Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 19 (29.4.1915)
- Date
- 1915-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 N«. 1» Derrtsttz-s R«1«y. Lorrespondenzen und Nachrichten Büdier-Sammlung Ser „flgudas-Isroer. Arankfnrt a. M, 25. April. Die „Agudas Jsroel" hat zur Linderung der materiellen Not im Osten vor einigen Wochen eine Geldsammlung etngelettet und ihr Ruf hat in den weitesten Kreisen lebhaften Widerhall gefunden. Nunmehr erweitert der Gruppenverband der „Agudas Jsroel" in Deutschland seine Hilfsaktion durch eine großangelegte Bücher-Sammlung, zu der er im Jnseraten- Tetl unserer heutigen Nummer auffordert. Ein Teil der gesammelten Bücher soll auch den Gefangenen-Lagern zugute kommen. Die Errichtung von fünf Depots erleichtert wesentlich die Zusendung der Bücher. Gewünscht werden besonders Talmud-Exemplare (auch einzelne Bände), Mtschnajoth und sonstige hebräische Werke der rabbtnischen Literatur, sowie Gebetbücher, Chumoschim und Tehillim. In zahlreichen Privathäusern und Gemeinden finden sich größere und kleinere Sammlungen von Büchern der erwähnten Kategorien und sind vielleicht seit Jahrzehnten unbenutzt. Der Besitzer solcher Bücher hat jetzt gute Gelegenheit, sich durch Übersendung derselben an die „Agudas Israel" an einem edlen Werk der jüdischen Menschenliebe zu beteiligen. Das Sdiitftfal der Kriegsgefangenen in Rußland. Wreskait, 18. April. Es wird den Angehörigen jüdischer Soldaten, die das Unglück hatten, als Kriegsgefangene in russische Hände zu fallen, zur Beruhigung gereichen, daß man, wie es scheint, in Sibirien auf eine anständige Behandlung und Berücksichtigung der religiösen Bedürfnisse der Soldaten bedacht ist. Einem unserer Leser geht von seinem Bruder, der sich als Kriegsgefangener in Ni ko lsk, Gouv. Tomsk befindet, folgendes Schreiben vom 21. Februar zu: „Seit dem 14. er., an dem ich eine Karte von Schwester erhielt, habe ich von Euch keinerlei Nachricht und ich erwarte stündlich das Eintreffen einer solchen. Bor- _Der JSraeltt.____ gestern erhielten wir frischen Zuwachs, darunter auch einige Türken. Die Neuankömmlinge stehen natürlich im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und ihre Erzählungen bilden unser Tagesgespräch. Dank ves Entgegenkommens des hiesigen Kommandanten wlrd uns zu Pessach das Menagegeld ausgezahlt, eine besondere Küche angewiesen und für Gottesdienst gesorgt werden. Auch die Megillah werden wir nicht vermissen. Mazzoth soll Wladiwostok schicken. Meine Jomrvfwünsche habt Ihr hoffentlich erhallten." Oie Sabbalbwle Karlsruhe, 16. April. Ein Runderlaß des badischen Ministeriums des Innern an die großherzoglichen Bezirksämter vom 10. April über die Regelung des Verkehrs mit Brotgetreide und Mehl behandelt auch die Sabbatbrote. Die Stelle tautet: „Nach der Aeußerung des großherzoglichen Oberrates der Israeliten entspricht es einem religiösen Gebot, daß bei den sabbatlichen Hauptmahlzeiten (Freitagabend und Sabbatmittag) je zwet ganze Brote („doppeltes Brot"), über die ein Segen gesprochen wird, Verwendung finden. Die Brote sollen frisch sein und werden daher am Freitagvormiliag bebereitet. Beimischung von Kartoffeln oder Kartoffelmehl ist religiös nicht zu beanstandenden Zusatz von Roggk nmehl würde der Oberrat lieber vermieden sehenfalls er unvermeidlich sei, könne er als religiös angängig gelten. Die Herstellung dieser Sabbatbrote fällt nach Ansicht des großherzoglichen Oberrats, der wir uns anschließen, unter tz 20 Abs. 2 der Bundesratsverordnung über die Bereitung von Backware. Wir ermächtigen die Kommunalverbände, soweit ein Bedürfnis hierfür besteht, die Bereitung und Abgabe dieser Sabbatbrote an jüdische Haushaltungen zu gestatten. Doch hat die Angabe in den Bäckereien nur gegen Brotkarte zu erfolgen." Die angeführte Aeußerung des Oberrats ist auf besonderes Ersuchen des Ministeriums abgegeben worden, welches seinerseits durch die Anfrage eines Bezirksamts zu einer