Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 20 (6.5.1915)
- Date
- 1915-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Wlat 1915 Her J-rüettt. No. 30 Sette 8 Organisation notwendig. — Zu diesem Zweck stellte die Kantloge in hoch anerkennenswerter Weise ihre Räume zur Verfügung, und es wurde von dem Verein Hachnosses Orchim unter finanzieller Unterstützung des bei Kriegsausbruch zur Linderung der Not unserer Glaubensgenossen gegründeten „Hilfskomitees 1914" hier eine Küche eingerichtet, in welcher die Flüchtlinge und auch Soldaten regelmäßig eine gute koschere Bespeisung erhielten. Gleichzeitig wurden die Flüchtlinge, soweit erforderlich, reichlich mit Kleidern versorgt, die von Glaubensgenoffen aus ganz Deutschland gesandt worden waren. Für die Bestreitung der Mittel zur Verpflegung der Flüchtlinge trat auch in der Hauptsache das allgemeine Komitee für die ostpreutzischen Flüchtlinge ein, das über große Mittel verfügte, indem es wöchentlich 200—300 jLf je nach der Zahl der Personen zur Verfügung stellte. Die notwendigen Mittel für die Pessachbefpetsung im Betrage von etwa 2000 JL wurden durch eine besondere Sammlung aufgebracht. Ein Komitee von 8 Damen unter Leitung der Frau Dinesmann, hatte freudig seine Dienste zur Verfügung gestellt und eine besondere Anerkennung gebührt auch Fräulein Herta Jakoby, die die Leitung der Küche übernommen hatte und mit großer Umsicht und Geschick die nicht leichte Aufgabe erledigte. Auch für die Kranken und Verwundeten in den Lazaretten konnte gesorgt werden. Die jugendlichen Mitglieder des jüdischen Wanderbundes freuten sich, durch Hintragen des Essens nach den Lazaretten auch ihrerseits an dem guten Werke Mitwirken zu dürfen. Die bekannten Ereigniffe in Memel hatten von dort auch wieder Flüchtlinge hergeführt, die ebenfalls, soweit sie nicht anderweitig unteraebracht wurden, eine freundliche Aufnahme und Verpflegung in der Kantloge fanden. Kriegshilfsfonds für Sie oflpreuljifthen jüöifdien Beamten* Königsberg i Sr, 4. Mai. Zur Unterstützung der in schwerer Weise durch den Krieg betroffenen ostpreußischen jüdischen Reltgionslehrer und Kultusbeamten ist ein ansehnlicher Hilfsfonds zusammengekommen. Juden und Christen haben diesen, ihres Einkommens völlig beraubten und durch Zerstörung und Plünderung ihrer vielfach gänzlich verarmten Familien ihre innige Teilnahme zu erkennen gegeben. Von den eingekommenen Spenden konnten bereits über 20000 M. zu den notwendigsten Lebensbedürfnissen an die Betroffenen verabfolgt werden. Eine große Anzahl der Beamten bedarf aber noch fortgesetzt der Unterstützung zu ihrem Lebensunterhalte. Es find außerdem noch ca. 90000 M. Sachschäden der ostpreußischen jüdischen Beamten zu decken, von denen aus Staatsmitteln gewiß nur ein Teil beglichen werden wird. Da die jüdischen Lehrer und Kultusbeamlen bei ihrer bekannten Bernrögenslage außerstande sind, auch nur einen geringen Schadenteil selbst zu tragen und bei ihnen auch die Möglichkeit fehlt, ihren erlittenen Kriegsschaden evt. durch späteren Kriegsgewinn wieder auszugleichen, so wird ihnen aus dem gesammelten Hilfsfonds auch zu diesem Sachschaden betgeholfen werden müffen. Ob der Fonds dafür neben der Unterhaltung der Beamten während der Krtegszeit völlig ausreichen wird, bleibt noch ungewiß. Bus den okkupierten Gebieten. Lodz, 1. Mai. Gestern fand eine Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung statt. Es wurde beschloffen, dem Hospital 4000 Rubel auf Rechnung der Gemeindeverwaltung auszuzahlen. Dem „Volkshause" wurde eine gewisse Summe für die Zustellung von Speisen an die jüdischen Arrestanten der Mtlizbezirke bewilligt. Aus dem Bericht über die Tätigkeit des jüdischen Bolkshauses ist ersichtlich, daß im Verlaufe von 47 Tagen in der Teehalle 30041 Glas Tee und 24922 Stück Brot verabreicht wurden. Die Küche, die aus Anlaß des Peffachfestes eröffnet worden war, hat bisher 957 Mittags- und Abendeffen ausgegeben. Die Bibliothek und Lesehalle, die gegenwärtig 700 Bücher zählt, wurde von 14399 Lesern besucht. Dieser Tage wurde im Hause Panfkastraße