Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 23 (27.5.1915)
- Date
- 1915-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 9 Ihr. 28 Der A-raettt. 27. Mai l»l6 ficnb beiderlei Geschlechts in Kali sch bewilligt und die Eröffnung von Volks kn chcn und Tee hä u fern in einer Anzahl kleineren Gemeinden ins Auge gefaßt. Zum Zlvccke der Hilfsaktion in Ruffifch^Pol-.ri hat sich unter dem Vorsitz des Fürsten Hatzfeld ein interkonfessionelles Hilfskomitee gebildet. Das Provisorische Komitee der Agudas Fisroel ist in diesem Komitee vertreten und nimmt an seinen Arbeiten, die programmgemäß, auch der jüdischen Bevölkerung zu Gute kommen sollen, regen Anteil. Sobald wie möglich soll eine zweite Informationsreise unternommen werden, deren Ergebnisse die Grundlage für weitere Hilfsaktionen bieten werden. S o l d a t e n f ü r f o r g e. Eitl großer Teil der Mitglieder und Anhänger der A g u d a s I i S r o e l Inge nd - O r g a - n i f a t i o n irr beiden Bundesstaaten steht unter Waffen. Ter zuhause gebliebene Teil betrachtet es als selbstverständliche Pflicht, sich mit ganzer Kraft dem Dienste des Vaterlandes und der geistige n Stärkung der im Heeresdienst stehenden Jugend zu widmen. Es wurden an alle jüdischen Soldaten, deren Adressen der Jugend-Organisation bekannt waren, wiederholt Liebesgaben abgcsandt. Die Frankfurter Zentrale der Jugendorganisation versandte auch zweckmäßige Lektüre an die jüdischen Soldaten ins Feld. Zum Teil wurden ihr die betreffenden Bücher und Hefte von befreundeter Seite zur Verfügung gestellt, zum andereit Teil wurden solche von ihr eigens zu diesem Zwecke hcrausgegeben. Diese geistigen Liebesgaben werden vpn dm jüdischen Soldaten mit besonders großer Freude begrüßt. Die Mädchen gruppen nahmen in allen Orten hervorragenden Airteil an der Kriegssnrsorge durch Krankenpflege, Näharbeit, Kleidersammlungen und Erteilung von Hilfsuntercicht an Kinder, deren Väter im Felde sind. Während in D c u t s ch l a n d die Versorgung der jüdischen Soldaten im Felde mit Mazzos and Pcssachspeisen von der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" tit mustergültiger Weise übernommen und durchgesührt wurde, gab die A'.prdas Jisroel vielen jüdischen Soldaten und zum Teil auch jüdischen Gefangenen in Oesterreich die Möglichkeit, ihrer religiösen Pflicht am Pessach zu genügen. Bü ch ersnmmlung. Wer das geistige Leben der Juden 'überhaupt und das der östlichen Inden kennt, weiß, wie sehr einzig und allein das Studium der Geistesschätze des Judentums ihnen in Zeiten.der Not Trost und innere Aufrichtung zu bieten vermag. Ter Kleines Feuilleton. Feldpostbrief eines Honved-Feldrabblners.*) Karpathcnfrvnt, 4. Mm 1913. Eine große Sehnsucht trieb mich hinaus ins blutige Feld, wo meine tapferen Brüder kämpfen. Mit eigenen Augen wollt' ich sie sehen, mit stummem Segen wollt' ich sic geleiten, die Heldenscharen der Namenlosen, die mit' todesverachtendem Mute, mit wunderbarer Seclenstärke für König und Vaterland alles: ihre Hoffnungen, ihre Zukunft, ihre daheimgeiassene Arbeit, ihre Pflichten im Frieden, ihr Leben opfern! Ain 2. Mai, es war ein herrlicher Sonntagnachlnittag, zog ich aus, um meine Brüder zu finden. Die Schönheiten des wuchtigen Karpathengebirges erfüllten mich mit einer heiligen Stimmung, die Landschaft ivurde zll einem gigantischen Gotteshause. Ich kam mit meinem Führer, Herrn Leutnant A., zu