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Der Israelit · 1915-06-10 · Heft 25 (10.6.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 25 (10.6.1915)
Date
1915-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Geile 4 No. 25 Der Jsraeür. Kälte. Jeden Morgen drängen sich vor den Türen der Synagogen Frauen mit nackten hungernden Kindern. Biele haben vor Hunger und Leiden den Verstand verloren. In den Straßen irren Rudel vonWahnsii.nigen herum. DerKorrcspoudent bot einem Greis, der ihn anbettelte, eine Geldmünze,- der Arme warf sie weg und heulte: „gebt mir doch lieber ein Stück Bror!" Einigermaßen wird die Nor der Bevölkerung gelindert durch die aufopferungsvolle Tätigkeit des zweiten Bürgermeisters Dr. von RutowsN und des zweiten Präsidenten der jüdischen Gemeinde Dr. Diamant. Es sind über vierzig Speisehänser für die ärmsten Kreise der Bevölkerung errichtet worden, darunter fünf jüdische, in denen für einen geringen Preis warmes Essen verabreicht wird. Man sieht, das Morgenrot der von Mr. Israel Zangwill und Professor Richard Gottheil verheißenen neurn Epoche ist über uns schon hereingebrochen. Vermißte jüdische Familien Es sucht: Alb. WormS, Pferdehändler, Kürzel i. V. A br, Gätz bei Salamon Steiner, Preßburg (Uugortt), örupuzinerstv. 3. XXVII. Es werden gesucht: Seinen Sohn R.Worrns, zuletzt Antwerpen bei Mar Fuld, 7 Marche aux grains 7. Iran Freide (Hätz aus Zalozee (Galiziens. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Eorrespondenzen und Aachnchten. Keutsrhos KLich. Werlin, 6. Juni. Am 30. Mai fand eine Sitzung des Gesammtausschusses des „Verbandes der Deutschen Juden" hier statt, in der die Herren Stabtrat Schleyer- Posen, Bernhard Mayer- Mainz, Prof. Dr. Mittwoch- Berlin, Lrssa- Hamburg, Dr. Veit Simon- Berlin neu gewählt wurden. - Herr Hermann Gumpertz- Hamburg ist aus dem Ausschüsse ausgeschieden. Dem Ausschuß wurde ein Bericht über die Tätigkeit des Verbandes während der Kriegsmonate cvftattet* Diese erstreckte sich im wesentlichen > uf tu Bestellung von Feldgeistlichen, die Herausgabe eines Feldgebetbuchec sowie eine Reihe von Bemühungen um Berücksichtigung der gottesdienstlichen Interessen und der Seelsorge der jüdischen Soldaten. Der Jahresabschluß wurde nach dem Berichte der Revisoren genehmigt. Verein?ur Förderung ritueller Speisehäuser. Kamöurg, 7. Juni. Am 25. Mai wurde die Generalversammlung der Mitglieder des genannten Vereins abgehalten, bei welcher der Vorsitzende, Herr Gumpertz, u. a. folgendes berichtete: „Ende Dezember 1914 betrug hie Mitgliederzahl des Vereins H)87, demnach um 7 weniger als im Vorjahre. Erfreulich sei eS, daß die regulären Jahresbeiträge im Kriegsjahr 1914, eine Steigerung von 304,39 Mk. erfahren haben) andererseits haben wir bei den Spenden, ein Minus von nicht weniger als 1270.71 Mk. zu verzeichnen. Bedauerlich ist die Tatsache, daß wir—zum ersten Mal seit Bestehen des Vereins — (durch größere Abschreibungen infolge des Krieges) mit einem Verlust abschließen und mit '1219,74 Mk. zeichnen. Zn bemerken sei jedoch, daß wir laut Vorstandsbeschluß vom SO. Sluguft 1914 sämtliche, vor Ausbruch des Krieges bewilligten Subventionen, zur Auszahlung gebracht haben. Die Eingänge der Mltglicöerbeiträge Pro 1915 sind befriedigend, ein Beweis dafür, wie sehr die idealen Bestrebungen des Vereins, anerkannt und gewürdigt werden." Die Vorgänge in und bei Kielce- Lodz, 7. Juni. Wir haben in einer der letzten Nummern bereits über die Vorgänge in Kielte, wo die Russen für ihre empfindliche Niederlage blutige Rache an den unschuldigen Juden genommen haben, berichtet. Noch weit schlimmer erging es den Juden int naher: Städtchen ® ob feilt tu. Dort wurde über die angesehensten jüdischen Bürger die Prügelstrafe verhängt, die in schimpflichster Weise auf öffentlichem Marktplatz vor den Augen des versammelten Volkes vollzogen wurde. Andere wurden zu den schwersten öffentlichen Arbeiten herangezogen. Aus das