Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 22 (18.5.1915)
- Date
- 1915-05-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448528--67498-2488385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ilage zu Nr. 22 des „Israelit." Feuilleton. Me Kraft der Thora. (Aus den Erzählungen des alten Wilna.) -Als Rabbl Chajim Wolos chtner, des großen Meisters großer Schüler, daran ging, im weltentlegenen littauis chen Flecken W o l o s ch i n die Jeschiwah, die später die bedeutendste Thoro- Pflanzstätte auf Erden werden sollte, zu gründen, suchte er vorher den „Gaon" in Wilna auf, um dessen Segen für das große Werk der jüdischen Zukunft zu erbitten. Mit freudigem Herzen empfing der Gaon seinen Freund und Jünger und glänzenden Auges sprach er: „Wisse, mein lieber Chajim, daß dein Unternehmen von grundlegender und zukunftbestimmender Bedeutung für Israel ist. Ich sehe kalte, böse Winde kommen, die das jüdische Schifflein auf offenem, hochgehendem Meere bedrohen . . . Von Westen her der zersetzende Geist der sogenannten „Aufklärung" und in Osten, in Podolten und Polen öffnet die neue Strömung dem ungeübten Blicke des einfachen Volkes die unermeßlichen Tiefen der Kabbala . . . Der alte Baum ist von Orkanen umdräut. Allein, solange die Thora seine Wurzel bildet, werden ihm alle Stürme der Welt nichts anhaben können. Nach allem Erleben und Ueberlegen kam ich zu dem Schluß, daß nur die Thora und deren Studium die Schutzmauer Israels vor äußerer Gefahr und innerer Verwirrung bildet. Somit, mein geliebter Schüler, sei denn dein Augenmerk darauf gerichtet, daß in deinem Lehrhause der Grundsatz: „Thoralehre über alles" zur höchsten Geltung komme." Diese Worte blieben allezeit Rabbi Chajims Lebensmotto und in seiner Jeschiwah stand das Thoralernen an erster Stelle und kam zur höchsten Blüte. Unter den Schülern der Jeschiwah ragten drei Jünglinge hervor, deren jeder in seiner Art dazu berufen schien, eine Leuchte in Israel zu werden. Der erste zeichnete sich durch hohe Abstammung aus. Seine Väter bis zu den fernsten Geschlechtern waren alle Führer im Reiche des jüdischen Geistes und leuchteten mit dem Lichte ihrer Weisheit ihren Brüdern auf dem dunklen Wege des Lebens. Schon der Name der Familie verlieh dem Jüngling Glanz und Ansehen. Der zweite war berühmt durch sein goldenes Herz. Milde und Güte stoffen aus seinem Wesen wie aus einem Bergquell, und Guttat war sein täglich Sinnen und Trachten. Nie sah ihn jemand zürnen, er kannte kein Ermüden, wenn es galt. Anderer Not zu lindern. Der dritte aber war ausgezeichnet mit einem eisernenFleiße ohnegleichen. Tag und Nacht oblag er, fast ohne Unterbrechung, dem Lernen. Und aus seiner Lernmelodie sang die glühende Liebe zur Thora, die des Jüngiings Seele so ausfüllte, daß kein Raum darin übrig blieb für anderes Sinnen und Sehnen. Die Liebe Rabbi Chajims zu all seinen Schülern war allbekannt. Doch diese drei Bevorzugten schloß er ganz besonders in sein Herz. Er glaubte an sie und hoffte von ihnen das Erstrahlen neuen Lichtes für die jüdische Diaspora. Die Hoffnung des Rabbi sollte leider getäuscht werden. Es ergab sich, daß alle drei die Jeschiwah verließen, in die weite Welt hinausgingen und dort, vom fremden, offnen, ungewohnten Lichte geblendet, von der Thora abfielcn. Es war eben zur Zeit der Hochflut der „Berliner Aufklärung", in deren