Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 23 (27.5.1915)
- Date
- 1915-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Organ des Bundes gesefiestreuer jüdischer hehrer Deutschlands. Vas hat die Darbietung der Biblischen Geschichte sachlich zu leisten? l Schluß.) 2. Eine anschauliche Darstellung mnfaß in zweiter Linie die Personen der Handlung, zunächst nach ihrer äußeren Erscheinung und ihrem "Auftreten. So wichtig dieser Gesichtspunkt für die dramatische Darstellung historischer Personen auch ist, so können wir in der Biblischen Geschichte die Forderung anschaulicher Tarsteltung inbezug auf das Aeußere der Personen nur teilweise erfüllen, weil wir aus der Bibel direkt nur wenig darüber erfahren. Die bildliche Darstellung biblischer Personen lehnen wir ab, neben anderem schon deshalb, weil uns erfundene, also unhistorische Darstellungen immer bedenklich erscheinen. Soweit aber die Bibel Andeutungen gibt, oder sonst über Kleidung, Wohnung, Lebensweise der Personen historische Quellen berichten, müssen sie zur Ergänzung und Klärung des Bildes, oas als Reproduktron irgend einer früheren sinnlichen Anschauung unbewußt rm Hörer auftaucht, herangezogen werden, woher die detaillierteste Ausführung wiederum der schwach entwickelten Phantafierätigkeit und dem umso größeren Bedürfnis nach Aufhellung des phantasiemätzjgen Vorstellungsbildes unserer Sechs- und Siebenjährigen besonders notwendig erscheint. So läßt der Bericht über das Erscheinen der „drei Männer" auf der sonnendurchglühten, staubigen Straße vor Abrahams Zelt eine Reihe von Einzelzügen in der äußeren Erscheinung erkennen. Wenn wir die biblischen und ägyptischen Quellen benutzend, der Zeichnung Josefs äußerer Erscheinung, beim ersten Austreten vor Pharao einige Sorgfalt 'zuwenden, — die Papyri berichten, daß man vor dem König im enganliegenden Leinen und völlig kahl geschoren erscheinen mußte — so kommen wir nicht nur dem kindlichen Bedürfnis nach Veranschaulichung des Einzelnen und Aeußerlichen entgegen, sondern wecken durch solche Persinnlichung das sympathetische Interesse des Kindes an den Gestalten der Geschichte und ihren Erlebnissen. 3. Besser orientiert sind wir über den Seelenz u st a n d der biblischen Personen und die Veranschaulichung desselben ist wohl die wichtigste Aufgabe jeder dramatischen Darstellung. Es handelt sich hier nicht mehr um sinnliche Wahrnehmung, sondern um die Anschauung s e e l i s ch e r E r l e b n i s s e. Die herkömmliche Stusentheorie hat die Bedeutung des psychologischen Moments in der Geschichte für die pädagogische Wirkung derselben wohl erkannt und deshalb die „psychologische Vertiefung" in einem besonderen methodischen Abschnitt der zweiten Stufe verlangt. Allein das Verfahren dieser „psychologischen Stufe" ist selbst recht unpshchologisch. Die Betrachtung der Scelcnzustände nach der Verarbeitung des sachlichen Materials der Darbietung läuft nämlich immer auf ein verstandesmäßiges Begucken derselben hinaus; durch die Fragestellung soll der Schüler im wesentlichen zur verstandesmäßigen Bildung von Begriffen angehalten werden. Seelen- -uftände anderer erfaßt man aber gar nicht durch VerstandeStätigkeit, f ändernd urch Mitempfinden,Mi tsühlen, also durch eigenes Nacherleben. Darum hilft es Wr das Erleben der Geschichte durch die Kinder «nch gar nichts, wenn der Autor eines biblischen Geschichtsbuches die fertigen Begriffe über die seelischen Erlebnisse der Personen in Form tum Reflexionen über die