Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 30 (15.7.1915)
- Date
- 1915-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15. Juli 1915' Der JSraelit. No. 30 Seite S Für uns als gesetzestreue Juden handelt es es sich also vor allem um die. Frage, ob wir gleich den Zionisten genötigt sind, die nationale jüdische Wählerkurie aus prinzipiellen Gründen, gewissermaßen aus Gründen der politischen Wahrhaftigkeit, zu fordern. Würde diese Frage bejaht, dann könnten keinerlei Rücksichten auf schädliche Folgen für die äußere politische Stellung der deutschen und ungarischen Juden uns hindern, an der Verwirklichung einer grundsätzlich notwendigen und innerlich wahren Forderung mitzuarbeiten. Wo das Prinzip in Frage stand, hat die Orthodoxie noch niemals die Zweckmäßigkeit zum Götzen erhoben, und sie würde es auch in diesem Falle nicht tun dürfen, ohne sich selbst zu verleugnen. Wird die Frage aber verneint, dann sind die idealen Vorteile, die eine jüdische Wählerkurie religiösen Interessen bringt, gewissenhaft gegen die Gefahren abzuwägen, die den gleichen Interessen aus einer Erschütterung der politischen Stellung der Judenheit erwachsen könnten. Prinzipiell — darüber kann kein Zweifel sein — anerkennt das thoratreue Judentum das jüdische Volkstum als eine Tatsache nicht nur der historischen Vergangenheit (das tut auch die Neologie), sondern auch der Gegenwart und der Zukunft. Das jüdische Volk lebt und wird leben auf der Bühne der Geschichte, aus die es der Lenker der Zeiten gestellt, und ob auch zersprengt - in alle Länder der Erde und aller äußeren Einheit beraubt, durch vielerlei Sprachen und Sitten selbst innerlich geschieden, bleibt es ein einig Volk durch sein Gesetz, das nationale Erinnerung und nationale Hoffnung, in wunderbarer Abtönung den ethisch-religiösen Werten untergeordnet, tief einsenkt in ein individuelles Leben heroischer Pflichterfüllung. hinaus, den Böllern Oesterreich-Ungarns vollkommene nationale Autonomie zu gewähren, die sich auf eigentliche Kulturfragen, d. h. also insbesondere Unterricht und Religion erstrecken soll. Neben einer Reichsvertretung, die aus unmittelbaren Wahlen aller großjährigen Staatsbürger hervorgehen soll, werden an Stelle der bisherigen Landtage sog. Volkstage vorgeschlagen, an deren Wahl nur diejenigen Staatsbürger teilnehmen, die sich zu dem in Frage kommenden Volke bekennen. Hierbei heißt es hinsichtlich der Juden: „Ein zweiter Gegenstand, der einzeln noch besprochen werden soll, ist die Frage der Judenschaft. Es wird hier davon ausgegangen, daß ein Angehöriger dieser Nation dieselbe nicht verleugnen soll. Der Volkstag, bezw. die nationale Autonomie, kann hier nur kataftermäßig organisiert werden. Als Reichsangehöriger hat der Wähler jüdischer Nation die Stimme in Reichsangelegenheiten, als Angehöriger seines Volkes hat er in seinen Bolkstag und als Angehöriger einer Gemeinde in die Gemeindevertretung zu wählen." Es bleibt abzuwarten, welchen Anklang diese Ideen im weiteren Verlaufe der ja gar nicht abzusehenden Entwicklung der Dinge finden werden. Der moderne Afftmilant, der das jüdische Volkstum leugnet und die Eonfession theoretisch übrig läßt, ist — gerade konfessionell betrachtet — ein Leugner jüdisch -religiöser Grundwahrheit. Das ^jüdische Volksbewußisen ist Bestandteil der jüdischen Eonfession,' des ist jedes Blatt unseres Gebetbuchs Zeuge «ub jedes Wort unserer Thora, die uns ja nicht Urkunde der Vergangenheit, sondern Programm jeder Gegenwart bleibt. Und dennoch besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen der Stellung der Orthodoxie und des Zionismus zur nationalen Organisierung der Judenheit. Das jüdische Volksbewußtsein — so sagten wir — ist Bestand teil der jüdischen Conses sion. In dieser Formulierung liegt das entscheidende Grenzmerkmai, das die Auffassung des überlieferten Judentums sowohl von derjenigen des sogen. Liberalismus als derjenigen des modernen Nationalismus scheidet. Durch Einordnung in beit Organismus der jüdischen Religion gewinnt das jüdische Nationalbewußtsein jene emzigartige Geistigkeit, die ihm ewiges Leben verbürgt und die ihm nach dem Verluste von Land und Staat und lebendiger Sprachgemeinschaft die vollkommen ehrliche Anpassung an alles fremde Volkstum ermöglicht. Das jüdische