Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 29 (8.7.1915)
- Date
- 1915-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448535--67584-2488478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 8 Rr. 39 5Dn Israelit. 8. J«tt 191& jüdischen Wähler als eine konfessionelle oder eine nationale oder—vermittelnd - als eine religiös bestimmte Stammes-Gruppe denkt — auch im ersteren Falle muß zugegeben werde»!, daß die jüdische Religion mit ihren tief ins wirtschaftliche und kulturelle Leben eingreifenden Forderungen genau so umfassend und intensiv auf die Interessen ihrer in größeren Massen zusammenwohnenden Bekenner wirkt, als feint diese durch die reichste Fülle nationaler Faktoren, durch Land und Sprache, Wirtschaftsgemeinschaft und Erziehungswesen zur Einheit zusammengeschmiedet. Es wäre somit — stellt man sich auf diesen praktisch politischen Standpunkt — nur die Frage zu prüfen, ob nicht vielleicht das Votum der jüdischen Wählermassen für ihre Interessen noch wirksamer ins Gewicht fällt, wenn es im Rahmen der anderen — deutschen und polnischen — Kurien sich zur Geltung bringt, statt durch selbständige Vertretung von vornherein auf die Unterstützung der fremden Kurien-Abgeordneten zu verzichten. Wir glauben diese Frage verneinen zu müssen. Die bloße Rücksicht auf die jüdischen Wähler und ihre Interessen wird — nach glücklich vollzogener Wahl — erfahrungsgemäß immer nur eine untergeordnete Rolle in dem politischen Kalkül der mit Hilfe der jüdischen Stimmen Gewählten spielen und vor allem niemals über die Partei-Disciplin siegen, sobald diese gegen jene Rücksicht ausgespielt wird. Dagegen kann, wenn jüdische Abgeordnete auf Grund hinreichender jüdischer Wählermassen eine respektable Minderheit im Vertretungskorper bilden, auf dem Wege der Verständigung unter den Abgeordneten selbst manche Rücksicht erlangt und manche schädliche Maßnahme verhütet werden. Eine interne jüdische Aufgabe würde es sein, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Abgeordneten ihrer Gesinnung und Persönlichkeit nach die idealen und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung auch in der Tat zu vertreten imstande seien. Schwere Irrungen und Kämpfe wären in dieser Hinsicht bei der politischen und kulturellen Ungeübtheit der jüdischen Massen im Osten, insbesondere der thoratreuen Kreise, unvermeidlich, und leicht würde es nicht sein, Vertreter zu finden, die als wahrhafte Vertreter ihrer Wähler und nicht als volksfremde Berufspolitiker gelten dürfen. Aber die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit des Mißbrauchs scheint uns kein Grund zu sein, nun eine an sich vernünftige organisatorische Maßnahme abzulehnen, zumal dieselben Gefahren — vielleicht in erhöhtem Maße — auch dann bestehen, wenn die jüdischen Wähler ohne Wahlkurie als Einzelpersonen in Gemeilisinn. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen. In breiter Ausführlichkeit berichtet die heilige Schrift von den Berhaudlungen, die die Stämme Rüben und Gab mit dem Führer Moses hart vor den Pforten des heiligen Landes gepflogen. Wenn die Thora hier mit Worten nicht kargt, dann muh dies für uns als Hinweis gelten, diesem Kapitel unsere besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht ein Satz, ja nicht ein Wort, nicht ein Buchstabe findet im Schriftworte unbeabsichtigt Verwendung. Das sollen wir uns immer von neuem zu Bewußtsein bringen, um unfern Blick zu schärfen und unser Verständnis zu steigern für den reinen Goldgehalt unserer Bibel, für die Fülle ihrer Lehren und Wahrheiten. Das ist's auch, wozu uns die Lehrer mahnen. Wende und wende immer wieder in ihr, suche die Thora von unb nadf allen Gelten bir zu erschließen, denn du findest alles in ihr. Die genannten Stämme ersehnten für ihren Herdenreichtum das diesseits des Jordans bereits eroberte der Masse des Wahlkörpers aufgehen. Hier erheben sich eben für die thoratreuen Kreise große volkserzteherische und politische Aufgaben, deren Ergreifen durch die Einführung jüdischer Wahlkurten bei den städtischen Wahlen in Polen arn wirksamsten erzwungen würde. (Schluß folgt). Das rechte Wort. Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Es gibt Worte, die man nicht leicht in andere Sprachen übertragen kann, ohne daß sie Ihres Zaubers beraubt werden. Das jüdische „ßachmonus“ Läßt sich nur sehr geschwächt durch die deutsche Uebertragung „Barmherzigkeit" wiedergeben, ebenso schwer dürfte das Empfindungswort „nebbich“ vollinhaltlich und treffend zu übersetzen sein. Nur in der Ursprache und im Munde der eigenen Volksgenossen tritt mit solchen Worten die ganze Wucht ihrer Bedeutung vor den begreifenden Verstand, in das empfindende Gemüt. Wenn wir das Verhalten der zahlreichen Feinde unseres teuren Vaterlandes, das Verabscheuungswürdige und Empörende ihrer Politik und ganzen Handlungsweise treffend und kurz brandmarken wollen, so glauben wir das nicht besser tun zu können als mit den kernjüdtschen Worten: Sin-as chinom, Bilbul. Zu deutsch besagen diese Ausdrücke etwa: grundloser Haß, lügnerische Verleumdung. Uns besagen sie mehr! In ihnen zittert alles Leid nach, das die jüdische Volksseele seit Jahrtausenden durchkostet, der herbe Schmerz, welchen vergangene Zeiten in allzureichem Maße auf uns gehäuft. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Geschichte Israels hin: Völker und Staaten, i>! die wir so manches Saatkorn des Guten, Schönen und Edlen segensreich ausgestreut, Menschen, denen wir mit unserem Zehngebot das erste Sittengesetz gereicht und damit die Grundlage aller Kultur und Zivilisation, sie verfolgten uns in grundlosem Hasse, blind gegen alle realen Geschehnisse, ließm uns in rohester Form die brutale Uebermacht fühlen und kränkten uns obendrein noch durch die Lüge, die Verleumdung, durch boshafte Entstellung der Wahrheit: Sin-as chinom, Bilbul! Es ist schon oft rühmend heroorgehoben worden, wie gerade Juden aus allerHerren Ländern mutvoll und begeistert die gerechte Sache Deutschlands vertreten, oft unter Hintansetzung aller eignen Interessen, unter Schwierigkeiten, die einen hohen Grad von Selbst- Gebiet, das ihnen das erforderliche Weideland zu bieten scheint. Sie treten mit diesem Anliegen vor Mose hin, doch wagen sie kaum ihren Wünschen recht Ausdruck zu geben Sie wißen ja nicht, wie ihr Verlangen gedeutet werden wird. Für eine Weile stockt sogar ihre Rede, und es bedarf für sie gleichsam eines neuen Ansatzes, um endlich ihr Ansuchen auch gebührend anszusprechen. Das deutet die Schrift uns an, indem sie die Rede der Wortführer unterbricht und dann wieder a»,snimmt mit dem Worte; „Und sie sprachen." Wie begründet ihr Zagen irnd Schwanken gervesen, erkennen sie sogleich, wo ihnen Moses nachdrucksvott zuruft: „ns i0L>7> cnxi 1-101-60*? wr oo'nx.i, Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, und ihr wollet hier gemächlich sitzen?" Mose ist entsetzt beim Gedanken, es könnten einzelne Stämme ihrem Sonderimereffe vor dem allgemeinen Wohle den Vorrang geben und so jedweden wahren Gemeinsinn vermissen lassen. Darum hält er mit seinem Tadel nicht zurück und weist ihnen nach, daß ihre Absicht gar leicht verderbliche Folgen im Volke zeitigen und dessen Sehnen und Verlangen nach dem gelobten Lande ins Gegenteil verwandeln könnte Sein Mißtrauen und seine Sorge werden aber sogleich beseitigt, als er die klaren hinreichenden Aufschluß gebenden Worte vernimmt: ,ne 2;,70^ n:2J um;, Schafhürden wollen wir hier bauen für unsere Herden vnpl und Städte für unsere Kinder . . Wir selbst aber wollen kampfgerüstet den Kindern Israel voranziehen, bis daß wir sie zu ihrem Orte gebracht haben... Wir wollen zu unfern Häusern tlicht eher zurückkehren, bis ein jeder von den Kindern Israels sein Besitztum erlangt hat." Freudig willigt Moses in ihrell Wunsch, er gesteht ihnen den Besitz der verlangten Gebiete zu, vorausgesetzt, daß sie ihr Versprechen halten, und rvie zur Bekräftigung dieses Vertrages schließt Moses seine Zusage mit den Worten, die für das Israel aller Verleugnung erheischen. Uns will diese Erscheinung nicht etwas Besonderes oder gar Auffallendes dünken. Sie