Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 22 (18.5.1915)
- Date
- 1915-05-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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üdiecbcr Volköfreund M-«slr-kettage mm tat« Miktioii Rabbiner Of. L ®Mf te Mt Soldatensürsorge. Wir übergeben heute nachstehend wieder zwei Briefe aus der großen eingehenden Feldpost. Den Kommentar dazu dürfen wir uns ersparen. Mit der Veröffentlichung sei lediglich bezweckt, unsere Lieben im Felde zur Nachahmung aufzurufen und die Daheimgebliebenen an die Größe der Aufgabe zu erinnern, die hier zu lösen ist. Es wurde in diesen Blättern fort und fort betont, daß die Koscherverpflegung unserer Soldaten im Feld — nicht nur über die Peffachtage, sondern während der ganzen Kriegszett — mehr als für den Magen eine Wohltat für das Herz bedeutet. Die beiden folgenden Briefe sprechen dazu ein lautes Wort. Möge darum auch die wiederholte Bitte, diese Soldatenfürsorge mit reichen Geldmitteln z«unterstützen, nicht unerhört verhallen. Die Redaktion. Feldpostbriefe. Sntvalki, 22. 4. Sr. Ehrwurden Herrn Rabbiner Dr. Wols, Cöln. Der ergebenst unterfertigte Musketier E. B. dankt hiermit nochmals Euer Ehrwürden herzlich für in I. erhaltene rituelle Verpflegung für die Pessachtage. Ich habe leider vergessen, mich s. Zt. in I. hierfür zu bedanken, da wir in diesen Tagen in erhöhte Marschbereitschaft traten und wir keine Stunde Mutze hatten. Wir liegen hier im Walde von Augustowo, etwa 800 Meter vom Feind, mit dem wir dauernd im Kampf liegen. Wir finden Zeit genug, unser vergangenes Leben zu betrachten und stündlich kann uns das Kriegslos treffen. Deshalb empfinde ich es heute dankbar, datz ich s. Zt. noch in R. durch Verwendung Euer Ehrwürden wiederholt Gelegenheit hatte, den Gottesdienst zu besuchen und den Weg zu dem Gotte unserer Väter wiederzufinden, den ich sonst verloren hätte. Genehmigen Euer Ehrwürden dafür den Ausdruck meines herzlichsten Dankes und meiner Ehrerbietung. Euer Ehrwürden ganz ergebener C. B. Chavurse, den 7. 5. 15. Sehr geehrter Herr Doktor! Für die letzten Sendungen meinen herzlichsten Dank. Großartig ist doch dieses Wirken. Hierdurch wird uns das Leben im Feindesland erleichtert. Wenn ich mittags die Büchse öffne, mit der Gewißheit, du kannst selbst im Kriege, draußen in Feindesland, koscher leben, so erfüllt mich ein unaussprechliches Gefühl der Dankbarkeit für diejenigen, die für diese herrliche Sache arbeiten. Aber gleichzeitig erkennt man auch, wie nichtig die Ansicht derer ist, die da meinen, sie konnten auf Reisen?c. den Gesetzen der Religion entsprechend nicht leben. Der Krieg zeigt ihnen das Gegenteil. Ihr Sie hochschätzender I. K. Wirtschaftliche Lehren des Krieges. Was eine „Entwicklung" in langer ruhiger Zeit nicht vermag, kann das Weltenschickfal über Nacht bewirken. So lösen sich uns nicht nur alle Rätsel der Natur*), so werden auch die schwersten Hindernisse, die es gibt, — im Willen des Menschen überwunden. *) Bergt. Jüd. BolkSfr. 4. Jahrg. Nr. 10. Im sozialen Dasein der Menschengesellschaft gelangt die Anschauung unserer Weisen zu ihrem Recht, daß nämlich Gemilluth Chessed p rsönliche Liebestat höher als Almosen einzuschätzen sei. Wie regen sich heute alle Hände zu heilen, zu lindern, zu trösten, zu helfen. Alt und jung, arm und reich, hoch und niedrig, Fürst und Volk, wetteifern tagaus tagein, früh und spät, bei Tag und bei Nacht, jeglicher in seiner Weise, zu laben den Schmachtenden, den Hunger zu stillen, den Durst zu löschen, das Herz zu erfreuen, den Sinn zu zerstreuen, Schlaf zu bringen dm Müden, Mut den Ermatteten znzuflüstern, aufzurichten den Gebeugten, die Witwe zu trösten, der Waisen sich anzunehmen — das alles mit ganzem Herzen und ganzer Seele und ganzem Vermögen. Wie wunderbar nimmt diese Menschheit in ihrem edeln Wettstreit sich aus. Nur Jammer, daß der Krieg erst diesen Frieden gebären mußte, die Grausamkeit die Liebe schafft und die Herzlosigkeit erst das Herz entdeckt. Aber die Werte sind das Aequivalent der Zerstörung und die Brechung der Schale läßt erst den Kern gelvahren. Die Kruste, die eine äußerliche Kulturrtchtung um das Meuschinherz gelegt, und die es selbst nicht mehr zu sprengen vermochte, wird losgehämmert und es kommt zum Genüsse der süßen Frucht, seines eigenen Selbsts. Da wird der Zug des Herzens Gottes Stimme. Denn siehe, staune, bete an und gib der Wahrheit die Ehre! Was impulsiv das sich selbst zurückgeschenkte Menschenherz erstrebt, ist nichts als die Rückkehr zum Gotteswort. Und