dem siebenbürgischen Honvedinfantericregiment, das unter dom Kommando des heldenmütigen Oberstleutnants von Sz. steht. Die Herren Hauptleute Z. u. L. empfingen mich herzlich. Bon der gewaltigen Stimmung im Felde gepackt, bat ich den Herrn Hauptmann Z., eine Ansprache an unsere wackeren Honveds halten zu dürfen; ich betonte, daß ich, wenn auch Rabbiner, keine konfessionelle Anspielung in meiner Ansprache mache. •) Aus dem „Pester Lloyd." Schrei nach geistiger Labung drang sowohl aus den Zeiltreu per galizischen Flüchtlinge als auch ans den zerstörten Gernei,reden Russisch-Polens au die Leitung woinöglich noch dringender, als der nach materieller Hülfe. Sie sah sich infolgedessen veranlaßt, einen Aufruf zur Sammln lig von Büchern aus allen Gebieten der jüdischen Litteratur zu veröffentlichen. Die Samnrlung ist inr vollen Gange und es wird hoffentlich in allernächster Zeit möglich sein, mit der Versendung der Büjcher zu beginnen. Palästina. Aus den der Agudas Jisroel zu oiesem Zwecke zur Verfügung gestellten Geldern wurde bereits ein größerer Betrag nach Palästina überwiesen. Laut Beschluß der Leitung sollten jedoch sämtliche Ortsgruppen und Vertrauensmänner der Aguda ihre Kräfte dem von der /Deutsch- Holländischen - Palästina - Verwaltung" in allen Gemeinden Deutschilands auf die setzten Pessachtage angesetzten „Palästinatages" widmen. Es kann mit Genugtuung konstatiert werden,' daß die weitesten Kreise in fast alten jüdischen Ge-- nteinden diesem Ruse Folge gegeben und zu dem schönen.Erfolge dieser Veranstaltung beigetragen haben. Mit Rührung mag es verzeichnet werden, daß a»t der Uirterstützung der notleideuten palästinensischen Brüder auch die galizischen Juden selbst inmitten ihrer eigenen Notlage vor deli Juden der anderen Länder nicht zurückstehen. Russische Greueltaten in Polen. Herr Feldrabbiner Dr. A. Levy in Lodz richtet einen dritten offenen Brief an The Amrrikan Hebrew in New Aork, der u. a. folgende Details enthält: Ich war vor kurzem in Kirnoeia. Man führte mich dort in einen kleinen Garten. Es war der Garten des Orisrabbiners. Jetzt ist er zum Friedhof geworden. Dreizehn frische Gräber sind dort aufgeworfen, Gräber von erschlagenen Juden, die von den Russen niedergemacht und in Löchern verscharrt worden waren. Stach dem Einrücken der Deutschen wurden sie exhuniiert und in Kiernocia beigesetzt, wo ihre Gräber in ihrer stummen Sprache erschütternde Anklage gegen russisches Barbarentum erheben. In Lenezyca zogen in einer Novembernacht die russischen Soldaten raubend und plündernd durch die Straßen der Stadt. Als sie sich dem Hause einer Familie Blum näherten, verriegelte deren 18jährige Tochter die Tür, um den Eindringlingen den Eingang zu wehren. Ein Soldat schoß durch die Tür und zerschmetterte dem jungen Mädchen den Arm, der später abgenommen werden mußte. Ein in demselben Hause wohnender Feldscher Abram Solne eilte zum Arzt, um schnell Hilfe zu holen, und dies sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wurde, obgleich er als Mitglied des russischen Roten Kreuzes die weiße Binde trug, von den Kosaken verhaftet und unter Anklage der Spionage gestellt. In seiner Wohnung wurde unter- Der Herr Hauptmann nahm meine Bitte freudig entgegen und ließ die Mannschaften antreten. In fünf Minuten umringten mich Hunderte meiner braven ungarischen Brüder, wackere Honveds. Und als ich in ihre treuen Augen