Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 20 (6.5.1915)
- Date
- 1915-05-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448526--67473-2488358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 4 No. 20 Der JSraelit. 6. Mai 1015 Klüglinge und der hier garnisonierenden jüdischen Soldaten sich zur Aufgabe gestellt und dieselbe mit riesigem Kostenaufwande teils aus eigenen Mitteln und teils von den ihm zugekommenen Liebesgaben volle 8 Monate hindurch aufs mustergiltigste durchgesührt. In den geräumigen Sälen des hiesigen mn 'pnnö - Vereines wurden so täglich 200—300 Personen mit Freitischen versorgt und aufs köstlichste gespeist, und haben die vornehmsten Frauen in der freundlichen Bedienung ihrer Schützlinge gewetteisert. Die Aufsicht über das mips in der Küche wurde einer zufolge des Krieges hier verbliebenen Frau aus Jerusalem übertragen. Budapest. Bon orthodox-jüdischer Seite wurde ein Aufruf erlaffen, einen „ungarländtsch orth. jüdischen KrtegSwohlfahttSausfchutz" zu gründen. Dieser verfolge den Zweck, jüdische KriegSspitäler zu errichten, der gesetzestreuen Judercheit der nördlichen Landesgrenze, die durch die Nghe -es Kriegsschauplatzes furchtbar gelitten, aufzuhelfen und für die Witwen und Waisen der frommen Soldaten eine Lebensmöglichkeit zu schaffen. Anmeldungen sind zu richten an Rabbiner S utzm a n, Budapest, Kasinesyu 51. Z. B. A. Budapest. Bei seinem Besuch in Czernowitz sagte unser Thronfolger, Erzherzog Karl Franz Josef zum dortigen Vertreter der Judenhett, Gemeinde-Vorsteher Dr. Wender: „Ihre Konfessionsgenossen haben wegen ihres Patriotismus vondenRussenfürchterlich gelitten. DieJudenheit ist überaus patriotisch. Das werden wir ihr nie vergessen. Nack der glücklichen Beendigung dieses Krieges werden wir hoffentlich in der Lage sein, jeden Schaden gut zu machen. Z. B. A. UrrMarrd. kln Befehl Oes Großfürffen Molsi ntkolajewitlch gegen die Juden• Werk«» 5. Mai. Der von der „Vossischen Zeitung" ins Innere Rußlands entsandte Sonderberichterstatter — ein Neutraler — erhielt von russischen Politikern, mit denen er durch einen früheren Dumaabge- . ordneten bekannt wurde, die Abschrift eines vom Großfürsten Ntkolajewitsch erlassenen Befehls, dessen wortgetreue Uebersetzung lautet: Telegramm an den Obcrkommandierenden vom Minsker Militärgonvernement: Unsere Erfahrung in diesem Krieg hat uns die feindliche Haltung der flldifchen Bevölkerung in Polen, Galizien und der Bukowina klargelegt. Sobald wesentliche Aenderungen in den Stellungen und Verschiebungen unserer Heere stattsanden, jedesmal wenn wir einen oder den anderen Distrikt zeitweilig räumen, werden infolge der Einmischung der Juden vom Feinde graiffame Maßregeln gegen dre loyale, nichtjüdische Bevölkerung ergriffen. Um diese uns treu ergebene Bevölkerung gegen die Bedrückungen des Feindes und unser Heer vor Verrat, den dre Juden ganz offen begangen haben, zu sckützen» erachtet es der Höchstkommandierende der russischen Streitkräfte für nötig, d a ß d i e Juden verbannt werden, sobald immer der Feind sich zurückzieht, und daß Geiseln genommen werden; urrd zwar sollen die reichen und vermögendey und eine bevorzugte Stellung einnehmenden Juden zuerst und dann namentlich die großen Einfluß besitzenden Rabbiner der betreffenden Gemeinde ergriffen und als Gefangene nach dem Innern verschickt werden. Vorderhand nach der Provinz von Kiew, Ivo sie in einem Konzentrationslager gehalten werden müssen. Die jüdische Bevölkerung sowohl wie die Geiseln sind zu warnen, und es muß ihnen klargemacht werden, daß sie für jede strenge Maßregel, die vom Feinde der uns ergebenen loyalen Bevölkerung gegenüber ergriffen wird, verantwortlich gemacht werden. Gleichzeitig ist aber auch der uns ergebenen nichtjüdischen Bevölkerung klarzumachen, daß unsere Maßnahmen gegen die Juden zum Schutze der treu ergebenen Bevölkerung ergriffen werden, nachdem eine sechsmonatige Kriegsführung überzeugt hat, daß die jüdische Bevölkerung uns gegenüber illoyal und verräterisch ausgetreten ist und für die Mrtbevölkerung keinerlei Sympatte hat. Die Verwaltungsbehörden der verschiedenen Provinzen sind aufgefordert, die Inden nach den links vom Dnjestr liegenden Provinzen einstweilig zu verbannen und dem Minister des Innern bleibt es Vorbehalten, über