bloße Gerücht hin, daß aus emcm Judenhause auf rujsisches Militär geschossen wurde, wurde an einem schönen Sabvathmorgen angeordnet, daß alle jüdischen Häuser zusammengeschossen werden sollen. Die Jude.i lagen m den Kellern, einem uns und ftciitu fest, l iSlutgcr, hilf! ü) Müttüi, j erhör' uns, am Tag, oa Nur rufen." Mein i-'Vtn-; verbaute. In den Gingen glühte i heiliges Jtuer. Teer herrschte nur eine ^Kduiuvn. | Tori gab cc einen Tempel: das Sa; lacht selb! Altäre l gab es viele, die alle blutige Opfer forderten.... j T« diefein Momente jagte an uns die Ordonnanz , heran mit dem Befehl, dap alte bersngbaren Ossi ziere fvfort ins stuier sollten. Tie Männer küß! ton das Heine Bürl'le.'n, dann die Briefe, die sie! an dem Busen bargen und stürmten vorwärts, in j Ekstase singend: Boüvärts! Ter Ewige ist mir stets; und WaU! *mxc'. '>'82 'i. Das war ein Erlebnis, das i mich bis ins Grab begleiten wird. Ta sah ich, was für Gefühle und Empstilwungen der .urieg anslofen kann. Ich fa!> dort etwas Ileherirdisthes: Das Ein greifen des Transzendenten in die Geschicke des ^Irdischen. I. B. A. >,D'Annun;io Rappaport.s Tas „ B erline r Tageblatt" schreibt: „Seit Beginn des italienischen .Krieges bringen die „urenz-Zlg.", die „Tentfche Tagesztg." und ahn liche Blätter Notizen, in denen sie behaupten, daß d'Aurtunziv eigentlich Rappaport heiße und I u d e fei. Obwohl die a n t i f e nt i ti s eh e A b - sicht, die mit der Vervschutiupung dieser -Notizen verbunden wird, ihren Ausdruck nicht in klaren Wvr len findet. tviu nt doch deutlich genug zutage. Ob Herr b^'lniuiuzio Jude ist oder nicht, Wijjen Wir nicht, es schein« uns aber auch völlig gleichgültig zu fein. Nicht gleichgültig dagegen, ifr es, das; in dieser Zeit konservative Journalisten, die sich an ihrem Schreibtisch sehr mutig gebärden, die antisemitische Agitation fvrtsec.en, ioährend draußen auf den Schlachtfeldern die jüdischen Soldaten an der Seite ihrer christlicheu ztanreraden tapfer kämpfen und sterben. Tie anusemitische „H e f s i j ch e i! a n d e - zeit n n g" hat auch S c n n i n v der Protestant ijt zu Den Juden gerechnet und sich den sanderen Satz geleistet: „Billig wird er als Jude nicht zu haben gewesen fein'" Geradezu unerhört ist ein Vorgang, der mi) in einer Versammlung des Teiltf ch e u W e i; r v e r e r'u s abgespielt hat: „i5'in .»err v. B o de l s ch lv j n g h suchte der Bersammliiug au der .Hand einer Nummer des „.Kammer" za beioeisen, das; eigentlich der Weil krieg von den Jndert gemachr ist. d Aanunzio und Sonnino, zwei Juden, haben den italienischen Treu bruch i'.rszenlert, und der Jude T e r n b u r g v e rr ä t d ie Iuteress e n s e j il e s B a t e r t a u des in Amerika. Ueberau stnoe» am Werte'. Tie Versammlung tobte vor Behagen. Unvergeßlich bleibt mir der eiuni stete Zwischenruf eines lieberzeuguugsire.ren: „U n b dies c O e u t e «voll e u tll e s erve^effizier werden!" Ter Vorsitzende, Herr b. Alraun, schwieg dazu!" Die tüücksicht auf den sogenannten „Burgfrieden" hindert uns, das Verhalten dieser Oento gebührend zu kennzeichnen. Das ist im Grunde auch überflüssig, da alle Menschen, die ein Gefühl für Anstnrrd und Ehre haben, sich das Nötige selbst hinzudenken werden." Tie Rücksicht des „Bert. Tageblatt" auf den „Burgfrieden" jst, unserer Meinung nach, heute doch nicht tnehr so am Platze, als das; wir nicht dennoch daraus Hinweisen sollten/ das; wir durch solche Rücksichten dem Ansehen Deuischiands keinen guten Dienst leisten. Mau bedenke nur, wie deprimierend aris die opferfreudige «reslnnung der studen cS wirken muß, ioenn, seitens der Antisemiteir ohne Rücksicht auf die Kriegslage und den inneren Frieden, ohne daß ein Machtwort sie daran hindert, schon heute Zlvietracht _10. Juni 1915 grausigen Ende cntgegenharrend. Da regte sich im letzten Moment das Gewissen der polnischen Geistlichkeit und der Priester tat einen Bittgang beim Kommandanten, um das Verhängnis von den