Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 20 (6.5.1915)
- Date
- 1915-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite fl Kt. 30 Der A-raeltt. 6. Mai 1915 Halevys wUenfchastliche Methode. Zum erste» Iahrrrttstagr K. Mac Aalrvys (20. Jjar.) (Schluß). Im ersterfchtenenen Bande feiner Forschungen spricht Halevy im ersten Absätze der Borrede den kühnen Satz aus: TO HM SHTO' D'ÖM "TO"» NV2N" „Die jüdische Geschichtswissenschaft, vor alle m hinsichtlich der talmudischen Zeit, steckt noch in den Kinderschuhen". Gar mancher hat wohl gelächelt als er im Jahre 1897 diese Stelle am Anfang des Werkes eines ihm gänzlich unbekannten Autors fand. Was haben die Krochmal, Rapoport, Frankl und wohl auch Grätz und Weiß denn dann geleistet, wenn wir noch in den Anfängen stehen sollen? Hebt Euch das Lachen auf, DS Ihr mich gehört habt, hätte wohl der Meister gesagt, wenn er hierbei die Leser seiner Schrift beobachtet hätte. Freilich, bei vielen wich das Lächeln einem tiefen Ernst nach dem Studium einiger Kapitel dieses nicht umfangreichen Bandes. Mehr noch als dahier Neuentwickelte so sehr Bewunderung für den unbekannten Autor auslösen mußte, berührten die Angriffe gegen die Männer, welche bisher als Klassiker jüdischer Historik angesehen wurden. Gar mancher fragte sich auch, wie kommt es, daß ich bisher kritiklos an solchen Darstellungen vorbeigegangen bin? Heute nachdem wir in Halevys Schule gelernt haben, liegt uns die Antwort auf solche Frage nicht fern. „Weil es Dir nicht gegeben war, selbstständig auf den Grund der Dinge etnzugehen." Wir wollen hier die Bemerkung einfügen, daß wir uns dem überaus herben Urteil Halevys über viele seiner Vorgänger nicht in allen Teilen anschlteßen können. Krochmal, Rapaport und Frankl sind nicht dafür verantwortlich zu machen, daß Spätere durch den Glanz ihrer Namen genug geblendet wurden, um nicht zu erkennen, daß sie nur tastende Anfänger auf einem gewaltigen und schwierigen Gebiete waren, das lange Zeit brach gelegen hatte. Die Mitwelt hatte sie bewundert, war ihnen dankbar, daß sie in Tagen des wiedererwachten historischen Interesses bei der nichtjüdischen Welt, sich bemühten, auch dem Juden die Darstellung seiner Geschichte zu ermöglichen. Eine ähnliche Anerkennung wurde den ersten jüdischen Kanzelrednern gezollt, allein aus dem Grunde, weil sie ihre Predigten in reiner, hochdeutscher Sprache hielten, die bis dahin nur von wenig Juden beherrscht wurde. Auf dem Gebiete der Predigt wurden Fortschritte gemacht, und heute ist es uns fast unverständlich, wie das Publikum der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an den langatmigen Phrasen vieler zu ihrer Zeit berühmter Prediger Gefallen finden konnte. Im Gegensatz dazu trat in der talmudischen Geschichtsforschung ein Stillstand ein, nicht zuletzt wohl aus dem Grunde, weil die bekanntesten jüdischen Geschichtsschreiber sich bewußt waren, daß ihre Talmudkenntnis zu gering war, um aus den Quellen heraus etwaige Jrrtümer ihrer Vorgänger, die auf den alten Jeschibos noch aus dem vollen Born des Thorawissens geschöpft hatten, richtig zu stellen. Heute erkennen wir, daß die Kraft der ersten modernen jüdischen Historiker an der Fülle und Gewalt des zu meisternden Stoffes erlahmt war. Ein weiterer Grund für das Versagen der ersten neuzeitlichen Erforscher der talmudischen Zeit finden wir darin, daß man Talmudstudium und Geschichtsforschung als zwei getrennte Gebiete betrachtete, sodaß man gewiffermaßen erst an die Historik ging, wenn man die Gemoroh zugemacht hatte. Beim „Lernen" selbst dachte man nicht an die Geschichte. So kam es denn, daß die Geschichtsforscher nicht aus dem Talmud selbst schöpften, sondern neben den altbekannten kurzen Chroniken sich auf Register und Zitatensammlungen stützten, wie sie vorzugsweise der Seder Hadorot bot. Ging man bis zum Talmud selbst zurück, so war es nur dessen agadischer Teil, den man für Geschichte verwerten zu können