Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 21 (12.5.1915)
- Date
- 1915-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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IS. Mai ISIS Der JSraelit. No. 31 Sette 3 „Unser Standpunkt ist von Anfang an der gewesen, daß ein Sieg Rußlands nicht nur ein Unglück für die Juden, sondern auch eine Katastrophe für die ganze Welt bedeuten würde. Jedesmal, wenn Rußland geschlagen wurde, erhielt das russische Volk etwas mehr Freiheit Als Rußland 1855 die Niederlage von Sebastopol erlitt, wurde d:e Regierung gezwungen, die Bauern zu befreien und die Leibeigenschaft abzuschaffen. Nach dem Zusammenbruch Rußlands im Kampfe gegen die Japaner sah sich die Regierung des Zaren genötigt, dem russischen Volke die Konstitution zu geben. Nachher kam aber Frankreich und gab dem Zarenreiche Milliarden, um seine vernichtete Heeresmacht zu reorganisieren, und sofort fühlte sich der Zarismus stark genug, die Konstitution zu zertreten. Es kam die Zeit der „dritten" Duma, d. h. der Duma der Schwarzen Hundert. Wenn Rußland nun im gegenwärtigen Weltkriege siegen sollte, würde die Finsternis, die bisher schon über dem Reiche der Pogrome lagert, nur noch tiefer werden." . Das ist, soweit Rußland in Betracht kommt, so ziemlich die Meinung der Juden aller Welt, die aber nur in Amerika ihren lauten Ausdruck findet. Vermißte jüdische Familien. Es sucht: Salomo« Teiche» (Mendelsohn), Devees., Beszpt. C. k. u. k. Pferdespitat. Bertha Blum, Berlin, Schönhauser Allee 'INO. Meldungen nimmt „Israelit" entgegen. Es werden gesucht: Frau und 2 Kinder Caje Rachel Teicher aus Grodek bei Lemberg. ihre Eltern Gerso« Blum und Frau aus Huki bei Krakowic. ich die Expedition des Lorrespondenzen und Aachn'chten. c*:*: Deutsches Ketcy. Bedenkliche Umtriebe. Arankfnrt a. M., 10. Mai. Die Arbeiter-Organisation „Poale Zion" schreibt uns: „Durch eine Reihe jüdischer und nichtjüdischer Zeitungen geht die Nachricht von einer „hebräischen Legion", die in Alexandrien gebildet worden sein soll, um abenteuerliche Unternehmungen betreffs Palästinas ins Werk zu setzen. Seit einiger Zeit werden ferner in die Preffe Mitteilungen über eine neue Strömung lanziert, die die zionistischen Ziele aus „wirksamere" Weise zu verwirklichen bezwecke und einen Ing. Ruienberg zum Urheber haben soll. Wir lassen es dahingestellt, ob die beiden Unternehmungen in einem unmittelbaren Zusammenhänge stehen, sehen uns aber veranlaßt, fcstzustellen, daß derartige Unternehmungen un eraniworrlich, kindisch und gefährlich sind, und daß sie viel Unheil stiften könnten, wenn ihnen nicht rechtzeitig emgegengetreten wird. Das jüdische Volk ist leider noch nicht genügend organisiert, so daß sich Personen ohne Namen und Mandat, besonders in einer Zeit, wie der gegenwärtigen, zu Volksbegiückern auswerfen, im Namen der Juden sprechen, dem jüdischen Leben fernstehende Kreise irresühren und durch unverantwortliche Umtriebe die Interessen der Judenheil schädigen können. Inden» wir konstatieren, daß keine verantwortliche jüdische Körperschaft hinter den erwähnten Plänen steht, geben wir der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, daß ernste Kreise sich nicht von unberufenen Elementen zum Schaden des jüdischenBolkes mißbrauchen lassen werden." Wir würden die „hebräische Legionen"- Spielerei nicht ernst genug genommen haben, um eine Erklärung dagegen zu erlassen. Es handelt sich um ein politisches Manöver türkenfeindlicher Kreise, die ein paar überspannte Köpfe unter den englisch jüdischen Jungjuden für sich gewonnen haben mögen. Daß, wie jene Kreise erwarten, in Rußland, speziell in reltgionstreuen jüdischen Kreisen sich Anhänger der „Eroberung Palästinas" finden könnten, ist schon darum ausgeschlossen, weil bekanntlich das talmudische Gesetz jede Handlung zur gewaltsamen Herbeiführung der nationalen Restitution der Judeuhett aufs aller schärfste verpönt. UepiMnlsntenlibuna. Kam-»rg, 4. Mai. