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Der Israelit · 1915-07-22 · Heft 31 (22.7.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 31 (22.7.1915)
Date
1915-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ccttc 1 Nr. 31__ Gericht, noch an ein Fortleben der Seele nach dem Tode. Folglich ist mehr Aehnlichkeit vorhanden zwischen der ursprünglichen christlichen Weltanschauung und der des Mohammedanismus als zwischen der der liberalen und orthodoxischen Richtung innerhalb der protestantischen Kirche." Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang eine im Verlag von Beit & Co., Leipzig erschienene Serie von Schriften des „Deutschen Vorderasienkomttös", das unter Leitung von Or. Hugo Grothe eine ganze Reihe hervorragender Sachkenner zur Mitarbeit an dem Problem der orientalischen - Kulturpolitik vereinigt. Ein hübsches Heft von Prof. Horten-Bonn führt in die islamische Getsteskultur ein und bemüht sich, uns klar zu machen, daß man den tieferen Gehalt dieser Kultur nicht etwa nach dem Wortlaute und dem Vorsiellungskreise des Koran beurteilen dürfe, sondern vielmehr die philosophische Durchdringung des überlieferten religiösen Gutes als maßgebend betrachten müffe, wie sie in einer großen, seit dem Mittelalter weiter entwickelten Literatur zu Tage trete. Die religiös-philosophische Gedankenwelt dieser Literatur stehe an Reichtum und Anpassungsfähigkeit derjenigen des Christentums keineswegs nach. Urber die Zukunftsarbeit der deutschen Schule in der Türkei verbreitet sich Oberlehrer vr. Blanken bürg-Zeitz, der darauf aufmerksam macht, daß neben 600 französischen, 500 amerikanischen und englischen, 200 italienischen, 60 russischen nur etwa 25 deutsche Schulen in der Türkei existieren. Das jüdische Schulwerk im Orient wird dabet merkwürdigerweise, mit Ausnahme desjenigen der „Alliance Jsraölite Universelle" vollkommen außer acht gelassen, und es ist auch ganz übersehen, daß die Jargon sprechenden hunderttausend Juden Palästinas durch das Medium der Sprache von vornherein als die Pioniere des deutschen Kultureinflusses gelten können und müssen.*) Dagegen zeichnet sich auch die Schrift Blankenburgs durch die stärkste Betonung der Notwendigkeit aus, bli aller Arbeit im Orient den tiefsten Respekt vor den religiösen Voraussetzungen des Volkslebens zu betätigen. „Mit ödem Aufkläricht", so schreibt der Verfasser, „oder sonstiger Freigeisterei ist, zumal im vorderen Orient, nicht viel Staat zu machen. Auch der gewiß nicht reaktionären jungtürkischen Schulverwaltung ist sie zuwider. Als sie erfuhr, daß an einer Schule -er Provinz die Lehrer ihre Gebetsübungen ver- *) Siehe hierzu besonders eine soeben erschienene Schrift von Davis Trietsch: Juden und Deutsche, eine Sprach- und Interessengemeinschaft, Wien 1915, N. Löwit Perlag, Preis 1 Mark. _Der Israelit._ nachlässigten, das Ramadan-Fastengebot übertraten und in Skeptizismus nnd Freigeisterei „machten", da verordnete sie prompt: „Unsere Lehrer haben sich der Religionsltebe zu befleißigen." Dabet hat der Moslem Achtung vor jeder Art positiven Stellungnahme in religiöser Hinsicht, wie denn überhaupt die Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Türkei größer ist als in manchen westlichen Gemeinwesen. Mit außerordentlichem Taktgefühl müssen religiöse Empfindlichkeiten geschont werden. Der deutsche Schulreformer wird bet der Einrichtung eines modernen Schulbetriebes oft auf ganz unerwartete Schwierigkeiten stoßen, die sich jedoch bei gutem Willen beheben lassen." Ja, der Verfasser ge t soweit, daß er sogar die Schonung offenkundiger Seltsamkeiten wie die religiösen Bedenken des Dorfschullehrers beim Geographieunterricht mit aller Entschiedenheit fordert. Es ist hier nicht etwa einfach politischer Egoismus, der zur Aufrechterhaltung oder zur Gewinnung eigenen Einflusses die Schonung fremder Vorurteile predigt, sondern das tiefe Bewußtsein von dem nicht ohne schweren sittlichen Schaden zu verkennenden tief innerem Zusammenhang zwischen Volksreltgion und Bolksmoral, was den Vertretern einer vernünftigen kolonialen Kultur Politik Deutschlands ihren Standpunkt gegenüber den religiösen Anschauungen d?r Fremde vorschreibt. Ist dies aber der Fall, dann sollte man unseres Erachtens