Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 31 (22.7.1915)
- Date
- 1915-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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K/JuU ISIS und dachten: vostra enlxa, wir müssen gesündigt haben, und die Strafe ist dieses schreckliche Ereignis. Lasset uns uns bessern — da, hizliach maasei soton — da glückte es dem Bösem, das Gute nicht zuzulassen und das Nebel feftzuhalten. Eine Bereinigung der frommen Juden aller Länder, die einen Damm gegen die überhandnehmende Gottlosigkeit bi Len sollte, hätte schon lange gegründet werden sollen. Galizien war zur Mitwirkung zu einer solchen Aufgabe "in erster Reihe berufen — schon durch seine geographische Lage in der Mitte zwischen der westlichen und östlichen Judenhett Europas, aber auch durch die Qualität seiner Judenschaft, die z. T. jüdisches Können mit modernem Wissen verbunden hatten. Dazu kam, daß die Juden dort in einem Lande lebten, das jüdische Freiheit neben der allgemeinen bürgerlichen gewährte. Kurz, alle Borbedtngen waren gegeben. Nur eines fehlte — der gute Willen. Da erscholl der Ruf vom Westen her, da regte sich dort der Wille zu einer jüdischen gesetzestreuen Organisation in der AgudaS Jtsroel. Auch Galizien hätte jetzt mitgearbeitet, doch eben, wenige Tage vor der ersten großen Versammlung, die der Agudoh ein festes Gefüge geben sollte, kam der Krieg und drohte die junge Frucht schon im Keime zu vernichten. Was hätte die Vereinigung des Ostens und des Westens nicht alles leisten können! Den frommen Juden dort in Frankfurt war gewiß ein Verständnis für ihre galizischen Glaubensgenossen aufgegangen, denn auch sie kannten den Gegensatz zwischen den kulturellen Verhältnissen und den Vorschriften der Religion, den Gegensatz zwischen religiösen Wünschen und prattischen Forderungen, und hatten ihn im Sinne der Religion auszugleichen verstanden. So weit war Galizien noch nicht gekommen. Empfunden hat es den Gegensatz auch, auch versucht, ihn auszugleichen, auch es fand seine Auswege, die aber selbstverständlich allzuoft anders ausfielen als die der Juden im Westen. Unsere Galizianer ließen allzuoft das Fatum walten. Stillschweigend mit verschränkten Armen lebten die einen nur der Beobachtung ihrer Religion — das praktische Leben ging über sie zur Tagesordnung über. Da waren andere fähige, tüchtige junge Leute, sie wollten arbeiten und sie arbeiteten auch. Aber ihre Berufe, die sie sich wählten, waren solche, die ein Wirken für das große Ganze von vornherein ausschlossen. Sie konnten der Beobachtung der religiösen Satzungen gewissenhaft leben, aber auf höhere Lebensstellung, die ihnen ein großes Wirkungsgebiet geboten hätten, verzichteten sie im Namen der Religion. Dadurch kam es, daß die großen, ertragsretchen Beschäftigungen durch die Konkurvwtz »wo rmnn, allen Geschlechtern Trost zu spenden, ist mein Beruf", a»ro vh nvx 'p^x now, es heißt doch auch darum nicht „der Herr hat getröstet", sondern „der Herr wird trösten." Der Glaube an Gottes Liebe, die Erkenntnis, daß Gnade und Erbarmen sein Wesen ist, diese Ueberzeugung, die in dem Tborawort verbürgt liegt, bleibt für alle großen und kleinen Schmerzen des Lebens der offnungSanker und soll uns auch in den Sorgen und engsten der Gegenwart aufrichten. Wir empfinden dieses Zagen als Juden wie als treue Bürger unseres Vaterlandes. Darum gilt gerade unserm Geschlecht der doppelte Trostruf des Propheten. Sehen wir, obwohl das Kriegsjahr seinen Kreis geschlossen hat, noch immer unser deutsches Volk um feinen endgiltigen Erfolg ringen, so darf uns gleichwohl nicht um unsere Zukunft bangen. ES ist ja das Gotteswort, das sich den Sieg erkämpfen wird, der Wille des Herrn, der die Gerechtigkeit und Gesittung über die Gewalt und Frevel triumphieren lassen wird, daß die Wahrheit über die Lüge, das Recht über die Macht zur Herrschaft gelange. Auf dem Wege zu diesem Ziele muß aber auch so manche Blume