Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 29 (8.7.1915)
- Date
- 1915-07-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8. Juli 1916 Der JSraelit. Ro. 39 Sette 8 Schließlich das Bilbul! Hat man wirklich geglaubt, die Verleumder fänden keinen „Grund", um den schrecklichen Weltkrieg als eine gewaltige sittliche Tat ihrerseits zu rechtfertigen? Hat man je zweifeln können, daß man nicht diplomatisch fein gedrechselte „Minislererklärungen" zusammenbringen wird, um die Wahrheit zu verschleiern? O, wir Juden kennen das Bilbul seit etwa 3000 Jahren. Es hat uns nicht verlassen auf dem langen Zeitenwege. Wir wissen, wie leicht es ist, ganze Bände mit „Dokumenten" über nie geübte Greuel deutscher Soldaten zu füllen. Es geht, es wird gemacht! Wir denken an die fünf Ritualmordprozesse der jüngsten Jahrzehnte. Hat man nicht wochenlang, ja Monate hindurch alle möglichen und unmöglichen „Beweise" vor die Richter gezerrt, Theologen, Mediztnprofessoren angerufen, um „sonnenklar" darzulegen, daß wir Juden wirklich das Blut von Christenkindern in unsere Mazzos backen. Möchten es sich die Anttsemitenblätter gesagt sein lassen: ste haben wenig Recht, sich über das Ruchlose feindlicher Verleumdung zu entrüsten. Sie haben sich selbst von jeher als Meister der Verleumdungskunst gezeigt und entblöden sich auch nicht, während des gewaltigen Völkerringens die mitkämpfenden und mitleidenden jüdischen Staatsbürger zu verunglimpfen. Wir müssen gefaßt sein auf weiteres Bilbul. „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Konnte Deutschland sich schützen gegen Bilbul? Konnte es trotz seiner ausgesprochenen Friedensliebe und der tausendfachen Beweise von Nachgiebigkeit den Lästermund stopfen? Das ist das Traurige, das Himmelschreiende des Bilbul: man vergiftet die Masse, man hetzt die Gasse auf und verwirrt die Geister durch Wort, Schrift und die allmächtige Presse. Das politische und parlamentarische Leben der letzten 35 Jahre zeigte uns Juden das düstere Bild des Biibulschadens. Er wirkt noch heute nach und überlebt den Krieg. Auch Deutschland wird voraussichtlich mehrerer Menschenalter bedürfen, bis sein Ansehen bei den feindlichen Nationen sich derart gehoben, daß es im alten Glanze erstrahlt. Trotzdem wird die Gesundung erfolgen in Ost und West, in Süd und Nord, wenn auch der Heilungsprozeß sich langsam vollzieht. Der jüdische Staatsbürger, von Religio nswegen und durch die Geschichte und Erfahrung unentwegter Optimist, zeigt auch da sein festes,. unerschü tterliches Vertrauen auf die bessere Zukunft. bw nvxn bv /töw nSwn annn 'j bis Dlbwn p*7n „Auf drei Säulen ruht die Welt: Wahrheit, Recht und Frieden." ben Städten des Gilead, und deine Diener sollen, jeder zum Heer Gerüstete vor Gott zum Kriege ausziehen", wurde das Abkommen geschlossen. Der Gemeinsinn in der zwiefachen Bedeutung hat Israel auch im Exil seine Kraft und Widerstandsfähigkeit verliehen. Der unter glücklichen Verhältnissen in Ruhe und Frieden lebende Teil hat sich niemals den Darbenden und Verfolgten entzogen, und an dem Geistesticht, das irgendwo in Israel aufstrahlte, nahm die Gesamtheit regen Anteil. So fühlte sich unsere Gemeinschaft innerlich geschlossen, trotzdem sie auf dem großen und weiten Erdenrunde zersprengt lebt. Das unsägtiche, hundertfältige Leid, unter dem Israel hier und dort seufzte, kettete die einzelnen Glieder eng aneinander und erzeugte immer jenen Gemeinsinn, der Herz und Hand öffnete und die Gesamtheit verpflichtete, die Not zu lindern und das Leid und Weh zu mildern. Diesen Gemeinsinn wird der Krieg mit seinen Schrecknissen, der das ganze Elend unserer armen Glaubensgenossen, in seiner vollen Schärfe uns jetzt enthüllt, nur noch steigern. Wir erkennend, daß nur die treue Hingebung aller imstande sein wird, das Los der Unglücklichen zu mildern. Wir dürfen dabei nicht in Rechnung zu setzen vergessen, daß die materiellen