diesen Standpunkt gerechterweise nicht nur gegenüber der in einem selbständigen fremden Staatswefen organisierten mohammedanischen Getsteswelt betätigen, sondern einer uns geographisch zwar näherliegenden, Westeuropa aber zum Teil weit verschlosseneren Kultur: derjenigen der osteuropäischen Judenheit. Auch diese steht — in Ruffisch-Polen,z.T. auch in Galizien — vor einer neuen Phase ihrer Entwicklung. Auch ihr gegenüber werden bon deutscher Kultur erfüllte Persönlichkeiten und Behörden, welcher Konfession auch immer, erzieherische Aufgaben zu lösen haben, und wir möchten nichts weiter wünschen, als daß dabei die ehrlichen und sittlich hochstehenden Prinzipien zum Leitstern genommen werden, die unsere führenden Kulturpolitiker für den islamischen Orient als angemessen erachten. Fremd steht man in Deutschland den langen Röcken und Bärten der Oftjuden gegenüber, fremder fast als dem Turban und dem Zopfe. Ihre Psyche und manche ihrer Aeußerungen können nicht begriffen werden, ohne jahrelang gepflegte innere Beziehungen zu dem religiösen Schrifttum, und zu den inneren Erlebnissen, auf denen sich die ostjüdische Kultur aufqebaut hat. _ _22. Juy 1915 Daß sich jenes Schrifttum an gedankenreicher Tiefe, gefühlsmäßiger Kraft und sittlicher Reinheit neben der islamischen Geisteswett sehen lassest kann, wird keiner bestreiten,, der es von innen kennt, und seine pädagogischen Kräfte hat es in der Aufrechterhaltung einer Bolksmaffe bewähict, die ohne es unter der Wucht aufreibendster Geschicke physisch und sittlich rettungslos zu Grunde gegangen wäre. Wollte die deutsche Kulturpolitik hier nicht mit dem allerttefsten Respekt vor der Eigenart und sittlichen Berechtigung des historisch Gewordenen auftreten, wollte sie auch nur im geringsten den Herrenstandpunkt heraüskehren, statt — wie es für den Orient mit Recht verlangt wird — im Verkehr mit mündigen und geistig durchgebildeten Menschen als geistiger Geburtshelfer bescheiden beim Uebergang in eine neue Zeit mitzuhelfen, so würde sie ihre Befähigung zur Kulturpolitik im Großen aufs schwerste kompromittieren und eine Verantwortung auf sich zu laden, deren Größe kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Wir hegen jedoch die Zuversicht und schöpfen sie erneut aus der immer reicher anschwellenden Literatur über die deutsche Arbeit im Orient, daß man auch im näheren Osten, an dessen Werden und Wachsen wir ja mindestens als Nachbarn um so stärker interessiert find, den Geist echter religiösnationaler Toleranz zu betätigen wissen wird. Galizien. Rückblicke und Ausblicke. Von Dr. M. W. Rappaport in Strij.*) Vor dem Kriege war das Gros der galtztschen Judenschaft streng gesetzestreu. Es beobachtete die religiösen Satzungen und Gebräuche, und seine Rabbiner und Talmudkenner waren, der Stand, der das größte Ansehen genoß und dadurch auch praktisch in das Volksleben einzugreifen vermochte. Das Volk war fromm. Es sah über allem die Waltung seines Gottes, denn für den frommen Juden gibt es keinen Zufall. Als der Krieg ausbrach, da tauchte wohl die Frage nach der letzten, das ist nach der religiös begründeten Ursache desselben auf. Denn zwecklos sendet der Himmel solche Ereignisse nicht auf die Welt hinab. Nicht die kleinste Einzelheit im Leben geschieht ohne Fügung des Allerhöchsten, und gewiß kommt ein Krieg nicht ohne sie und gar erst ein Weltkrieg wie der des Jahres 1914. Und da schlugen unsere Galizianer sich an die Brust *) Aus dem ebenso schön wie reichhaltig ausgestatteten Juli hefte der „Blätter der AgudaS JiStoel Jugendorganisation" (Bund gesetzestreuer Mischer Jugendvereine). Tröstet, tröstet! Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in W reichen. Wenn die ernsten, dumpfen Klänge der Klage und Trauer allmählich verhallen, wenn sich uns von neuem das ganze Weh und Elend in all s.'inen düsteren Farben enrhüllt haben, unter denen wir im Exil schmachten, »nenn uns da eine namenlose Sehnsucht nach der Herrlichkeit von ehedem erfaßt und sich über die Lippe die heiße innige Bitte drängt: ,/m ■pSt 'n ’uanpn, Bringe uns zurück. Ewiger, zu Dir, daß wir zurückkehren; erneuere unsere Tage wie ehedem", dann haben die drei Wochen und mit ihnen der 9. Ab ihr Läuterungswerk an uns vollbracht, dann ist der Boden vorbereitet für die segensvolle Heilesfaat der Trostsabbathe, an denen Gottes Liebe das gebeugte Israel wieder aufzurichten sucht. Drei Sabbathe der Mahnung und Zurechtweisung, aber sieben Sabbathe der Erhebung und Tröstung, so strömt die Liebe des Herrn über, so ist seine Gnade unendlich größer als sein strafender Zorn. ,/pPx Ivx» »vp ion: ivn). Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott." Das ist das erste Prophetenwort, das wir nach den ernsten Trauertagen vernehmen. In diesem Worte hat Israel seit Jahrtausenden seinen Trost gesucht und gefunden. Die Ueberzeugung, daß der Allgütige im Himmel seine Gemeinde aus Kummer und Schmerz erheben will, träufelte ihr lindernden Balsam auf alle Wunden ihrer Seele. Wie die Sterne in dunkler Nacht ihren Glanz entfallen, so lichtete sich ihr Dunkel unter dem Klange des Prophetenwortes: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Zweimal verheißt hier Gott der Gemeinde Israels Trost. Nicht ohne Absicht, nicht zufällig: „n227> .122 ru'22 vm 2ir»L» »e& ">VN2 1VN2 “|2*7 w rv2 ptfx-i no ty, Dieweil doppelt unsere Tränen rinnen, sie dem ersten und zweiten teiligtum gelten, bedürfen wir eines doppelten Trostes." ieser liegt auch für uns in unserer doppelten schmerzlichen Erinnerung. Der Gott, der Israel so wundersam aus dem babylonischen Exil zu neuem Glanz geleitet hat, bleibt unser Führer auch durch die Wandlungen und Fährnisse dieses schon an die 2 Jahrtausende währenden Golus. Sein Wort und sein Wille hat sich damals erfüllt, sein Wort, dessen Erfüllung noch aussteht, wird zur Wirklichkeit heranreisen, wenn Gottes Weisheit es ander Zeit hält, denn: „"ATI nW mp» pSx, Das Wort nuferes Gottes besteht für ewig" .... Ein wundersamer Trost, den uns da der Prophet zu spenden scheint, wenn er uns zuruft: „pt bx ivn bo», Es dorrt das Gras, es welkt die Blume", wenn er uns also die Vergänglichkeit alles Irdischen einschärft, gleichviel ob es dem Grase gleich ohne Glanz und Schmuck geblüht, oder wie die Blume in Anmut und Farbenpracht gestrahlt und ergötzt hat. Freilich würde dieses Wort vom Welken und Verblühen unfern Schmerz um verblichenen Glanz und verklungenen Jubel nicht mildern können, wenn der Prophet hierbei stehen bliebe, wenn er nicht aus den Baum der Vergänglichkeit ein Reis der Ewigkeit pfropfte: ,/p^x "öiv nPu?1? mp», Aber das Wort unseres Gottes bleibt ewig bestehen!" Das ist der Trost, der allen Schmerz verklärt und weiht, der jeder Trauer den Stachel nimmt und aus ihr neue Hoffnung erblühen läßt. Der Vernichtung fällt nur anheim, was, für den Augenblick bestimmt, der Vergänglichkeit in seinen Grundlagen und Zielen geweiht ist. Gottes Wort aber und was es trägt und verwirklicht, dauert ewig. Welch' reicher Trost quillt da aus dieser Ueberzeugung für uns, die wir auf unserm Leidenswege so oft unser Glück in Trümmer gehen und unsere Pracht welken sahen! Das Gotteswort ist uns geblieben, in seiner alten Kraft und mit seinem reichen Segen, und wir mit ihm als seine Träger und Stützen. Die Völker, die ihre eherne Faust auf unfern Nacken gelegt, sind wie Gras verdorrt, wie die Blume verwelkt, sie sind vergessen und versunken — ob sie auch geblüht, und von dem Ruhme ihrer Macht und Größe das ganze Weltall widerhällte. Israel aber, zerstreut und in alle Windrichtungen versprengt, verkündet die geheiligten Wahrheiten, die es am Sinai empfangen, ganz wie ehedem — dieweil Gottes Wort ewig besteht, und dessen Herold und Verkünder der Ewigkeit geweiht bleibt. Das ist uns Trost, doppelter Trost. Trost für den Schwerz in der Erinnerung an das Weh und Leid der vergangenen Zeiten, Trost auch im Schmerz um die düstere Gegenwart und in der Sorge um die ungewisse Zukunft. Ein altes Weisheitswort läßt Jesajas, den Tröster seiner Zeit und seines Geschlechtes, ihn, durch dessen Mund Gott gesprochen: ,,'vp itaru ion:, Tröstet, tröstet mein Volk!" auf den Trostquell Hinweisen, der nie versiegt, der immer von neuem sprudelt. Die Gemeinde Israel, heißt es, sprach zu Jesajas: „Siehe, unser Lehrer und Meister, dein Trostwort gilt doch wohl nur dem Geschlechts, das die Zerstörung des Heiligtums erlebt?" „Nicht doch," snhzegyete der P.ophet: . Jxh

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