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Der Israelit · 1915-04-29 · Heft 19 (29.4.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 19 (29.4.1915)
Date
1915-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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29. April 1915 Der JSraelit. -MM volle und brauchbare Bausteine zu wissenschaftlichem Gefüge aufzufind^lr und aufzudeckell weih; und er besaß weiter die ebenfalls seltene Gabe, aus diesen kleinsten Fund- und Bruchstücken edlen Materials ein wunderbares Mosaik zu bilden, welches die Farbenvielfältigkeit und Zusammenhangslockerheit der Bauelemente in der Harmonie einer höheren Einheit auflöste. Diesen Gaben verdankte er seine Meisterschaft in der Popularisierung der von ihm vertretenen Wissenschaft,' das Wort in seinem besten Sinne verstanden als einer Uebung, die sich ebenso fern von einer oberflächlichen, das Wesen nicht berührenden Darstellung, wie von der Vertiefung in gelehrte Spezialforschung und von der Nn- Verdaulichkeit der Ausdrucksformen hält. Berliner war in keinem Sinne Parteimann; die Eigenwilligkeit dieser starken Persönlichkeit war zu groß, um im Rahmen irgerrd-einer Organisatiorr ihren Platz zu finden. Daraus folgte, daß er in allen.Fragen der jüdischen Tagesgcschichte seine eigenen Wege ging und - ein Fehler dieser Tugend — auch da und dort den Einblick in die Notwendigkeiten des Tages verlor. So lebte er der irrigen Vorstellung, das; die Reform, deren Orgien in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts er unter Schmerzen miterlebt, nunmehr abgewirtschaftet habe, worin ihn die zwerghaste Größe ihrer Vertreter in unseren Tagen bestärkte, und daß es daher, nachdem die Gefahr von außen abgewendet, an der Zeit sei, unsererseits mit Reformen voranzugehen, die man unter dein Drucke der aufgenötigten Defensive bisher zurückgestellt habe. So entstanden die beiden Heftchen seiner „Randbemerkungen zu den täglichen Gebeten", die eine Revision unseres Siddurs in sachlicher und grammatikalischer Richtung und ein Zurückgehen auf den „Ursiddur" in vielen Punkten forderten. Vor einer eingehenden Kritik vermag diese Forderung auch in wissenschaftlicher Hinsicht ganz gewiß nicht zu bestehen. Aber auch die Voraussetzungen, die Berliner zu dieser Formulierung „orthodoxer Reformbestrebungen" führten, erweisen sich demjenigen, der mehr als er im lebendigen Kampf mit Vertretern des liberalen Judentums zu stehen verurteilt ist, als Ergebnisse einer theoretisierenden Betrachtung der Dinge, die vor der rauhen Wirklichkeit nicht bestehen können. Es sind ja freilich gar kleine Größen, die da drüben das Erbe der Holdheim, Geiger und Konsorten verwalten; aber schon das Bibelwort lehrt uns ja die ewige Wahrheit, daß auch kleine Füchse den Weinberg verwüsten könncn. Die Stellung Berliners zur „Reform" darf wahrlich nicht aus diesem Irrtum, der den Menschen und Jehiudi in ihm ehrt, erschlossen werden, wie man es voll gegnerischer Seite ja wohl versucht hat. Wie er über sie und ihre Bestrebungen dachte, das lehrt uns seine Schrift „Zur Lehr and zur Wehr über und gegen die kirchliche Orgel im jüdischen Gottesdienste", lehrt uns seine Wirksamkeit als Lehrer seiner Schüler, als Führer seiner Gemeinde, das lehrt uns seine Lebensauffassung und Lebensbetätigung, wie wir sie sahen und kannten. Er war unser und unserer Besten einer. Möge sein Geist und seines Wesens Art Beispiel gebend und Nachahmung weckend in der Lehranstalt, deren Zierde er war, in der Gemeinde, die den treuen Hüter in tiefem Weh vermißt, fortleben bKUn fiK’D np. Halevywissenschaftliche Methode. Zum erste« Iahrreitsta-e K. Asaar Katrvys S"3CT, (20. Ijar.) Bevor die Resultate seiner Forschungen im Druck Vorlagen, sprach Halevy nur ungern von denselben. Auf diesbezügliche Bitten und Fragen seiner Freunde und Schüler hatte er häufig die Antwort: „Ich sage es Ihnen nicht; denn was ich gefunden habe, wird Ihnen nach meiner Beweisführung so ßlbstverständlich erscheinen, daß Sie glauben werden, es nie anders aufgefaßt zu haben.. Wollen Sie wissen, was ich Ihnen gegeben habe, so müssen Sie warten, bis urein Buch erschienen ist." In der Tat, gar vieles, was der Meister neu gefunden hat, erscheint uns in dem Maße wahr, daß wir