Nationalbewußtsein ist das Bewußtsein einer geschichtlichen Ausgabe: der restlosen Verwirklichung des Thoragejetzeses vermag daher in jedem Sprachgewand und ln jeder Form politischer Organisation sich lebendig zu erhalten. Der vom religiösen Schrifttum erleuchtete, opferbereite gesetzesrreue Jude, der, . seit Generationen in Europa wurzelnd, polnisch oder deutsch als seine Muttersprache betrachtet und in einer polnischen oder deutschen Kurie wählt, kommt nach dieser Auffassung dem jüdischnationalen Ideale näher als etwa der hebräisch sprechende Jüngling von Tel-Awiw, der die weltgeschichtliche Nationaiausgabe des Judenvolkes über Bord geworfen hat. Die Anwendung dieser Erwägungen aus die Kurienfrage ergibt ohne weiteres, daß für die gesetzestreue Judenheit in Ost und West prinzipiell jede Lösung der Frage möglich ist. Sie braucht jüdisch-nationale Wahlkurlen aus Prinzip weder zu fordern noch zu verwerfen und kann ihre Stellungnahme ausschließlich von Rücksichten der politischen Zweckmäßigkeit — im oben ausgesührten Sinne — abhängig machen. Ein endgültiges Urteil wird daher erst dann möglich sein, wenn die künftige politische Gestaltung der Dinge mit größerer Klarheit erkennbar zu werden beginnt als das heute der Fall ist. Für die Zeit der Okkupation kann die deutsche Verwaltung schon wegen der großen technischen Schwierigkeiten nicht an eine Kurien-" ordnung denken, obgleich grade während des provisorischen Standes der Dinge ein Versuch nach dieser Richtung in den polnischen Kommunen vom jüdischen Standpunkte nur erwünscht sein könnte. Das palästinensische Silfswerk. Die jüdische Nationaltrauer, die alljährlich in den Wochen zwischen dem Fasten des vierten und fünften Monats ihren ergreifenden Ausdruck findet, erreicht dieses Jahr eine Tiefe wie selten sonst. Gilt sie doch heute nicht nur dem tausendjährigen Weh, das aus den Trümmern des alten Churban fließt, sondern auch dem Rtesenelend, das der Ehurban des augenblicklichen Weltkriegs geschaffen und das wie ein Alp auf unseren Brüdern und Schwestern im heiligen Lande lastet. Das heilige Land war seit Monaten von einer furchtbaren Hungersnot bedroht. Hiezu kam noch die Heuschreckenplage, die in den jüngsten Monaten einen Zustand geschaffen hat, der das Schlimmste befürchten läßt. Anfangs haben die unheilvollen Schwärme blos einige Kolonieen Judäas überfallen, bald aber verbreitete fich diese neueste Landplage auch über Jerusalem, Hebron und die angrenzenden Gebiete. Neuesten Berichten zufolge kamen sie bis an die galiläischen Gebirge, alles Gewächs, Früchte und Bäume vernichtend. Seit zwei Monaten ziehen sie in unzählbaren Scharen durch das ganze Jordanland, verdunkeln den Himmel und bedecken eine halbe Elle hoch die Erde, die Weingärten, Orangerien und Getreidefelder. In ihrer Freßgier verzehren sie auch das in der Erde lebende Gewächs, wie Zwiebeln, Rüben und dergleichen, dringen in die Häuser, vergiften die Zisternen und infizieren die Haustiere. Eine furchtbare Illustration der in der Bibel geschilderten Landplage im Pharaonenreiche. In wochenlanger, qualvoller Arbeit hatte die Bevölkerung Jeru;alems und Judäas schon gegen Mitte Mai ca. 500.000 Kilo Eier vernichtet. Leider kann jedoch von einem nennenswerten Erfolg dieser Vertilgungsmethode keine Rede sein. Der jüdische Schaden allein wird schon heute auf über 3.000.000 Fcs. geschätzt. Jetzt sind es bereits die jüngeren Generationen dieser Schädlinge, die mit aller Kraft bekämpft werden. Hauptsächlich hofft man aber, daß die jungen Tiere, wenn sie flügge geworden sind, von selbst weiterziehen werden. Was wird aber inzwischen aus den blühenden und erntereifen Gefilden Pa-; -Vk > > den Marken" uns befinden, daß aus unserer Tränen- < saat eine heilsame Ernte hervorsprießen wird. Diese! Ueberzeuouug und Hoffnung ist der Balsam für den Wermutskelch unserer Sorgen und Kümmernisse. — Wann wird aber der Juden Not und Elend ein Ende nehmen? Wird die neue Zeit, der wir entgegengehen, auch uns Juden einen Wandel zum Bessern bringen? Werden die Hemmungen endlich beseitigt werden, daß wir als treue Bürger allenthalben dem Wohle des Ganzen leben und unsere jüdischen Ideale werden pflegen können? Wir hoffens. wir erflehen utti> ersehnen es. Der 9. Ab, an dem die Trauer der 3 Wochen ansklingt, will