Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 22 (18.5.1915)
- Date
- 1915-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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18. Mat 1915 Der Israel«. No. 22 Sette 3 Me »Agudas Zisroel im Weltkriege. Der Krieg hat d-ie 'Agudas Jisrocl-Orgcnnsatioit vor große Aufgaben gestellt. Die eherne Notwendigkeit, die einen engen Zusammenschluß -aller alt den überlieferten Idealen festhalteirden Juden und damit die Gründung dieser Organisation zur gebieterischen Pflicht machte, zwang die Leitung der Aguda und ihre Organe, an die Durchführung größerer philantropi'scher Unternehmungen heranzutreten, zu einer Zeit, da sie nach den: normalen Lauf der Dinge sich in der Hauptsache der Ausgestaltung ihres organisatorischen^ Gerüstes und der Sammlung ihrer inneren Kräfte hätte widmen sollen. Die für den Monat August 1914 geplante „Kenessijoh gedauloh" als Kundgebung der Zusammengehörigkeit der durch die Thora Geeinten mußte plötzlich obgesagt werden. Statt dieser Kundgebung jedoch forderten oie Kriegsereignisse von der Organisation Taten, die den Agudagedanken wenigstens teilweise vcrtvirklichen sollten. Im Geiste dieses Agudagedankens bewegte sich denn auch die Tätigkeit der Aguda seit Ausbruch des Krieges. Sie war im besten Sinne des Wortes eine H i l f s tätigkeit. - Galt es in den ersten Wochen den zahlreichen in deutschen Kurorten vom Kriege überraschten Glaubensgenossen mit allen verfügbaren Mitteln — sei es durch Unterstützungen, sei es durch Darlehen — helfend beizustehen, so nötigte der Verlauf des Krieges die Organisation, außer der Hilfe für die durch den Kriegsausbruch in Bedrängnis Geratenen recht bald ein ausgedehntes Hilfswerk einzuleiten für diejenigen, die infolge der Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen ihren Erwerb, ihr Hab und Gut verloren, und bis zum Wiedereintritt geordneter .Verhältnisse auf tatkräftige Unterstützung der Gesamtheit angewiesen sind. Diese Hilfsaktion erwies sich um so dringender, als der östliche Kriegsschauplatz sich über ein Gebiet ausd«ehnt, das von Juden dicht bevölkert.ist, wie kein zweites in Europa. Galizien ivurde von den Russen besetzt. Die Juden wußten aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, was es für sie bedeutet, unter Russen- Herrschaft zu leben. Hunderd taufende zogen es vor, sich der Not und der Mühsal des Flüchtlingslebens auszusetzett unb traten die Wanderschaft an, froh das nackte Leben vor den Huligans gerettet zu haben. In beit okkupierten T eilen R u s s i s ch-P o l c n s fanden die cinziehenden deutschen Truppen in hunderten von Gemeinden die jüdische Bevölkerung in größter Not vor. Tie vor den siegreich vordringenden deutschen und österreichischen Heeren ausgerückten Kosakenhorden fanden vor ihrem Abzüge noch Zeit genug, um Väterchens „lieben Juden" aus ihre Weise Lebewohl zu sagen. Gemeindeleben und G? lneiudeinstitutionen sind zumeist ausgelöst und bedürfen tatkräftiger Förderung von Seiten der Hilfsorganisationen, um wieder aufzuleben. Auch im H eilige n La n d e trat große Not ein und es mußte auf Abhilfe gesonnen werden. Die Aguda-Leitung veranlagte die Gruppenvcrbände von Deut s ch l a n d und einigen neutralen Staaten, unter ihren Mitgliedern und Freunden eine Sammlung zu veranstalten, um die crforderlischcn Geldmittel zu erlangen. Das bisherige Resultat der Sammlung des Gruppenverbandes in Deutschland und ebenso das des Schweizerischen Landesverbandes kann als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Dadurch wurde die Leitung in den Stand gesetzt, den Bedrängten die „erste Hilfe" zu leisten Die weiteren Ergebnisse der im Gange bef i n d l i ch e n S a m m l u n g e u werden hoffentlich der Organisation die Mittel an die Hand geben, das begonnene Hilsswerk gedeiht ich s o r t z u s e tz c n. Ueber das bisher Geleistete sind lvir in der Lage, im einzelnen folgendes zu berichten: Galizische Flüchtlinge. Die Aguda begann ihre .Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge vor dem Pessachseste. Nach den Feftfteltungen des Herrn Fabrikanten Grünbaum in Nürnberg, der im Aufträge der Leitung nach Wien reiste, um gemeinsam mir der gegenwärtig dort domizilierenden galizischen Lanbeszentrale die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, bestand für viele Tausende die Gefahr, während des Pefsachfestes ohne Mazzos zu bleiben. Nach unsäglichen Mühen wurde es in letzter Stunde noch ermöglicht, ein Mindostquantunr der erforderlichen Mazzos herbeizuschaffen. Hierfür allein wurden mehr als Kr. 32 000 verausgabt. Auch wurde durch Subventionierung von P o l k s k ü ch e u und direkte U n t e r st ü tz u n g einzelner im tiefstem Elend befindlichen Familien vielfach dazu beigeträgen, die Not zu lindern. Hand in Hand mit dieser Aktion wurde von Seiten verschiedener befreundeter F r a u e n v e r - c i n e und der "A g u d n - Bi ä d ch e n g r u p p e n im großen Maßstabe eine Kleider- und W ä s ch e s a in m l u u g eingclcirct. Auch diese Sammlung zeitigte ein gutes Ergebnis. Von den einzelnen Sammelstellen Deutschlands und der Schweiz konnten bereits mehrere hundert Kisten mit Kleidungsstücken nach den Fluchtliugszentren abgesandt werden. Eine besonders schwierige und kostspielige "Aufgabe erwuchs der Aguda ans der geistig e n und r i ligiös e n Notlage, in die die Flüchtlinge geraten waren. jVor allen Dinge« die Jugend, Tausende und abertausende Kinder waren plötzlich ohne jede erzieherische Einwirkung in ein ihnen wesensfremdes Milieu versetzt. Sollten die moralischen Schäden, die infolge monatelangen Müßigganges und.Herumlungerns bei diesen Kindern auftratcn, nicht zu eitlem dauernden unheilbaren Unglück für dieselben werden, mußte unverzüglich auch hierfür Vorsorge getroffen lverden. Nach gründlichen Vorarbeiten konnten dieser Tage in den größeren Flüchtlingslagern intermistische Schulen eröffnet werden. Znm Unterricht der Kinder wurden bis jetzt etwa 60 Lehrer angestellt. Für die Maßnahmen der Weiterbildung der sch ulentwachsenden Jugend sind die Vorarbeiten im Gange. Ebenso wurden Vorerhebttngcn eingeleitet zur Hilfe für die K r i e g s Waisen, für deren Erziehung die jüdische Gesamtheit wird Sorge tragen müsseil. Die Hilfsaktion für die galizischen Flüchtlinge roird in Vertretung der Gesamtorganisarton von dem galizischen Landeskomitee der Agudas Jisroel durchgeführt. Zur Beratung über die einzelnen noch erforderlichen und nach den vorhandenen Mitteln möglichen Maßnahmeu fand Donnerstag den 22. "April im Hotel „Continental" in Wien eine Versammlung statt, an der sämtliche ilt Wien lucilcnbcn Führer der galizischen Juden teililahmen. Es waren zugegen außer etwa 50 hervorragenden Persönlichkeiten aus Laienkreifen auch die galizischen Mitglieder des „Rabbinischen Rates" und die bekannten Chass i d i m - R a b b i s von E z v r t k o w, B [0 j a n, H n fiat y n, £ ttYnia und Sadagora und viele ander e Rabbiner. Diese Versammlung erregte sowohl durch ihre Zusammensetzung als auch durch den Beratungsgegenstand in den weitesten Kreisen Aufsehen. Von dem dauernden Znsammeiuvicken all dieser berufenen Volksführer unter dem Banner der „Agudas Jisroel" erwartet mall allseits die hmt'ii K'vfnf.n' ti’tv i\ii» itniv mtvHrfriii Jr liche uiu uuii ve«l fiujicuitcii r'.'tirgncoern oer galizischen Landesorganisation gegründetes „Ko - mitte z u r W a h r u n g d e r I n t e r e s s e n der galizischen Flüchtlinge" wird hoisentlich Hand in Hand mit anderen Orgauistuio neu dazu beitragen, bei dem künftigen Wiederaufbau Galiziens fccit wirtschaftlichen und religiösen "Anliegen der galizischen Jüdeuheit die gebührende Berücksichtigung zu erwirken. (Schluß folgt). Händler und Helden. Werner Sombart, der sicherlich zwar nicht zu den tiefsten, wohl aber zu den beweglichsten und ausuahmesähigsten Köpfen im Kreise der deutschen Gelehrtcuwelt gehört, hat in einer kleinen Schrift:f) seine Aufsagung von der lieferen Bedeutung des Weltkrieges niedergelegt. Der Verfasser arbeitet in seiner gewohnten, scharf pointierten Art einen typischen (Gegensatz zwischen dem deutschen und dem engiischen Volke heraus, auf dessen c i n c r Leite das englische H a udler, tum steht, der Geist, der das'Leben als Lchauplap des V e r d i e n c n s und Genieß e n s betrachtet, und ans dessen anderer das deutsche H e l d e n t u m das Leben als Stätte einer durch Hingebung lind Hinopferung zu lösenden Aüfgäb e