Opfer, die wir zu bringen haben, hundertfach ausgewogen werden, durch die gewaltigen geistigen Schätze, die wir durch unser Eintreten der Gesamtheit erhalten. Mögen wir frühzeitig damit beginnen, Proben von unserm Gemeinsinn zu bieten und suchen wir vor allem auch der unsäglichen Not in jemm Lande zu steuern, dem unser Denken und Sinnen, unser Hoffen und Wünschen geweihet ist, in das uns unsere Gedanken gerade jetzt in den Tagen der Trauer und geistigen Sammlung letten. Helfen wir, soweit wir es nur vermögen, dann gilt auch uns: "i D”p: omn So seid ihr rein vor Gott und vor Israel." So lehren die Weisen. Alle Millionen und Kanonen find machtlos gegen solche Weltstützen. Darum unterschreiben wir, darum unterstreichen wir unseres erhabenen Kaisers Wort: Wir wollen und wir werden siegen! Lorrespondenzen und Nachrichten Deutstye» iUidj. Irarrkfrtrt a M., 27. Juni. Die Deutschholländische Palästina-Verwaltung erhält vom k. k. österreickisch-ungarischen Konsul in Safed folgendes Telegramm: „Ihre Sendung gewährte zahlreichen Bedürftigen Trost. Die beklagenswerte Lage verlangt jedoch ständige Fürsorge und ich erlaube mir, die Armen Ihrer fortgesetzten Berücksichtigung dringend zu empfehlen. Insbesondere wäre es nötig, den Fond zur Gewährung kleiner zinsloser Darlehen wesentlich zu vergrößern." Die neuen Bunflesrafsbefchlüffe?ur Sicherung der Volhsernährung. Werki«, 1. Juli Wie erwartet, sprechen die Beschlüsse des Bundesrates für das neue Erntejahr die Beschlagnahme des Bro tgetretdes am Halme zu Gunsten der Kommunalverbände aus. Sie halten außerdem die heute geltende Verbrauchsregelung für Mehl und Brot selbstverständlich aufrecht. Danach wird es nötig sein, daß diejenigen Gemeinden, welche in den nächsten Wochen Schmuroh-Weizen schneiden lassen, die Genehmigung hierzu von dem zuständigen Kommunalverband erbitten und zwar unter Berufung darauf, daß die Verrechnung des Mehles später nach den von der Reichsgetreidestelle feftzustellenden Grundsätzen erfolgen wird. Versagt der Kommunalverband die Genehmigung, so wird es sich in allen Fällen empfehlen, den Regirrungspräsidenten, resp. außerhalb Preußens, die dem entsprechenden staatlichen Aufsichtsinstanzen anzurufen. Nach § 50, Absatz 2 der neuen Verordnung kann die Reichsgetreidestelle für die Versorgung > Kleines Feuilleton. (Der Feldrabbiner der deutschs t üdarmee). Ueber den Feldrabbiner der deutschen Südarmee schreibt die Huszter Zeitung: „Der Feldrabbiner Dr. Rofenak aus Bremen ist abgesehen von seinem großen Eifer für seinen hohen Borns gerade für diesen Raum des Kampfgebietes besonders geeignet, da er die ungarische Sprache beherrscht unb auch die slavischen Sprachen spricht. Er bereist die verschiedenen Kampfplätze und streut mit vollem Eifer den Same.» der Religion in die Herzen seiner kämpfenden Glaubensgenossen. Auch besucht er die Truppen in den größeren Gemeinden und hält dort in den Synagogen aufmunlernde, aneifernde Predigten. Am vergangenen Samstag hielt er in Huszt, in dem von Zuhörern überfüllten Tempel, eine zündende Rede. Es waren viele deutsche und österrungarische Soldaten zugegen, aber auch eine große Zahl bürgerlicher Zuhörer hatte sich eingefunden. Wunderschön und sinnreich sprach der Herr Feldrabbiner. Die strenggläubigen Juden Oberungarns, welche sonst mit einem „Dr. Rabbiner" nicht zu sympatisieren pflegen, zollen diesem Herrn Feldrabbiner die größte Anerkennung und sind ihm sehr dankbar für seine segensreiche Tätigkeit, die auch ihnen in religiöser Beziehung zustatten kommt. Aus seine Intervention wurde die Frage der Sabbatruhe für die jüdischen Kaufleute bestens geregelt." (Kultttrhunger der russischen Jude«.) Aus dem Gefangenenlager in Feldbach schreibt ein russischer Jude: „Wer nicht in Kriegsgefangenschaft war, bestimmter Berufe oder bestimmter Gruppen von Personen besondere Regelungen vorschreiben und das Nähere bestimmen. Es darf angenommen