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Der Israelit · 1915-05-27 · Heft 23 (27.5.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 23 (27.5.1915)
Date
1915-05-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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27. Mai 1915 Worten rühmte: „Mein Gericht ist nicht gerecht, aber schnell," wurde Ende November ein junger Mann, namens Zelonka, in der Stadt erschossen, drei andere, der 30jährtge Klempner Holzmann, der 22jährige Schneidergeselle WoidiSlawskt und der 40jährige Lastträger Weingroß, wurden verhaftet, auf dem Rückzug mitgeschleppt und unterwegs getötet. Ein 22jähriger Poznansky wurde festgenotnmen und weggeführt; sein Schicksal ist bis zur Stunde unbekannt. Ein junges Mädchen wurde geschändet. In Saniki wurden zwei Juden sestgenommen und fortgeschleppt. Was mit ihnen geschehen ist, weist man nicht. Auf der Straße von P l o ck nach B o z a n o w fuhren zwei Juden. Unterwegs begegneten ihnen, die Russen, sie wurden verhaftet, drei Tage hindurch mißhandelt und schließlich bei Bozanow aufgehängt. Auf dem Wege von Plock nach Slo ezew wurde ein jüdischer Handlungsgehilfe und ein Selig Lachs aus Bolkow aufgegriffen und getötet. Sechs jüdische Kaufieute aus Sulejow halten in Dobrzylin Zucker gekauft und wollten ihn auf ihrem Wagen nach Hause fahren. Sie find nicht zurückgekehrt, auf dem Friedhöfe in Lowiez liegen sie begraben, die Russen haben sie unterwegs getötet. In Slokzew wurde der Jude Helfant auf dem Hofe des Hausbesitzers Kempinski aufgehängt, weil er den Deutschen Proviant geliefert hatte. Seinem Sohne sollte das gleiche Schicksal bereitet werden, es gelang ihm aber zu entkommen. Aus demselben Grunde sollte auch ein Heinrich Kohn aus Zlozorv getötet werden, er entzog sich aber der Verfolgung, indem er fich in Jrauenkleider steckte. In Lodz wurde Abram Simche Kohan an einem Freitag abend vom Tisch weggeyolt, aus dem Kreise seiner Frau und zehn Kinder fortgefchleppt und getötet. In derselben Zeit wurde der Klempner Meier Blechnrann ermordet, angeblich weil er das Telephon beschädigt hatte. Ein dritter Jrrde Meilich Ellenberg, ein harmloser Stubengelehrter, wurde wegen Spionageverdacht verhaftet, der auf die in seiner Wohnung gefundenen deutschen Zigarren gestützt wurde. Er wurde zum Tode verurteilt, gefesselt an einen Baum gebunden lind rnußte dort in einer bitterkalten Dezembernacht ohne Mantel und warme Kleider 14 Stunden lang stehen bleiben, gepeinigt vom blutigen Hohn russischer Soldaten. Ein Offizier trat an ihn heran, faßte ihn an die Kehle und bemerkte kalt lächeln-; „Tue wird den Strick schon aushalten. Mit großer Mühe gelang es noch in letzter Stunde einer Lodzer angesehenen Persönlichkeit, den Unschuldigen vom Tode zu erretten. In Kielee legte der Kommandant eines dort eingerückt'n Kosakenregimentes den Juden eine Kontribution von 100 000 Rubel auf und, als zur festgesetzten Stunde die geforderte Summe nicht vollzählig hinterlegt war, bestimmte er für jeden weiteren Tag eine Ertrastrafe von je 5000 Rbl. Derselbe Kommandant hielt in der ganzen Umgegend aufrührerische Reden gegen die Juden. So forderte er in der Kirche von Jarnow die Anwesenden zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden auf, nach dem Krieg würden sie von der Regierung für diese Taten gelohnt