Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 25 (10.6.1915)
- Date
- 1915-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 25 Seite 3 10. Juni 1915 adels, nur vorübr.gehend zu sehen. Mi: dem Exodus der 40.000 Juden aus der etuui 70.000 OHnwohner zählenden Stadt dürste derselben der Lebensnerv durchschnitten, Haudel und Industrie wie überhaupt dem öffentlichen Berkehr der Lebensodem ausgebl»scl; sein. Man denkt auch an die unzähligen Synagogen und Bethäuser, an die blühenden Jeschiwas. Was in der Stadt nach Abzug der Juden noch übrig bleibt — anulpbabetÖche Litauer und Polen der untersten Sckicht, brutale russisch'. Beau-re und Soldaten der Jestungsgarnison — wird nur mu so deutlicher ihren Untergang dokumen.ieren. llnb das mochte auch letzten Endes der Zweck der Austreibung gewesen »ein. In russische!' Kreisen hat sie große Bestürzung hervorgernsen, nicht aus Mitleid mit berr Betroffenen,;oudern »veil inan darin den sichern Borboten ei-'er Katastrophe für die bedrohte Start sieht. Nie ist der Russe mutiger und gründlicher als m der Selbstzerstörung von ihm aufgegcbruer Plätze. Alles fällt der Vermichtuug anheuri, was dem Sieger nützen, was der Stadt eine Voraussetzung neuen Aufblühens werden könnte. Dian zerstörr mit WohÜnst Drücken, Bahnen und Bauten, durchschneidet alle ohnehin spärlichen DnahS des Verkehrs- und Kulturlebens — und entfernt rasch das bet; icbsamsi?^ intelligenteste, der Kuiocr zugänglichste Bevölkerungselement. Kowno ist allem Anscheine nach bereits 6U. dem Puukrc angelangt — das .nimm man auch in Petersburg und Moskau nnt tiefer Bestürzung gewähr — da cs die Juden in f enteil Mauern nicht mehr vertragen kam: - - . Im »Mischen Lemberg. Der Verlag von G e o rg S t i l ke, Berlin stellt uns die Aushängebogen eines »reuen Buches oon B. Segel» „Den We! tkri e g u n b d a o Schicksal dcs jüdischen Volkes" zrrr Verfügung. Das Buch, darauf berechnet, die Juden in den neutralen Ländern über die Ursache»; und Ziele des Weltkrieges auszutlären und zu zogen, was es mir der „an der» Sieg der Entente gebundenen politische Erlösung der sieben Millionen Juden Rußlands" aus sich har, stellt zugleich in der sachlichen Art des objektiven Forschers feit, was die Juden oer ganzen Welt Deutschland uno seiner Kultur zu verdanken haben. Die Bericht? über die Judenverfolgungen in Rußlnr.d »eit Ausbrllch des Krieges, die Leiden der Juden m Galizieil und der Bukowina buben hier tu« dunklen Grund, auf dem sich das Schaticnono des Zarrönius in »einer ganzen Hohlheit und Kulturwidrigleit erhebt. Bon großem Jnrrresse sind auch die Einzelheiten, die Segel rum der Der Israelit. ri. tiiid). v Berwalknn g tu Galizieu zrr erzähle:: »veiß. Eint.ge der großen Städte haben die Russen n-wch.-nnn und „verwalten" sie. So namentlich L-'UNNrg. „LwOw", di? Hauptstadt Gal;zi?ns, ist nicht um in der poln-nhen, sondern auch in der indischen Geichräue ein berühn>t-r Ramc. Jil der Stadt bcsiitden sich Denkmäler ocr polnischen Bergungeriheir, wer che nicht nur beu polnischer:, so adern den Judc n der ganzen Welt ehrrrürdige chrsitnerungen wecken. So cle allen Synagogen. So die Häuser, tu derwu ehcntals d..r große Polen'önig Johann Sobiesci wohnte. (Die von diesem König in ...er nahegclegeilen Stadt Zoikiew erbaute wunderschö.w Synagoge mir ihrer weithin