Nr. 6 eine Freischule für arme israelitische Kinder eröffnet. Diese Schule wird auf Kosten einer Anzahl hiesiger Juden unterhalten. Sie wird von 80 Kindern besucht, die die Schulbücher und das Schreibmaterial unentgeltlich erhalten. In 'den meisten jüdischen Fabriken wurde der Betrieb unter gewissen Einschränkungen wieder ausgenommen, so daß viele Tausende von Arbeitern wieder Arbeit und Verdienst finden. In den Arbeitertransporten, die von hier nach Deutschland abgehen, sind Juden in großen Massen vertreten. * Smvatki, 25. April. Die deutsche Ordnung macht sich in unserer von Juden stark bevölkerten Stadt in allen Ecken fühlbar. Nichts deutet darauf hin, daß die deutsche Heeresleitung die Absicht hätte, den Russen hier die Herrschaft wieder einzuräumen. Die Stadt legt ein freundliches Gewand an. Biele Hände find geschäftigt, überall Ordnung zu schaffen/ der Schmutz verschwindet von den Straßen und viele Plätze sehen schon ganz geputzt, frühjahrsmäßig aus. Die gesäuberten und gestutzten Bäume schauen auf hübsch planierte Wege und korrekt abgestochene Rasenbeete. Das Straßenpflaster, das lange von einer Schmutzdecke überzogen war, zeigt sich wieder in seiner mehr oder minder großen Holprigkeit. Die schadhafteren Stellen werden ausgebeffert. Die Einwohner sehen dem Treiben verwundert und mit stiller Wonne zu. Man geht mit deutscher Gründlichkeit zu Werke. Ungarn. Her Abtransport galfrifdier Slüditlinge. 3. Mai. Das „Ungarische Telegraphenbureau" meldet. Mit Bezugnahme auf eine Nachricht in verschiedenen Zeitungen teilen wir zur Information der interessierten Kreise mit: Zwffchen der österreichischen und ungarischen Regierung ist betreffs der in Budapest befindlichen galizischrn und Bukowinaer Flüchtlinge folgendes Abkommen getroffen worden: Bon Budapest nach Oesterreich werden jene befördert, die sich freiwillig melden. Diese werden, soweit sie aus einer Gemeinde stammen und sich zum Abtransport bereits gruppiert melden, von der österreichischen Regierung in'dem Sinne begünstigt, daß sie auch in Oesterreich möglichst in einer Gemeinde Unterkunft finden. Diesen gegenüber wird auch auf Wunsch in Bezug auf den Zeitpunkt der Abreise tunlichst Rücksicht genommen werden. Unbedingt abtransporttert werden, die wegen Uebertretung usw. bestraft wurden oder infolge ihres Treibens sich verdächtig machten oder sich nicht legitimieren können. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten der Verpflegung der hauptstädttschen Bevölkerung wird die ungarische Regierung nach dem 15. Mat von den noch hier gebliebenen Flüchtlingen größere Gruppen in der Provinz in zu diesem Zwecke errichteten Barackenlagern oder eingerichteten Gemeinden unterbringen. Der Transport, der derzeit in der Provinz befindlichen österreichischen Flüchtlinge nach Oesterreich hat bereits begonnen und ist auch jetzt tm Zuge. Bus Sen vemelnöen. Preßbvrg. Am nvv verschied Herman Fleischmann , Pretzburg, ein braver und frommer nirv. Er war ehrlich und redlich in Handel und Wandel und bestrebt, die Ehre der Thora zu heben und erzog seine Kinder in echtem, jüdischem Sinne. Kein Wunder, daß er sich überall großer Beliebtheit erfreute. Miskolgz. Der Jrauenverein der hiesigen sephardischen Gemeinde, der unter der Leitung der Krau Jacob Prinz erst seit Jahresfrist besteht, hat feit Kriegsausbruch die rituelle Verköstigung der galizifch«, Zwist und Parteihader verstummt sind und allenthalben nur die Liebe das Szepter führt. Das ist das Segenswort, die Segenserscheinung mitten in der der gegenwärtigen Geschickesnacht: „Und dennoch!" Wieviel Leid und Kummer wir auch zu beklagen haben, diese Zeit zeigt auch große, erhabene Momente. Es ist, als ob unser Geschlecht begreifen lernt: ’rpw Bit, Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt", rrzpnv "icbo m:ro 'vrni? n;$r.a, des Heiligen Wille gießt den Geist seines heiligen Thorawortes über die Menschen, daß sie es hegen und wahren, daran, führt er die Menschheit durch Stürme und Wetter zur Läuterung und Selbstbesinnung Niemals mehr als eben jetzt ist die Bibel denk Menschen