Entschließung bezüglich der Sabbatbrote veranlaßt war. Aus den okkupierten öebiefen. Lodz, 26. April. Der Krankenverein „Linas Hazedek" hat seine Tätigkeit wieder ausgenommen. Der Verein „Btkur Cholim" hat im März folgende Tätigkeit entwickelt: Krankenbesuche der Aerzte 712, ärztliche Hilfeleistungen im Ambulatorium des Vereins 403, Arzneien wurden an 1153 Personen, Milch 1547 Quart, Grütze 288 schreibsel ein Artikel in der „Posener Zeitung" vorn 16. April, in dem ein Kundiger mit Ernst und tiefem Verständnis für das Leben und Leiden der Bevölkerung feine Reifee indrücke in Polen schildert: „Dreißig Prozent der Lodzer Bevölkerung sind Juden. Die Juden find zweifellos der interessanteste Teil der Einwohner von Lodz wie überhaupt von Russisch-Polen. Auf Schritt und Tritt begegnen uns Gestalten von vatnarcljalisch-biblischer Erscheinung Man glaubt bisweilen, daß die Männer, die dein großen Rembrandt van Rbyn Modelle für seine Juden lrilder ivaren, wieder lebendig geworden sind. Die Lodzer Jndengcmcinde zählt 180 000 Seelen; sie gehören allen Berufen vom Fabrikarbeiter und Gepäckträger bis zum Großindustriellen und Gelehrten an; da sie aber ein besonders großes Kontingent zu Berufen wie Droschkenkutschern, Hausierern, Kleinhändlern nsw., denen man überall auf der Straße begegnet, stellen, so fallen sie im Stadtbilde noch stärker, als ihrer Einwohnerzahl entspricht, ans; nur eine ganz dünne Oberschicht ist polonifiert oder russisizicrt; die Massen sind den Traditionen ihrer Vorfahren bis auf das J-Tipfelchen treu geblieben. Ich hatte Gelegenheit, einen Sonnabend in Lodz zu verleben und an diesem Ruhetage der jüdischen Gemeinde auch ihrem geistlichen Führer, her durch seine tiefgründige tHelchrsamkeit, seine vielseitige Bildung, sein würdiges Auftreten wie seine innige Religiosität und seine imposante Erscheinung einen gewaltigen Eindruck macht, dem Oberrabbiner L. L. Treistm n n , näherzutreten. An ihrem Sabbathvergessen diese von der russischen Gewaltherrschaft seit Jahrzehnten gedrückten Menschen ihrer Mühsal und ihres Leidens in dem Glauben an ihren Gott und ihre Zukunft. Die deutschen Heere gelten ihnen als ihre Befreier; zwar wagten sie nicht, da sie auch jetzt noch don den russischen Spionen umgeben sind und für das Leben ihrer in Rußland befindlichen Brüder bangen, offen t'ud laut den deutschen Truppen zuzujubeln: in ihrem Herzen aber sind sie die treuesten Freunde der deutschen Sache. Aus der Insel der Ruhr, die die Sabbathsrier der Juden bildet, wenden wir uns wieder den» Strom der Großstadt zu. Der Sabbath geht zu Ende. Die bolle 24 Stunden geschlossen gewesenen Geschäfte öffnen bei Sonnenuntergang wieder ihre Pforten, und aus den Straßen wird es ivieder lebhaft. Wir wellen das Volk bei seiner Arbeit betrachten, aber leider gibt es gegerüoärtig sehr wenig Arbeit. Die jetzige wirtschaftliche Lage in Lodz ist tieftraurig. (Jnzwi;chen haben sich die- Verhältnisse wesentlich gebessert Die Red.) Das Elend der Massen ist schrecklich. Der Straßenbettel grassiert in erschreckender Weise Dre deutsche Verivaltung ist bestrebt, nack jeder Hinsicht so gut es geht, ßu helfen. Die Liebestüligteit zeigt sich in grandioser Weise. Alle irgendwie wohlhabenden Beivohner wetteifern in der Gewährung von Unterstützungen. Hunderte von jungen Damen der Gesellschaft durchwandern von früh bis abends die Straßen mit Büchsensammlungen; sie lassen keinen Passanten vorbei, ohne daß er zugttnsten eines wohltätigen Zweckes eine Papierrosette Nlit der Aufschrift „lies sacra" von ihnen sich anhesten läßt und dasür seinen Obolus zahlt. Das amerikanische und das deutsche Zentral-Hilss- Komiree senden große Summen und alles ist lvie ein Tropfen auf einen heißen ^tein gegenüber dem nn sagdareir Elend." __ 30. April 1916 Pfd., Zucker 59 Pfd. und Tee 116 Lot unentgeltlich an arme Kranke verabfolgt. Der „Verein zur Unterstützung zeitweilig mittelloser Kaufleute" ist es gelungen, die