blickte, da wallte in mir die Kraft meines Lebensprinzips aufs neue mit jugendlicher Stärke aus : die mittelalterlichen Schranken der Vorurteile, die den Menschen vom Menschen trennen, sollen und müssen niedergeriffen werden! Wir, Kinder eines Vaterlandes, Kinder derselben Erde müssen einander in brüderlicher Liebe zugetan sein! Ich sprach zu den wackeren siebenbürgischen Honveds, so wie es mir mein übervolles Herz zuflüsterte. Es war ein Gottesdienst des Menschen für Menschen. Ihn« wohnte auch Herr Hauptmann A. o. T. bei,' als ich geendet hatte, lud er mich ein, auch an seine Leute einige Worte zu richtenseine Leute lagen in Schützengräben. Wir rvanderten hin zu ihnen über Felsenklippen und Klüfte, aus schmalen unwegsamen Pfaden, und erreichten auf einem Höhepunkt der Karpathen unser Ziel. Der Herr Hauptmann war sichtlich gerührt, daß seine Soldaten, die er abgöttisch liebt, an einem so schönen Sonntag Worte der heiligen Liebe hören werden. Es kamen die Kämpfer aus den Schützengräben, die, die des Ungarischen mächtig sind. Es grollten die Geschütze, es zischten und sausten die Geschosse, die Gewehre knallten dazu, denn die Russen lagen etwa 200 Schritte von uns, und ich und meine kämpfenden Brüder standen jetzt etwa fünfzehn Schritte hinter dem Schützengraben Wir alle empfanden die Nähe des mächtigen, einzigen Gottes! Keiner von uns dachte w hl an das kurze, stille, winzige Menschenleben, denn alle fühlten wir, daß unser heiliger Kampf, den wir für das Wohl und das Gedeihen unseres Vaterlandes kämpfen, durch die schöpferische Gnade Gottes ein großes, mächtiges, in Brüderlichkeit erstarktes Ungarn besten viel Geld, Gold, Silber und Kostbarkeiten geraubt, Frau und Kinder und ein jüngerer Bruder mißhandelt. Auf der Kommandantur sollte er seine Schuld durch Unterschreibet» eines ihn, vorgelogten Schriftstückes bekennen, nud, als er sich iveigerte, wurde er geprügelt und eingesperrt. Am dritten Tage brachte man ihn, an Händen »mb Füßen gefesselt, nach Lodz, wo sein vom .Kutnver Elappenkommandantcn verhängtes Todesurteil bestätigt und vollstreckt werden sollte. In der Umgebung des Lsdzer Ortskommandanten befand sich aber eine Dame, emc Französin, von der bekannt »var, das; sie aus den Offizier große», Einfluß besaß. An diese wandte sich die zum Wahnsinn verzweifelte Frau des Verurteilten und »nit Bitten und Beschwören irnd einer Summe von l000 Rubel gelang es ihr, das Herz der Dame zu rühren und der Feldscher wurde nach entsetzlich qualvollen Stunden weder freigegeben In Kutno wurden drei Juden, Jsak und Abram Domanowitsch und der 40jährige Wittkowsky vom Landrat verhaftet, weil sie die Deutschen bewirtet hatten. Nach Lowiez gebracht, wurden sie zu 50 Knutenhieben verurteilt. Einer der beiden Brüder wurde im Anschluß an die Exekution so schwer mit Stöcken mißhandelt, daß er am anderen Tage starb. Die beiden anderen entgingen diesem Schicksal dadurch, daß sic unangekleidet vom Richtplatz flüchteten. In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober dränge», Kosaken in das dortige Veth-Hamidrasch ein, wo die Juden zum Gebet versammelt waren, schlugen die Scheiben entzwei und bedrohten die Juden, die entsetzt durch die Fenster flüchteten. Ein alter VOjähriger Lehrer konnte nicht schnell genug entkommen und erhielt einen Säbelhieb über den Kopf, der ihn für längere Zeit aufs Krankenlager warf Am 11. Oktober kam