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Der Israelit · 1915-04-29 · Heft 19 (29.4.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 19 (29.4.1915)
Date
1915-04-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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fette S «r. 19_ errichteten bm Labestationen, um die Flüchtlinge nicht schon auf der Durchreise verhungern zu lasten, sind wahrlich keine Leistungen, wie sie von den Juden Ungarns in solch schwerer Zeit gefordert werden wüsten. An keine Bevölkerungsklaffe der beiden verbündeten europäischen Zentraimächte stellt dieser Krieg neben den allgemeinen Blut opfern solch große Anforderungen an seelischer Stärke und geistiger Unver;agthett wie an die Juden Galiziens. Es ist die heiligste Pflicht auch der deutschen Judenheit und ihrer Presse, den schwer geprüften Brüdern im Schwesterreiche nicht nur mit Geld, sondern auch mit werktätigem Interesse bei den Behörden und vor der Oeffentlichkeit zur Seiten zu stehen. Prof. Abraham berliner '»-« Qr. B. N-rlin, 26. April. Wenige Tage vor Vollendung des zwei-- und achtzigsten Lebensjahres ist Professor A b r a h a m Berliner am Abenddes 2l. Llpril zu seinen Vätern im Frieden heimgegangen. Alt und fcttt. an Tagen, roie es von den Patriarchen der Bibel heißt, hat auch Abraham Berliner sein Leben beschlossen; kein langes Stechtuin hat den Leib müde urrd mürbe der Erlöserin Gruft überantwortet; nach einem Krankenlager von kaum Wochenfrist ist er ruhig, ohne Todeskampf in die Gefilde der Ewigkeit yinübergeschlummert. Und noch ein besonderer Segen des Himmels ward ihm ganz zuletzt zuteil: er hat, wie es in diesem hohen Greisenalter wohl nicht unnatürlich gewesen wäre, feinen Verstand nicht überlebt: ungetrübten Denkens und im Vollbesitz der gewohnten, geistigen Regsamkeit hat er bis zur letzten Lebensstunoe an allen größeren imb kleineren Geschehnissen um ihn vollen, tätigen Anteil genommen, und erst als sich bereits dicht die Totzesschatten über sein sterblich Teil hernicdersenkten, entschwand auch in wohltätiger Benommenheit die Klarheit dieses rastlos arbeitenden Geistes. Es ist ein reiches Leben, das mit biefent Hingang seinen Abschluß sand. Ein Leben, das in keinenr Moment seiner langen Daseinsdauer den Stempel der Alltäglichkeit trug. Mochte damals, vor langen Jahren, der urdeutschie Herr de Lagarde in seinem Streit mit Berliner, in dem er vor dem Forum der unbestechlichen Wissenschaft ganz gewiß nicht der Sieger blieb, mit wenig Witz mtb viel Behagen die Herkunft des Gegners „aus Obersitzko" immer gröber und gröber unterstreichen: es gehörte sicherlich ein größeres Maß von Können und Leisten dazu, Der Asraelit. es vom armen Schultehrerssohn aus Obersitzko zu der achtunggebietenden Stellung, die Berliner sich errungen, zu bringen, als nach Lagardeschem Muster durch Anbiederung an die Großen der Erde eine glänzende Karriere zu machen. Auch an äußeren Ehren hat es Berliner nicht gefehlt; die Leipziger Philosophische Fakultät überreichte ihm, der nie ein akademisches Studium betrieben, auf Antrag Franz Delitzschs in Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung seiner Raschiedition den Doktorhut, die Preußische Regierung verlieh ihm den Professortitel u. v. a. Aber was diesen Ehren erst den voller: Wert verleiht, ist die Tatsache, daß er, wiewohl er dafür ganz gewiß empfänglich war, dieselben rricht durch Preisgabe seiner Manneswürde, durch Protektion oder Liebedienerei sich erkauft hat, sondern aus seinen Anschauungen und Ueberzeugungen, auch den politischen, nie ein Hehl gemacht hat, mochten dieselben ihm auch an einflußreicher Stelle nicht zum Vorzug angerechnet werde::. Und dieser Zug zur Mannhaftigkeit kam auch schon in seiner äußeren Erscheinung zum Ausdruck. So klein von Statur, so schwächlich und zart der Körperbau, so imponierte doch auch dem Fernstehenden, der ihn vielleicht zun: ersten Male sah und nichts von dem Manne wußte, der selbstsichere, feste Gang, das unerbittlich scharf durchdringende Auge, der energische Gesichtsausdiuck als Zeugen einer starken Willenskraft und eines in sich gefesteten Persönlichkeitsbewußtseins. Diese Zeugen sprachen die Wahrheit. Abraham Berlirrer gehörte nicht zur Klasse jener pflaurnen-- weichen Naturen, die jedem Entschluß aus dem Wege gehen, weil sie die