will von seinem geliebten schönen König Abschied nehmen. Noch einmal will er das ragende Standbild seines Königs sehen. Er versteckt sich in den Schatten eines Strebepfeilers der armenischen Kathedrale. Plötzlich hört e c Geschrei. Ein Haufe Ruthenen rast durch die Straßen. Sie brüllen — sie lärmen dahin mit fliegenden Haaren und wilden, verhetzten Gesichtern. Naftali zittert am ganzen Leib. — Wenn die ihn hier sehen, ist er verloren. Er weiß, sie hassen die Juden. Plötzlich hört er ganz nahe sprechen. Die Brücke über den Strwiaz will man sprengen, noch heute Nacht... Er zittert nicht mehr. An die Mauer preßt ec sich, er fühlt nicht mehr die Kälte des Steins, er selbst ist wie Stein. Kalt, ftaar, sein dünnes, armes Gewand deckt notdürftig den mageren, verwachsenen Körper. — Fest schließt er die Lippen über den schönen, weißen Zähnen. Die Lider läßt er über die Glut seiner schwarzen Augen fallen... Das Gleichmaß soldatischer Schritte weckt ihn aus seiner Starrheit. Des Kaisers Soldaten! Ach, ein einziges Mal möchte er den Kaiser sehen! Den Kaiser, dessen Bild er einmal bei Schillern Balken in der Auslage gesehen. Wie nur das Gesicht wieder vor ihm aufleuchtet! Diese Augen, vor deren Macht er sich verkriechen, die er gleichezeitig anbeten möchte! Und der Helm! Flügel schimmern und gleißen auf. Goldene Flügel! Für den Kaiser marschieren die Soldaten! Ach, wäre er doch auch so groß, so stark und so — gerade gewachsen wie die! Ein bitterer Zug prägt sich um Naftalis schönen Mund. Aber kann er nicht auch helfen?! Kann er die Soldaten nicht warnen?... Werden sie auch hören ans ihn? Naftali streckt lauschend seinen Kops vor. Er weiß mit einemmale, was er will, und alle Furcht verschwindet vor diesem Willen. Er humpelt ans dem Schatten heraus, in hellere Straßen. Eine Trainkolonne kommt dahergerat- 1m. Ein Unteroffizier entdeckt Naftali und hält ihm die Blendlaterne vor das Gesicht. „Was willst du denn' hier?" schreit er ihn an. „Ich möchte Ihnen was sagen, H)err Offizier. Ich weiß, daß heute Nacht die Brücke über den Strwiaz gesprengt werden soll. Ich kann Sie führen, wenn .Sie wollen, Herr Offizier, daß Sie früher dort sind wie die Ruthenen..." Ein Offizier kam hinzu. Er schaute den kleinen, halb verkrüppelten Judenbuben aufmerksam in das blasse Gesicht. „Gut. Führe uns!" In Naftalis Augen lebt ein Licht auf. „Hier, durch die Lyczakower Vorstadt, dann bk Straße links, Herr Offizier..." „Komm mit vor." Naftali humpelt neben dem Offizier. Sie laufen fast. Dann hebt ihn eine eiserne Faust beim Rockkragen, und er fitzt neben zwei Soldaten auf einem Wagen. In die Nacht geht es hinaus. Scheinwerfer lassen ihr Licht vor ihnen auf dem Weg tanzen, dann peitscht ein Regenguß eisige Wassersträhne in die Gesichter. Der eine Soldat hüllt Naftali iit eine harte Pferdekotze. Bon Zeit zu Zeit kommt eine schmale, langfingerige Hand hervor und zeigt den Soldaten dm Weg. Gegen Morgen sind plötzlich hinter Waldhüaelland kleine Staubwülkchen hoch in der Luft sichtbar. „Kosaken!" schreit einer. Im Nu sind die Sicherungen los. Naftali hält zum erstenmale Pferdezügel zwischen seinen Fingern. Er weiß selbst nicht, wie das geschieht — aber er fährt weiter. Eine Böschung hinab. Hinter Buschwerk und Gestrüpp bewegt sich etwas, steht auf und winkt — winkt — dann kracht es, pfeift, und, der kleine Naftali sinkt rücklings auf die Pservekotze. Da kommt schon ein Offizier herangesprengt. Donnersalven rollen über das Land. Fliehende Kosaken — feldgraue Uniformen — im Nu ist alles lebendig... Es ist Abend. Im Etappenlazarett liegt der kleine Naftali. Er hat einen.Schuß in der Lunge. Ein hoher Offizier kommt mit drei Herren seines Stabes herein. Der Arzt führt die Herren an Naftalis Bett. Fieberglänzend, märchenschön öffnen sich noch einmal Naftalis Augen. Er weiß nicht mehr, wo er ist. Er sieht ein Gesicht, und das — das ist der Kaiser. Und plötzlich nimmt der „Kaiser" ein kleines schwarzes Kreuz aus Eisen von einem der Offiziere und legt es Naftali auf die Brust. Und etwas unerhört Märchenhaftes geschieht. Der „Kaiser" küßt Naftali Siebenzweig und der ist groß und gerade und trägt eine wundervolle Uniform, und in der kleinen Judengasse stehen alle vor den Türen und winkerrdern schönen, starken Naftali zu, und . die Mutter strahlt vor Glück und Stolz, und Zofia Zacharkow spottet nicht mehr über den buckligen Naftali, sie beugt sich glücklich, demütig vor dem Helden. Der Rabbi weint vor Rührung und .sagt immer wieder „Jeworchecho". Die Sonne kommt und strahlt, und alle Menschen staunen, daß der Kaiser selbst den jungen Naftali führt, und sein Glück ist so stark, daß sein Herz Plötzlich vor lauter Seligkeit zu schlagen aufhört... Szenen vom jüdischen Kriegsschauplatz. I. Leba Davidowitsch, die in Alsäscbes die Gastfreundschaft einer gutherzigen jüdischen Familie genießt, erzählt: — Allmächtiger Gott! Tarnow ist das einzig traurige Kapitel meines jungen Lebens. Dort habe ich meine Eltern verloren. Bon meiner armen Mutter fehlt mir jede Spur. Vom Vater weiß ich nur, daß ihn die „gürrreiche" Armee Dadko Dimitriews zu Tode Marterte. Das hörte ich von einem Nachbar. Man habe meinen armen Vater wegen Spionage verhaftet. Er wurde aus dem Bett gerissen und verhört. Geflüchtete Kriegsgefangene sollte er verborgen haben. Dort hielt sich das Gerücht, daß in Tarnow ungarische Soldaten, verkleidet, verborgen seien. Eme Des nunziation genügte, um meinen Vater zu martern. Er wußte natürlich nichts und tonnte nichts gestehen. Das war sein Verhängnis. Er wurde gepeitscht, zerstampft und als abschreckendes Beispiel an beiden Händen an die Tür genagelt... Während Leba dies erzählt, schluchzte sie aus ganzem Herzen und beweinte in brennendem Schmerz den Verlust des zu Tode gequälten Vaters. Und Ihre Rettung? Wissen Sie — setzt sie seufzend fort — als im November das Gerücht durch die Luft schwebte, daß die Russen nahen, wurden wir, jüdische Mädchen, von den Eltern gesammelt, und in die verlassenen Räume eines großen Möbellagers eingemauert. Nur eine geheime Türe blieb offen, durch die wir von den edelsinnigen Bürgern ernä hr t wurden. Es waren dies — mein Herr — traurige Tage. Monate verrannen in düsterer Einsamkeit und ewigem Schrecken por der russischen Entdeckung. Zum Glück blieben wir verborgen, bis die Stadt entsetzt wurde. Aber meine Eltern sind verloren. Mich trieb es her, weil ich in Tarnow nichts mehr zu suchen habe. Nur dieses Jontof-Machsor erinnert mich an einstiges stilles Glück und an die verlorene frühliche Heimat. Sehen Sie — und sie zeigte ein vergriffenes Machsor, in das sie am letzten Jontos bei der Haskara ihr ganzes Leid hineinweinte - da ans dem Titelblatt verzeichnte mein arme-, guter Vater meinen Geburtstag: „Meine teure Leba soll leben und gesund sein, wurde zu Masel, in einer glücklichen Stunde am zweiten Tage Schwuoth 5661, gerade als man Maskir sagte, geboren. Haschern jisborach soll mir helfen, sie zu Masel und Brocho zu erziehen in guter Jüdischkeit." Kau erschienen! Unentbehrliche Belehrung«- und UnterhaltungSlektüre für jüdische Soldaten und Krieger. Im Kriegslager von S. Schachuowttz Heransgeg. durch die „Agndas Jisroel"-Jugendorganksatioil, Mischer Volksfchrtstenverlag G. m. b. S. Frankfurt am Main. Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays geben in der Hauptsache einen Cyk lus im Frankftlrter „Mekor Cyajint" gehaltener volkstümlicher Lernvvrträge wieder und bewegen sich in der Gedankenwelt des bekannte» rabbinischeu Belehrnngs- und Erbauungsbuches für Soldaten und Krieger ‘7XHP’ n:na von Rabbi Israel Meir Hakohen zu Radin. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Massenabnahme billiger). Zu beziehen durch das Büro der Agndas - Jisroel - Jugendorganisation, Frankfurt n.M., Am Tiergarten 8. Im gleichen Verlag ist erschienen: Zm Schatten des Weltkriegs Jüdische Skizzen von S» Schachnowitz. Preis 30 Psg. Das interessante Novellenbüchlein hat schon in den ersten Tagen seines Erscheinens etne so günstige Aufnahme in der Presse wie beim Publikum gefunden, daß die erste Auflage bald vergriffen sein dürfte. *

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