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Der Israelit · 1915-05-18 · Heft 22 (18.5.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 22 (18.5.1915)
Date
1915-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 No. 22 Der JSraeltt. 18. Mat 1915 ■'i i i i i I i Lorrespondenzen und Aachrichten Dentsctzes Reich, woclienkell - llrisub. AranKfurl a. M, 17. Mai. Aus dem Büro der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Das Kriegsministerium hat den mobilen und stellvertretenden Generalkommandos die Termine des bevorstehenden jüdischen Wochknfestes mitgeteilt mit der Anheimgabe, den jüdischen Mannschaften in den Garnisonen und Etappenorten, soweit mit den dienstlichen Interessen vereinbar, generell Dienftbefretung und darüber hinaus denjenigen Mannschaften Heimaturlaub zu gewähren, die am Osterfeste diese Vergünstigung nicht genießen konnten. ttontigenlierung öes Scfiädifens in Sfraßburs- Slraßvurg, 10. Mai. Die Stadtverwaltung hat im Interesse der Bolksernährung während des Krieges eine Anlage größeren Stils errichtet, um aus dein Blute der Schlachttiere Blutmehl für die Zwecke der Bolksernährung herzustellen. Da nun mit dem rituellen Schächten infolge des ausfließenden Blutes angeblich eine Vermischung mit dem Magen- und Darminhalt unvermeidlich fein soll, wodurch das Blut für die Fabrikation von Blutmehl untauglich wird, so hat der Gouverneur verfügt, daß fortan lediglich für den Bedarf der Juden, nicht aber darüber hinaus geschächtet werden darf. Die Bedarfquote ist mit Rücksicht auf den Nichtverbrauch der Hinten viertel durch die Juden auf 3 Prozent (statt gemäß der Bevölkerungsziffer 2 Prozent) der Schlachttiere festgesetzt worden. Gleichzeitig wurde verboten, das Fleisch geschächteter Tiere von auswärts nach Straßburg einzuführen, um zu vermeiden, daß die Metzgereibetriebe nach auswärts übersiedeln. Wenn es sich bei dieser Kontigentierung des Schächtens im Interesse der Blutmehlfabrtkatton um eine vorübergehende Kriegs maßnah me handelt, so werden sich die jüdischen Kreise Straßburgs mit den mannigfachen Schäden, Ungerechtigkeiten und gefährlichen Konsequenzen einer solchen Maßregel abzufinden haben, und wir möchten daher vorläufig auf eine Diskussion verzichten. Als eine dauernde Maßregel aufgefaßt, würde die Kontigentierung jedoch die schärfste Kritik aller derjenigen Kreise herausfordern, denen der konfessionelle Friede und die Gewissensfreiheit unveräußerliche Grundlagen des Staatslebens zu fein scheinen. Aus 9en okkupierten Gebieten- Lodz, 14. Mai. Die Tätigkeit der Schulsektion des Bürgerkomitees wird sowohl in der „Gazeta Lodzka", dem Organ der Polen wie in der „Deutschen Lodzer Zeitung" einer scharfen Kritik unterzogen. Erftere bemüht sich, gerecht zu sein, und zählt zuerst die „Verdienste" der Schulsektion auf, zu denen sie u. a. die Einführung des polnischen Unterrichts in den jüdischen Schulen rechnet, eine Maßregel, der sich die russische Regierung bekanntlich immer widersetzt hat. Höchst unzufrieden ist aber das Blatt mit der stiefmütterlichen Behandlung der polnischen Sprache und der polnischen Lehrer seitens der Schulsektion im allgemeinen. „Die Lehrer werden aus Grund der Zeugnisse der ehemaligen russischen Schuldirektton angestellt. Daß sie miserabel bezahlt werden, daran ist hauptsächlich die Dürftigkeit der zur Verfügung stehenden Mittel schuld, aber einen großen Teil des Budgets verschlingt die Besoldung der in Lodz gebliebenen Lehrer der beiden heute geschloffenen russischen Gymnasien und der Alexanderschule." Die Deutschen, so betont die „Deutsche Lodzer Zeitung", haben der Schulsektion des Bürgerkomitees, in der sie gar nicht vertreten sind, noch ganz andere Vorwürfe zu machen. Für sie handelt es sich hauptsächlich um die Frage: wie stellt sich die Schulsektion zu den Bedürfnissen der deutschen Bevölkerung? Was hat sie