zll einem Quell der Belehrung und Erhebung, zu einen« Bo,n des Trostes und der Anregung geworden. Daß doch allenthalben in Israel das Verständnis für unser heiliges Erbgut aufginge, jetzt, wo Gottes Stirnrne so machtvoll redet und wir die Stürme dieser Tage zu unserer Läuterung und inneren Festigung nützen wollten! Das würde die würdigste Rüste sein für den Tag, der uns von neuem zum Sinai führen ivill, um uns mit dem Diadem heiligen Priesterschmuckes zu weihen und uns der göttlichen Gnade unserer Erwählung würdig zu machen. Kleines Jemlleton. Die Heuschreckenplage in Palästina. Peihach-Tikwa, $0. März. Seit 10 Tageir — wir sind in Mitte des März — wird Palästina von einer Heuschreckenplage heimgesucht. Bor 15 Jahren sott schon einmal ein Heuschreckenfchwarm süd hier niedergelassen haben, aber zu einer Plage kam es nicht, denn ein glücklicherweise eingetretencr.Ostwind trieb sie ins Meer. Diesmal aber will sieb lein Ostwind zeigen und wir leiden unter der Plage, die uns die heißen Südwinde gebracht haben. Die Wanderheuschrecke ist ein ca. 6 cm langes mit 6 Beinen ausgerüstetes Insekt. Die beiden Hinterbeine, die als Springvctnc ausgerüstet sind, sind an der Hinterseite des Unterschenkels sügenartig gezähnt, sodaß nc mit ihnen das Getreide abschneiden können. Fürchterlich sind auch die Freßwerkzcuge. Der gedrungene Kopf, der mit zioei Fühlern und zwei länglichen, unverhältnismäßig großen Augen bewaffnet ist, ist durch ein hartes, hornartiges Schild, das den Nacken und die beiden Seiten deckt, an der Verbindungsstelle mit dem Körper geschützt. Die untersten Teile der dreigliedrigen Beine sind stark gezähnt und sehr gut zum Festhalten geeignet. Die Deckflügel, die an Pem znm Rücken sehenden Teil geblgrün sind, sind sonst farblos und mit rrmden braunen Flecken geziert, die Unterfinget find ganz farblos; die ersteren messen 1 cm, die letzteren, ganz ausgespannt, 6—7 cm. Die im Boden in ca. 5 cm Tiefe zurückgelasseneil Eier sind hart aneinandergcpreßt, länglich und bilden zu jo 120 -150 Stück einen 3 cm langen graubraunen Zapfen. Joseph Schwarz tt erzählt in seinem Buche „das heilige Land", das 1852 erschienen ist, von zwei Ueberfüllen durch Heuschreckenschivarnte. Der erste tm Jahre 5598 (1838) im Monate Kishew, er war, da die Ernte schon eingebracht war, von keiner Bedeutung. Der zweite erfolgte rm Jahre 5605 (1845) im Monate Schwach und dreimal in Archen. Istn Gor und in GalMa fteßen sie sich nieder und vernichteten soviel, daß fast eine Hungersnot im Lande war. Auch diesmal ist der ersten Heimsuchung eine zweite gefolgt, genau, nach drei Wochen - der erste Schwarm kam am Freitag, den 26. Adar, der zwette am Freitag, den 18. Nisan - kam das Unglück, und wie lange sie sich auslmlten, wer weiß es? Bon neuem tritt die Frage an einen heran, was tun. Es ist kaum möglich, ivas als das einzige Richtige gegen die hinterlassenen Eier empfohlen und angewendet tmtrfcc, die Erde umzupslügen und die Erer aufzusuchen; Geld und Zeit sind die zwei Faktoren, die ein oftmaliges Umpflügen uumöglickr machen. Es ist noch schwer festzustellen, wieviel Schaden bis jetzt durch die beiden Schwärme angerichtet wurde: die Verkehrsmittel sind durch die allgemeine Lage sehr nnregelmäßig. Jedenfalls aber sind bereits jetzt die Preise schon bedeutend in die Höhe gegangen. Ein Sack Mehl, der am Anfang des Krieges mit 36 Fr. bezahlt wurde, wird jetzt zu 60 Fr. axngeboten, dazu ist zu bemerken, daß der Preis von 36 Fr. mxd\ schon anormal ist und daß die Qualität des zu 60 Fr. angebotenen Mehls geringer ist als dir des Mehls zu 36 Fr. per Sack. Wir stehen vor einer direkten .Kalamität. Eine allgemeine Preiserhöhung, die mit der Steigerung der Mehlpreife, sicher Hand in Hand gehen' muß, wird bei den schweren Zeiten eine noch rveitergeyende Herabsetzung des Lebensunterhalts herbeifnhren müssen und was dies bei den dielen von Natur schon Schwachen und den, durch den in den letzten Zeitei, ausgestandenen Mangel, Geschwächten bedeutet, das getraut man sich nicht, auszumalen. > j ■dKÜ. "ij 1 -j : -4 .h ir . ’ 'r . < ■p Vä 55