Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 22 (18.5.1915)
- Date
- 1915-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gehe 9 Nr. 22 Der A-raeM. 18. Mai 1918 Diese treue Vollbringung des Gotteswortes bringt ihm die höchste Beseligunq und die innigste Daseinsfreude und hebt es über Raum und Zeit empor, daß es überall heimisch werden und für die Ewigkeit bestimmt allen Gefahren trotzen kann. Dieses große Geheimnis der Enge! ist -unser Schild und unsere Waffe geworden und soll ewig unser Kraftquell bleiben. Dessen sollen wir uns an unserem Feste versehen. Vielleicht daß gerade in diesen Tagen, wo Gottes Stimme aus dem „dichten Gewölk" der Ereignisse laut vernehmbar spricht, allen in Israel und auch außerhalb unserer Reihen das Verständnis für dieses Geheimnis aufgeht! Das, was die Gegner unseres deutschen Volkes als „Militarismus" zu bespötteln und in den Staub zu ziehen suchen — und vielleicht mit einem gewissen Recht, weil an ihm all' ihre Pläne zu Nichte werden — ist uns heilsame Ordnung der Dinge, die unverwüstliche Kra.'t unseres Volkstums, — keine Last, die^uns niederbeugt, und kein Opfer, unter dem wir seufzen. So ist uns Juden das „Gesetz" als Gebieter unseres eigenen Willens wie als Quell unserer Belehrung und Schöpfer unserer geistigen Regsamkeit unser Licht und Heil, unser Licht in dem Dunkel unserer Schicksalsnacht, unser Heil als Schutz gegen Abfall und Treulosigkeit. Wollen wir unser Fest nicht ohne seinen Segen von uns ziehen lassen, dann mögen wir den Vätern gleich uns zur Tatfreudigkeit und zu willigem und empfänglichem Aufmerken auf die Stimme des Göttlichen und Heiligen uns wrihen, dann steigen auch zu uns die Himmelsboten hernieder, die unser Haupt mit einer doppelter» Krone schmücken. Sine christliche Stimme «der Zionismus und Thora-Zudenium. Es ist rin warmblütiges, von starker Individualität und künstlerischer Gestaltungskraft getragenes Buch, das Alfred Paquet mit seinem soeben erschienenen Palästina-Reisebericht*) den Freunden des Heiligen Landes schenkt — eine Synthese von „Kreuzzugsstimmung und Gegenwart", von religiöser Mystik und kritischem Modernismus, der man doch die innere Widerspruchslosigkeit nicht absprechen kann. Der Verfasser, der zu der durch den Krieg zu einer gewissen politischen Bedeutung gelangten Gruppe deutscher Orientfreunde unter Führung von Rohrbach und Jäckh gehört, unterscheidet sich von diesen durch das Neberwiegen poetischer, religiöser und geistig-kultureller Interessen über die poli- *) In Palästina. Von Dr. Alfons Paquet, Jena. Eugen Diederichs Verlag. tischen und wirtschaftlichen, sodaß er bet seiner Palästinasahrt naturgemäß mehr als die meisten nicht-geistlichen deutschen Besucher von der Erscheinung des Zionismus als eines Faktors der Geistesgeschichte der Menschheit angezogen wurde. Was Paquet über die wirtschaftlichen Verdienste des Zionismus um das Heilige Land bemerkt, entbehrt der zuverlässigen Kenntnis der Tatsachen,- er schreibt den Zionisten Leistungen zu, an denen diese gar keinen oder sehr geringen Anteil haben. Allein das ist nebensächlichviel interessanter für uns sind seine Darlegungen über die religiöse Bedeutung des Zionismus. Paquet erblickt im jüdischen Volke, das „ohne seinen Gott und seine ewige Spannung nicht denkbar" ist, die Fleisch gewordene „Funktion des Wartens der ganzen Menschheit aus eine Geiftesoffenbarung, die noch bevorsteht", und er meint, daß diesem Harren der Gott suchenden Menschheit dereinst auf palästinensischem Boden und aus der Mitte der vom „Fluche des Gesetzes" befreiten, zionistisch gewordenen Judenheit Erfüllung werde. Die Kolomsten-Juqend von Rkchoboth, die sich nicht mehr in den Gefilden talmudisch'.r Geisteskäwpfe, sondern auf wilden Rossen tummelt, zaubert ihm die Erinnerung an die galiläischen Fischer zur Zeit des werdenden Christentums vor die Seele, an die „Am-Haarez" der palästinensischen Geschichte, die zwar dem Stifter des Christentums die erste Jüngerschar geliefert — die innerhalb des Judentums aber vor der Gesetzesreligion der Pharisäer unterlegen sind. Diesmal, so ruft Paquet pathetisch aus, „werden die Am- Haarez siegen." Denn ihren „schöpferischen, europäischen" Geist pflegt