hinwelken. Was bedeuten jedoch die Einzelnen, auch wenn es tausende find, so schwer auch die, denen diese unsäglichen Opfer auferlegt werden, an ihnen tragen, gegenüber dem Ewigkeitswerte der Gesamtheit! Da dürfen wir auch als Juden nicht verzweifeln. Mag auch die nahe Zukunft noch nicht die ersehnte Erlösung allen bringen, Israel zu vernichten und dem Untergänge zu weihen, wird auch diesmal fein Zwingherr und Tyrann nicht vermögen. In ihm lebt Geist vom Geiste des Ewigen und Unverwüstlichen. An dieser Erkenntnis mögen mir uns aufrichten. Mit ihr trägt sich leicht eine jede Bürde und drückt auch dke schwerste Last nicht, mit Ihr werden , _ Der JSraelit. renz der nichtfrommen jüdsschen Kreise in Bahnen geleitet wurden, die dem religiösen Leben gefährlich wurden. Der Schabbos für jene war nicht mehr der Ruhetag. Alle Nerven wurden angespannt für das Erwerbsleben, und kein Platz war mehr vorhanden für die Ideale, die in der Brust des Juden leben müssen. Das aber war für die große Menge gefährlich, denn das schlechte Beispiel wirkt meistens stärker als das gute, wie es jene dem Reltaionsqesetze treuen Söhne Galiziens boten. De freien Berufe, Advokatur, Medizin, Lehrerstand waren ganz den Händen der Frommen entschlüpft., und so waren die Begriffe von „fromm" und „ökonomisch gedrückt" fast zu Synonymen geworden. Freilich gab es auch Ausnahmen. Die Erben großer Vermögen waren z. T. fromm geblieben, aber das waren nur Ausnahmen, die d!e Regel bestätigten. Außerdem gab es noch eine kleine Anzahl von religiös Gewissenhaften,, die in besseren Lebensverhaltniffcn waren, die Besitzer von Häusern und Landgütern, denen die Verwaltung ihres Vermögens so leicht war, daß sie gar nicht in Versuchung gerieten, das Religionsgesetz zu übertreten. Wir dürfen freilich eine größere Anzahl Leute nicht vergessen, die im Herzen minder fromm waren und sich doch religiös führten, sowohl solche, die in den freien Berufen ihren Lebensunterhalt erwarben, als auch die große Anzahl der Angestellten aller Art, die sich äußerlich wie ihre Herrschaft religiös führten. Der allgemeine Wohlstand war ein ziemlich hoher. Wenigstens wenn man ihn mit der Armut des Landes in früheren Zeiten vergleicht. Tie Parzellierung von Gütern, der Aufbau und die Neuadaptierung von Häusern, die Gründung zahlreicher Banken hatten einen reichlicheren Verdienst gebracht und auch vielen Juden Amt und Stellung verschafft. Dadurch fand auch eine große Zahl von Rabbinen und Talmudisten jeglicher Art jetzt ein entsprechendes Auskommen. Und sie waren es, die die Religion und deren Gesetze bis in die kleinsten Details in Obhut genommen nnd vor allen Dingen für jüdisches Wissen sorgten. Da kam der Krieg und mit dem Krieg das Moratorium. Jener iraf die Persönlichkeit, das Moratorium das Vermögen. Persönlich benahmen sich die Juden in den neuen Verhältnissen tadellos. Es ist bezeichnend, das alle jüdischen Einberufenen, ohne Ausnahme, sich ordnungsgemäß einstellten, einrückten und sich dann im Felde durch besondere Tapferkeit auszeichneten, was durch eine große, lange Reihe von militärischen Ehrenzeichen, deren Verleihung man täglich in den Verordnungsblättern lesen kann, bekräftigt wird. Das betrifft jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung, da die wir die Zeugen des ewigen lebendigen Gottes, als die wir uns weihen, täglich zwei- und dreimal, wenn wir unser Bekenntnis sprechen und unverbrüchliche Treue und Hingebung bis in den Tod dem Einig-Einzigen und seinem ewigen Worte geloben. „Es dorrt das Gras, es welkt die Blume", das ist heiliger Wille der ewigen Weisheit, „aber das Wort unseres Gottes besteht ewig", das ist unser Trost, unsere Hoffnung und Zuversicht, das ist auch die Bürgschaft für den Sieg alles Guten und für die Verwirklichung unserer jüdischen Ideale. Kleines Feuilleton. Zn Moskau. Ein Traum. Von Sara Schlesinger. Hefter die engen, krummen Straßen Moskaus gleiten lautlos die Schlitten dem