ist psychologisch begründet in einem durch jahrhundertelangen Druck gestählten und gesteigerten Rechtsempfinden, das sich gewaltig aufböumt gegen ruchlose Knebelungen derWahrhe'it und Gerechtigkeit, wie sie der jetzige Bölkerkrieg so drastisch aufweist. bi>22 22N s'X: P'2JH Erfahrung ist auch hier der beste Lehrmeister. Das jüdische Gefühl treibt die zerstreuten Volksgenossen unwillkürlich und mit elementarer Macht an die Seite Deutschlands, das sich diesmal so recht in der Lage des Judentums befindet: Sin-as chinom, unb Bilbul ringsum. Sin-as chinom, unverdienter Haß! Er tut weh, bitter weh. '"INK '2 'NX2N N21 'VVD N2 „Was ist mein Vergehen und was mein Verschulden, daß du mich so hitzig verfolgst?" hatte schon der Patriarch Jakob gesprochen, als er in einer Generalabrechnung mit seinem unnatürlichen Schwiegervater seinen Gefühlen Luft machte über jahrzehntelang erduldetes Unrecht und erlittene Kränkung. In der bitteren Anklage spiegelt sich zugleich all das wieder, was Israel der späteren Welt zurufen mochte. Und was hat Deutschland verbrochen, was Oesterreich-Ungarn oder die Türkei? Die ganze Welt zog Nutzen und Segen aus Deutschlands Erstarkung. Deutscher Geist, deutsche Kunst und Wissenschaft leuchteten fernen Nationen. Japaner waren gelehrige Schüler, Italiener friedliche Arbeiter bei uns. An Deutschlands Spitze steht der geistig hervorragendste, gebildetste Monarch Europas, ein ausgesprocher 21^V "HP, ein Frtedensfürst, welcher durch weite Reisen, persönliche Vermittlungen, freiwillige Entsagungen gesetzliche Maßnahmen und weise Politik nur dem einen Ideale nachstrebte: Frieden in Europa, Frieden in der Welt. Und da kamen die Feinde von rechts und links, wahnwitzig und heuchlerisch zugleich, raubten Land um Land ohne auch nur den Schein eines Rechtes oder einer Moral zu wahren, stacheln Länder und Völker auf, denen wir nie was zuleide taten, '2N22 "KPX 2:,' 2pJ? 'by b'lin 12 auch mein Freund, auf den ich vertraute, wendet die Ferse gegen mich," (Ps. 41) Italien fällt meuchlerisch über seine ehemaligen Verbündeten her trotz aller Friedensangebote: Sin-as chinom ringsum! Schnöder Undank und schwarze Niedertracht im Bunde, uns Juden seit Pharaos und Hamans Tagen wohlbekannt bis zur lebendigen Gegenwart. Zeiten zum Motiv geworden: „'rxntrs'. me Q,,pJ ormm. So seid ttjr rein vor Gott und vor Israel". So schürft m s die Bibel ein, nicht um persönlicher Vorteile willen, niemals aus materiellen Gründen den Zusammerhang mit der Gesamtheit preiszugeben. Um alle Kinder einer Gesamtheit soll der Gemeinsinn ein inniges Band der Liebe und Zusammengehörigkeit schlingen. Die zweiundeinhatb Stämme, die im Ostjordanlande, ihren Wohnsitz aufschlugen, mußten, um ihre Anhänglichkeit an die Gesamtheit zu bekunden, mit an der Eroberung des heiligen Landes leilnehmen. Unseren Lehrern allerdings, die in sittlichen Forderungen den höchsten Maßstab anlegen, erscheint gleichwohl das Vorgehen jener Stämme nicht einwandfrei und vorbildlich. Sie iveisen darauf hin, daß diese offenbar von übermäßig großer Vesitzesliebe sich leiten ließen. Darum denken sie zunächst an die Herden, für die sie Hürdert bauen wollen, während sie sodann erst von der Zukunft ihrer Familien sprechen. Mose aber schärst ihnen nachdrucksvoll ein: „Bauet noch Städte f üeure Kinder und Hürden für eure Schafe, und was von eurem Munde g e - äußert worden vollbringt" Sein Mißtralien war also nicht ganz ungerechtfertigt. Gerne in sinn ist nicht nur Teilnahme an den äußeren Schicksalen, sondern auch treues Einstehen für die Ideale der Gesamtheit. In Israel soll die Ueberzeugnng vorwalten, „daß nicht vorn Brote allein lebt der Mensch", daß höher steht die Befriedigung des Geistes und Gemütes. Darum genügte es nicht, daß die Häupter der Stämme die Verpflichtung übernahmen, für die Gesamtheit mitzukämpsen. Erst als sie sich belehrt zeigten und versicherten: „JTSSe w* hmo wp' -pny. Deine Diener werden tun, wie mein Herr -gebietet! Unsere Kinder, unsere Frauen, unsere Herden und all unser Btehstand, sie sollen dort bleiben in