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Der Israelit · 1915-07-15 · Heft 30 (15.7.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 30 (15.7.1915)
Date
1915-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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15. Juli 1915 ' i -; 0/ ' 1 : { i / l f ' i t gelte 8 Nr. 30 Stützen der auf Judenverfolgung eingestellten schwarzen Gesellschaft — «TTa: 'VT— und man wußte: es hob ein Feldzug gegen die Inden an, und ein recht erfolgreicher. Kosakenplünderungen, Judenmorde im Großen und Kleinen, Verwüstungen jüdischen Eigentums, Massenaustreibungen, Ausrottungen ganzer blühender Gemeineen — als.Rache für im Felde erlittenen Niederlagen — dies der erschütternde Inhalt der neuesten Kinaus in Rußland und Galizien, die sich dieses Jahr den alten von „Kolanzo", „Wormarso", „Asplro" und „Frankfurtio" gesellen und diese sogar tief in den Schatten stellen.- Und doch fällt bereits auch im Osten der Blick auf' die Ecke, wo aus tiefstem Leide das Heil zu erblühen beginnt. An 200000 Juden sonnen sich bereits in Nord- und Südpolen in der Bürgerfreiheit, die für sie bislang nur im Reiche der Träume vorhanden war, ein Strom neuen Lebens, dem granitenen Felsen deutschen Rechtes und deutschen Ordnungssinnes entsprungen, durchrieselt die alten, der freien Initiative bisher fest verrammelten Straßen des Polenreiches. Und ein freies Aufatmen geht durch Stadt und Land. Noch dürfen wir nicht das Fazit der Ereignisse ziehen, noch nicht uns in Betrachtungen über die Dinge von morgen ergehen. Auch lastet noch die bange Frage auf dem Herzen, in welche Kultursphäre die offene Türe das polnische Judentum htnausführen mag und ob die Freiheit nicht , mit allzu kostbarem Gut erkauft wird; und dann: wessen sich der große Rest unserer wehrlosen, in den Klauen der im Blutrausche schnaubenden russischen Bestie verbleibenden Brüder zu gewärtigen hat. Vorerst schwillt aber das jüdische Herz bei diesem Einströmen von Luft und Licht ins dunkle Gestlde irr neuer Hoffnung, und fast glaubt es schon den von Propheten und Tatmudweisen vorausgesehenen Doppeltrost, der dem Doppelleide folgen mag und muß, ahnend zu erleben. mru vsn: D'öroniai Auch den Juden der anderen kriegführenden Staaten war der Krieg eine Zeit schwerer Prüfung und harter Krafterprobung. Im verbündeten Oesterreich, wo die Dinge ähnlich wie bei uns liegen und die Juden, schon in Friedenszeiten mehr aktiv in führenden Stellungen des Heeres tätig, wahre Wunder an Heldenmut und Vaterlandsliebe vollbringen, schufen die Flüchtlingsscharen aus Galizien schwere Probleme, die den vielerprobten jüdischen humanitären und Gemeinstnn in seinem ganzen Glanze zeigten. Au erfolgreicher jüdischer Arbeit auf sozial humanitärem Gebiete fehlt es, wie die indirekten Berichte melden, auch in Petersburg, Paris und London nicht. Und wer wollte es den Juden Der Jrraeli!. dieser Länder verargen, daß auch sie Liebe zur Heimat bezeugen und ihr mit echt jüdischem Pflichtgefühl kein Opfer an Gut und Blut vorenthalten > In ihrem ausgeprägten Rechtssinne und interessiertem Verständnisse für internationale Beziehungen werden sie im tiefsten Innern den unseligen Krieg, über dessen wahre Urheber sie nicht im Zweifel sein können — man sehe die Stimmung im jüdischen Amerika — schmerzlich genug empfinden. Und dazu der giftige Stachel des Zusammengehens mit beut Erz- und Erbfeinde aller Kultur und alles Menschenrechts, mit Rußland. Man wird lediglich aus diesem inneren Konflikte zwischen Pflicht- und Schnldbewußisein heraus manch tragikomische Situation in der jüdischen Welt Englands begreifen müssen, und die Zangwills mit Gottheils nicht, wie es jüngsthin Binjamin Segel in einem vielzudicken Bucbe getan, gar so ernst nehmen dürfen. All dieses gilt auch von Italien, wo die jüdischen Führer just mit der Judensrage in Rußland beschäftigt waren, als die Macher der Politik inzwischen den Handel mit der Treue, ihrer Meinung nach vorteilhaft, abschlossen und das Volk zu den Waffen an der Seite des neuen Bundesbruders vom Osten riefen. Ein Leidensjahr der Menschheit schließt der 9. Aw ab. Und noch sind wir nicht am Ende der Weltwende. Aber es arbeitet sich die Menschheit in blutigem