Kreml zu. Im Zarenschloste ist scierlichcr Huldigungsabend. Weitgeöffnet sind die Tore des im blendenden Lichtmeere strcchlenden Palastes. In kostbares Pelzwerk gehüllte Damen und Herren schreiten die Stufen hinan, um vor dem allgewaltigen Herrscher zu erscheinen. Ergraute Feldherren und adelsstolze Aristokraten. Goldstrotzende Höflinge und Männer des Kapitals, des Geistes, der Wissenschaft. Wie sie sich bücken und beugen! Wie die Diamanten blitzen, die seidenen Gewänder rauschen! Im funkelnden Thronsaale Glanz und Pracht. Schatze einer halben Wett. Wer fühlt ^.das Sausen der Knute, hört das Rasseln der Ketten, hört den Angstschrei eines Volkes? No. 31 Seite 3 waffenfähigen Reservisten nur einer» kleinen Prozentsatz der allgemeinen Beoölkerungszisser ausmacben. Die anderen militärischen Mannschafts aushebungen hatten noch gar nicht begonnen, als Galizien schon vom Feinde besetzt wurde. Es ergab sich nun ene Teilung der Bevölkerung. Die einen blieben in dem vom Feinde besetzten Gebiete, die anderen lebten in den nicht besetzten Gebieten weiter oder flüchteten nach dem Westen. Neber die erste Gruppe läßt sich auch jetzt nach der Rückeroberung Galiziens noch nichts Rechtes sagen, da nur mangelhafte Berichte vorliegen.*) Anders ist es bei der zweiten Gruppe. Die in Galizien zurückgebliebenen Juden stellten sich ganz in den Dienst der militärischen Anforderungen. Sie arbeiteten bei Tag und Nacht, um der Militärverwaltung die notwendigen -Vorräte und Gegenstände zu beschaffen, wobei sie für ihre schwere und aufopfernde Arbeit allerdings einen entsprechenden Verdienst erlangten. (Schluß folgt). ' Vermißte jüdische Familien. XXIX. Es sucht: Es werden gesucht: Sender Sturm, Schwa- Jsac. Rapaport nnd bach ö. Nürnberg. Frau Ettel und Familie a. Sokol (Galizien.) Jam. Schamme Meier, Frau Traide a. Olesro bei Brody. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Eorrespoildenzen und Aachnchiev. Deutsches Reich. Aus öen okkupierten Gebieten- Lodz, 16. Juli. Die erste Sitzung der nrugewählten St adtverordnetenversammlung hat am Dienstag stattgefunden. U. a. wurde eine Schuldeputation, bestehend aus drei Mägistratsmitgliedern und neun Stadtverordneten und Bürgern gebildet, sowie eine Ar- *) Siehe sjedoch die Corresp. Wien in dieser Nummer. Red. Hellauf blickt das Auge des Beherrschers aller Reußen. Ist nicht Huldigung, knechtische Untelloürfigkeit aus aller Lippen'? Befriedigt im Vollgefühl seiner unumschränkten Macht pocht sein Herz. Festgefügt ist sein Thron, denn Schwert und Beil sind seine Stützen. Doch plötzlich, wie wird das Antlitz des Zaren totenbleich! Sicht er Gespenster nahen, sieht er das „Mene-Tekel" an weißer Wand? Schön wie die Götter Griechenlands - nie sah er solche in seinem ganzen Lande - stehen drei Jünglinge vor dem Tyrannen. Ihre Wangenröte gleicht dem Morgenrot, in ihren Angen loderndes, heiliges Feuer. Können Sklaven solche Söhne zeugen? Sind das die Sprößlinge jener Geächteten, Verstoßenen? Können Jahrhunderte der Verfolgung ihren Lebensdrang nicht ersticken? Läßt er nicht genug Ströme ihres Blutes fließen, im Namen der allumfassenden, allererbarmenden Liebe? Und einem Zwange gehorchend, hört der Tyrann die Wprtc, die gleich Pvsaunentönen an sein Ohr dringen: „Großer und mächtiger König' In deinem Reiche geht die Sonne nicht unter, und es ist finstere Nacht darin und Eiseskälte. Keine einzige Blume blüht, nur Todeeblumen. Sieh wie Willkür, Haß. Unterdrückung gegen ein Volk geübt wird, das das Licht der Freiheit brachte. Laß es nicht zu, daß man chm sein Geld raube, seine Häuser verbrenne, seine Gräber schände, seinem «stauben fluche. Höre das Todesröcheln ermatteter Greise und lebenswarmer Jünglinge nnd Jungfrauen. .Höre das Wimmern unschuldiger Kinder, das Aechzen der Mütter. O, mächtiger Zar:' laste Erbarmen Watten. Ein Wort von dir und du hörst das dankbare Jauchzen einer ganzen Welt!" Katt und hart wie Stahl blickt das Auge des