werden Nur „Doktor". Bon Sausion Raphaet Hirsch, dem berühmten Frankfurter Rabürner soll der treffende Ausspnrch herrühreu: „Seitdem die deutschen Rabbiner Doktoren wurden, liegt das Judentum krank darnieder." Da ist es die unbedeutende Gewohnheit, einen Arzt, und nur ihn „Doktor" zu nennen, die 2. R. Hirsch Anlaß zu seinem „guten Wörtchen" gegeben hat. dtun gibt es für den Juden eine unübersehbare Fülle solcher lleberliererungen, die in seinem Leben wurzeln. Dazu gibt es die verschiedensteu Erklärungen und dazu wieder Erklärungen. Wie diese Texte, Kommentare aus erster und zweiter Hand, die eigenartigsten Wandlungen des auf sie fallenden Lichtes zeigen, wenn dieses Licht von Geistesblitzen scharfer Denker herrührt, wie sic dann den verschiedensten Situationen und (5ha rattern die psychologische Deutung geben: das zeigt Kuhn in seinem „rabbinischen Humor". Ein Beispiel dafür sei mir gestattet an^nsühren: „Am Schluß einer die Sabbathentwechnng geißelnden Rede sagte der bekannte Braunschweiger Rabbiner, Rabbi Sabel Eger: „Ich weiß bestimmt, daß Ihr n a ck meinen Worten „handeln" lverdet." Dieser Humor reizt nicht zum Lachen wie die „Killebcrger". Aber er löst ein Gefühl des Wohlgefallens aus, ein Gefühl der Freude, das wir an der Kunst bei der Lömng schwieriger Probleme finden. Jedes „Wörtchen" zeigt seinen schönen und nachdrücklichen Ernst, den Willen, über die Verhältnisse sich selbst zu erheben. Die Art, wie die Juden dies von jeher verstanden haben, war ihr Glück. Wenn Kohn diese Art in den verschiedensten Zügen veranschaulicht, so ist er niäit selbständig. Er will gar nicht erfinden. Aufs aeradewohl hat er in klarer, anmutiger, natürlicher Form nacherzählt, was er gehört hat. Er mag selbst erstaunt gewesen sein, als der Stoff so anwuchs. Um so mehr wird er bei einem zweiten Bündchen, das er vorbereitet, eine ''Auswahl treffen und das ausscheiden tonnen, was seinem und unserem Geschmack weniger zusagt. Der Verfasser hat durch seine Erzählungen schon mehrfach die jüdische Familie erfreut. Durch das Genre, das er jetzt ergriffen, hat er sich die jüdische Gesellschaft verpflichtet. Der JSraeM. durch das Eintreten des dortigen Pfarrers wurde ein Blutvergietzen verhindert. In Jerzow wurden Mordechai Januschewitsch und Meilich Herschenberg aufgehängt, zwei Juden weiden vermißt. In Przesucha drangen die einziehenden Truppen in die Wohnungen der Juden ein, schlugen entzwei, was sie nicht rauben konnten und schändeten Frauen und Mädchen. Am 20. Oktober kamen die Russen nach Sschätze w. Neun Tage lang hoben sie geplündert und mißharrdet, und kein Jude durfte sich auf der Straße sehen lassen. Der Keller des Rabbiners wurde nach dort versteckten Maschinengewehren untersucht. In Lowiez wurde ein 18jähriger junger Mann namens Salz am 11. Oktober auf dem Wege vom Gottesdienst nach seiner Wohnung verhaftet. Später fand man ihn als Leiche außerhalb der Stadt. Die Russen hatten ihm den Schädel gespalten. Vor kurzem kamen jüdische Händler in das Dorf Jomny bei Lowiez. Die Bauern zeigten ihnen ein Grab, in welchem ein Jude bestattet sei, und erzählten, die Russen hätten auf dem Rückzug diesen Juden mitgeschleppt und beim Dorfe ausgehängt. Die Leiche ist jetzt aus dem Friedhof in Lowiez überführt worden. Mitte September trafen die Russen den 25jährigen Salomon Wilczynski