zur Unterstützung der deutschen Schulen getan? Wir Juden aber fragen: Was hat die Schulsektion für die jüdischen Schulen, abgesehen von der zweifelhaften Wohltat des polnischen Sprachunterrichts, getan? Da der Zaun um den jüdischen Friedhof s. Zt. durch Granaten zerstört wurde, hat die Gemeindeverwaltung in ihrer Sitzung vom 10. Mai beschlossen, einen neuen Zaun errichten zu lassen. Die Arbeiten sind gleich in Angriff genommen worden. In der gleichen Sitzung wurde beschlossen, den Geistlichen und den übrigen Angestellten der Gemeindeverwaltung Vorschüsse in der Höhe von 1450 Rbl. für den Monat Mat au^nzahlen. Ferner, jegliche Ausgaben, die mit der Abfassung von Matrikeln für die arme Bevölkerung, in Zusammenhang stehenzn übernehmen^ — Privatpersonen, die Trauungen vollziehen, ohne die gesetzlich vorgrfchriebenen Formalitäten zu beachten, sollen zur Verantwortung gezogen werden. Es wurde dann abermals über dir jüdischen Ztvtistandsbücher beraten und darauf hingewiesen, daß. die nachlässige Führung derselben für die jüdische Bevölkerung sehr traurige Folgen nach sich ziehe. Die der Sitzung beiwohnenden 18 Dajanim wurden angewiesen, sich/ streng nach den bestehenden Vorschriften zu richten uno ohne Zustimmung des ObrrrabbinerS Tretstmann keine religiösen Akte zu vollziehen, die mit dem Standeswechsel in Zusammenhang stehen. * Lodz, 16. Mai. Die Einrichtung der BürgrrmMz, die fast vollständig in poivischenHänden liegt, gab einigen ehrgeizigen, herrschsüchttgen Elementen gute Gelegenheit, ihre Machtgelüste an den ihnen« noch von der Ruffmzeit her verhaßten Juden zu erproben. Die Gewaltakte anjüdischen Händlern, die unschuldig oder wegen der geringfügigsten Delikte in himmelschreiender Weise mißhandelt werden, rufen nun starke Beunruhigung in allen jüdischen Kreisen hervor. Herr OSerrabbtnrr Treistmann besuchte am Dienstag den Präses des Zentralkomitees der Bürgermlliz und führte Beschwerde über die unerhörten Vorkommnisse. Der Präses des Komitees versprach, eine Untersuchung in dieser Angelegenheit einprleiten. ' * Kakrsch, 13. Mat. Auf Verfügung der Behörde sind seitens der Stadt mehr als 20 Fuhren zur Verfügung gestellt worden, um die Trümmer der eingeäscherten Häuser nach den umliegenden Feldern und leeren Plätzen der Stadt z« schaffen. Die diesbezügliche Arbeit hat bereits am Freitag begonnen. Für die niedergebrannten Stadtteile wurden bereits neue Straßenpläne angefertigt. Mehrere Architekten haben ihre Bauvorfchläge, die der Stadt ein modernes Aussehen geben würden, den Behörden unterbreitet. Außerdem werden auch alle Landstraßen, die sich in einem äußerst kläglichen Zustande befinden, auSgrbrffert. Mrp.arn. Nus Sen SemeinSen. Budapest ttefier das Befinde« des auf Wunsch des Przemvsler FeftungSkommandoS dort verbliebenen Rabbiners Gedalja GchmelteS kursieren verschiedene, unkontrollierbare Gerüchte. Er soll angeblich von einem Granatsplitter getroffen, bei der Erstürmung den Tod gesunden haben. Nach einer andern Version sollen ihn die Russen als Geisel mitgeschleppt haben. Z. B. A. die Welt gehen, stolz, erhobenen Hauptes, in den: sicheren Gefühl, bas Gottesbolk zu fein. So wie des Deutschen Vogel, der Aar, hoch über allem Getier dieser Erde schwebt, so soll der Deutsche sich erhaben fühlen über alles Gevölk, das ihn umgibt, und das er unter sich ut grenzenloser Tiefe erblickt." Soweit Sombart. Wenn der Haff der Umwelt gegen ein Volk eine Wardeiung seiner Anserwähltheit bedeutet, so dürfen, wie uns scheint, auch die Juden der Gegenwart inmitten der sie umtobenden Orgien des .»asses erhobenen Hauptes die unverminderte "ortdauer ihres geschichtlichen Berufes, Träger des Gottesgedankeiiö in der K »Umwelt zu sein, bekennen und beanspruchen, und es liegt eine schmerzliche Genugtuung für uns darin, daß derselbe Sombart, der uns itt» pseudowissenschaftlichen Mitteln einst fccu