das Gymnasium zu Jaffa, wo es keinen Religionsunterricht g'bt, B.bel und Talmud zur „Literatur" des Judentums geworden sind, und diesem Geiste des befreiten Am-Haareztums wird auch die künftige Universität von Jerusalem die Stätte wissenschaftlicher Vertiefung gewähren. „Es handelt sich dann schon mehr als bei einem Gymnasium um die Freiheit der Forschung und der Ueberzeugung, deren Vorkämpfer einst Spinoza gewesen ist, gegen die vom Gesetze Verdunkelten." Diesen Sieg eines religiös mystischen, intellektuell voraussetzungslosen „europäisierten" Judentums, das ihm zugleich eine starke Annäherung an das liberal-protestantische dogmenlose Christentum bedeutet, erwartet Paquet als die schönste Frucht der zionistischen Bewegung, so sehr ihre Führer heute auch noch auf „geringere Geisteszustände" leise Rücksicht nähmen.- Daß Paquet das Thorajudentum nicht von innen kennt, darf man ihm nicht verübelnseine jungjüdischen Freunde aus dem Buberschen Kreis sind gewiß keine geeigneten Interpreten für den überreichen Gefühls- und Gedankeninhalt des lebendige»» biblisch-talmudischm Judentums, das erlebt werden will und nur der liebevoll treuen Praxis sich erschließt. So bleibt für Paquet von» konservativen Judentum nur das überlieferte Zerrbild zurück, das die protestantische Theologie von dem ins Dunkel historischer Erstarrung gewiesenen „Judentum der Pharisäer" ein für allemal entworfen hat, und ein aufrichtig die Wahrheit suchender Geist geht ahnungslos an den Schätzen ewiger und doch schöpferisch sich erneuernder Wahrheit vorbei, die im Thorajudentum unsrer Tage, der Depositärin jahrhundertelanger Geistes- und Seelenarbeit, aufgespeichert liegen. Statt logischer Weise aus dieser lebendigen Geiftesoffenbarung, die das Judentum des „Gesetzes" mitten unter den ungünstigsten geschichtlichen Bedingungen mit dem Gesetz und nur durch das Gesetz hervorgebracht und erhalten hat, auf die siebenmal größere Zukunftsherrltchkeit dieses selben Thorajudentums auf dem mütterlichen Boden Palästinas zu schließen, wird der religiöse Radikalismus d?r Jaffaer zionistischen Stürmer, an sich eine Folge russischen Druckes und europäischer Skepsis, zur Religion der Zukunft erhoben, und die Bubersche Phraseologie als neue Offenbarung den durch das verkannte Gesetz angeblich „Verdunkelten" gegenübergehalten. Wir glauben nicht, daß Paquets Blütenträume reifen werden. Wenn der moderne Zionismus auf palästinensischem Boden weiter im Geiste der Buber und Mossinsohn arbeitet, wenn es ihm gelingt, die Massen dem väterlichen Erbgute zu entfremden und der Jugend an Stelle des „Brotes der Thora" den Haschischtrank einer vom kategorischen Imperativ des Gesetzes befreiten Mystik zu reichen — dann kann das »oohl zu einm religiösen Vacuum, zu einer Vernichtung religiöser und sittlicher Werte, aber nie und Nimmermehr zu einer religiösen Erneuerung des Judentums oder des Christentums führen. Paquets Buch ist in dieser Zeit, da schmerzvolles Werden alle jüdischen Siedlungen durchzittert, ein ernster Mahnruf an die dankenden Kreise der thoratreuen Judenheit. Sie wird Paquet zusttmmen müssen in der Erkenntnis, daß „hier ein Kan»pf zum Austrag steht, der wichtiger ist als seine Verkleisterung durch den zeitweis so billigen, alles überwindenden Gedanken des Volkstums." Das jüdische Volkstum wird treuer Diener und Auspräger des Thorageistes sein — oder es wird nicht sein. Kleines Feuilleton. Me Sephiratage im Wandel der Zeit. Bo«» Dr. A. Reuwirth in Mainz. «Schluß.) Auch nachdem Israel in das Land gezogen, hörten die Prüflingen, durch die ein jeder sein Gottvertrauen, seine völlige Hingabe an den himmlischen Spender beweisen tonnte, nicht auf. Nur zeigten sich die Versuchungen nicht so wie auf dem Zuge an unerfreulichen Ereignissen, sondern gerade im Gegenteil: an dem großen Wohlstand, an dem reichen Segen in allem, was Israel unternahin. Jetzt sollte Israel zeigen, daß es alles als von Gott gespendet betrachte und in diesem Sinne auch bereit sei, alles Gott zu opfern. Zu allen Zeilen nun, wo das erwählte Volk, wie in seiner Brautzeit, seine völlige Hingabe an Gott durch die Tat bekundete, wurden die Sephiratage zu „rnmp" zu Sabbaihen, zu Freuden- und Festtagen und