glaubte. In Halevy erst wurde uns ein Historiker von eminentem talmudischem Wissen geschenkt, der beim Studium der Gemoroh neben der Lösung der sonst auf diesem lichtvollen Gebiete sich bietenden Fragen, es sich zur Aufgabe uracht, zum Zwecke der Erklärung des Talmud auch der sich hier ergebenden historischen Schwierigkeiten Herr zu werden. In unserem Meister — heute, da er leider nicht mehr vor uns steht, dürfen wir es versuchen, sein ganzes Lob auszusprechen — vereinigte sich klares und scharfes Denken, ein phänomenales Gedächtnis mit hervorragendster Begabung für Geschichte. Babli und Jeruschalmt standen mir ihrem Wortlaut lebhaft vor seinen Augen, er war in einer Person »mnEH mm iWöSlKn mi, zugleich ein lebendiges Buch und sein geistvoller Erforscher. Den halachischen Teil des Talmuds hat unser Meister erst der Geschichtsforschung erschlossen. Die Geschichtsquellen, die er neu gefunden, wie diejenigen, welche auch schon anderen Vorgelegen, er hat sie gelesen mit der Aufmerksamkeit und'dem Ernst eines genialen Talmudisten, jedes Wort war ihm von Bedeutung und jedes prüft er auf seinen Wert für das Verständnis des Satzes. Neben der genialen objektiven Fragestellung ist die Kunst, historische Texte zu lesen, eines der Hauptmtttel, durch welche Halevy zu seinen staunenswerten Erfolgen gelangte. In der überschäumenden Kraft seines Denkens und Wissens stellte Halevy vielleicht zu große Forderungen an andere Forscher. Die Begeisterung für die Geschichte unseres Volkes war bei ihm so groß, daß es ihn bitter schmerzte, daß man lange Zeit hindurch Männer als Wortführer seiner Wissenschaft anerkannte, deren Begabung weit hinter der seinigen zurückstand. Dadurch erklärt es sich uns, daß sein Tadel uns häufig allzu herb dünkt. Vieles was Halevy neugefunden hat, erscheint uns heute so selbstverständlich, als hätten wir es nie anders gewußt. Nicht aninder selbstverständlich finden wir heute, was uns, als wir es zuerst vernahmen, als kühne Behauptung erschien, daß die Forschung auf dem Gebiet der talmudtschcn Zeit vor dem Auftreten unseres Meisters noch in ihren Anfängen war. Allzufrüh für das viele Große, das wir von ihm noch zu erwarten hatten, ist Halevy von der Erde gerufen worden. Vieles hat er uns geschenkt und mehr noch erwarten wir von den Folgen seiner gesegneten Arbeit. Halevy hat die Wege gewiesen, wie die jüdische Geschichte zu erforschen ist. Er hat schon Schule gemacht, und es ist zu hoffen, daß die Zahl seiner Schüler immer mehr wachsen wird. I. M. B. Deutsche» Reich. Lorrespondenzen und Nachrichten »N'x Jüdifche Kriegsfürforge in Königsberg. Hönigsverg i. A., 29. April. Unter der Aegide des Vereins „Hachnoffas Orchim — Jüdische Volksküche E. V." Königsberg — ist hier für dleBespeisung der jüdischen Soldaten der Garnison an den hohen Feiertagen im Herbst 1914 in der Weise gesorgt worden, daß dieselben, soweit es der Raum gestattete, im Pensionat Masie beköstigt, im übrigen in Familien untergebracht wurden. Gegen Ende des Monats September, als die ostpreußischen Flüchtlinge in großen Scharen nach Königsberg strömten, unter welchen sich viele Glaubensgenossen befanden, die auf rituelle Bespeisung Wert legten, wurde eine größere „Lind dennoch." Bon Rabbiner Dr. M. Levin in Wrefchen. Mit Trauerschrift ist die Sefirozeit in den Blättern unserer Geschichte verzeichnet. Gerade dann, wenn neues Leben aus der Verwesung draußen hervorkeimt und mit froher Hoffnung unser Inneres belebt, beleben fich in unserer jüdischen Seele von neuem die Erinnerungen an jene leidreichen und jammervollen Ereignisse, welche den Monat Jjar zu einer Zeit der Trauer und des Schmerzes gewandelt, und immer wieder erklingt da in unseren Gebeten der Ruf nach Erlösung, das Wort der Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Da «eint das jüdische Herz aus all' seinem Schmerz und all seinem Kummer vor Gort in der Höhe, und wie eine Gnade und Verheißung empfinden wir das Schriftwort, das