Ringen dem Lichte entgegen, und die d op p e kt fließenden jüdischen Tränen sind der Edelsaft, der den Boden tränkt, aus denk der D o p P e ltr o st erblüht, für alle Welt, die sich gleich uns aus tiefer Gesunkenheit bald erheben möchte mit dem hellklingendst Finale des 9. Aw: vw LNN toibw ybs 'n Jüdische Wählerinnen? (Schluß). Alle diese Erwägungen, die sich zunächst auf Kommunalwahlen mit ihren eng begrenzten, leicht. übersehbaren Jnterefsenkreisen beziehen, dürfen jedoch nicht darüber täuschen, daß die ganze Frage grundsätzlich weit über bett Bezirk der Kommunalpolitik und der stadlbürgerlichen jüdischen Interessen hin ans greift. Stehn sich einmal im städtischen Wahlkörper Juden,Deutsche und Polen als gleichgeordnete nationale Gruppen gegenüber, so mag die Logik der Tatsachen die gleiche Organisation auch für die Wahlen zu den höheren parlamentarischen Gebilden (Landtag re.) empfehlenswert erscheinen lassen — und dann bedeutet die Aufrichtung jüdischer Wahlkurien nichts Geringeres als die entschiedene Bejahung des jüdischen Volkstums als selbständigenFak; o v* bet europäischen Politik, nicht Geringeres auch als den ausgesprochenen Verzicht auf die bisher allgemein anerkannte staatsrechtliche These, die Theorie, daß die jüdischen Staatsbürger lediglich durch die Eonsession von ihren „andersgläubigen" Mitbürgern unterschieden seien. Selbst in Oesterreich, das an die reinliche Scheidung zwischen Staatsbürgertum und Volkstum einigermaßen gewöhnt ist, hat aber im öffentlichen Bewußtsein von Juden und Nichtjuden das Judentum bisher in allererster Reihe als Confession gegolten, und die jüdischen Asstmilanten des Polenelubs, die ja mit der Wiener Neologle ziemlich identisch sind, wußten sehr wohl, warum sie sich den von zionistischer Seite in der Bukowina verlangten jüdischen Kurien widersetzten! Sie sahen, daß die politische Gleichberechtigung in den modernen Staaten lediglich den jüdischen Individuen auf Grund ihres religiösen Bekenntnisses, nicht aber einer jüdisch-nationalen Volksgemeinschaft erteilt worden sei, und sie fürchteten begreiflicher Weise, daß mit dem Wechsel der grundlegenden Voraussetzungen auch das Gebäude einstürzen könne, das aut diesem Grunde erbaut ist. Wer aber in der politischenEmanzipation des jüdischenJndividuums das höchste und letzte aller jüdischen Ideale erblickt, der dürfte und — darf natürlich vernünftiger Weise nicht das Risiko übernehmen, durch den hörbaren Ruck nach nationalem Judentum, wie ihn die „jüdische Wählerkurie" bedeutet auch nur möglicher Weise seine ganze Politische Glückseligkeit zu verscherzen. Daß diese Möglichkeit — zum mindesten in Deutschland und Ungarn — besteht, soll man ehrlicherweise nicht leugnen. Selbst in dem Nationalitäten-Staat Oesterreich, gewiß aber in national geschlossenen Staatsgebilden wird man, und zwar gerade in liberalen und demokratischen Kreisen, ein im benachbarten Polen national organisiertes und damit staatsrechtlich als Fremdvolk anerkanntes Judentum daheim als unangenehmen Fremdkörper empfinden, und den latenten antisemitischen Volksströmungen könnten daraus aus dem liberalen Lager recht kraftvolle stille und offene Bundesgenossen erwachsen. Die nationale Toleranz die gegenüber den Türken z. B. als selbstverständlich gilt, wäre einer nationalen Judenhett gegenüber noch lange nicht zu erwarten.*) In den auch für uns sehr interessanten„Tat"- Flugschriften (Verlag von Engen D ied erichs in Jena) ist als Nummer 7 unter dem Titel „Europäische Ideen" eine Kriegsdenkschrift des östr. Reichsvereins erschienen, die unter dem Eindrücke der durch den Krieg hervorgebrachten Umwälzungen erneut aus gewisse grundlegende Vorschläge zu einer Neugestaltung der östr.