konnte die Sephira von „02*7", von einer geeinten glücklichen Gesamtheit erfüllt werden. Denn sein Hab und Gut stellte Israel in den Dienst Gottes; seine Zählung begann von „nvvvn -icj? r» css’sn sve" „vom Tage der Darbringung des Omers der Wendung." Die Prüfungen und Versuchungen bewirkten nur, daß „mo'en", daß die Zahltage vollkommen wurden, daß der Zähler versittlicht wurde. Israel sank aber bald von seiner sittlichen Höhe, s bückte sich vor deui goldnen Kalb, zagte vor dem Eintritt in das heilige Land, und erzürnte Gott wiederholt. Die Besitznahme des Landes, das Wohlergehen lieh Israel zu nerschiedenen Zeiten gar völlig vergessen, daß Gott der Herr des Landes sei. urx *enSi„ nn*; m1? errje1? wvrru* ■pn'rrxn bct: jötri rhü "f? 'rr,: „Das Brot, das ich dir gegeben: mit Mehl, Oel und Honig habe ich dich gespeist und du hast es zum lieblichen Geruch ihnen (den Bealim) vorgesetzt" (Ezech. 10, 10). Die Sephiratage verliefen immer heiter und fröhlich; überall erklangen freudige Gesänge, aus dem Munde der Schnitter vernahm man atterort, „*rrn *rvn" Jubel, Jubel. Aber es waren keine Preisiieder für Gott, keine Dattkeshymnon für den himtulischen Geber; sie galten fremden Göttern. Wo die Propheten von diesen fröhlichen Gesängen berichten, fügen sie überall den Tadel hinzu, das; Israel im Taumet der Freude den eigentlichen Spender der Frucht vergesse. So wurden die Gottvergessenen vom Lande vertrieben. Die Jahressephira („rfyiw imi&lcn unter drückendsten Verhältnissen erfüllt werden. Aber auch die Sephiratage, in denen die freudige und völlige Hingabe an Gott beherzigt werden sollte, war nunmehr keine freüvillige, sondern eine erzwungene. All die katastrophalen Verhängnisse, die die Zerstreuten in den Folgezeiten immer wieder zwischen Pesach und Schtvuaus betroffen, sie waren nichts anderes als göttliche Versuchungen und Prüfungen, »»m Israel den Sephiragedanken beherzigen zu lehren, es zu zwingen, sein Leib und Seele, sein Hab und Gut dem Willen Gottes zu unterordnen. Und der Gottesseher .ilvo, der vorausgesehen: „r\'2v new bjd'i pw1 sv2"i VW’ ms ‘tsjt intpy 'N rr»vu r!'lr>2" „Da ward Jeschurun seist, und schlug aus — du warbest feist, stark und beiiebt; da verließ es den Gott, der es geschaffen, und erniedrigte den Fels feines Heils" (Deuter. 02. 15), der also voraus die Versündigung und die Bestrafung des Volkes prophozeihte, erwähnt bei der Wiederholung des Sephiragesetzes nicht mehr „nirßtP" freudige Festsabbathe, sondern gezählte Wochen, damit die veränderte Hingabe an Gott andeuterd. Ebenddarum richtet sich das Sephiragesetz nicht mehr wie in „rripu" an „82^" an die geschlossene" Gesamtheit Israels, sondern an an die einzelnen zersplitterten Glieder der Verbannten. Und schließlich rvird nicht mehr das Omeropfer der Wende erwähnt, sondern: „L'vin Tnnö „wenn du die Sichel an die Saat legst" (Deut. 10. 0). Es ist die Sichel, die in der Folgezeit gac zu oft über Israels Haupt geschwenkt wurde. Und Israel bestand all die Prüfungen. Und tucitit bei der ersten Sephira erst der Zug von Aegypten zum Sinai, und die damit verbundenen Prüfungen, nacheineni Ausspruch der Weisen, Israel zum Empfang der Thauro befähigten, so war es gerade die Todes Verachtung währen d der Krcuzzüge und des schwarzen Todes, die der Mission Israels unter den Völkern die Wege ebneten Leise Stimmen erheben sich von nun an für das Recht der Unterdrückten und das Licht der Thauro in der Finsternis der Nationen beginnt allmählich nufzuleuchten. So nusgesaßt, ivirkt die Sephiratrauer nicht mehr entmutigend und niederdrückend, vielmehr als eine Trauer, die stärkt, kräftigt Utld widerstandsfähig macht. Das Gedächtnis der schweren Verhängnisse, die Erinnerung an die schweren Verfolgungen dürfen in uns nicht bloße Trauer auslösen, sondern uns festigen, uns opserfähig machen, uns das Beispiel von der Todesverachtung und Erduldung jeglicher grausamen Unterjochung der Ahnen für das Judentum vor die Augen führen, um uns damit zum Empfang der Thauro vorzubereiten. So löst sich das große Rätsel der jüdischen Geschichte, daß die ehemaligen fröhlichen Sephiratage in der Zerstreuung zu Bersolgungszeiten wurden. i ■*-. -waaftyjjffir'-;Y,'f jÜ^fr^üiTfir 1,' -■ -