Erzählung dem Bericht der Tatsachen Voranstellt odrr solche abstrahierte Ällgemeinbetrachtnngen an Stelle des Berichtes der Tatsachen bietet. (ES gibt ohnehin nichts Häßlicheres, als wenn ein Wind eine Geschichte erzählt und, die abstrakten Urteile eines solchen Autors nachbetend, .an Stelle biblischen Tatsachenberichtes ein altkluges Raifonnement reproduziert.) Lcelifche Erlebnisse werden uns anschaulich Glicht durch begriffliche Firierung, sondern nur durch wi r k l i ch es Erleben. S e e l c nzust ä n d e im Kinde veranschaulichen heißt nichts anderes als sie in ihm Hervorrufen. Lasset das .«ins die Geschichte erleben, so wird es mit den Personen empfinden. In der lebendigen Darstellung der Er,Zahlung müssen auch die Gemütszustände der biblischen Gestalten lebendig werden. _ Freude und Trauer, Ernst und scherz, Liebe und Haß, Demut und Stolz, Bescheidenheit und Prahlerei, Milde und Spott — sie alle haben ihre eigene Sprache, ihren eigenen Ton der Rede. Lasset also die Personen der Geschichte selbst handeln, vor allem selb st sprechen und zwar mrt dem Tone der Wirklichkeitd. i. dramatisch lebendig (aber nicht theatralisch) sprechen, so empfindet der Hörer ihre Gemütszustände und nimmt billigend oder ablehnend Stellung zu denselben. Wie spricht doch aus Gideons Worten (dem Engel gegenüber) die Stimme eines gedrückten Gemütes, das den Glauben an Gott nicht verloren, in dem aber bittere Resignation und Kleinmut vorderhand noch die Qberhand haben! Der Ton des Vortrages kann hier allein verständlich sprechen. Oder man stelle sich den Gaal ben Ebed vor, wie er sich, solange Äbimelech abwesend ist, als den starken, furchtlosen Mann, aller Heldentaten fähig, aufspielt und wie kläglich er im Anblick der ersten Gefahr zusammenbricht. Und nun markiere man in der Rede, in Ton und Gebärde entsprechend das eine Mal den Prahlhans und Maulhelden und das andere Mal entsprechend den wimmernden, die Worte kaum stammelnden Feigling. Ein Don. eine Gebärde, wie sie im Erfahrungskreise der zttnder liegen — und blitzartig leuchtet es in der Seele der blinder auf? Die überschänmende Gemütserregung macht sich sogar vielleicht in einem Zwischenruf (Maulheld? - Feigling!) Lust. — So ist lebendiger Unterricht, bei dem aurb. einmal herzhaft gelacht wird. 4. Charakter der Personen und ihre Worte und Taten, soweit sie als seine Willenshandlungen erscheinen, sind kausal miteinander verknüpft. Die biblische Darstellung verrät ein feine<6 künstlerisches Empfinden, daß sie den Charakter ihrer Personen nicht abstrakt beschreibt, sondern in konkreten Handlungen veranschaulicht. Auch für die Veranschaulichung der Charaktere gilt die pädagogische Forderung: Lasset etwas geschehen: Die Bibel selbst gibt uns Neuster anschaulicher Charakterschilderungen. Sic spricht nicht etwa (wie in biblischen Geschichtsbüchern so ähnlich zu finden ist) von der „Ueberwindnng von Gideons Kleinmut durch die von ihm erflehten und von Gott gewährten Wunderzeichen, die ihn mit Siegesgewißheit erfüllen", sie läßt vielmehr Gideon selcht sprechen und handeln. Wie wird z. B. auch Absalrms Demagogie durch detaillierte Schilderung seiner Worte und Taten so fei» gezeichnet? Dieses künstlerische Verfahren ist zugleich das pädagogische. Wo aber die Bibel eine Persönlichkeit nur durch kurze Andeutungen charakterisiert (wie z. B. Esaus List, Josefs Angeberei, die Unfreundlichkeit von Lots Weib gegen Gäste, die sich durch GegenWerstelluna der beiden Bilder der Gastfreundschaft