unsere Zuversicht stärken. Er fällt immer auf den gleichen Wochentag wie der 1. Tag des Peßach. An diesem essen wir das Bitterkraut und erinnern nns an die erste Befreiung aus Bitternis und Not. O, daß bald das bittere Weh, dem wir am 2K3 '!f Ausdruck geben, öir Vergangenheit angeboren möge, daß er bald werde, der Monat Ab, uns und der ganzen Welt der nn:a der Tröster, de r Heilbringer und Friedensverkünder'. Kleines Zemllelon. Hppolit Lutostanski, der Dichter des Vlutmärchens. In Petersburg starb dieser Tage der berüchtigte Experte im BeiUsprozesse Hypolit Luto stan ski. Im Jahre 1813 entwarfen wir im Rahmen eines Berichtes über die Verhandlungen im Bellisprozesse folgendes Charakterbild dieses traurigen Helden: Hypolit Lutostanski. Eine der Hauptstützen der schwarzen Gesellschaft, ein Grundpfeiler des Prozesses. Dieser sonderbare Heilige hat schon vor etwa einem Jahrzehnte öffentlich kundgeton, daß sich die Juden gegen ihn verschworen hätten und nach seinem Leben trachten. Augenscheinlich hatten aber die Juden bis dahi". etwas Besseres zu tun, denn LntostanSki lebt heute noll). Eine Zeitlang wegen gewisser Vorkommnisse von der Oberfläche verschwunden, erschien er sofort aus dem Plan, als der Kiewer Mord die Gemüter zu erregen begann. Sein Anteil au der Affäre ist eine Broschüre, in der er zahlen- und darenmätzig nachweift, daß die Juden vom Jahre llö bis 1710 löl Christen zu Religivnszweckeu geschlachtet hätten. Er rechnet ein Opfer für je 8 Jahre heraus. Diese Keine Blutguantitüt genüge für das gesamte jüdische Volk, das sich dessen für Osterbrote, für Purimgebäck und viele andere Dinge bedient. .. Hypolit Lutostanski hat eine ziemlich bewegte Vergangenheit, die durch die langjährige Unterbrechung seiner öffentlichen Tätigkeit bei manchem in Vergessenheit geraten ist. Er entstamnrt einer polnischen Familie UNd wurde für den geistlichen Stand erzogen. 1831 trat er seine "erste Pfarrerstelle an, welche er aber schon nach kurzer Zeit wegen einer häßlichen Sittlichkeitöaffäre verlassen mußte. Im Jahre 1808 wurde er aus ein Gutachten des Gouverneurs vom Konsistorium wegen moralischer Minderwertigkeit und sittlicher Defekte aus dem Priesterstande ausgestoßen Etwas später hatte sich der saubere Eigentliche wiederum vor Gericht wegen eines groben Sitltlichkeitsdcliktes zu verantworten. Nun übr Lutostanski Rache an dem Katholizismus, der ihn abgeschüttelt, indem er zur rechtgläubigen Kirche übergeht, und zugleich beginnen auch seine Attacken gegen Juden und Judentum. Er schrieb zunächst eine umfangreiche Schrift, in der er sämtliche antisemitischen Aussagen über den Ritualmord zusammenstellte. Bevor er aber sein Buch der Oesfentlichkeit übergab, schrieb er an Rabbiner Minor in Moskau, daß er gegen eine entsprechende Summe bereit wäre, die Anklageschrist zu vernichten. Dieser Erpressungsverfuch blieb erfolglos, aber L. verstand es, auf anderem Wege auf seine Rechnung zu kommen. In seinem unübertrefflichen Zynismus schreibt er darüber an den Herausgeber des „Hazefirah", Nachum S o k o l w: „Nach der ablehnenden Haltung des Rabbiners ließ ich das Buch drucken und reiste damit nach Petersburg. Ich überreichte ein Eremplar dem Zaren Alexander Hl. und erhielt eine herzliche Danksagung. 800 Exemplare dieses Buches wurden mir abgekauft, um sie unter die Gendarmerie zu verteilen, ihn mich weiter an dem Rabbiner Minor zu rächen, lasse ich demnächst ein neues Buch unter dem Titel, „Der Talmud und die Juden", erscheinen." Nach allerlei Irrfahrten und erfolglofen Unternehmungen versuchte es der saubere Herr vorübergehend auch mit der I u d e n f r e u n d s ch a s t. Er schrieb ein dickes Buch, in dem er „die modernenAnschauungen über die Judenfeage" entwickelte, die Juden von der Blutbeschuldigung rein sprach, ihre Lehre als Grunolage oller Kultur pries und für ihre Gleichberechtigung plädierte. Wie es scheint, ist der von ihm erwartete Gewinn dieses Unternehmens ausgeblieben, denn nun hat der Kiewer Prozeß diesen Mann wieder aus der Versenkung hervorgeholt und sein Gutachten bildet eine Hauptstütze der Anklageschrift. Zur Bezeichnung der tiefen Gelehrsamkeit Lutoftanskis sei noch angeführt, daß er in seinen Büchern und Gutachten fortgesetzt von „R a b b i M i d r a s ch". „Rabbi Sohn r" usw. spricht. Wo