Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 22 (18.5.1915)
- Date
- 1915-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gettr li. Ro. ZS diesen Raum, wie sie der Inhalt ist in diesem ganzen Hause deS höchsten WohltunS. Am kleinen gedeckten Tisch sitzen wir dann, der leitende Arzt und ich, bei einem von spaniolicher Kochkunst hergerichteten guten Mahle und sprechen vom fernen Frankfurt, das hier in diesem Raume fast greifbar nahe ist, von all den Lieben und Treuen, die dieses große Werk und viele andere mttgründen halfen und erhalten helfen, auch Von jenem feurigen jungen Mann, der mit hochfliegenden Plänen vor ku«em hier war, von dessen rastlosem, liebeerfülltem Geiste man sich vor Jahresfrist noch so vieles für das heilige Land versprechen durste, der aber nun vor kurzem aus der kalten Erde Nordfrankreichs an die Grabstätte seiner Väter zurückgekehrt ist . . . Vielleicht, daß am SchwuauS dieses Jahres zu den Lichtlein auf dem Vorbeterpulte ein neuehtnzugekommen ist, dem Andenken von Martin Feist geweiht. . . Mein lieber Gastgeber kann sich mir nicht lange widmen. Das Werk der Liebe kennt nicht Tag und Nacht, noch Fest und Ruhepause. Sein Lebenswerk ist die Anstalt, seine Familie die Patienten, zu denen es ihn schon mitten im Essen htnzieht. So wandere ich in stummer Begleitung des arabischen Hausdieners durch das finstere Labyrint der Straßen und Gäßchen in das Hotel Kamtnitz zurück. Dort finde ich eine recht bunte Gesellschaft vor: Europäer, die aus Liebe zur alten Heimat oder aus Forschungsdrang hterhergekommen sind, Wallfahrer aus der Türket und der Provinz. Auch der Großrabbiner von Beiruth ist dabet. Keiner denkt an Schlafen in dieser wunderbaren geheimnisvollen Sinainacht. Irgend jemand schlägt vor, einen „Nachtbummel" durch die Lernhäuser bis an die Weftmauer zu unternehmen, und schon nimmt uns das tiefe Dunkll der toten Straßen auf, in denen außer den türkischen Wachen sich kein Menschenleben rrgt. Allein die „Mauer" liegt einsam und verlassen da wir im Märchenschlafe, in zitternder Erwartung des erlösenden Wortes, das das neue Leben aus den Ruinen erblühen läßt . . . Nicht weit davon lockte uns abec ein Murmeln. Am Beth-Hamidrasch des Rabbi Jochanan den Sackai vorbei, wo einige hundert Menschen aller Altersklassin aus dem Tikun in altüblicher Seife lernten, gingen wir zu den Saphardim. Durch finstere, halsbrecherische Gänge gelangten wir endlich in einen in seiner Kahlheit und Schlichtheit doch feierlich anmutenden Raum, in dem Sapahrdim in weißen Festgewändern nach orientalischer Art auf dem Boden kauerten und bet mattem Lichte aus dem „Sohar" lernten. DaS Geheimnis der Nacht, das Geheimnis-des Volkes, seines Leides und seiner Erlösung spielte hier in hundert verklärten Gesichtern. Wie gebannt blieben wir hier eine Stunde stehen und lauschten. Bis von außen her ein grauer Strei. fen den kommenden Tag kündete. Wie dieser hier empfangen wurde, wird in meinem Gedächtnis ewig haften bleiben. Eine der weißen Gestalten stand auf und rief in die Schar die bekannten Worte der Hagada hinein: mrnp 7>v pvv rrnnp iw v'lin wrnm, darauf alle im ergreifenden Chore das Schma anstimmten, das mit dem „Echod" den höchsten Grad der Verzückung erreichte. Das war ein Märtyrerschret der Jahrhunderte, wie er ergreifender vielleichtheutefich keiner Menfchenbrust entringt. In der Pause wandten sich die Leute uns zu und erwiesen uns allerlei Aufmerksamkeiten. Es wurde sogar uns zu Ehren ein starker, orientalicher Kaffee gebraut, den wir mehr als ein heilig Gebet zu uns nahmen, denn als einen leiblichen Genuß enipsanden . . . AlS wir von hier fortgingen, wurde in den anderen Boche Midrofchim, so auch in dem des Rabbi Chajim Sonnenfeld, noch gelernt. Aber schon sammelten sich die Menschen um die im jungen Morgen doppelt graue heilige Mauer zum Gebete. Minjan folgt auf Minjan. Und um die Steine, die sonst befeuchtet sind von heißen „Der Israelit"._ Tränen, rauschen liebliche Hallel-Molodien und dersokvttche Frtedensgesang der Priester. Wie hatte sich hier das Bild verändert, wie sah es doch doch ganz anders aus, als