uns gar nicht vorstellen können, einmal anders über die betreffenden Tatsachen gedacht zu haben. Woher kommt das? Wett mehr noch als die Lö ungen, welche wir dem Geist, dem Wißen, der Gedächtniskraft nnd dem geschichtlichen Weitblick Halevys verdanken, weckt seine Frage st ellung unsere Bewunderung. Da gibt es soviele allbekannte und vielgenannte Dinge, die Rätsel und Unverständliches bergen, woran wir stets achtlos vorübergtngen. Greifen wir einige Beispiele heraus. Welcher Freund jüdischer Geschichte weiß nicht, daß die Sekte der Sadduzäer erst im unabhängigen Makkabäerstaate als einflußreiche Partei, wie über Nacht entstanden, auftaucht? Wem ist es unbekannt, daß von den Gelrhrtenpaaren des ersten Kapitels das Traktat Abot der zuerst genannte Fürst, der zweite Vorsitzende des Gerichtshofes heißt? Auch das ist allen bekannt, daß Htllel erst ein oder zwei Tage vor dem Fest, als die aus allen Gegenden der jüdischen Welt Herbeigeeilten schon im Vorhofe des Tempels versammelt waren, die Frage nach dem Peßachopfer am Sabbat zu entscheiden hatte. Wir alle kennen die Schulen Schamai's und Hillels aus den Diskussionen in der Mischna und wissen auch, dieser Trauer ist umso merkwürdiger, als sie — ungleich den anderen Tranerzeiten — an keine der ehemaligen nationalen Einrichtungen des heiligen Landes anknüpst. Es sind vielmehr Schicksalsschläge, die Israel in der Zerstreuung betroffen, die die jährliche Trauer veranlassen. Der Tod von vielen Tausenden unter den Schülern des R. Aktba und die Vernichtung vieler blühender Gemeinden anläßlich der Kreuzzüge und des „schwarzen Todes" motivieren die Sephiratrauer. Beruht nun diese Wandlung der Zeiten auf bloßem Zufall'? Ueber die Zeit, in der Stadt und Heiligtum in Trümmer gingen, berichten unsere Weisen, daß sie, schon bei der Volkswerdung Israels, schon in der Wüste, von der göttlichen Vorsehung für die kommenden traurigen Ereignisse vorbestimmt war. Welcher Zusammenhang läßt sich in der Geschichte für die Sephiratrauer feststellen'? Lassen sich in der Thora, wo nach der Auslegung unserer Weisen, alle zukünftigen Ereignisse des Volkes angedeutet sind, Hinweise dafür auffinden, daß unter gewissen Verhältnissen und Bedingungen, einst in der Sephirazeit, schwere Schicksalsschläge Israel treffen werden? Die Tatsache, daß für kein Fest und kein Ereignis des ganzen Jahres bk Thora für das ganze Volk die Tage zu zählen vorschreibt, und sie nur gerade für die fröhlichste Brautzeit Israels und die Erntezeit der Sephira vorgesehen, weist darauf hin, daß die Freude und Wonne einen höheren Zweck haben, daß diese Festtage zu einem höheren Ziele hin gezählt werden sollen. Somit entbehrte die Sephirazeit niemals eines ernsten Hintergrundes. Nur stellte die göttliche Güte Israel in Aussicht, dieses ernste Ziel in Freude und Wonne, in Hülle und Fülle erreichen zu können. Diesen zwiefachen Charakter von Freude und Ernst der Sephirazeit findet man in seinen weiteren Folgen und letzten Konsequenzen bet einer näheren Betrachtung der beiden in der Thora enthaltenen Sephiragesetze bereits angedeutet. Vergleicht man nämlich die Ausdrucksweise dieser Vorschrift, wie sie im dritten Buche steht, mit dem Wortlaut dieses Gesetzes, wie er im fünften Buche vorkommt, so bemerkt man eine auffallende Abweichung. Die Halacha erklärt das eine Gesetz, als auf die Nacht, das andere auf den Tag bezüglich. Erkennungszeichen dafür, daß „xnp'i" vom Sephiratag, „ann-t" dagegen von der Sephiranacht spricht, findet man an den beiden Stellen, damit ist aber schon der zwiefache Charakter dieses Gesetzes angedeutet. Zunächst wird in „*rp»T" die „Se phirawoche" wiederholt mit natP, Ausdruck eines Festes, in „ansn" dagegen immer mit „nyistp", was bloß eine siebentägige Woche bedeutet, bezeichnet; in x*ip*i wird der Anfang der Sephira mit dem Opsertag des Omers „ivv rx aax'an dvd" in Verbindung gebracht, in anan mit dem Beginn der Ernte ^nna nvpa renn und schließlich in XTpv heißt es „ozb", was mehr an die Gesamtheit Israels, in anan dir, was an jeden Einzelnen gerichtet ist. Das Sephira- Gesetz von Deborim deutet son.it auf eine Zeit hin, wo, rvie es bei unseren Weisen heißt, ri*a pxt? }ora C"p enpen, das Heiligtum nicht mehr steht; ein Hinweis zugleich, daß wir