die weitere Verschickung der Gefangenen die nötige Vorsorge zu treffen." Der Berichterstatter teilt dann mit, daß dieselben Herren, die ihm die Abschrift verschafft haben, beim Kriegsminister vorstellig wurden, weil von gewisser Seite für die Osterfeiertage große Ostereier an dft Truppen in Polen versendet worden waren, ans denen als Verzierung auf dem oberen Teil ein Ritualmordbild grausigster Art angebracht war. Aus der Rückseite des Eies wird die Soldateska in polnischer Sprache zu Gewaltmaßregeln gegen die Juden aufgereizt. Eine Photographie dieser Eier hat der Berichterstatter mitgebracht. Der russische Kriegsminister soll Abhilfe zwar versprochen haben, aber jedenfalls war es viel zu spät, um die daraus entstehenden Gewaltsamkeiten verhindern zu können. Lin russisches Osfergeschenft. Wien, 4. Mai. In ihrer Nummer 18 vom 30. April d. Js., nimmt die Wochenschrift „Polen" (Wien)/ die von der russischen Regierung mit solcher Feierlichkeit verkündete städtische Selbstverwaltung in Russisch-Polen scharf unter die Lupe und meint dann mit Bezug auf den Einfluß des neuen Gesetzes auf die rechtliche Lage der Juden: „Es darf auch nicht Wunder nehmen, daß das Gesetz antisemitisch ist: es hat eben wahrhaft russischen Charakter, und die Polen haben auf dessen Redaktion keinerlei Einfluß genommen, was die Herren Brandes und Gen. wissen sollten. Der Antisemitismus des Gesetzes findet seinen Ausdruck nicht bloß darin, daß eine besondere Kurie jüdischer Wähler geschaffen wurde, aus der die Juden dorr, wo sie die Hälfte der Bevölkerung bilden, einen fünften Teil der Mitglieder des Stadtrates wählen, in anderen Städten aber höchstens ein Zehntel Der Zwischenfall in der Serviler Synagoge. R. E., Berlin. Die bereits gemeldeten Skandalszenen in der vornehmsten Synagoge der jüdischen Gemeinde, erregen seit verflossenen Sonntag die Gemüter der hrengen jüdischen Einwohner und beträchtliches Anflehen vieler n i ch, t jüdischer Kreise. Zum Besten der stark in Anspruch genommenen Kriegshilfskasse der jüdischen Gemeinde zu Berlin, sollte am Sonntag, 25. ds. Mts. abends 7 Vs Uhr ein Kvnzert des verstärkten Synagogenchors (60 Sänger) stattfinden! Als Zugstücke waren Kompositionen von Job. Seb. Bach, Mendelssohn-Bartholdh, Haydn, Gernsheim ustv., als Zugperfonen die Königl. Opernsänger Paul Knüpfer, Hertha Stolzenberg, dann der Kantor der Fasanenstratze-Synagoge auf dem Programm augeführt. Was aber die Berliner jüdische Welt, mehr noch als die bemerkten Sänger und Orgelspieler in besagtes Gotteshaus locken sollte, war die Person der mehr durch ihre mystisch-religiösen Capriolen, spirittstischen Neigungen, und, wie vielfach behauptet wird, anttsemttischen Abneigungen, als durch ihre Künstlerschast allbekannte Schauspielerin. Hedwig Wangel. Diese Dame sollte durch Bibelvorlesungen die musikalischen Darbietungen unterbrechen und sie löste diese Aufgabe in so meisterhafter Weise, daß sie die ganze, große, auf 8000 Anwesende geschätzte Zuhörerschaft nicht nur in Entzücken, sondern in hellen Aumchr versetzte. Nach lleberzeugung, vielleicht lauf langjährige ^Erfahrung gostützt, des Gemeindevorstandes, wäre ein Rabbiner, selbst wenn er wirklich ein großer Kanzelredner ist, keine Attraktion für das jüdische Publikum Berlins. Tatsächlich zog der Name der Schauspielerin H e d - wig Mangel (mehr, als die sämtlicher Rabbiner . vermocht hätten) derart das Publikum heran, daß die ganze Synagoge ungeheuer überfüllt war. Alle Erlvartungen wurden denn auch bald übertroffen. Pom alten Testament ging Hedwig W a n g e l, die vor dem Oraun hakaudefch stand, allmählich ans das neue Testament über, was aber nur ein kleiner Teil der andächtigen Zuhörerschaft bemerkte. Plötzlich, wie in höchster Ekstase, hob die Rezitatorin die Arme hoch in die Luft und pries den Erlöser der Christenheit, den alle Menschen anbeten. Nun entstand ein unbeschreiblicher Tumult. Hunderte von erregten Menschen sprangen entrüstet von ihren Sitzen, einige drangen gegen die Empore, um die Schauspielerin, die diesen einzig dastehenden Erfolg erzielt harte, an die frische Lust zu setzen. „Raus! raus!" durchdröhnte es das weite Gotteshaus, einige Herren des GemLindevorstandes entfernten schleunigst die tausendstimmig „herans"gernfene Schauspielerin von dem Schariplatz