Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 21 (12.5.1915)
- Date
- 1915-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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12, Mai 1915 Sette 4 Sko. 21 Die Klage der Bevölkerung gegen die Ueber griffe der Bürgermiltz mehren sich, und es ist zu hoffen, daß die deutsche Macht bald den Akten der Willkür ein Ende macht. * Kalisch, 2. Mai. Der Sitz jer deutschen Verwaltung für das okkupierte Polen ist von Posen hierher verlegt worden. Mit Hülfe einer größeren Bewilligung der „AgudaS Jsroel" wird hier ein Knabenbeim inS Leben gerufen, in dem Hunderte von Kindern im Alter von 6—14 Lebensjahren, die der Aufsicht und zum Teil des Obdachs entbehren, beköstigt und unterrichtet werden sollen. Nachdem bereits seit Ende August 1914 eine jüdische Volksküche, in der täglich ca. 500 Mittage verausgabt werden, und ein jüdisches Mädchenheim, irr dem täglich ca. 200 Mädchen beherbergt, beköstigt und unterrichtet werden, durch Frau Dr. phil. Brockmann-Kalisch und Herrn Rabbiner Dr. Neuhaus-Ostrowo gegründet worden waren, wird nunmehr, da die Not inzwischen noch größer geworden ist, beabsichtigt, eine zweite (bessere) Volksküche zu errichten. * Kalisch, 2. Mai. In der heutigen Sitzung des Komitees zur Linderung der Not in Kalisch, an der unser aus Berlin zurückgekehrte Herr Rabbiner Lieb schütz und Herr Rabbiner Dr. Neuhaus aus 0em benachbarten Ostrowo teilnahmen, wurde einstimmig beschloffen, sofort eine Darlehnskaffe in Kalisch ins Leben zu rufen, um insbesondere den in Not geratenen Kaufleuten zinslose Darlehen zu gewähren. Der „Htlfsverein der deutschen Juden" zu Berlin hatte vorher bereits seine Zustimmung gegeben und einen namhaften Betrag hierzu bewilligt. Die Kaffe trat bereits mit dem 3. Mai in Kraft und wird sicherlich eine hervorragend segensreiche Wirkung für die arme Kalischer Bevölkerung ausüben. Herr Dr. med. Brockmann wurde zum Vorsitzenden des Vorstandes der Kaffe gewählt, die den Namen „Darlehnskaffe Gemilus Chasodim" führt. * Lowicz, 2. Mai. Am Donnerstag wurde im Dorfe Jamny bei Lowicz mit Erlaubnis der deutschen Behörde die Leiche eines von den Russen auf dem Rückzuge getöteten, ungefähr 40 Jahre alten unbekannten Juden ausgegraben und auf dem hiesigen israelittschen Friedhof beerdigt. Ungarn. 6ali?ifdies Elend auf der Danderldiaff- Artdapest, 9. Mai. Die in Budapest erscheinende „Allgemeine jüdische Zeitung" berichtet, daß das Budapester Dann ging es weiter nach Suschez hinein - Ganz leise brach schon die Dämmerung ein. Des Morgens kam dann ein Wagen gerollt. Der hat mich gleich nach Lens abgeholt. Der Stabsarzt erschien in selbiger Stacht, Er hatte gleich Messer und Zange gebracht Zog aus dem Kiefer ein Eisenstück, Auch Knochensplitter nahm er mit. Gegen 4 Uhr früh, kam an mein Bett . Ein geistlicher Herr. Er war sehr nett. Er sprach zu mir, ich solle geduldig sein, Darauf schlummerte ich etwas ein. In Lens dürft ich nicht bleiben lange, So viele Verwundete, mir wurde fast bange. Man bracht mich in's Lazarett Dounai, Am Mittag schon kam das Auto herbei. In Dounai lebll ich in schlimmen Tagen, Die Aerzte begannen mich wieder zu plagen. Am 25. März war große Operation — -- Ich träume des Nachts noch jetzt davon. Nach 3 Tagen war ich auch hier zu viel. Da wahm ich mir — — Deutschland-als Reiseziel. Ein Lazarkltzug ging auch wirklich ab. Doch schon in Balenciennes macht er „schlapp." , Jetzt lieg ich im dritten Lazarett, Bin gewandert von einem zum andern Bett. Der JSraelil. „Offizielle Flüchtlings-Hilfskomitee" in seiner heute mittag abgehaltenen Sitzung beschloffen habe, die staatliche Unterstützung nur denjenigen Flüchtlingen auszufolgen, welche sich bis zum 15. Mai zum Abtransport melden. Die Nummer vom 1. Mai der genannten jüdischen Zeitung in Budapest bringt nun eine amtliche Verlautbarung, die eigentlich nichts Geringeres meldet, als