ein Kosakc in die Wohnung des einige 50 Jahre alten Meilich Hirschberg, verwundete ihn mit seiner Lanze, und der Jude wäre getötet worden, wenn er nicht mit 75 Rubel sein Leben freigekauft hätte. An einem Sonntag i»n November war in Kutno ein Pogrom unter dem Beistand der Kosaken vorbereitet und sollte seinen programmäßigen Verlaus nehmen. Die jüdischen Soldaten der in Kutno liegenden Truppen stellten sich aber den Kosaken entgegen, es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf in die Luft geschossen wurde. Jetzt erst griff der Kommandant ein und schickte die Soldaten in die Kaserne. Die Juden schützten sich für die Zukunft dadurch gegen Gewalttätigkeiten, daß sie jüdische Soldaten bei sich ins Quartier nahmen, und in der Tat blieben sic a»»ch unbehelligt, so lange die russischen Truppen in Kutno lagen. Ihre Beschützer aber nannten die Juden dankbar: „die Soldaten vom Messias-Bataillon". In C l o w n o wurden in, November alle jüdischen Läden geplündert, die Juden mißhandelt und der Feldscher Abram Rosenberg mit seinen beiden Söhnen verhaftet. Der Rabbiner begab sich mit dem polnischen Orisgeistlichen zum Kommandanten, u»n sich für die Verhafteten zu verwenden. Dieser wies ihn ab mit den Worten: „wir wissen, was ihr Juden mit den Deutschen tut, Ihr geht ihnen entgegen und behandelt sie wie Gäste". Nach einer halben Stunde war der 49 Jahre alte Rosenberg tot, was mit seinen Söhnen geschehen ist, weiß man nicht. Am 6. Dezember, während einer Kanonade, kan» in diesen Ort eine Abteilung Tscherkessen, holte die in die Keller geflüchteten Juden nebst Frauen und Kindern hervor und stellte sie zum Erschießen in Reih und Glied auf. Mit viel Müh und Geld gelang es schließlich, das Unheil abzumenden. In Gombien, wo der Kommandant sich mit den zeitigen wird. Ich sprach mit neuer Begeisterung. Dann noch ein Händedruck mit den Tapfere», und Treuen, nnd wir zogen uns in die Wohnung des Herrn Hauptmann zurück, die eben auch nur eine in die Erde gegrabene Höhle ist. Hier bekam ich zur Erinnerung an diesen mir unvergeßlichen Nachmittag ein Ehrengeschenk: ein russisches Gewehr mit Patronentasche und Patronen Dann geleitete mich mein liebenswürdiger Wirt eine »veite Strecke zu meinem Ausgangspunkte zurück. Es war schon sternenhelle Nach,, als ich von ihm Abschied nahm. Das kriegeriiche Ehrengeschenk ehrt in erster Reihe den liebenswürdigen Spender. Ich werde es dem ungarischen jüdischen Kriegsmuseum übergeben. Die Erinnerung an diese Stunden werden in meinen, Herzen für irnmcr weiterlebcn! (Rabbini cherHumor aus alter und neuer Daß es rabbinischen Humor gibt, hat jeder wohl schon einmal gedacht. Wir lmben vielfach die Ein pfineung, das; eine bestimmte Richtung des Geistes, „rabbinisch" genannt werden kann. Tiefe „rabbinische" Art zu „loriton", zu denken und zu handeln, eignet jedein, der an, Talmud seinen Geist geschärft, sein Gemüt vertieft und seinen Willen gefestigt hat. Tas ist die Grundvoraussetzung des Kvhn'fchen Büchleins und feines Titels „Rabbinifcher Humor". *) Wir »vollen »licht lange über diesen Humor »achgrübeln, sonder», greiser» gleich eilte feiner Blüten heraus. „In früheren Zeiten in vielen Gegenden auch heute noch - - nairnte man den .Arzt den *\ „Rabbinifcher Humor aus alter und neuer Zeit." Bon Tr. P. I. Nohn. Eine Sammlung von Anekdoten und guten Wörtchen. Verlag Louis Lamm, Berlin, 1915. Preis 2 Mk. .<