Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-05-18 · Heft 22 (18.5.1915) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 22 (18.5.1915)
Date
1915-05-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448528--67505-2488392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«eile 8. Nr. 22. Der I-raelkt. J4; fT 8 U k;i i:;t fl: Ui ‘l'.V >!j. ff!)v Weggeräumt wäre durch die Rückkehr zu einfachen Verhältnissen der Stachel aus dem Menschenherzen, der den Neid entfesselte, der diesen Weltbrand angefacht und die Ordnung der unscheinbaren Mittel des Weltverkehrs böte die Sicherheit für immerwährenden Frieden. Zum Schewuoth-Jeste. Bon Willy Wolf, Cöln. „Er setzt dein Gebiet in Frieden, wird „Dich vom Fette des Weizens sättigen. „-Er verkündet seine Worte „Fatob, Seine Gesetze und Seine „Rechtsordnungen Israel." (Psalm 147, Verse 14 und 19.) Die drei Momente, die der Psalmtst in diesen Versen auf den Saiten seiner Harfe aneinanderreiht, finden sich im Tempel am Schewuoth-Feste gleichfalls zusammen. Der königliche Sänger kündet seinem Lande den Frieden, eine üppige Fülle vortrefflichen Weizens — und singt dann fast unvermittelt von Gottes Wort, Gesetz und Recht. Schewuoth ist im ganzen Jahre der einzige Tag, an welchem die Gesamtheit des Volkes ein Friedensopfer darbrtngt, es ist zugleich das Fest, das im Tempel durch eine Huldigungsgabe zweier Weizenbrote ausgezeichnet wird und schließlich ist es die alljährliche Gedenkzeit der Offenbarung des Gotteswortes! Welcher tiefere Grund — erhebt sich unwillkürlich die Frage — führt diese Genien des Menschengeschlechtes: das Gotteswort, den Feldessegen und den Frieden, so einheitlich zusammen? Wie es scheint, birgt die Bedeutung der erwähnten Weizenbrote die Antwort in sich. * * „Warum," sagt nämlich Rabbi Jehuda im Namen des Rabbi Aklba in einer Boraitha Rausch Haschonoh 17 a, „hat die Tauroh die beiden Weizenbrote am Schewuoth zur Darbringung geboten? Weil es die Reifezeit der Baumfrüchte ist." Da spricht Gott gleichsam zu Israel: „Bringet mir die beiden Brote, damit euch die diesjährigen Baumsrüchte gesegnet werden mögen." Drr Wetzen vermag aber nach einer Erklärung Raschis deshalb als Fürsprecher der Baumwelt zu gelten, weil er nach Rabbi Jehudas Ansichr „der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen" war, von dessen Frucht Adam entgegen der göttlichen Vorschrift im Paradiese kostete. Versetzen wir uns, von dem Gedanken dieser Boraitha geleitet, im Geiste an die herrliche Stätte, wo zum erstenmale an einen Menschen eine Versuchung herantrat, so drängen sich unseren Sinnen eben die drei Glückbringer der Menschheit in reiner, ungetrübter Vollkommenheit auf. C waltet ein Friede, den der Schöpfer selbst geschaffen und der infolgedessen in der ganzen lebenden und leblosen Natur himmlische Vollendung widerspiegelt. Wir schauen im Kreise der Gewächse die fruchtbeladenen Aehren der Wetzenhalme — und an Adam richtet sich Gotteswort: „Du darfst nicht davon genießen!" Die Früchte aller Bäume stchen ihm zum Genüsse frei und ganz allein das Wetzenkorn, die hauptsächlichste Nahrung des Menschen, ist ihm als Speise entzogen. Da tritt das Gotteswort ins Helle Licht und lehrt die Wahrheit, für die Moscheh in seiner Abschiedsstunde in dem Satze das Wort fand: „Daß nicht vom Brote allein der Mensch zu leben vermag, sondern von jedem Ausspruche des Gottesmundes." (5. B. M. 8, 3.) Der erste Mensch hielt der Versuchung nicht stand und verlor den Paradieses-Frieben und Paradieses-Segen, weil im Paradiese nur die Beachtung des Gotteswortes die Bürgerkrone verleiht. Em verjüngtes Paradies erstand dann später in der Gestalt des dem jüdischen Volke verheißenen Heiligen Landes. Der Weg dorthin bedeutete für Israel eine Vorbereitung für ein gottgetreues Leben im Glückszustande. So verbrachte