sichtbaren Kuppel ui von. den Russen in Trümmer gochossen worden,. Lemberg bildete k: .o ocr ältesten und berühmtesten südlichen Gernsindcni. Dw/e war bis in die neueste Zeit hrnem der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit, der Aubbucer non Lenlberg nahttk eine in der ganzen jüd.scheu Welt hochgeachtete Stellung ein. An d;e Rnbollten von Lemberg ergingen aus der ganzen Welt: aus Kanada, aus Südafrika, sowie aus Indien und aus Algier An fragen in Dmgen, dm das religiöse Leben betrafen. Lemberg war em? d?r Stnoto, wo die moderne Wissenschaft des Judentums erttstauden ist und ausgedaut wurde. Lemoerg sowie Galizien überhaupr hat zahlreiche Aia-'.ncr tzervorgebruchr, welche aus verschiedenen Gcvlttcn der Wlsseuscyast und Kunst Rühmliches geleiner und dem jüdischen Äkamen in der ganzen Welt Ehre gemacht yaoen. Aus Galizten stömin..'n sehr zahlreiche GAchrre und Rabbineu, bie heute tu oer ganzen Welt, tnsoesondere in Anrerita, als Führer, Lehrer ooer Prediger an oer Spltze der jüdischen Gemeiudcn stehen. D-.e froht es heute in Lemberg aus? N.-.ier der Bevölkerung herrscht Hunger und stcdt. Jene österrrichischen Staatsbeamten, die »i'cht flachten konnten, köirnen ihre Gehälter nicht ausbezahlt erhalten. Run verbuchte die öfterreich.D;e Regierung durch den amerikanischen Botfch-usrer in Petersburg an den katholischen Erzbi-ami von Lemberg, Dr. Joseph Bilezewski, et--.igo Millmuen zu senden, damit er beu nolleidencen Beamre,; oie Gehälter ausbezahlre. Die rnsi:,'lhs Regierung wkd ersetzte sich dem und erklärte,?ooalo das Geld au den Erzbischof anlau., . wurde sie es konfiszieren. Die Beamten fab?», ivotter h'ungern, Dainu sie mürbe »verdcn, i.Qicü onerrelchuchen Bearuteiteib orechen und in dr.n D"tnsi der rnssffchen Regierititg treten. D:e DAuäncrung von Lemoerg Hut sich, obschon ein gro-/:r Deä der Bewohner ge flüchtet in, durch den Zustrom der Entstohenen ans der Provinz enc-tni vermehrt. Da in Rnßlanö Lebensmittel reu:4 ch vorhanden sind, »rare es leicht, die Befür die Unschuldigen und Unmündigen, »vir erhöhen vielmehr sür sie alle, das; ihnen ansürahlen rnene ein neuer Morgen des Vichts und der streiheii, a-:< dein die Wahrheit den dichten Schleier zerreisn, der il>ren 'Alict so trüb:, dos; sie das Recht von der \'ui]c nicht ]n scheiden vermögen. D, aast dleser 'vioraen recht l'.atd der Welt kommen rnvae, das; die 4-ölier sich lanlern und in Harmonie und Oimrachi zu oanerndein Frieden sich ivieder verbinden! t± i il e Lhiiv b e. Kleines Feuilleton für D r. K a l in a u, oer als jüoifchep ldge'ij,' i-.üer die rmgnrischeu lrrnppeu a>r oie nordin.h.' chren nzor gleitete und säst den: .trerichlerrsciien '.'lnfall ri'.nr i'Üsiinischer'n; zürn Lpser gesallen^ »väre, zsch'.loeri pu „Ntnahar S.sina;;0go." pnaend seine (rrletnrine l:>r ,äclde: Unter schiverell (smuci.nniftcn ^DniHac: ninere t»lrmee vorlvärts. 'Al: einem dieser Dnn' dlieden an? für kurze Aast stehen, ülur emi'.te .nilounner von oer Lchlachklime euksernl. 