zu allen Zeilen Sephira zählen müffen, somit auch, wenn das Omer nicht geopfert wird. (Forts, folgt.) Dichtung und Wahrheit über die Juden Polens. Ein Mitarbeiter der sonst nickt sehr von Vorurteilen befangenen „Kölnischen Zeitung" verlebte einen Ostersonntag in einem „polnischen Reste" und Ma No. 19 Seite 3 daß Schulen anderer Meister bei den Kontroversen nicht genannt werden. Sv groß die Zahl derer Ist, denen das alles vertraute Tatsachen sind, so verschwindend wenige gibt es, denen das dabei Ausfaltende zu Bewußtsein gekommen ist! Bet diesen und gar manchen anderen Dingen smußlen wir erst auf den Meister Halevy warten, b i S d a s „W a r um?" ausgesprochen wurde. Die Gewohnheit des Erlebens und Erfahrens läßt uns achtlos an einer Fülle von rätselhaften Dingen vorübergehen. Der Entdecker der FallgeseHe, dem ein Apfel vom.^Baume herab auf die Nase fiel, soll der erste gewesen sein, der sich die Frage vorlegte, war Hm der vom Baum gelöste Apfel denn, statt nach der Erde hin zu fallen, nicht zu dentz Wolken emporgestiegen sei. Die objektive Fragestellung, mit der schon der erste Schritt zur Beantwortung der Fragen geschehen ist, ist es, die^an^ zahlreichen Stellen des Doroth Harischonim7unser Staunen weckt. Dem Blicke Halevys verhüllt das Bertrautsein mit einer Tatsache nicht deren Kern. Er gehört zu denjenigen, denenjmerkwürdige Züge auch bet alt. bekannten Menschen immer wieder auffallen. So kommt es, daß unser Meister stets aufjdie Dinge selbst eingeht, die Ereignissen ihrer Nacktheit betrachtet und fich^nicht) durch die mannigfachen Kleidungsstücke und Verkleidungen täuschen läßt, mit denen sie wieder und Wied er^be hangen wurden. Gleich objektiv wie Halevy den Einzeltatsachen gegenübersteht, betrachtet er auch die Darstellungen der gesamten Geschichte. Der Name keines Forschers, so geschätzt und angesehen er auch allenthalben sein mag, kannjihn dann hindern, völlig unbefangen zu den ersten Quellen des zn behandelnden Stoffes herabzusteiqen. (Schluß folgt). Vermißte jüdische Aamilien. XXIV. Es sucht: Jaukiel Kosmiusky, Kriegsgefangener im Gefangenenlager Stendal, Jtr. 886, 1 Kompagnie. Frau Ollen, Franks, a. M., Mainstr. 14. Es werden gesucht: Die Ettern Michael Kos minsky und Frau; angeblich in London. G Machfpruff. Hambg, Grundelhof 83. Jonas Gewürz, Adele u. 2 Kinder, geflüchtet aus Tarnow (Galizien.) 1. Jacob Schiff aus Tarnow. 2. Dawld Gewürz aus Gorlice; letzter Aufenthalt Tarnow. Meldungen nimmt auch dre Expedition des „Israelit" entgegen. ' 's unternimmt, ohne Hindernis Vonseiten der Redaktronsleitung oder der Zensur zu finden, einen lustigen Ausflug ins Reick — des AntiseMtismus, dem es jetzt unter der Kriegsnot in den deutschen Landen schlecht genug geht. Was va der Ostersonntag- Schreiber der Kölnischen alles im jüdischen Laden sah, mußte wirklich das blaue Blut in seinen Adern erstarren machen: Hosenträger, Knoblauch und icheußlicke Ansichtskarten „Und das Geschäft blüht trotz der unverschämten Preise, denn gestern war Schabbos, und der Verlust muß eingeholt werden". Die Juden „im langen Kaftan mit den eigenartigen Mützen, schwarzlvaig. graubärtig oder rothaarig, stets höflich und zur Auskunft bereit, aber ebenso bedacht aufs Geschäft, das durch die günstige Gelegenheit geboten wird. Die in einer „kinderreichen jüdischen Familie" genossene Gastfreundschaft quittiert der Herr u. a. mit folgenden Liebenswürdigkeiten: „Rechtlos und widerwillig geduldet, sind sie gezwungen gewesen, sich eng zusammen- und streng abzuschlreßen, und diese Tatsache im Zusammenhang mit der, daß sie durch ihre Zahl und ihren geschäftlichen Uebereifcr das Land fast zu einem hebräischen gemacht haben, macht es erklärlich wenn auch nicht entschuldbar, daß das russische Volk die Juden als einen Pfahl im Fleisch emvsindet und diesen mit Gewalt entfernen möchte." Dieses verstehende Lächeln für die Pogrompolitik der Russen und dre Boykotttaktik der Polen ist wirklich köstlich und enthebt uns der Mühe, uns tverter mit dem Herrn zu befassen. Tief zu bedauern ist eS nur, daß in einem Blatte vom Range der „Kölnischen Zeitung" solche Haßausfälle eine Ablagerungsstatte finden. Me wohltuend hebt sich doch von diesem Gr- ---

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