Netz sich der Besten so viele verfingen und verloren. Als die Kunde zu Ohren des Rabbi gelangte, weinte er bitterlich um die verlorene Hoffnung, als stände er vor den Trümmern seines Lebensglückes. „Die Zedern sind von der Flamme erfaßt," zitierte er das bekannte Talmudwort, „wie sollte es nun dem Moos an der Mauer ergehend" Er sah das süße, von ihm genährte Licht erloschen, die zarten, von ihm mit so viel Liebe und Hoffnung gepflegten Pflanzen zertreten. Ganz gebrochen ging der Rabbi einher und wies alles Trostreden beharrlich zurück. Nachts aber sah er den lange schon im Eden weilenden „Gaon" im Traume. Und er hörte des Meisters Stimme zu ihm sprechen: „Deren viele noch ujetbett des Schwertes Beute sein. Der frommen Väter Verdienst reicht nicht hin, um aus dem enggeschlungenen Maschen der neuen Bewegung zu retten. Denn Ahnenverdienst besitzen wir, Kinder Abrahams, Jsaks und Jakobs, ja alle .. . Auch das milde Herz und der Drang zur Guttat sind kein sicherer Panzerchutz vor dem Verderben, das von dieser Seite droht. Edelfühlen und Guttun umfaffen nur einen Teil jüdischen Pstichtenlebens und sind zudem nicht Alleingut Israels .... Was aber unser ist und ewig bleibt uiib den Juden über alle Fährnisse des Lebens, nach harten inneren Kämpfen oft, hinübergeleitet, das ist die Liebe zur Thora . . . Wer einmal richtig „gelernt", wer die ganze Süßigkeit des Lernens gekostet, in sich den Geist der Thora ganz ausgenommen, der bleibt diesem Geiste treu bis ans Ende. . . Mag er sich noch so verirren und verlieren, sie, die Thora packt ihn eines Tages und bringt ihn in des Vaters Haus zurück. . . Und fo aescbab es aucb. Nach vielen Jahren suchte Rabbi Chajim die Spuren seiner wegeverlorenen Schüler, um ihres Schicksals weiteren Gang zu erkunden. Der erste, dem Ahnenverdienst zur Sette stand, wurde nach einer fremden, thorafernen Gegend des Westens verschlagen, wohin seiner großen Väter Namen nicht drang. Dort tauchte er gänzlich in der Welle des fremden Geistes unter und wich bald vom Religionsgesetze ab. Er verlor das eigene alte Maß aller Dinge und mit fremden Maßstäbcn gemessen, schien ihm die alte Rabbiwetsheit zwerghaft klein im Vergleich zum glänzenden Lichte der Welt, besten Träger alle ragende Riesen in seinen Augen waren . .. Der Väter Glanz wich von ihm mehr und mehr, und deren Verdienst stand ihm nicht bet, als die erste Versuchung an ihn herantrat. Er unterlag.. Der zweite, der Mann des goldenen Herzens, stud erte Philosophie, tie den ungefesttgten Geist verrenkte und in weichem Gemüt Verwirrung anrichtete. Er verlor den Weg und vermochte nicht mehr zu unterscheiden zwischen „gut und bös?" ... Man hörte später von ihm, daß er als Ankläger seines eigenen Volkes öffentlich auftrat und in Wort und Schrift gegen seine eigenen Brüder falsch zeugte. Der dritte, bis zu seinem Abfall von der glühenden Liebe zum Thorastudium beseelt, trat in die Hallen der modernen Wiffenschaft ein, wo er aus den neuen Quellen gierig schlürfte. Er wuchs und wuchs und erlangte Ruhm und Ansehen in der Welt des Geistes. Bald sah er vom Universitätskatheder auf eine große Menge von Hörern herab, die wiffensdurstig seinen Worten lauschten. Sein Ruf ging durch alle Lande und reichte bis zu den Palästen der Regierenden hin. Hier ."achte man daran, das W ssen des be- I rühmten Mannes dem Staate dienstbar zu machen. Er