-ungarischen Staatsversassung zurücktommt. Diese Vorschläge gehen im wesentlichen daraus Zwischen den Marken. Van Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen. Alljährlich, wenn die Natur selbstlos verschweuderisch ihre Gaben reicht und das Leben, uns in feinem vollen Glanze lacht, hält unsere Glaubensgemeinschaft zu ernster Einkehr inne. Unsere Gedanken eilen da Jahrhunderte und Jahrtausende zurück zu jeneu Stätren, an denen unsere Pracht und Herrlichkeit von ehedem in Schutt und Trümmer sank und Israel den Leidenskelch bis zur Neige leeren mußte. Da schlagert wir die Klagelieder Jeremias auf und unsere Seele weint ihren Schmerz aus über all das ^eib, das wir seid jenem denkwürdigen 9. Ab erfahren haben, seitdem wir uns fortgesetzt cnxon rz „zwischen den Marken" sehen. Einmal im Jahre vom 17. Tmnus bis zum 9. Ab sollen wirjrrrrs freiwillig die ganze Judennor vvr Augen führen, damit wir es erkennen, wie unsere Gemeinschaft nicht aufgehvrt hat netten pe zu sein, zwischen den Marken, nicht am Ziele ihrer Bestimmung und durch die Nacht des Golus als die Zeit ihrer Läuterung und Verjüngung einem neuen Tage, dem von ihren Propheten geschauten und verkündeten, entgegcnwandclt. Ein schönes Midrafchiuvrl. lautet: * T ny?".rre rcn:rc ‘ T ny rpbns. Weil Israel gesündigt hat schwer und unablässig, daß eigentlich 'in seinem Schuldregister keine Sünde fehlt, darum ist auch kein Leid ihm erspart geblieben und muß Ujtit unaufhörlich in allen Tönen Trost gespendet werden" Ist unser Los erträglich, dann ist das nur der Trost des Dimmels, nicht der Heilung ntid Genesung, nur ein Fortschritt zum Ziele. Glicht kann und darf uns die äußere Ruhe und Gemächlichkeit je darüber hiiuvegtrvsten, daß „vereinsamt die Stadt jetzt, die einst so volkreiche", daß „Jehuda ausgewandert ist. . . . unter den Völkern weilt, keine Ruhe findet." Die Volker der Welt, heißt es, empfinden nirgends ihre Verbannung, wenn sie vom Boden ihrer Vergangenheit losgelöst werden. Aber Israel ißt nicht von seinem Brote und trank nicht von seinem Weine, seitdem cs vom heiligen Lande entfernt lebt. Nicht dem Mangel an den den .Körper erfreuenden Genüssen soll etwa unsere Klage gelten. Ults fehlt das Himmelsmanna, nicht erfreuen wir uns an dem wie Wein stärkenden H im m e ls i r ank der Thora voll, ruo wir allenthalben gehemmt sind und durch das Joch der Sorgen und Kümmelniffe des Geistes Schwingen nicht voll zur Entfaltung bringet! können. Nuferer Trauer Gipfel ersteigen wir, wenn wir „die Wege nach Zion" verödet und den Gottesberg in einen Tummelplatz der Füchse und Schakale verwandelt sehen. Dabei vergessen ivir in unserer Trauer und Klage nicht derer unter unseren Gtaubensbrüdern, denen all nnsere Sorge und all unser Mitleid gehört, die es *) Die ersten 4 Kapitel von na« enthalten alphabetische Akrostichen. r. - hundertfach miterlcbt, worüber Jeremias auf den Trümmern Jerusalems so tief ergreifend klagt: “NW* n*?e ’-'-T) ’nns«, die ich gepflegt und erzogen, hat mein Feind vernichtet." Und der Schmerz ist um so größer, als das Land selbst es ist, das seine Kinder dem Untergange roeiht. So preßt uns gegenwärtiges Leid und Ungemach das Wort auf die Lippe: „Sieh, o Herr, und schaue, wem hast Du also getan! Sollen Weiber ihre Frucht verzehren, die Kinder zarter Pfleg?" Ein altes Weisheitswort läßt den heiligen Geist auf diese Verzweiflungsfrage gleichsam antworten: „:vp ex x'2-> pm - Oder sollen im Heiligtum des Herrn Priener und Prophet ermordet werden?" Die Bande der Gerechtigkeit und Menschenliebe sind erst dann festoeknttpst, wenn die Gottesfurcht ihren Thron unter den Menschen aufgeschlagen hat. Damit ist uns der Pfad gewiesen, aus dem sich unsere Heilung vollziehen kann. Wir müssen „zwischen den Marken" unaufhörlich in Wort und Lehre, durch Beispiel und Vorbild für die reine Gottescrkenntnis am Werke bleiben und in der getreuen Uebung der heiligen Gebote den Berns des Gottesreiches auf Erden verbreiten. Diesmal ist Israel in seiner Trauer und in seinem Weltfchmerze nicht vereinsamt. Unser ganzes deutsches Volk klagt mit uns über das Hinwelken seiner Blüte und Kraft im gewaltigen völkermordenden Ringen und unser ganzes sittliche Empfinden bäumt sich dagegen aus, daß von unserem Baterlande auch gilt: „1122 .Tjn ne, Seine Freunde sind ihm treulos geworden, sie wurden seine Feinde." Für den, beredte Treue und Wahrheit liebt, kann es keinen größeren Schmerz geben als den, den in ihm Treubruch und Verrat von Freunden und Verbündeten wecken. Das ^hatnun ‘ unser Volk auskosten müfien, und es wird jetzt unfern »Juden« schmerz bester zu würdigen vermögen. Uns Deutsche tröstet aber bte Nkberzengung, baß »oft nur „zwischen

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