'blähe genug, tun zu lütsten. leie die Erde beim .unikvrreudoimer erziuert, zu s?h:a, lute die Jnnkell oitrch die Lust blineu lind ini* nblii iü;em SpcitaUr das Alk erschauern. Wir ermartelen mit verhaltenem 'Rtern, in gespanntester Erlvarlnug die von den zurüchchleichenden Perlvundeten unft eilenden Adjutanten lonnnenden Berichte silier den jcioeiligen Stand der Lage. Während die Soldaten die tiefen Schützengräben schaufelten, verrannen unendlithe Dtnnden brnger Erivarlnng uno Ungeioigheit. \ Jeder von mtö fühlte einen glühenden Drang euva-s i zu rrur, was für 'JJHumcn unsere aucherelche chhon > raste vom Dchiachtfelde avienten tonnre. Hnzlvtjch.'lr! viachae die o'cidpvsi frone Doychast vom gtüüt:.hea j vmui!. Perlchtc Volt zugauje. Mart liest mit. «vier \ etc sUegenden ranze::den Zeilen. Die iiiiiDcu Dol- | dutcn saugeir inu ihrer oreuikerrden Seele jedes Wort, das vouDchünse lvüitiir, ans. Sie leH'ii die Drirse l m-rzärnige mal und iümun ihrer nicht satt werden, j Wer uiutg menschlich ist cm chlchrs Bild! Oii: L s,i? zker i.rcnöi’L sah zu uns mit bepciider, ergrisstner j ^rr«.M!>.e: ,,.ucvmerar,cc:: »ninderl Es t»t mir mast a:ög s lieg, dem Wunsche diesem Brieses zn wcdcrscehen. \ iu;,iua her, mein Aiülterchen - - malt ttlertts, das; sie j oecc Brief mit ihren Dränen Veit eg re - schreibt mir ' von ,;u Hanse: Hange:, vere nianches mal, in io amlj lr.rr hier für dich nndüchcig zu s-mr oem Herrrl oererr. | Ich fühle es, .urnder, oag ich univürost; märe, loean \ in; c meinem licucit Mütterchen nicht folgen sollte, j Seist rttir, ätlNder, Velen!" Und es senren sich zn ans j anfc.'lgs einer, dann immer mem nnd .negr ichlirf; ' lid) ule DstiZrere. Es bildete sich ein .'cireis. ervvas har die 'Angen der yarnen ^oiearen rot gesäror. D<- ianh dies yvdgc den Belesen oer Acütrer zugeschrievert werden. Die g-.stei.c-c alte ulit zitternder Stimnie, das; jeder einen Brces gleichen Buhnirs von zu Hanse erhrelr. stüi.sunozir.anz.g Briefe bitten ansnahvislvs: „Luches.sturd'. Wir deren läglicd fiir dich zum gütigen him.'.ntischen Barer. Dcc-. dasselve". Uno veac den vers'.än aene'n Lanvc-egrenzen klingen die steilen zrr samucen. UeöeraU ecn Wunsch, ein riest's Srlinen, ein andächtiges (stc ran.... Die Psalinen werden!,ervergeslicht. B'-V.r hat jeut Büchlein. Der Band ist ivvht verschieden; der Beist ist der gleiche: ewig mm wand?lvar heilige! Uno es erklingt von alten Lippen - * -?J Hin.. ..j4 ■«.. wohner vor Hunger zu schützen. Aber die unfähige nnd diebisch? russische Verrvaltung kann und ntag bas nicht zv.lvcg? bringen. So ist denn dr? Vevöcterung, nameistlich die mittleren und die unteren Schichten, der äußersten 9lot preisgr geben. Besonders schiver leiden die Juden. Handel uuö Oüerverbe stocken vollkommen, die Wobnnngen der Emsloheuen wurden geplündert, die Gescstäsre i-ud Läden ausgeraubt, ^ie Lebensmittelpreise sind ungeheuer in die Höhe gegangen. Da griff die ruffiiche Verwaltung ein — und gründete einige Krippen für „russische" Kinder. Wer sein .Kind an der Krippe mit einem Löffel »varmcr Suppe und einer Krume Bcot sättigen will, muß ein Zeugnis beibringcn, daß das Kind orthodox getauft itt. Ist das nicht der Fall, so besorgt es der russische Pope, der stets zcir Hand ist. Alan sieht, Rußland arbeitet, wie das Sprichwort sagt, mit beiden Fäuste;:, die eine ist offen, die andere geballt. Dadurch wird aus die Ruthenen in Lemberg ein Hungerzwang ausgeübt, daß sie in den Schoß der orthodoxen 5^irche „zurückkehren." Da die Ruthenen aber nur 14 Prozent der Lemberger Bevölkerung bilden, so kommt diese Wohltätigkeit sehr billig zu stehen. Mitte Januar, als die