daß sämtliche Kriegsslüchtltnge in Budapest nach und nach entweder nach Oesterreich in Gruppen oder aber nach der Provinz in zu diesem Zwecke errichtete Barackenlager übersiedell werden. Die Redaktion fügt mit Recht hinzu: „Dem Wesen nach entspricht diese Verfügung einer Ausweisungsw aßregel. Und nun existiert ja hier unter dem Vorsitz des Budapester Vizebürgermeisters ein aus fünf Orthodoxen und fünf Neologen bestehendes sogen, offizielles Hilfskomitee der Flüchtlinge. Die „Hilfe", welche es als Körperschaft den Flüchtlingen angedeihen ließ, bestand nur darin, unter den armen Flüchtlingen die vom österreichischen Staate gegebene Unterstützung nur denjenigen auszufolgen, die um dieses Linsengericht ihr Erftgeburtsrecht als vom Feinde Ungarns nach Ungarn vertriebene Staatsbürger der anderen Hälfte der Monarchie verkaufen, um sich in dieser Hälfte der Monarchie aufhalten zu dürfen. Ja, das löbliche Hilfskomitee strebte mit allem Eifer auch dafür, daß die hiesigen Flüchtlingsmaffen — gegen ihren eigenen Willen und zumeist zu ihrem größten Leidwesen — Budapest je früher und in je größerer Anzahl verlassen sollen." Die Redaktion des genannten Blattes fordert das Komitee auf, nunmehr seine Ehrenpflicht zu erfüllen, „nicht eine Flüchtlingsgegnerschaft zu vertreten, sondern seinem Namen entsprechend, den Flüchtlingen Hilfe zu leisten und die Erlaubnis zum weiteren Verbleiben in Budapest wenigstens jenem Teil derselben zu erwirken, für welche die Verschickung in von Juden nicht bewohnte Dörfer Böhmens oder in ungarische Barackenlager in religiöser und materieller Beziehung eine Katastrophe bedeute! Sollte aber das sehr geehrte Komitee seine „Hilfe" den ohnedies so namenlos unglücklichen jüdischen Flüchtlingen auch weiterhin nur in der bisherigen Richtung leisten wollen, so wäre es das elementarste Gebot der Wahrhaftigkeit, den Ehrennamen „Flüchtlings-Hilfskomitee" in „Flüchtltngsgegner- Komitee" umzuändern." Aus den Gemeinden. Preszburg. Am owip ntvt *b 21p wurde die Gattin des Sekretärs der Preßburger ifr. orth. Kultusgemeinde, Frau Ester Grünsseid im Alter von 75 Jahren zu Grabe getragen. Ein vorbildliches Leben, reich an Wohltaten, fand mit dem Ableben dieses Biedcrweibes einen Abschluß. Die Entschlafene besaß all die Eigenschaften, die man bei ihr als 12N jiimc und Mutter echt jüdischer Kinder voraussetzen durste. Ein beredtes Zeugnis der Liebe und Verehrung, welcher sich die Dahingeschiedene erfreute, war die welche Freitag, den 23. April stattfand. — Eine große Menge folgte ihrer Bahre, um der Verstorbenen das letzte Geleite zu geben. Im Trauerhanse sprach ihr Schwiegersohn, Herr M. S. Schill namens der Verwandten. In wenigen Worten schilderte der Redner die Tugenden der Dahingeschiedenen. In herzbewegender Rede gab Herr Rabbinatsassessor Ru bin st ein am Grabe der großen Trauer Ausdruck. Ferner sprach Herr Rabbiner Josua Schill aus Bösing, ein Enkel der Verstorbenen. rrssür Bonyhad. Um es den jüdischen Soldaten in den hier nahe liegenden Garntsonsstädten möglich zu machen, genau nach den Satzungen unserer Religion zu leben, machte die hiesige jüdische Kehiüa die größten Anstrengungen und brachte zu diesem Zwecke die größten Opfer Viele und wahrhafte E'W wurden dadurch am vergangenen neen :n von grenzenloser Seelenpein befreit. Durch die Beisteuer der Gemeinden: Dombevar, Tob, Bacsalmas, Janoshaza, Szilas, Högyesz, Snuonytorrrya, Magoes, war es uns möglich, einige hundert Pfund titxo in Feld als Liebesgaben zn befördern. Außerdem gingen ab 250 Liter Wein, 250 Pfund Fleisch, 10 fette Gänse, 40 Pfund Kaffee und Zucker, 10 Liter Cognak und 50 Hagodaus. Z. B. A. Ändapest. Die Ehewra Kadifcha der Grotzgemeinde beschloß in ihrem Friedhof eine Heldenallee für die gefallenen jüdischen Krieger, die in Budapest begraben werden, anzulegen und diese dann durch ein gemeinsames monumentales Denkinal zu schmücken. Bis