Unterstützungen für weiter 2% Monate sicherzustellen. Gegenwärtig verteilt die Abteilung wöchentlich an etwa 900 Familien 2000 Rbl. In der Handwerksschule Talmud Thora wurde am 20. d. Mts. der Unterricht wieder ausgenommen. An den Fretkursen für Analphabeten, die vor drei Monaten in der Handwerksschule Talmud-Tora eröffnet wurden, beteiligten sich bereits über 500 Personen. Jeden Tag melden sich neue Kandidaten, die jedoch wegerr Raummangels nicht angenommen werden können. Die Teilnehmer an diesen Kursen entstammen fast ausschließlich Arbeiterkreisen. Gelehrt wird die deutsche, polnische russische, jüdische und hebräische Sprache sowie Arithmetik. Welch großes Interesse man den Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeiterschaft unserer Stadt aber auch in der Provinz entgegenbringt, beweist die Tatsache, daß sich in verschiedenen Städten Vereine gebildet haben, die es sich zur Aufgabe machen diese Einrichtungen, wie z. B. die billigen und Freiküchen der Arbeiter, das Arbeiterheim, die Arbeiterwäsche u. s. w. materiell zu unterstützen. So hat sich in Kutno ein derartiger Verein unter der Benennung „Jüdische demokratische Arbeitergruppe" gebildet. Die Mitglieder zahlen einen wöchentlichen Beitrag von 10 Pfg. Auf Grund der Bestimmung des Berwaltungsrates des Königreichs Polen vom Jahre 1830 ist die jüdische Gemeindeverwaltung verpflichtet zu prüfen, ob der Rabbiner die Zivilstandsbücher regelrecht führt und ob die Eintragung über Geburten, Todesfälle und Eheschließungen den Tatsachen entsprechen. In einer der letzen Sitzungen der Gemeindeverwaltung wurde daher beschlossen, eine Revision der Ztvilstandsbücher vorzunehmen. Gestern früh prüfte man in Anwesenheit des Rabbiners in dessen Kanzlei die Ztvilstindsbücher für das Jahr 1914 und es wurde festgestellt, daß sie musterhaft geführt werden. Zahlreiche Familien, die nach Kali sch zurückgekehrt sind, und denen es anfänglich schwer fiel, sich den neuen Lebensbedingungen anzupassen, befassen sich jetzt mit Handel. In der Stadt herrschte dabet große Notum diese zu lindern, wurde eine Reihe billiger Teehallen und Küchen eröffnet. Außerdem wurde ein Asyl für 150 arme Kinder eröffnet. In der letzten Zeit macht sich auch in der örtlichen Industrie eine gewisse Belebung bemerkbar. Der größte Teil der Färbereien wurde in Betrieb gesetztes werden hauptsächlich Spitzen gefärbt, deren Herstellung vor dem Kriege den Hauptzwetg der Industrie Eine neue Landgemeinde. Pu» Prediger Lion Wotff in Tempelburg. Ost wird, besonders von unseren Beamten, dnriibn geklagt, baß unsere Gemeinden sich immer an Mitgliederzahl verringern, sodaß viele Provinzialoemeinden ans dem Aussterbeetat stehen. Der Krieg hat auch hier eine ganz außergewöhnliche Erscheinung gezeitigt: er hat in der Nähe kleiner Städte temporäre Gemeinden nlit einer gewaltigen Zahl nnsceilvilliger Mitglieder errichtet — ich meine die Gefangenenlager. Der Truppenübungsplatz in Hammerstem W.-Pr. hat seit August v. Js. unter 40,000 russischer Gefangenen, 500 bis 1000 Juden. Sämtliche Russen, die im Osten (Ostpreußen und Polen) gefangen genommen wurden und iverden, kommen zunächst nach Hammcrstein. Hier werden sie auf ihren Gesundheitszustand untersucht; die Seuchenverdächtigen isoliert und dann nach einigen Wochen wcitertransportiert. Daher die unbestimmte Zahl, die zwischen 500 und 1000 variiert. Ich sah einmal beim Gottesdienst 500; am Erew Pessach haben sich bei der Mazzo-eVrteilung 800 eingefunden. Interessant ist, daß die Kranken auch von zwölf internierten jüdischen Aerzten behandelt werden, die übrigens auch zu Operationen in den Lazaretten in der Stadt zugezogen ioerden. Meine Schutzbefohlenen erhielten durch die Munisizenz der ..Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" zu Pessach zwanzig Zentner MazzothiDre Freie Bereinigung bat, wie ich höre, in gleicher Weise für IS 000 Mische Kriegsgefangene gesorgt), wozu ich durch die Hilfe des „Wefwieußi*