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Sitzung unter Borfitz des Herrn Joseph Ltppmann ad. Die Abrechnung der Deposttenkasse milder Stiftungen gab Herrn Ba ch ra ch Veranlassung zu der Bemängelung, daß die Zinsen aus dem Reservefonds diesem wieder zugeschrieben werden, wie überhaupt der Reservefonds eine weit größere Höhe ausweise, als es verfassungsmäßig nötig sei. Die dadurch festgelegte Summe könnte für andere Zwecke der Gemeinde, besonders in jetziger Zeit, flüssig gemacht werden, während sie so gesperrt bleiben müsse. Nachdem noch die Herren Lisser und Mathiason sich zu der Angelegenheit geäußert hatten, wurde auf Antrag deS Herrn Mathiason die Abrechnung genehmigt. Herr Oettinger beantragte die Wiederaufnahme seines Antrages auf Einsetzung einer Kommission zur Abänderung der Verfassung der Gemeinde. Nach längerer . Geschäftsordnungsdebotte wurde beschlossen, den Antrag Oettinger als einen neuaufgestellten zu betrachten und die nähere Begründung in geheimer Sitzung anzuhören. Der Bericht über die Tätigkeit des Armenarztes vom 1. April 1913 bis 31. März 1914 hebt die erhebliche Zunahme der armenärztlichen Tätigkeit hervor, die in diesem KriegSjahr noch bedeutend gestiegen sein dürfte. Auch die Tätigkeit der den Armenarzt unterstützenden Gemeindeschwester war wett umfangreicher als im Vorjahr. Aus den okkupierten Gebieten. Lodz, 10. Mai. In der gestrigen Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung wurde beschlossen, d-m Verein zur Förderung von jüdischen Handwerks - Mädchenschulen eine jährliche Unterstützung von 2000 Rbl. zu bewilligen. Demnächst werden unter Beteiligung eines Rabbiners hygienische Maßnahmen ergriffen, die eine Aufbesserung der gesundheitlichen Zustände in den rituellen Badeanstalten herbeiführen sollen. Schließlich wurde beschlossen, sich mit dem Schulausschuß beim Haupt-Bürgerkomttee in Sachen der Eröffnung neuer Schulen und Kurse zu verständigen. Mehrere Gesuche von Vereinen und Institutionen um Subventionen mußten unberücksichtigt bleiben. Das Hauptkomitee der Bürgermtliz hat auf Anordnung der deutschen Macht eine eintägige Volkszählung angefetzt. Die zur Einführung der Brotkarte eingesetzte Kommission ist eifrig dabei, die Vorarbeiten zu Ende zu führen. Laut dem Plan des Komitees soll die Stadt in Bezirke geteilt werden. Auf jeden Bezirk würden etwa 10 bis 12 Tausend Einwohner entfallen. Die Gesamtorganisation soll von einem Hauptbüro geleitet werden, das auch den alleinigen Engros-Berkauf von Mehl haben wird, so daß sämtliche kleinere Mehlhandler und Bäcker ihren Bedarf beim Hauptbüro decken müssen. Der Verkauf von Mehl und Brot bei Händlern und Bäckern wird nur gegen Vorweisung der Brotkarte erfolgen. Jeder Einwohner der Stadt erhält täglich etwa über V, Pfund Brot. Der Verkaufspreis wird vom Hauptbüro geregelt werden. Nur Bäckereien, die den sanitären Anforderungen entsprechen, was übrigens von einer Kommission festgestellt wird, werden das Recht erhalten, Brot zu backen. In die Kommission zur Vorbereitung einer städtischen Mtllionenanleihe ist auch Herr Oberrabbiner Treistmann als Mitglied gewählt worden. »vt jnuw 13HW "12 V2V icwn w ijnr „Gott spricht zu Israel: säet sechs Jahre, am siebten soll die Feldarbeit ruhen, damit ihr erkennet, daß das Land mein ist". Als nun Israel das Land dem Willen Gottes nicht unterordnen wollte und die Jahressephira verletzte, da wurde es deS Landes ve>wiesen - im Exil lernten die Verbannten Gott als den Herrn des Landes anerkennen. Sehen wir nun, wie der verwirklichte Scphiragedanke im Volksleben Israels zur Erscheinung kam. Er wurde auf dem Zuge von Egypten zum Sinai, in den ersten Sephiratagen Israels, erfüllt: Diese Zeit wird, wie bereits erwähnt, von dem Gottesmann als die Brautzeit Israels bezeichnet. Diese Benennung will nun nicht nur auf das große Glück, das den Erlösten beschieden, die große Freude, die ihnen gegönnt war, Hinweisen, sondern die unerschütterliche