Unglücklichen abzuwenden. Es gelang, das Bombardement in einen Pogrom umzuwandeln, bei dem die Kosaken freie Hand bekamen, nach Herzenslust zu morden und zu plündern ... Fünf Juden wurden ermordet (sie werden in Lodzer Zeitungen bei diamen genannt) und alle Geschäfte ausgeplündert. Nur wenige konnten stüchten. Zur Zeit bestndet sich kein einziger Jude in der noch vor Jahresfrist blühenden Gemeinde. In Kielee selbst ist mit dem Einzug der Deutschen auch Ruhe und Ordnung eingezogen, sodaß sich bereits ein reger Handelsverkehr zwischen dieser Stadt und Lodz entwickeln tonnte. Oesterreich. Ein Kofaften?irtiular. Wie«, 3. Juni. Aus dem Kriegspresscquartier wird gemeldet: Während der Russenherrschaft in der Stadt Krosno wurde folgende charakteristische Bekanntmachung erlassen: „Der Etappenstationskommandant in 5krosno erklärt hiermit, daß die jüdische Bevölkerung der durch das russische Heer besetzten Gebiete für jeden durch Oesterreicher oder Preußen an hier ansässigen Bürgern verübten Gewaltakt verantwortlich erklärt wird, und daß aus den durch das russische Heer besetzten Gebieten Geiseln entnommen und nach Rußland abtransportiert sind, von denen je zwei mit ihrem Tode t üßen werden für jeden Bürger, der seitens der Oesterreicher oder Preußen verfolgt wird, oder für jeden jüdischen Spion, der in diesen Gebieten gefangen wird. Krosno, 10. März 1915. Der Etappenkommandant." Urrscrvrr. Aus den Gemeinden. Nemcskosztoläny. Durck das Hinscheiden von Rabbi Aiordchai Fürst ny hat der weite Kreis der Frvwmen des Neutraer Komitats einen herben Verlust erlitten. Er war einer jener 2"2, die mit dem richtigsten Verständnis ein glühendes Interesse für die Fragen des dbr vereinten und als Führer ihres Kreises dem gesetzestreuen Judentum die heiligsten Dienste leisteten. Der .nun war für ihn die höchste Autorität und mim rann sein einziges Lebensprinzip. Die Trauer um ihn, der 74 jährig von uns zog, war eine allgemclnc. Rabbiner Reich, Oszläny, schilderte in seinem nsendie Größe dieses Mannes! Rabbiner Fürst, Esnsz, Prach im Namen der Familie und als letzter widmete Rabbi Fürst zu Herzen gehende Worte der Trauer dem Bruder und Freunde, der das winsterbild eines yarnwnrsch abgestimmten echten 'im gewesen war. n"Si*;r, Z. V. A. und Spaltungen unter deutschen Bürgern verschiedener .v'oilsessionen hcrvvrgernfcn werden. iAüdische tzwsänge ans dem Kriegsschauplatz.) EinAirtarbeiter des russischen„Ras;wit" erzählt folgendes: Es ivar anfangs September, als ein militärischer .stlg rn.it Soldaten zum Kriegsschauplatz abgehen mußte. Ich batte einen meiner Freunde, einen Zionisten, begleitet, der wie die Zeitungen später berichteten — den St. GcorgSorden für seine Tapferkeit erhielt. ,Da wurde das Signal gegeben und alle Loldatev maßten üch in die Waggons zurückziehen. Ein Waggon ivar besonders mit jüdischen Soldaten bepackt. Plötzlich läßt sich eine Stimme vernehmen: „Gennnongsgenossen, die „Hattklvah"! llud alle Soldaten, die im Waggon lvaren, begannen im Ehrrus, wie ein Mensch) anznstimmen.' „And lau owdv iiklvosenn...." Um den Waggon hatte sich eine große Menge versammelt, darunter viele Offiziere und Soldaten. „Die Juden sagen ihre Gebete!"... erklärten die Elirifteu.... „Die Juden beten" ... n.s.w. llrrd iurrklicb Hatto etwas Erhabenes, Religiöses zu wehen begonnen. Der Zug begann sich zu bewegen. Er ist dorthin gefahren, wo mit dem Gewehr in der Hand Wcltprobleme gelöst werden... Als der Zug schon fern war, konnte man noch deutlich die melancholischen 9ioten der „Hatiklvah" vernehmen. Als ich den Bahnhof verließ, weinten jüdische Bcütter, Sthwestern, Kinder und auch Fremde. Später hat mir ein verwundeter jüdischer Soldat folgendes erzählt: - .... Und dort, im Kriegslager, loenn es still ioird und keine Gefahr mehr zuerwarten ist, da wird nicht selten die Totenstille durch die vibrierenden Melodien jüdischer Gesänge durchrissen...

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