aus S o m p o ln o auf einem Rade fahren; Radfahren eines Juden ist aber bei den Russen erwiesener Spionageversuch. Wilczynski wird festgenommen, mit Säbelhieben erschlagen und in einen Wassergraben geworfen. Auf dem Wege von Piotpkow nach Sompolno wurde der JudeRadziejewski, Vater von sechs Kindern, lebendig begraben. In D o m b i e war der Jude Altschul eines Tages spurlos verschwunden, man wußte nicht, wo er war und was mit ihm geschehen. Nach dem Einrücken der deutschen Truppen kam eine christliche Frau zu den Juden und meldete ihnen, ein Jude sei von den Russen lebendig begraben worden. Man ließ sich an die von ihr bezeichnete Stelle führen, öffnete das Grab und fand dort die fürchterlich verstümmelte Leiche des Altschul. In Dombie hat jetzt Altschul ein ehrenvolles Märtyrergrab gefunden. — — — — — Einen Kommentar diesen Tatsachen hinzuzufügen, erscheint überflüssig, sie reden ihre eigene Sprache, die keinen Widerspruch duldet, sie geben eine Ahnung von der furchtbaren und allgemeinen Katastrophe, die die Juden in Polen getroffen hat und die sie überall noch trifft, wo russische Truppen stehen und ihre schwere Faust in der blutigsten Weise die Juden fühlen lassen. Lorrespondenzen und Nachrichten. Derrtfehes Uetrh. Araukfurt a. M., 26. Mai. Das hiesige k. u. k. österreichisch-ungarische Generalkonsulat hat der „Deutsch-holländischen Palästina-Verwaltung" ein Telegramm des österreichisch - ungarischen Konsularagenten in Safsed übermittelt, worin aus die zur Zeit dort herrschende drückende Not unter den jüdischen Einwohnern hingewiesen und um kräftige Fortsetzung der Sammlungen für das Heilige Land gebeten wird. Die „Deutsch-holländische Palästina-Verwaltung" übermittelte telegraphisch einen größeren Betrag nach Safsed und Liberias in der zuversichtlichen Hoffnung, daß das in so erfreulicher Weise^ zu Tage getretene Interesse für unsere unglücklichen Brüder im Heiligen Lande auch weiterhin nicht erlahmen wird. Das Synagogenfconjerf in der Repräfenfflnfenfifiung. Nerlrrr, 20. Mai. In der Repräsentantensitzung der Berliner jüdischen Gemeinde am 16.Mat kamen mehrere größere und kleinere Zuwendungen, Subventionen und Vermächtnisse zur Besprechung und Genehmigung. Etngegangen ist eine Interpellation von Mitgliedern der Versammlung, betr. das Konzert in der Synagoge _No. 23 Seile 3 Fasanenstraße. Herr Justizrat Dr. Cohn schildert den Tatbestand wle folgt: „Am 25. April hat in der Synagoge Fasanenstraße ein Konzert stattgefunden. Ueber die Frage, ob die Synagoge ein geeigneter Platz hierfür sei, kann iitnn verschiedener Ansicht sein. Bisher habe man es fürgut befunden, die Synagoge in ganz besonderen Fällen für nichtgottesdienstliche Zwecke herzugeben, eine Beschwerde sei nie eingegangen. (!) Die letzte Veranstaltung war parriotischer Natur. Es kann mit Freuden konstatiert werden, daß die Summe von 3800 Mk. abgeliefert werden konnte. Die Freude wurde durch einen bedauerlichen Mißklang getrübt. Frau Mangel, welche ihre amtliche Tätigkeit aufgegeben und sich der Heilsarmee angeschloffen hat, sollte einige Stellen aus der Bibel zur Vorlesung bringen. Sie benutzte die Gelegenheit, Dinge g« sagen, die nicht in ein jüdisches Gotteshaus paffen. Ausgefordert waren vor ihr Frau Irene Triesch und Frau Durieux. Es hieß, beide hätten abgelehnt, was aber nicht der Fall