verkündet. Dort der Komfort und der Sport als feinste Blüten der Lebeuskuttur, hier der Geist des Bl i 111 i - r iSNiu S und der S e l b st a n s o p s e r u n g für das Volksand Staatsganze als Inbegriff einer heldischen Lebensauffassung. Die Art und Weise nun, in der Sombart zu beweisen sucht, daß die englische Kultur bis hinauf zur Philosophie und Religion nackten „Händlergeist" atmet, ist von so naiver Ungerechtigkeit irnd Unwisscnschaftlichkeit, das; man darüber gar nicht ernsthaft diskutieren kann. Die Methode, die Sombart hier anwendet, ist ganz des Zettelkasten-Verfahrens würdig, mit dem er vor wenig Jahren durch ein- __!; *) Händler und Helden. Patriotische Besinnungen. Bon Werner Sombart. München und Leip^in. 1A15. Verlag von Duncker u. Humbtot. t fettig zusammengetragellc Lesesrnchte aus allerlei sekundären Quellen das Judentum der Bibel und des Talmuds zuiik Zerrbild einer .tzapitalisten-Religibil zurcchtknetcte. Rur daß sich's Sombart diesmal mit dem Zitieren und vor allem Ignorieren noch viel bequemer gemacht hat. Breiten wir also über d i ei c u Teil der Schrift beit Mantel des Burgfriedens. Desto mehr der Wahrheit und gerade uns als Jude u ergreifender Wahrheit bietet der zweite Abschnitt, der zunächst eine treffende Eharakteristik der deutstheu Durchschnittskultur v v r dem Airiege bringt, mit ihrer des religiösen Inhalts oaien Sinnlosigkeit, und "eine Darstellung des m i t dem Kriege mächtig empörstrebenden „deutschen Heldentums", das den religiösen Sinn des ganzen Weltprozesses stilfschweigend bekennt und voraussetzt. In der Tat: es ist sicherlich nicht Befangenheit und nicht Uebcrhehung, wenn wir den übertvältig e n d e n sittlichen Ernst, der diesen ganzen deutsthen Krieg mit all seinen Begleiterscheinungen draußen und daheim weiht, als deutsche Eigeun r t in Anspruch nehmen. Dieser sittliche Ernst aber, das wird aus Sombarrs Formulierung besonders deutlich, ist, genauer betrachtet. j st d i ] ch, mjüdisch: es ist das E ch ovo m Sinai, das ans allem deutschen Heldentum in diesem Weltkrieg uns entgegenklingt, cs ist die t h e o - zentrische W e I t a u ff a ss n n g des biblifch-tallnudischen Judentums und es ist der Geist heroischer Pflichterfüllung unter der Herrschaft des Gesetzes, die zusammen den Inbegriff jenes „heldischen" Geistes ausmuchsn. Denn die Voraussetzung für alle bewußte (nicht im Gefühlsmäßigen oder gar Instinktiven verharrende) Selbsthingabe denkender Wesen ist ja die lebendige Neberzeugung von der s i u n voll e n L e i ruikg des Weltgeschehens, und nur als .Uonfegnen; des „S di in ö I isro e l" mit seiner Verkündung des einen, l^lück und scheinbares „Unglück" schaffenden Gottes ist eine Lebensführung denkbar, die den Menschen befähigt, sein Leben dem Ideale zu opfern (“itre: ns fru tax "prs: bzz) Eine ")l h n n n g von diesem 'Zusammenhang ist sogar Soinbari aufgegnngen, wenn er mit Schlüsse die heldische Weltanschauung als "Ausprägung und .nonsec,l>enz dev ltz o t t e s g e d a n k c n s bezeichnet und Griechen und Juden' als die auscrwählteu Völ ker der V e r gang e n heit feiert. „Und das auserwnhlte Volk dieser I a h r - Hunderte ist das d e u tfche Volk. Weshalb es das ist, soll diese kleine Schrift erweisen: weil es sich zur heldischen Weltanschauung bekennt, die allein in dieser Icit den G o t t e s q e d a n k e n a u f Erd e u in sich schließt. "Arm begreifen wir aber auch, warum uns die anderen Völker mit ihrem Haß verfolgen: sie verstehen uns nicht, aber sie empfinden unsere ungeheure geistige tteberlegenheit. So wurden die Juden im "Altertum gehaßt, iveil sie die Statthalter ltzvttes nrn Erden waren, solange nur sic die abstrakte Gvttesidce in ihren (tzeist ausgenommen hatten. Und sie gingen hocherhobcnen Hauptes, mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen, durch das Völkcrgcwimme! ihrer -jcit, auf das sie von ihrer stolzen Höhe geringschätzig herabsahen. Sie wußten, warum, ^ie schlossen sich auch ab gegen alles fremde Wesen, aus Besorgnis, das Heilige, das sie mit sich trugen, könne durch die Berührung mit Ungläubigen besudelt werden. Also lebten die Griechen in ihren besten Tagen unter den Barbaren. So sollen auch wir Deutsche in unserer Zeit durch