wurde ins Haus des Regenten gebeten, wo ihm eröffnet wurde, daß man die Leitung eines bestimmten Teiles der Staatsgeschäfte in seine bewährte Hand legen möchte. Nur, so bedeutete man ihm, müsse er erst manch persönliches Hindernis aus dem Wege schaffen, so vor allem die Confeffion . . . Der Hofpsarrer sei bereits verständigt . . . Der Gelehrte erbat sich drei Tage Bedenkzeit, in denen er ohne Speise zu sich zu nehmen oder Schlaf seinen Augen zu gönnen, mit sich zu Rate ging. Am Morgen des vierten Tages ging er noch vor Tagesanbruch aus der Stadt und kam nicht wieder. Er flüchtete nach P a l ä st i n a. Aus dem Wege bog er nach Waloschin ab und besuchte Rabbi Chajim, der ihn tränenden Auges in die Arme schloß. „Wie bist du der Versuchung entkommend" forschte der Rabbi. Der flüchtende Gelehrte erzählte: „Schon fühlte ich meine Kraft zuende, das innere Licht war im Verlöschen . . . Der Glanz von außen blendete zu sehr. Am Ende wollte mir gar der Versucher klarmachen, daß es nur ein äußerer Kleiderwechsel sei und daß ich im neuen Gewände noch besser und wirksamer meinen Brüdern dienen könne. Da führte mich der Weg am letzten Abend am verfallenen Häuschen eines alten Juden in einer der hintersten Gaffen der Altstadt vorbei. Aus dem Hause drang eine elegische Lernmelodie. Ich mußte stehen bleiben, und horchen, horchen . .. Und da war es mir, als weinte jemand, es weinte die Thora unr einen sinkenden Menschen, um einen inneren Verfall, um meinen Verfall ... Da ermannte ich mich noch im letzten Augenblicke und klammerte mich an den Thoragesang, wie an einen Rettungsanker . . . Und bevor noch der Morgen graute, verließ ich die Stadt . . ." „Die Kraft der Thora" erinnerte sich Rabbi Chajim der Worte des Gaons in jenem Traumgesichte. Eine Schumaus-Aacht inZerusalem. Eirrs^eiseerinrierung von P. M. In Palästina und in der heiligen Stadt besonders kam zu all den permanenten Nöten die Kriegsnot und drückte ihren grauen Stempel aus die krummen Gaffen, durch die das Bangen und Hoffen von Jahrlaufenden zieht. Lebendig stehen nun die Weihestunden, die ich erst vor Jahresfrist am Feste der Gesetzgebung in diesen alten, heiligen Gassen verlebt habe, in all ihren Phasen vor meinem Geistesauge. Bet 36 C. im Schatten sah ich mir am Rüsttage des Festes das Leben in den Straßen der Altstadt an, die angefüllt waren mit allerlei buntem Volke, arabischen Händlern im Turbane, türkischen Beamten im roten Fes, europäischen Touristen im Tropenhelm und Juden aus Stadt und Land, die geschäftig ihre Fefteinkäufe machten. Nachmittags fuhren die menschenangefüllten, zum Teile mit frischem Grüne geschmückten Wagen, die die weit außen Wohnenden in ihr Festheim brachten, die Straßen hinunter. Mählich versickerte der Lärm und mit Sonnenuntergang lag feierliche Stille über all den roten Dächern und weißen Mauern, die die hinter den Bergen Judäas untergehende Sonne mit Streifen leuchtenden Rotgoldes übergoß. Ich fahre hinaus in die Neustadt und bin bald im geräumigen, nach jeder Richtung hin modern ausgestatteten Schaare-Zedek-Hospiral, in dessen kleinem Betraume eine kleine Festgemeinde versammelt ist. Auf dem Betpult brennen einige Lichter, eines mit einer Tafel darunter, die besagt, daß es dem Andenken cos Dt. Roos - Frankfurt a. M. gewidmet ist. Die Seele des unvergeßlichen Menschenfreundes waltet hier und füllt