Makel des Händlertums aufzudrücken gedachte, uns nun Wider Willen den Lorbeer des Heldenrums reichen muh. Wer aber venrr nicht, da Svmbarts Puch mit volle m R e ch t e des deutsch e n Volkes „Auserwähltl.cit" in der Gegenwart feiert, an das tiefe Wort der jüdischen Weisen zu dem biblischen Satze (UI. Puch Mvscs 20, 20) „ Ich habe Euch ausgesch jeden ans den Völkern, „Auf das Ihr m c i n seiet." „Hieße cs", so lehren sie (Ialknt), „ich habe die Völker von Euch gesondert, so gäbe es kein Emporsteigen für die Völker der Welt: so aber heißt es: ich habe Euch aus den P ö l k c r n abgesondert, lote einer, der Zuerst das Beste aus Mindergutem ausliest und immer w i e d c r und wieder das Bessere anslieft nur wer das Schlechte aus dem Guten ausliest, der verwirft damit das Schlechte, ohne sich ihm wieder zuzuwenden." Dieses Liebe und Weisheit atmende Wort, das die ganze Weltgeschichte als eine große Erziehungsittstitutron für die nacheinander auf die Bühne tretenden Kulturvölker betrachtet, enthält zugleich die Korrektur für die grandiose Einseitigkeit der Sombart'schen Betrachtungsweise. Deutschland in seinem überwältigenden Heldentum, es ist gewiß erwählt, aber die übrige Welt kann nicht dauernd vcrwvifen fein: und es entspricht keineswegs teut,wer Sittlichkeit, sich hochmütig über „alles Gevölk in grenzenloser Tiefe" zu erheben. Wer bürgt denn dafür, daß nicht, wenn der Krieg eines Tages froher Friedensfülle weicht, dieselben Faktoren, die v o r h e r das deutsche Volt der Skepsis und dem entgötterten Materialismus in die Arme warfen, wiederum ihr auflösendes Wirken beginnen? Auch die Völker bedürfen st e t e r Erziehung und Erneueruitp, au« den Quellen des Uebersinnlichen - und Hochmut und Selbstgerechtigkeit sind die gefährlichsten Feinde des Erzogenwerdens. Hoffen wir, daß die heldische Weltanschauung, die mit Hiob das ganze Menschenleben als .Heeresdienst im großen Weltenheere des Gottes der Heerirtw.reu betrachtet, den Krieg überdauert, und daß dann die Menschheit vom jüdischen Gefetzesgeiste endlich lernen wird, im stillen Frieden ein Leben opferfrohen Gottesdienstes zu leben: das Heldentum bei- Alltagspflicht. Geschäft und Kanonendonner. Unter diesem Titel gibt ein gelegentlicher Mitarbeiter der „Franks. Ztg." aus Ezernowitz folgendes Stimmungsbild vom Czernowitzer Trödlermarkte: Auf dem Mehlplatze, einem großen, viereckigen Platz ist Markt; jeden Montag ist hier Markt. Es werden alte Kleider gehandelt. Der Markt ist eine schwach besucht, weil die meisten Trödler noch nicht von ihrer Flucht nach dem Westen zurückgekehrt find. Bon der Ferne irgendwo im Nordosten der Stadt tönt dumpfer Geschützdonner. Ein Schuß löst den andern ab. Die Ezernowitzcr sind au diese fernen Detonationen schon gewöhnt und können unterscheiden. ob der Schuß aus einer Kanone oder einer Haubitze abgegeben wurde. Ich schlendre auf dem Markt herum. An einer Stelle ist ein Häufchen Kleider auf dem Boden aufaeschichtet. Davor steht eine alte Jüdin. Ein deutscher Kolonist ist zu ihr gekommen und will einen alten Rock kaufen. Bald har er das passende Kleidungsstück gefunden und fragt nach, dem Preise. „Sechs Kronen", ist die Antwort der Händlerin. „Pier Kronen sind nicht' genug?" entgegnete der Käufer. „Ausgeschlossen. Mich kostet der Rock selbst viel mehr!" Mittlerweile wird ein Kanonenschuß vernommen. „Nun, was sagen Sie zu onie? *) Er hat sich jetzt erinnert. Da schauert Sie, dieser Stofs kommt aus England." Wieder kracht ein Kanonenschuß. „Der Schlaa sott Rußland zusammen mit England treffen, Werl ne diesen Krieg gemacht. Also jetzt können Sie einen wichen Stoff des Krieges wegen nicht bekommen und üach dem Kriege werden wir ftkl Mehlplatz 'icher nichts mehr aus England bestellen." Es donnett wieder. *) Verächtliche Bezeichnung für dem Russen.

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