eS volle vierzig Jahre in der Wüste, die in allem den Gegensatz zum Paradiese darbietet, wo kein Paradiesesfrieden und kein Wachstum herrscht und daher nur Gott als die schützende und erhaltende Kraft waltet. Gerade auf diese Zeit der Wüstenwanderung blickt ja Mosches Ausspruch hin: „daß nicht vom Brote allein der Mensch zu leben vermag, sondern von jedem Ausspruche des Gottesmundes." Auf dem heiligen Boden, dem Gott eine paradiesähnliche Herrlichkeit zugesichert, kam dann das Gotteswort wieder im Bunde mit seinen Getreuen, dem Frieden und dem Segen der Fluren, zu reicher Entfaltung. Unter den edlen Gewächsen, die den vorzüglichen Wert derBodenerzeugnisse Larstellten, nahm nunmehr der Weizen die erste Stelle ein (5. B. M., Kap. 8, Vers 8),- ein Umstand, der noch heute auf dem Gebiete der von unseren Weisen angeordneten Segenssprüche fortwirkt, und sämtliche Mehlopfer bestanden, abgesehen von zwei Ausnahmen, aus Weizenmehl. Am Tage aber, der in alljährlicher Wiederkehr die Verkündung des Gott es wort es feiert, nahte die Nation Gott mit einer Huldtgungsgabe von zwei W e i z e n broten, brachte im Anschluffe daran neben anderem ein Friedensopfer und gab damit an der heiligsten Stätte des Heiligen Landes, wo paradiesgleich die göttliche Herrlichkeit weilte, wohl dem Gedanken Ausdruck: Wir huldigen Gott mit dem Besitze, der einst den ersten Menschen zur Sünde verleitete, und erst im Bewußtsein dieses Gehorsams fühlen wir uns glücklich und zufrieden. Wir weihen Gott unsere Habe, und nur darum erflehen wir seinen Segen. „Bringet mir," spricht ja Gott in der Boraitha des Rabbi Jehuda, „die beiden Brote, damit euch die diesjährigen Baumfrüchte gesegnet werden mögen." Gedenket im Hinblick auf den Weizen des Tages, an welchem sich mein Wort zum ersten Mate in einem Verbote an den Stammvater der Menschheit wandte und er des Paradieses verlustig ging, weil er nicht auf meine Stimme achtete. Seid euch deffen bewußt, daß amSchewuothfeste wein Wort euch aufs neue entgegentönte, damit ihr durch seine Befolgung euch die Fülle des Glückes zurückgewinnet, die sich Adam infolge seines Ungehorsams verscherzt hatte. Zeiget, daß ihr den Weizen und mit ihm alle Früchte, die euch reifen, meinem Willen zu weihen bereit seid, und ihr werdet mit voller Berechtigung mir ein Friedensopfer bringen als Ausdruck der ungetrübten Befriedigung, die alle eure Kreise dauernd beseelt. Nahet mir am Schewuoth mit der ernstgemeinten Erinnerung an das Paradies des ersten Menschenpaares — und als Lohn wird euch der Sinai zu einem neuen Eden geleiten! „Wollte doch mein Volk auf mich hören. „-Wie bald würde ich seine Feinde „demütigen.-Ich würde es speisen „mit Weizenfett und aus dem Felsen würde „ich mit Honig dich sättigen!" l Psalm 81, Verse 14, 15 u 17.) Die Geschichte zeigt aber nur wenige lichtbestrahlte Phasen, in denen Israel dem Gottesworte folgte und diese Lehre des Schewuothfestes beherzigte. Die Folge war, daß es vom gleichen Geschicke wie Adam ereilt und aus dem Heiligen Lande, seinem Paradiese, vertrieben wurde. Der Psalm, aus dem wir die zu unserm Thema gehörigen Verse soeben angeführt, gibt dieser Untreue des jüdischen Volkes gegen Gottes Wort klaren Ausdruck und schließt mit dem erhebenden Gedanken, daß es Israel nur obliege, sich wieder dem göttltchken Worte zuzuwenden und Gott würde alle Feinde, die es bedrohen könnten, niederzwingen. Was heißt dies aber anders, als Israel könnte eines dauernden, ungestörten Friedens sicher sein? Und dem Zauber des Friedens würde sich sein treuer Genoffe, der Segen der Fluren, beigesellen, um vereint den Blütenkranz des Glückes um Israels Reihen hienteden zu schlingen. Ja! der Segen des Feldes würde sich dann in einer wett umfassenderen und ergiebigeren Weise gestalten als der Sänger auf dem Throne ihn im erstgenannten