an Wochentagen, da man sich hier von weinenden, bettelnden, in Lumpen gehüllten Menschen mit ausgestrcckten Händen umringt sieht! Heute ist es Fest, und die Stimme des Elendes schweigt. Heute hat nur die Hoffnung das Wort und die Freude. Und die Frau, die sonst, ein Häuslein Elend, ein Sinnbild der trauernden Mutter Zion, der milden Gabe harrend an die Mauer lehnt, sie reichet heute mit verjüngten, strahlenden Augen Blumen umher, über die die Männer das heilige Segenswort sprechen. Minderecke. Das Gespräch der Serge. (Ein Schwuosnacht - Traum.) Die Rtesenberge, stolz über die Wolken hinaus in den Himmel ragend, neideten dem bescheidenen Berg, der von einem kleinen, zähen Volke als der höchste, und bedeutsamste gefeiert wird, seinen Weltruhm, llnd nun trug sich auf den Flügeln leichter Nachlwinde ein Gespräch voll Gift und Galle von Gipfel zu Gipfel. „Das dürfen wir uns nicht bieten lassen", brummte der Montblanc, der König der Alpen und schüttelte vor Zorn das ewig-weiße Haupt, daß die herabstürze iden Schneemafsen ein paar Dutzend Dörfer zu seinen Füßen begruben. „So ein Berglein wie der Sinai, der überall seines gleichen findet, deffen gleichgroße Gefährten bei uns kaum einen Namen haben, erhebt sich über mich, den Montblanc, der ich der größte meiner Brüder mitten im Herzen Europas bin. Ich werde wohl bestiegen, besucht, auch bewundert von vergnügungssuchenden und sporll ebenden Touristen. Wieviele sind es aber unter den unzähligen Millionen, die zum Sinai in höchster Verehrung emporbl cken, die meinen Namen nur kennen? DaS ist eine Schmach, eine Verletzung der wahren Größe". „Und i ch erst", ließ sich einer derHimalajariesen in Asien hören. „Ich überrage euch alle 18. Mai ISIS. und die wenigsten kennen mich. Auf dem Sinai sollen die Juden einmal ihr Gesetz erhalten haben. Wieviele Lehren habe ich aber später zu meinen Füßen entstehen sehen? Die Bramahner in Indien, die BMdhisten undKonfuziusifien in China holten -ßch-Hre Lehren von mvinnn^öhen herab. Ich schaute auch auf die.TAer^Mrabiens. hin, wie dort die Flamme des Islams uuftadertc. Was ist im Vergleiche zu meiner-GrSGe dev kleine, nackte .Sinai in der'kahlen Wüste?" „Wißt ihr was?" piepste mit hicher -Stimme ein Vergehen der A penn inen in Jral^u, auf dem vile Klöster die Lehre des Judenhasses verbreiten. „Die Juden find ein kleines, zähes Volk und Feinde der Weltvölker. Man muß sie samt und sonders vernichte», dann verliert auch der Sinai seinen Glanz. Hörte ich. doch.di« geehrten Herren auf meinem Rückrn erzählen: Der Sinai drohte einmal den Juden, sie unter seinen Erbmassen zu begraben, wenn sie die Thora nicht annkhmen. Könnten die Bergriesen nicht diese Drohung, gleich ausführe.l gegen das Häuflein Menschen, die mit ihrem Sinai unseren Glanz Verdun klen?' „Unsinn!" sprach dazwischen ein Kollege von den spanischen Pyrenäen. „Ich weiß es bester aus alter Erfahrung, wie wenig Ihr diesen Menschen und ihrem Sinai anhaben könntet. Hab ich doch die „heilige Inquisition" bei der Arbeit gesehen . . . Ich sah die Juden unter dem Gejohle der Anderen hier abziehen mit heißen Tränen um ihre Habe, um ihre Toten, die hier geblieben. Was hals genützt? Der Sinai und das Sinaivolk stehen in ungeschwächter Kraft da." „Das kann ich bestätigen", mischte sich ein Kordiüerenbrrg aus Amerika in das Gespräch. „Am Tage, da man die Juden aus Spanien vertrieb, landete Kolumbus zu meinen Füßen und fand dos Land, das die Flüchtlinge;u Tausenden liebevoll aufnahm. Und übrigens, könnten wir auch die Juden vernichten, was würde dabet für uns hrrauskommen, nachdem die Sinatlehre in dreihundert Sprachen und Dialekten bis zu den wildesten Völkern hinreicht? Man kennt, das sag ich euch, den kleinen Bruder Sinai auch in den fernsten Inseln, die ein jüdischer Fuß noch nie betreten hat. Nein, Brüder, reden wir nicht mehr davon und zollen wir dem Auserwählten unsere Achtung und Ehrerbietung". Eine Weile schwiegen die Berge nachdenklich. Dann folgten sie der Stimme ihres amerikanischen Bruders und neigten sich langsam in Ehrfurcht vor dem Sinai. (Pitt ®ebet im Gefangenenlager zu Hammerstein