war. Nach der Veröffentlichung des Programms war der Gemeindevorstand in einer außerordentlich peinlichen Lage. Wir haben zum Gemeindevorstand das vollste Vertrauen, sind aber als Repräsentanten berechtigt, die Angelegenheit ö'pentltch zur Sprache zu bringen." Bon seiten des Vorstandes erklärt Herr Kommerzienrat Elsn e r: „In der Sitzung vom 23. März hatte der Vorstand befchloffen, daß der Chor der Synagoge Fasanenstratze bei dem Konzert Mitwirken und in der Sitzung vom 1. April Frau Irene Triesch Stellen aus der Bibel verlesen sollte. Am 15. April waren bereits Plakate angebracht, daß Frau Hedwig Wangel mitwirke. Am 20. April reklamierte der Vorstand gegen die Mitwirkung dieser Dame. Der Dirigent teilte mit, daß dem ernste Bedenken gegenüberstehen. Nach dem Konzert stellte sich heraus, daß Frau Triesch und Fron Durieux nicht aufgesordert seien, sie hätten nicht abgelehnt. Am 18 April hat sich das Vorstandsmitglied der Synagoge Fasanenftraße, Herr Benas Levy, bemüht, die Aufforderung der Frau Mangel rückgängig zu machen. Da ihm dies nicht möglich wurde, habe er sich genötigt gesehen, sein Amt niederzulegen. Wir bedauern das unendlich, auch daß der Gemeindeoorstand den Nachgeordneten Stellen eine zu große Macht eingeräumt hat. Es soll alles geschehen, um Remedur zu schaffen." Herr Prof. Blaschke dankt dem Gemeindevorstand für die eingehende Untersuchung, er hat das volle Vertrauen, daß der Vorstand den besten Weg zur Beruhigung der Gemüter einschlagen wird. Nach den gehörten Ausführungen werde jeder erkennen, daß Frau Wangel bet ihrem Angriff planmäßig vorgegangrn sei. Herr Direktor Dr. Minden dankt der Versammlung dafür, daß die Verhandlung ohne Streit geführt worden ist. „Wir sind stolz darauf, daß die jüdischen Krieger ihr Blut für das Paterland vergießen. Wir freuen uns, daß christliche Gotteshäuser unseren Feldpredigern zur Abhaltung jüdischen Gottesdienstes überlassen werden." (!) Es folgen Bewilligungen, die ohne Debatte genehmigt werden. — In das Kuratorium des 2. Waisenhauses wurde Herr Garbaty-Rosenthal in Pankow gewählt. Straßvurg, 23. Mai. Der Gouverneur hat auf erhobene Vorstellungen hin die Verordnung vom 6. Mat, betreffend das Schächten, dahin abgeändert, daß die Anzahl der zum Schächten freigegebenen Schlachtttere von 3% aus 6°/o der den Juden zum Genuß erlaubten Ttergattungen erhöht wird. Auch ist die Einfuhr von Htntervierteln geschächteter Tiere in unverarbeitetem Zustande gestattet worden. R«5 den okkupierten öebieten. Lodz, 23. Mai. Trotzdem viele Lodzer während des Krieges der Stadt den Rücken kehrten, ist Lodz dennoch Halbmillionen st adt geblieben. Die von der Miliz im Zusammenhang mit der Einführung der Brotkarte am 7. Mai vvrgenommenen Volkszählung hat ergeben, daß Lodz 510000 Einwohner zählt. Das bedeutet einen beträchtlichen Zuwachs, der jedoch auch darauf zurückzusühren ist, daß zahlreiche Einwohner aus anderen Ortschaften sich gegenwärtig in Lodz aufhalten. Seit einiger Zeit macht sich in der Stadt Brotmangel bemerkbar, was aber mehr aus Nnterlassungsfehler der Verpflegungskommiffion zurückzusühren ist. Mit Einführung der Brotkarte am 1. Juni dürften all die Nebel abgestellt werden. In der gestrigen Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung wurde beschlossen,

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