Psalme angedeutet. Dort heißt es: „Er wird dich mit Weizenfett sättigen," jetztaber „speist er dich mit Weizenfett," und „aus dem Felsen sättigt er dich mit Honig!" Deine Triften werden in solchem Segen prangen, daß sie dir selbst an Honig, dem Genußmtttel des Wohllebens, dessen der Mensch nicht zu seiner Ernährung bedarf, einen sättigenden Uebersiuß darbieten. Weizen bildet, wie schon erwähnt, das erste Glied in der Kette der (5. B. M., Kap. 8, V. 8) aufgezähtten gepriesenen Arten des Heiligen Landes- Honig steht dort an letzter Stelle. Aber aus dem Felsen, auf übernatürliche Weise, und mit der ganzen, dem Menschen zugewandten Innigkeit, welche in der Form der direkten Anrede „vom Felsen werde ich mit Honig dich sättigen" enthalten ist, würde ihn der Schöpfer in solch reichem Maße quillen lassen, daß selbst dieses letzte der bevorzugten Erzeugnisse des Heiligen Landes Israel volle Sättigung zu bereiten vermag. Vom ersten bis zum letzten Gewächse des gelobten Bodens flösse der Strom des göttlichen Segens und reichte im letzten mehr dar, als die Sehnsucht der Zeiten vom ersten erhofft. Wie herrlich gestaltet sich dieser Ausblick des Psalmisten, wenn man bedenkt, daß er sich an den schlichten und einfachen Gedanken „wollte mein Volk doch aus mich hören" anfügt! Die Erfüllung des Gotteswortes, heißt dies, bringt die Zeit dieses Friedens und reichen Segens herbei. Den Psalm selbst überliefert uns die Gemoroh in Rausch-Haschonoh als das Lied, welches die Leviten am Rausch-Haschonoh beim Opfer sangen. Er spricht ja auch in seinem ersten Teile vom Schaufor, diesem besonderen Gottesrufe des Rausch-Haschonoh-Tages, und beschäftigt uns so an dem Tage, der von uns darüber Rechenschaft fordert, ob wir dem Gotteswvrte in unserem Denken und Vollbringen gefolgt. Da geziemt denn schon an den Schewuoth-Tagen im Gedanken an die Offenbarung des Gotteswortes, an die Gotteshuldtgung mit den Weizenbroten und dem Frtedensopfer das Vorgefühl des nächsten Festes, des Rausch-Haschonoh, wahrzunehmen und die daraus für die Zwischenzeit erwachsende innere Selbstarbeit, die volle Hingabe an das Gottes wort zu beginnen. Dann wird von selbst die daran geknüpfte Verheißung des Rausch-Haschonoh-Psalms in Erfüllung gehen: die Gottesspende eines ungetrübten Friedens und eines beglückenden Segens. Kriegsphilosophie. Große, besondere Ereignisse bringen es, teils als Reiz der Neuheit, teils als ein Bedürfnis mit sich, daß der Mensch aus dem Schlaf des Einerlei erwacht. Mancher fährt erschreckt empor und kommt aus seiner Schlaftrunkenheit nicht heraus. Die Ereignisse haben ihn so bestürzt, daß er keinen klaren Blick gewinnt. Doch andere springen auf, begreifen sofort die Situation und richten darnach ihre Taten ein. Sie denken nicht viel, sie handeln, wie es der Augenblick gebietet. Tiefer Denkende folgen der Notwendigkeit des Augenblicks, nicht ohne sich Rechenschaft über seine große Bedeutung abzulegen. Ist schon jeder Moment des Lebens ein Geschenk Gottes, gehört jede Gegenwart gleich der Geschichte an, so erleben sie in bedeutsamen Bewegungen im Dasein und Geschehen der Völker ein lebendiges Stück Ewigkeit im erhebenden Bewußtsein, den Weg der Vorsehung zu schauen, den sie über Länder und Meere nimmt. Greift dieses Werden einer neuen Zeit mächtig ins persönliche Leben des Einzelnen und des Volkes ein, so fühlt man einen heiligen Schauer im Gedanken, unbewußt berufen zu fein, mttzuweben der Gottheit lebendiges Kleid. Man tappt und sucht und singt und sagt, was man zu erspähen meint von dem Stück Ewigkeit, welches man zu erleben spürt von dem Wirken am Webstuhl der Zeit. Alle Psalmen sind auf diesen Ton gestimmt, alle Dichter und Denker deuten die wortlose SchicksalSsttmme in ihrer Weife. "Ein jeder will

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.