die dumpfen Klänge der nn2ir> als Strafandrohung mildert: „piX2 Brnvo nxr o; 5}Xi D'flSj» vb'i btdxd xS BN'2'ix. Und dennoch, auch wenn sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie nicht verschmäht und verworfen, n '2 onx wo iv."h oma? sie zu vernichten, meinen Bund mit ihnen aufzuheben, denn ich der Herr bin ihr Gott." Im Wandel der Zeiten, die für Israels Gesamtheit niemals volles Glück und volle Ruhe gebracht haben, erwieS sich dieses Wort als Hoffnungsanker für alle großen und kleinen Nöte. Mochte noch so sehr den Juden der Himmel „ehern" und das Land „wie Kupfer" geworden sein, sie hörten nicht auf zu hoffen und zu vertrauen, sie erhoben ihren Blick und ihr Herz zu dem, der es ihnen verheißen, sie nicht zu verstoßen und zu verwerfen, und die ganze tiefe Judennot schrie zum Himmel auf: mm; nnx jn ibbx bx o*ip, Habe ich auch keinen Freund, Du bist da; mx»; nnx p ibbok^kj, Nimmt sich niemand meiner an, Du bist übrig geblieben . . . 17X131 hrrie" Ti* nm “fjD xm, bist du doch König, Hort Israels und sein Erlöser . . . Wer kann es verkennen, daß wieder einmal die Sorge um das Geschick unserer religiösen Gesamtheit ihren Höhepunkt erreicht hat? Wir wiffen doch, daß in diesem gewaltigen furchtbaren Ringen der Völker auch die Entscheidung fallen wird, ob weiter Millionen unserer Glaubensgenosien unter dem Joche entehrender Knechtschaft schmachten und seufzen sollten, oder ob endlich die Stunde der Erlösung ihnen nah't und Luft und Licht sichert. Das läßt uns mit zwiefacher, oder richtiger mit doppelter Seele den Ereignissen dieser großen Zeit folgen. Als Deutsche und als Juden gibt es für uns nur ein Sehnen und ein Hoffen, daß die Tyrannei zu Boden geworfen werde und die Nacht der Unkultur vor dem strahlenden Lichte der Gesittung weiche. Heil uns, daß uns deutschen Juden, was unsere Pflicht ist, auch zu einem inneren Erlebnis der Zuversicht und Sehnsucht wird. Für uns ist der Sieg unserer deutschen Fahnen eine Gewißheit, weil wir ihn gleichsam verbürgt sehen in der Verheißung: „Und dennoch, auch wenn sie im Lande ihrer Feinde sind, ich habe sie nicht verworfen und verstoßen . Ach, die Not unserer Glaubensbrüder im Lande der Barbarei und Finsternis schreit zum Himmel Ihr Vaterland ist ihnen zugleich „das Land ihrer Feinde" einer Rabenmutter gleich, oie selbst ihre Jungen vernichtet. Selbst jetzt, wo ein großer Teil von ihnen für eben dieses Land verblutet, sollte da das Wort, das so oft Israel aufgerichtet, nicht auch jetzt zur f wffnung und zum Vertrauen werden: „Und dennoch..?" assen wir nur den Herrn dabei walten, der jetzt an unserm deutschen Volke seine Segensverheißung zur Bewährung bringt: 121 nxB npart bbb lerni, Es werden fünf von euch hundert verfolgen und hundert von euch verfolgen zehntausend." Dieses Niederringen des Feindes mit Eisen und Stahl empfinden wir Deutsche gewiß nicht als Len höchsten Segen. Darum hat doch unser Volk auch alles daran gesetzt, um den Frieden, diese höchste der Segnungen, der Welt zu erhalten. Wo aber die Waffe uns gewaltsam in die Hand gedrückt wurde, mögen wir es als eine besondere Gnade des Herrn preisen, daß es uns und unseren treuen Verbündeten beschieden ist, einer ganzen Welt in Waffen zu trotzen. Unsere ruhmvollen Siege erscheinen uns aber wie das Mittel zu dem heiligen Ziele: „B3t*ix2 tot, x? 2jni 2Tm, Kein Schwert wird durch euer Land ziehen." „Und dennoch", heißt da für uns: nicht Krieg um seiner selbst willen, Krieg um irdische Macht und um der Erdengüter Fülle nnd Glanz. Uns ist der Krieg ein Kampf für Freiheit, Kultur und Gesittung, daß der Friede die Welt beherrsche und seine Güter die Menschen beglücken, auf daß wieder zur Wirklichkeit heranreife die Verheißung der Thora: „Tina pxi araatm px2 ü'bv >nmi, Ich gebe Frieden auf Erden, ihr legt euch nieder und nichts stört die Ruhe." Die Vorfrucht dieser beseligenden Verheißung genießen wir bereits jetzt mitten im Kriege, in dem der .. ...... . ,