ihrer Tätigkeit, die sie dauernd berühmt und berüchtigt machen wird. Als der Lärm immer noch mehr, bis zu einem wütenden Geschrei anschwoll, und Vorsteher und Rabbiner hilflos dastanden, kam endlich der Organist, ein wahrer Helfer in der Not, auf den glücklichen Gedanken, sämtliche Register der zweitgrößten Orgel- Deutschlands anfzuziehen, und schließlich durch ohrenbetäubende Präludien die Schreier zu besänftigen. Nachdem dies gelungen war, bestieg der Vorsteher die Kanzel und versicherte dem Publikum, daß die Schauspielerin Hedwig Mangel in unerhörter Weise GrPü-ramm «ohne.Wisse» des BoxstyndeK «mgeMllet der Stadträte. Der Antisemitismus findet seinen Ausdruck vor allem darin, daß der Jude kein Recht hat, Präsident oder Vizepräsident oder Bürgermeister zu sein, weder Gehilfe des Präsidenten und Bürgermeisters, noch auch Mitglied des Magistrats, oder Obmann besonderer Eeile der städtischen Agenden oder der Verwaltung, weder Gemeindesekretär, noch Magistratssekretär, noch auch Stellvertreter des Sekretärs." Kervierr. die Jüöifdie Kriegsnoflage in Serbien. London, 28. April. In London weilt zur Zeit der Oberrabbiner von Serbien, Pr. 3. 21 Hali), der die Länder der Entente bereist, um die Juden daselbst für die Not ihrer serbischen Brüder zu interessieren. Nach seinen Angaben befanden sich in Serbien vor dem Balkankriege nicht mehr als 9 000 jüdische Seelen, die aber nach dem Balkankriege durch den Uebergang an Serbien von Juden stark bewohnter Gegenden auf mehr als 30000 stiegen. In politischer Beziehung hatten die Juden Serbiens nie zu klagen. Besonders in Belgrad befanden sich die Juden in guter wirtschaftlicher Lage und galten als das beste, kulturellste Element der Bevölkerung. Der Umsatz des jüdischen Handels in Belgrad , betrug bis zum Kriegsausbrüche 3—4 Millionen Frs. jährlich. Auch die akademischen Berufe und nicht wenig Beamtenstellen werden von den Juden ausgefüllt. Vor einigen Jahren hat die Belgrader Gemeinde eine neue Synagoge mit einem Kostenaufwand von 300000 Frs. hergestellt. An religiösen und Btldungsvereinen, sowie'an Talmud- Thora-Schulen hatte die Stadt keinen Mangel. Der von der Regierung bis jetzt für jüdische Kultuszwecke ausgeworfene^Betrag von 2 500 Frs. wurde bet Kriegsausbruch um das doppelte vermehrt. Den jüdischen Soldaten wird, nach Angabe des Rabbiners weitgehendste Toleranz und volle Berücksichtigung ihrer religiösen Wünsche und Bedürfnisse entgegen gebracht. Unter diesem Kriege haben die Juden Serbiens, die nach dem Balkankrtege jede Unterstützung abgelehnt haben, furchtbar gelitten. Die schaurigen Tage des Bombardements hat Dr. Alkaly in Belgrad nock miterlebt und hat die Stadt erst dann verlassen, als sich kein einziger Jude mehr dort befand und die Eisenbahnverbindung nach allen Seiten abgebrochen war. Tagelang ist er mit seiner Familie zu Fuß und im Wagen gewandert, bis er auf einer kleinen, von Flüchtlingen ungefüllten Station, die Bahn nach Ni sch erreichte. Diese Stadt beherbergt jetzt die gesamte Bevölkerung von Belgrad und Umgegend, die sich alle in unbeschreiblicher Not befinden. habe. Daß diese Versicherung übrigens nötig war, ist seltsam gering. Denn, daß ein jüdischer Gemeindevvrstand die Synagoge zu Missionsversuchen niemals mißbrauchen lassen würde, brauchte doch nicht erst gesagt zu werden. Trotz dieser unter der Erregung der Menge abgegebenen Erklärung wurde die peinvolle Situation erst verändert, als der Kanror ans den Gedanken kam, das Sch'ma Jisrocl laut anzustimmen, worauf Chor urrd „Gemeinde" dasselbe zweimal wiederholten. Darauf folgte das „niederländische «Dankgebet", und das Publikum, das schon wiederholt durch mehrfaches Beifallklatschen seine Erziehnngs- und Bildnngshöhe sich selber dokumentiert hatte, ging schon wesentlich beruhigter auseinander. Eine halbe Stunde nach Schluß dieses „denkwürdigen" Kunstgenusses lag der vornehme Bau der Fasanenstraße wieder in altgelvohnter Ruhe da. Ob der sehr schwer belehrbare Vorstand der größten deutschen Judengemeinde endlich einmal aus solchen Schlappen eine Lehre ziehen und zu der Einsicht gelangen lvird, daß eure Synagoge nun einmal kein Kvnzertsaal sein kann? Jedenfalls hat sich die Einführung des subjektiven Beliebens in das gottesdienstliche Leben wieder einmal bitter gerächt.