jetzt ruhen sechzig jüdische Krieger an dieser Stätte. Z. B. A. Duna-Szerdahely. Seit Ausbruch des Kriegs werden die Wohltätigkettsanstalten unserer Gemeinde stark in Anspruch genommen und neue Institute werden ins Leben gerufen, um die Not der Zeit zu lindern. Eine Mensa für 90 orth. jüdische Soldaten wird erhalten und mit allem Nötigen versehen. Die Familie der bedürftigen hiesigen jüdischen Soldaten werden versorgt und auch die im Gefangenenlager befindlichen jüdischen Soldaten Rußlands, so weit es nur irgend angeht, rituell verpflegt. Für nvs allein lieferte die hiesige jüdische Gemeinde für 700 russisch - jüdische Soldaten 2100 Kg. Mazzos! Ueber 1000 Kronen sind die monatlichen Mehrausgaben im Gemeindebudget, die von den hiesigen Orthodoxen als Beitrag zur Kriegsfürsorge geleistet wird. England. Oie jüöifchen äimfgefangenen in England. London, 7. Mai. Wie das hiesige jüdisch-deutsche Blatt „Die Welt" mitteilt, ist es bis jetzt noch nicht gelungen, die österreichischen Zlvilgefangenen jüdischen Glaubens mit ritueller Verpflegung zu Alles.so iw.der richtige Ort Für mich ist Deutschland. Drum laßt mich smr. Mein Traum ward erfüllt! Sie luden wich ein. Bald grüßte mit klaren' .Wpgen der Rhein. Den Main entlang in rascher Fahrt, In Würzburg ich ausgeladen ward. Die Sonne beschien das ganze Land, Ich grüße die Heimat mit müder Hand. Vrief aus einem Gefangenenlager?» Sehr geehrter Herr Dr! Ich empfing Ihre geehrte Karte vom 21. er. und teile Jbnen höfl. mit, daß die Tefilin, Sidurim und Eyamvschim schon eingetrofsen sind und uns abgegeben wurden. Die in Ihrer Karte erwähnten Hagudas und Arba-Knusas haben wir noch nicht erhalten. Wir hoffen aber, diese doch bis Ostern zu erhalten. Auch die Mazzoth sind nvch nicht eingetroffcn. — Als wir Ihre vorige Karte mit der Nachricht, daß Sie uns Mazzoth schicken werden, jedoch nicht in ausreichender Zahl, erhalten haben, sam- *) Obiges aus einem Gefangenenlager an einen angesehenen .deutschen Rabbiner gerichtetes Schreiben mag hier in der eigenartigen Schreibweise und Orthographie des fremden jüdischen Kriegers wiedergegeben werden: melden wir zwischen den jüdischen Kriegsgefangenen der 4. Kom. Nr. 175 und überwiesen diesen Betrag .Herrn Louis Markus in Gardelegen mit der Bitte, uns für diese Summe Mazzoth zu kaufen und uns zuzusenden. Herr Markus retournierte uns jedoch das Geld mit einem Schreiben, aus dem herborgeht, daß für uns ein bestimmtes Quantum Mazzoth bestimmt ist und mehr sogar für Geld nicht zu bekommen ist. Mir werden also müssen mit wenig Mazzoth dnrchkommeu. Dre jüdischen Kriegsgefangenen rnrserer Kompanie haben nicht genüg Worte, Ihnen für Ihre letzte Sendung zu danken. Die Sendung hat einen neuen Stramm von Leben in unsrer Mitte hereingeschaft. Sie wissen aus unseren: Briefe, daß drei Unsengen gestorben sind. Der Tod unserer Kameraden hat auf uns eine erschütternde Eindruck gemacht. Aber nackdeur wir Ihre Chamoschim erhielten, hatten wir einen Trost, wenn wir die Möglichkeit hatten, uns geistig zu stärken und wenn Sie uns jetzt besuchen möchten, so hätten Sie gewiß einen freudigen Eindruck aus Ihrem Besuche davongetragen. Unser Gebeihaus hat einen eigentümlichen Charakter angenommen. Sie hätten leicht annehmen, wenn Sie die Schwelle des Gebethauses übertreten, daß Sie in einem verworfenen Winkel irgend.vo in der Littau oder Pollen sich befinden, wo man vom Gefangenschaft keine Ahnung hat. Den ganzen Tag sitzen unsere Gefangene Juden in dem Gebethause, wo ein neuer „Oron-Kehdesch" mit dem „Seser" sich befindet und schaukeln sich mit der höchstjüdischen Melodie der Biebel studierend. Unsere Mitte zählt sehr viel gelernte Leute in der jüdischen Religion. Wir haben sogar Einen, der „Semichas Rabonus" belegen sollte und nur der Krieg ist schuldig, daß er dieses mcht ausführen konnte. - - Mnraen Abend mernett hvtr heÄ erftett ^phpr- J * KriV«1‘r'; V .