wie der Mensch unter dem Druck der Zeit n sich wirtschaftlich einrichtet, ist das instinktiv entdeckte Gesetz des reinen Menschentums. Gäbe es schlagcndern Beweis dafür, daß das Thoragesetz nichts als ursprüngliches Menschentum lehrt und in der Einfachheit der Sitten und Gebräuche dem Menschen das Glück gewährleisten will?! Das hilfesuchende Menschenauge erblickt das als Rettung, was Gott als vorbeugenden Schutz der Menschheit geoffenbart hat? Ist dieser Krieg des Hasses und der Grausamkeit etwas anderes als das Produkt der künstlich geschaffenen Lebens- Verhältnisse, die ein Leben der Ueppigkeit, des Erwerbens um des Genusses willen geschaffen hat, ein Produkt gezüchteten Eigenstrebens bis zu neiderfülltem Haß des Nebenmenschen? Seine Leiden vermag nur die Rückkehr zur gottgewollten Einfachheit zu lindern und seiner Wiederholung vermag nur eine stetige Einrichtung im Sinne der Thora entgegenzuwirken. Unter dem Zwang der Zeit erweist sich daher auch die Wirtschastslehre der Thora als das brauchbarste Mittel des Verkehrs, das auch in dem Augenblick nicht versagt, in dem die ebenfalls künstlich geschraubten Ausgleichsmittel des in uferlose Weiten und Fernen ausgedehnten Handels völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch, völlige Lahmlegung des Handels und Verkehrs bedeuten. Seufzte doch alles unter der schwer empfundenen Notwendigkeit den Geschäftsmißbräuchen der Zeit zu huldigen. Welche Schwierigkeit für das gesamte Geschäftsleben ergab sich aus dem Borgen mit weitgesteckten Zielen. Dies war in höherem Grade als die Eindockung mit großen Vorräten Grund dafür, daß nur kapitalkräftige Leute eine unabhängige Existenz begründen konnten. Das Gesetz, „dem Tagelöhner den Lohn für seine Arbeit nicht über Nacht vorzuenthalten", in seinem Geiste auf das gesamte Wirtschaftsleben angewandt, ergäbe eine Gesundung der Verhältniffe. Erst der Krieg mußre die sofortige Zahlung der Ware elnführen. Ist nicht beiden Seiten gleichzeitig geholfen, wenn der Käufer sich nicht von Schuldenlast bedrückr. fühlt und der Verkäufer mit eigenen! Geld arbeiten kann, wenn er nicht infolge der Kredite, die er gewähren muß, selbst Kredite zu suchen gezwungen ist? Kann er so nicht das Kapital vielfach umsetzew und kann dadurch eine höhere Verzinsung desselben erzielen, als durch hohen Zuschlag auf den wirklichen Wert der Ware? Hierdurch wäre gleichzeitig das Verbot der ."WIK der P reissteigerung beachtet und vielleicht käme man zu den bescheidenen Berdienstsätzen, denen mit 16-/o zur Mischnahzeit die Höchstgrenze gesetzt war. Man entginge damit auch den ckrikanösen Retouren und Reklamationen der Kundschaft, weil der Zulassungstermin für dieselben ebenfalls entsprechend kurz bemessen werden könnte, wie es in Bab. Mez. 49b angegeben ist. Hätte man in Frtedenszeiten solche Vorschläge gemacht, derartige „patriarchalischen" Verhältniffe einzuführen, mm wäre auf den Geisteszustand geprüftworden. Mit einem Schlag hrt die Panik des Krieges im Prinzip dasselbe getan, Ibas nach talmudischem Recht die Regel sein sollte: die Einführung.von Höchstpreisen. Nur die folgerichtige Durchführung fehlt noch, die beide Maßregeln erst krönen würde und die im jüdischen Geldverkehr eine große und wichtige Rolle spielt. Sie bildet recht eigentlich das ethische Fundoinent und läßt den jüdischen Leitgedanken des ganzen Verkehrs erkennen. Wenn alles prompt bar bezahlt wird und man infolgedessen das Kapital so oft mal mehr als heute umzusetzen in der Lage ist, wenn keine langfristigen Anleihen ausgenommen - zu werden brauchen und dadurch das Risiko verringert ist — dann wird uns das Ztnsverbot begreiflich, dem als einzelnes Gesetz inmitten moderner Verhältniffe nur mit großen Schwierigkeiten entsprochen werden kann. Im Zusammenwirken aber mit Höchstpreisen und Kaffazahlung könnte auch dieser Ballast des gesellschaftlichen Lcbens, der schon so manchen in bie Ziefen gezogen hat, über Bord geworfen werden. Die selbstlose Bruderhilfe in der Zeit der Not, die Förderung des Wohles unseres Nächsten würden dann Triumphe feiern, die die Menschen neidlos und zufrieden, hilfreich und glücklich machen. Alle Selbstherrlichkett und jeder Besitzesstolz, aller Hochmut und jeder Dünkel wären abgestreist. Aus dem Bewußtsein auf einander angewiesen zu sein und sich gegenseitig helfen zu muffen, wächst das Empfinden empor nur Verwalter und nicht Besitzer zu sein und gern würde dem jedes Opfer an Menschenliebe entgegengebracht, auS dessen allgütiger Hand wir alles haben, da von ihr alles kommt.