Rot tu Oftgalizien am größten »var, gingen dorthin aus Rußland 20 Waggons Liebesgaben ab. Sie enthielten: einige Millionen russische Heiligenbilder, einige Millionen Bilder des Zaren und jeinex Familie, sowie der berühmten Minister und „siegreichen" Heerführer, einige Waggons waren voll Meßgewänder und Meßgeräte sür die anstelle der vertriebenen griechisch-katholischen im ganzen Laude cinzusetzenden ruffisch-orthodoxen Geistlichkeit; einige Waggons waren voll von Gebetbüchern, andere von Fibeln und Lehrbüchern für dre zu gründenden russischen Schulen. Das klassische Land des Analphabetentums versorgt uns mit Schulbüchern! Die Juden insbesondere konnten von dieser edlen Seelenspeise nicht satt werden. Der Korresp. ndent des Petersburger Rowy Moschod hat Lemberg besucht und enttvirft grauenvolle Bclver von dem Elend der dortigen Juden. D-e Wohlfahrtsm;d Fürsorgeinstitute der jüdische»! Gemeinde: Spiral, 2 Waisenhäuser, Alrersversorgu-lgsa»rstalt, Siechenhaus, Armenhaus, Volksbanl, ferner all? Wohllätigkertsvereine, Schulen, Fröbeianstalten und Kinderhorte sind geschlossen. Die Geniciude als solche hat zu existieren auigehört. stlicht einmal die Gottesdccuste können rcgelnkäßtg abgehalten »verden, die russische Polizei öulöet keine Ansammlungen. Von allen öffentlichen Jnstittttiorten der Gemeinde funktioniert nur noch — der Friedhof, in dem es sehr, sehr viel zu tun gibt. Unter den 00000 Juden der Sradt wütet der Hunger und die in iuuuoabuu ta-UiüM- Andacht: „Mein Herr! Wie vieler scnv inane steinm: viele uanven wider ims auf un'o sprmm'u zu mann: Seele: sie Imve» keine »lieliung. Dvcc; Du, v Dmiger, visr mir schürz, nnd Ehre;;it& ovemtii mein vuruv-t"... Uuö die Wetter (Hracit Stuanpeulic'il niii dril ciferiteit Aervrnslrängerhcven oa-,- jivlze 'Aupr zum .Bimmel und suchen imd s iud e u den nnsichcvarc'n ce>mt! 0s ist dies ein Bild, wie es in Jahrhunderten kaum wiederkehrl. t'Aein Acc.hr iveldece sich an diesem herrlichen Anblick. stch sehe in diesem ergreifenden (hevet der eisernc'n Svivarrnwunren vir üver sich srlvst hinaus ins Dwige ragende ^lndacht verklärter Seelen, die in ecneic: heiligen läefühl zusauuneuschwingen, die, wie die Briese ans der Heimat von einem gemeinsamen lsevanlen cHuugcn werden: statt in die mordende .cirait der >i-!,im:en nüd «Vewehre in den unsichtbaren dach al.lg-'geuwcirrrgen 'Volk ihr Vertrauen 'ieuen. Ja, Dür Aiesemrieccet! A'ichl nur mvverne lsranatenspeier, Ai'aichineugewehre t:nd tausend andere vernichtende Hu stcuinrnre um uns nvl. Die unsichlvare ,Sinirt der fiüaiiiljen Allmacht ist unsere Schnamauer. Das »var 'i 't der rei:I)0o JJioment meines era^eins: er barg segens-- reick.es f>'>lück für mein ganze? Leven. 'Ans meiner Seele drangen mit errupcivc r läeivalt die segnen - neu Psalmwvrte. „Erhvrcn wäge Dich, der cäwige, . am Dage Orr Nor; Dia; zum Siege erheben, der Gott Datvvs? Dr möge senden deine Hikse vom Heiligncm und von stivn dich stühen. trr möge deiner Dpser gedenken; Deinen Hazenswunsth erfüllen und deinen Rat gelingen laiseu. Wir »vollen jubeln ob Deiner Hilfe; und im Aamru u',Vlies die Aapne schwingein 0s er suite der hllvigc, all deine Bitten. Diese zu Wagen, jene zu Aosse: wir aber wollen im Itamen des Einigen unseres s'»vtles gedenken. . Sie brechen znsarnmen und sinken; wir aber erheben■}