werden, daß auf Grund dieser neu aufgenommenen Bestimmung, es diesmal noch besser als im vorigen Jahre möglich sein wird, den religiösen Interessen der jüdischen Bevölkerung bei der Bereitstellung ihres Bedarfes für das Pessachfest ausreichende Berücksichtigung zu verschaffen. pstengemeinöen. KörrigsSsrg f. S., 4. Juli. Der Verband ostpreußischer Synagogengemeinden ist an die unversehrt gebliebenen jüdischen Gemeinden des Deutschen Reiches mit der Bitte herangetreten, in der Art, wie sich die deutschen Städte ostpreußische Patenstädte a usgesucht haben, um ihnen bei ihrem Wiederaufbau zu helfen, auch thrersetts aus den zerstörten jüdischen Gemeinden Ostpreußens sich eine Kriegsfilialgemetnde auszusuchen, der sie aus Mitteln der Gemeinde wie aus freiwilligen Spenden in ihrem Ort ganz oder teilweise die Kosten für die Unterhaltung eines jüdischen Beamten abnehmen. Der Verband will dafür sorgen, daß solche Teilbeteiligungen zusammengelegt werden können,. und gerade diese Teilbeteiltgung werde es auch den kleinen Synagogengemeinden Deutschlands ermöglichen, als Miterretter und Wiederhersteller des ostpreußischen Judentums sich den Dank der deutschen Gesammtjudenheit zu sichern. Aus den okkupierten Bedielen. Lodz, 2. Juli. Am Mittwoch hat das Kaiserlich deutsche Bezirksgericht die Brüder Michael und Josef Sgurcz, die eingestandenermaßen an dem jüdischen Handelsmann Aba Boltschanskt einen Raubmord begangen hatten, zum Tode verurteilt. Der Vorsitzende hob in seiner Begründung hervor, daß hier mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfahren werden müsse, da die deutsche Macht gezwungen sei zu demonstrieren, daß Leben und Eigentum der Bürger — welcher Konfession sie auch angehören — nicht ungestraft angetastet werden dürfe. Lodz, 2. Juli. Nun kann man von vollkommen geordneten Verhältnissen in der Stadt sprechen, nachdem die von ungeschulten, zum Teil auch ungeeigneten, der Willkür zuneigenden Elementen bestehende Bürgermiltt von einem richtigen Kaiserlich Deutschen Polizeiamte abgelöst wurde. Der Beamtenapparat setzt sich nunmehr zusammen aus einem Poltzeihauptmann mit seinem Adjutanten, dem erforderlichen Bürokann sich nicht in bie Psyche eines Kriegsgefangenen hineinleben. Man stelle sich vor : Unendlich lange sonnenheiße Tage hinter dem eisernen Gitter verlebt. Jenseits vom Gitter blüht in Freiheit und Schönheit die herrliche Natur, die ohne Gefühl für unser langes Sehnen, wie immer in Harmonie erstrahlt. Wie glücklich wären wir, wenn auch für uns ein Fünkchen Freiheit und Schönheit erblühen wollte. Die Eintönigkeit lagert sich bleiern auf unser düsteres Gemüt. Menschen, Brüder! Schenket uns einen belebenden Sonnenstrahl, einen Funken himmlischen Glückes durch das Verabfolgen geistigen Nährstoffes. Unsere Literatur ist reich genug, um uns zu speisen. Wir lechzen danach, wie der Prophet sagt: „Wie um frühreife Feigen vorder Obsternte". Habet Erbarmen und schicket uns hebräische Bücher! Adresse: Einj.-Freiw. Moritz Kremer, Feidbach, K. u. K. Militärbauleitung. Z. B. A. (Der neue Chacham der Karäer) Die Karäer im Süden Rußlands, eine jüdische Sekte, haben sich einen neuen „Chacham" gewählt. Derselbe heißt Sirai Markubitsch Schafschal. Früher war dieser Ratgeber des persischen Schahs. Seine Studien har der neue „Chacham" im Gymnasium von Horwttz ln Petersburg begonnen und dann im orientalischen Seminarfortgesetzt. AlS der persische Schah einen Lehrer für Russisch für feinen Sohn wünschte, sandle ihm die russische Regierung Schafichal. Hier blieb er 7 Jahre und wurde zum persischen Generalleutnant ernannt. Seit 1906 war er Dragomann und zugleich Lehrer an der Universität Petrograd. Gegenwärtig ist der neue „Chacham" 42 Jahre alt. Obwohl man früher unter den Karäern gegen seine Wahl Opposition machte, haben sich jetzt eine Zahl der Wähler entschlossen, Schasschal die Kandidatur anzutragen, die er auch annahm.