Treue, die unvergleichliche Gottergebenheit, auf Grund derer die Erwählten die schwersten Prüfungen und Häresien Versuchungen freudig bestanden haben, charakterisieren. „Du zogest mir nach in die Wüste, in ein unbesätes Land." Und wenn man diese ganze Wanderung auf Schritt und Tritt genau beachtet, so findet man, daß immer wieder die schwersten Prüfungen an die Ausdauer und Beharrlichkeit Israels gestellt werden. Und wenn man hie und da ein Murren der Wandernden bemerkt, sn ging dieses, wie unsere Weisen erklären, nicht von den Israeliten, sondern von den mit diesen mtlziehenden Egyptern auS. (Schluß folgt.) (Krieg und Geburte,»Politik.) Es liegt ans der Hand, daß dre alte Sorge der Kulturvölker, die Abnahme der Geburten, nach dem Kriege erhöhte aktuelle Bedeutung gewinnen wird. Ist ja der Wert des Menschenreichtums dem Politiker niemals so deutlich geworden wie im Angesicht der russischen und japanischen Gefahr. Einen interessanten Vorschlag zur Perbütuna fortschreitenden Sinkens der Geburtenrate macht nun' Justizrat Tr. Rosenthal- Breslau in der „Deutschen StrasrechrSzeitung". Rosenthal meint, der Staat müsse in weitem Umfang für die kosten der Kiuderaufziehung eintreten. „Nimmt die Allgemeinheit den Eltern die materielle Sorge um die Kinder in ausreichender Weife ab, io fällt für die Mehrzahl gesunder Eheleute, die ihre Freude am Nachwuchs haben, das Hauptmotiv zur Gcburtenverhinderung fort, der Fortpflanzungs- Wille tritt ungeschmälert in seine Rechte. Es wäre verfrüht, heute näheres über diese große Maßnahme vvrzudringen. Jedenfalls wird sie um so Wirksamer sein, je früher sie, bei ungeschwächter .nraft der Nation, zur Ausführung gelangt. Um die Vorzüge des festen Zusammenhalts der Familie und des Heranwachscns in ihrer Mitte nicht zu beeinträchtigen, werden die Erzieyungskosten in der Regel in Form von „K i nd err e n t e n" oder als „Elt erng eld er" zu gewähren und, je nach dem vorhandenen berechtigten Bedürfnis verschieden a b z u st u s e n sein. Mit Renten für das dritte und die folgenden Kinder wird zu beginnen sein. Was die uosten und deren Ausbringung betrifft, so werden wir vor einer gewaltigen, aber keineswegs unlösbaren Aufgabe stehen. Es ist berechnet worden, daß eine Milliarde Mart pro Jahr erforderlich fein würde; das ist kaum der Zehnte Teil dessen, was der Krieg Deutschland heute ichon kostet. ES muß also diese Summe, und sollte sie selbst noch höher ausfallen, da Lebens- und Widerstandskraft des deutschen Volkes in Frage nnd andere Wege zu ihrer dauernden Erhaltung nicht zu Gebote stehen, aufgebracht werden. Die Hauptsache ist, daß mit halben Mitteln nicht zu viel kostbare Aeit vergeudet werde, und daß das Volk und die maßgebenden Persönlichkeiten sich baldmöglichst auf den noch ungewohnten Gedanken einer staatlichen Kinderversorgung in großem Maßstabe einrichten. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß man aus dem Wege ist, und der tfricg viel dazu beiträgt, zu erkennen, daß den Tendenzen des Geburtenrückganges gegenüber nur dann Aussicht aus Erfolg ist, wenn etwas Großes und Ganzes geschaffen wird." Ter Vorschlag ist sicher höchst beachtenswert, doch wird er ohne eine gleichzeitige Stärkung der für das Problem entscheidenden moralisch-religiösen Faktoren keinen durchschlagenden Erfolg haben können Me Geschichte einer Verwundung. In zum Teile zwar schlecht gezimmerten, aber gut gemeinten Reimen erzählt uns ein im Reserve-Lazarett zu Würzburg liegender jüdischer Verwundeter die Geschichte seiner Verwundung : Wurde verwundet bei Notre Dame de Lorette, Ich glaub't zuerst, der Kopf sldg. tmq. Doch ich sah, wie das Blut hoch über mich spritzt. Da war es mir klar, daß der .uopf ja noch sitzt. Ev War ein Gewehrschuß, tief drang er ein. Er nruß von Eisen gewesen sein. Man brachte mich gleich aus einer Bahr, Nach Apples, wo der Verbandsplatz war. Ich wurde verbunden. Wie ging das schnell, Gleich waren ein paar Sanitäter zur Stell!