im Hauke Abrahams und Lots aus der Bibel herauslefen läßt u. a.), da ist, namentlich den Kleinen gegenüber, die phantasiemätzige Ausschmückung der Handlung im Sinne der wiederholt geforderten Detailzeichnung am Playe. Manche Midrascherzählung dürste den gleichen pädsgogischen Tendenzen, das in der Bibel abft r a f t Angedeutetc sinnlich anschaul ich zu gestalten, ihre Entstehung verdanken. So wird z. B. Esaus „Heuchelei" (jvdca zajid, I. B. M. 25, 27) ins K u ii t r c t c übersetzt: Estin fragt den Vater, wie Stroh zu vcrzehnten sei die sprichwörtlich gewordene „Esans-Fragc". 5. Die lebendige Darstellung hat eixdlich den Hauptbestandteil der Ge'chxchte, die Handlung, zu berücksichtigen. Wo Leben geweckt werden soll, da muß es lebendig zugehen. Im Flusse der dramatisch verketteten 'Ereignisse llcgl das Leben der Erzäblung. Die Handlung entwickelt sich, drängt vorlvärts. Diese flotte Entwicklung der Erzählung schasst im Hörer das Gefühl der Spannung und Lösung, ball» hemmt sie bei ihm den Atem, bald läßt sie ihn jauchzen und frohlocken. Hier haben wir in der Biblischen (beschichte einmal einen Stoff, der Herz und Gemüt erquickt, der die Aufmerksamkeit fesselt, der Auge und Lhr gefangen nimmt, wenn das Drama in "flottem Schritte seinem Höhepunkte zustrebt und zu einer Lösung drängt — da stellt eine pedantische Methode die Forderung: „Geschichte soll abschniwweise vorerzählt werden." Welche Unnatur und Verkennung der kindlichen Psyche steckt in dieser absurden Forderung einer theoretischer Spekulation entsprungenen Pädagogik? Ta wird ein spannendes Stückchen erzählt, die kindliche Seele ist durch das Mittel der Erzählung eben zu lebhafter Tätigkeit angeregt und voll fieberhafter Erwartung — da loird plötzlich wie bei einer Riusikprobe inx schönsten Melodienfluß äbgeklopft; alles ist rnit einem Schlage unterbrochen, und statt in den Kindern dexr hochgespannten Strom erregter Gefühle durch Befriedigung der für das „Lernen" doch io notwendigen uitd sv schwer wiederzuwocke: den Wißbegxerde in das Bett beruhigender Lösung abfluten zu lassen, tötet man das natürliche unmittelbare Interesse am Unterrichtsstoffe, indem nxon jetzt eine recht langweilige, dürre Schulleistung von ihnen fordert: sie sollen das Gehörte wiederqebcn! Wie mühsaxn nach dieser lebentötenden Unterbrechung der ursprüngliche Faden wieder angcknüvst werden kann, leuchtet von sebst ein. *) Es ist öarum eine durchaus naturgemäße Forderung für seit Unterricht in der Biblischen Geschickte, daß die Erzählung im Zusammenhänge bar geboten werden muß. (In der Prosangeschichte ist abschnittweises Borerzählen arn Platze in jenen Gefchichtsdarstellungen, welchen die Einheit und Geschlossenheit der Handlung nicht eigen ist.) ,Die hessische Religionslehrerprüftmg. Da in letzter Zeit wiederholt Anfragen über die Anforderungen in der hessischen Religionslehrer-Prüfung an uns gelangt find, so bringen wir nachstehend die wichtigsten Bestixnmungen über dieselbe zur össenllichen Kcnittnis. S4. Die Meldungen zur Prüfung sind an das Ministerium des Inner», Abteilung für Schulangelege»- Heiken, *ti richten und bei der betreffenden Krei»- schul-Ksmmiffion einzureichen. Denselben ist beiz»- fti»en: a) ein Geburtsschein. b) ein selbstgefertigter Lebenslauf. cj Zeugnisse über den Erwerb der allgemein» Bildung und der Fachbildung. *) Bergt, dazu E. Linde, der darstellende Unterricht, Leipzig 1899, S. 73 f. und M. Paul, Mir Her» und Gemüt der Kleinen, Leipzig 1S06. S. 30 f.