Konsequenzen, nicht zuletzt für sich, fürchten. Sondern stark in der Liebe wie im Haß ist er stets für das, was er für das Rechte und Gebotene hielt, bis mss Aeußerste eingetreten, wie er andererseits das ihm als schlecht Erscheinende mit einer bis an die letzte Grenze reichenden Rücksichtslosigkeit bekämpfte und keine Konzessionen und Kompromisse kannte. Der Kindersegen blieb ihm versagt. Von den Gaben der Liebe, die sein Herz barg, bedachte er seine Angehörigen und Freunde reichlich. Aber den Hauptteil übertrug er auf die Gemeinde feiner Wahl, auf unsere Maß Jisroel, in < der er die Verkörperung seiner religiösen Ideale sah, und die er, zun: Dank, zum Idealbild einer jüdischer: KeMlah, wie es sich ihm aus Geschichte und Erlebms herausgebildet hatte, zu gestalten mit allen Kräften und voller Hingabe bemüht war. Er gehörte zu ihren Mitbegründern und fast vom ersten Tage ihres Bestehens als führendes Mitglied ihrer Repräsentantenversammlung an; seiner eisernen Energie _29 April 1MB und seinem zielbewußten Borgehen ist die Verleihung der Rechte einer Synagogengemeinde an diese „Austrittsgemeinde" zu danken, und auch in schwersten Zeiten und Lagen, an denen es in ihren Kindertagen nicht fehlte, ist sein Glauben an ihren Beruf und an ihre Daseinsnotwenbioteit nicht schwankend geworden; er hat in dem sichtbarlichen Emporblühen und Wachstum seiner Gemeinde den schönsten Lohn für seine Treue gesunden. Und cutch wo er sehlgriff und in seiner rauhen Sachlichkeit in berechtigte andersgerichtete Empfindung hart eingriff, konnte ihm die Anerkennung nicht versagt werden, daß er nur das Beste gewollt und die Sache, wie er sie sah, über alle Rücksichten gestellt habe. Daneben gehörte seine Liebe seinem Lehramt als Dozent der Literaturgeschichte am Rabbiner-Seminar, das er ebenfalls seit dessen Begründung versah, und der wissenschaftlichen Arbeit. Mochte seinen Vorlesungen auch die Systematik des Hochschulunterrichts, wie man sie vor: der Universität her gewöhnt ist, gefehlt haben so wußte er sie dafür durch eine reiche Beigabe von persönlichen und wissenschaftlichen Kleinzögen mit einem eigenen Reiz auszustatten. Der Anregung, die er dort gab, ist eine große Reihe wissenschaftlicher Arbeiten seiner Schüler zu verdanken, denen er aber nicht nur diese Anregungen, sondern auch, allzeit hilfreich und frei van jedem wissenschaftlichen Neid, seine Materialien, die sein Pult oder sein unverwüstliches Gedächtnis barg, verlieh. Die wissenschaftliche Bedeutung Abrahanl Berliner'^ in diesem Rahmen zu würdigen, ist bei der Legion von Arbeiten, die er geliefert, und der Fülle der Gesichte, die er darin behandelt, natürlich unmöglich. Sein Raschi-Kommentar ist ein Standardwerk geworden, dessen unvergänglicher Wert wie bei seinem Erscheinen, so auch heute, allseitig anerkannt ist. Ihm reiht sich würdig ein ganzer Katalog kleinerer uno größerer Abhandlungen an, von denen hier nur eine, die bei weitem nicht genügeild gewürdigt wurde, die kleine, aber inhaltsschwere Schrift „Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter" genannt sei. Freilich hat er auch schon vor dieser Zeit und erst recht nachher die Forschung in der jüdischen Wissenschaft durch zahlreiche Gaben bereichert, hinter deren zum Teil recht kompendiösem Umfang das kleine, schmächtige Heft ganz verschwand. Aber gerade sie trägt deutlicher als jene den Wesenszug seiner wissenschaftlichen Arbeit und ihrer Methode und sie zeichnet am schärfsten unter allen die Grenzen des Gebiets, in dem seine Leistungskraft ihre gegebene Betätigung fand. Er besaß dic selten gefundene Gabe einer Intuition, die auch da, wo der Fuß ungezählter Anderer achtlos vorübergeht, wert- Kleines Zenilleion. Möge nie der rag erscheinen... von S,ra Bondi in Jerusalem. Und der Tag wird kommen — — Und der Tag wird kommen, an dem — — Und der Tag wird kommen, an dem ich vor sie k,ir>treten und sagen muß: „Gehet heim, liebe Kinder, bittet Eure Eltern oder Angehörigen, oder Nachbarn, Euch Mittagbrot zu geben r:nd komnrt erst wieder zum Beginn des Nachmittagsunterrichtes zurück zur Schule. Wir können Euch nichts mehr geben, wir haben kein Geld mehr, Essen für Euch zu kaufen." Und 400 Augenpaare werden mich aus blassen, abgezehrten Gesichtchen Lrotz und traurig und ungläubig ansetzen. „Kein Essen mehr in der Schule? Was sollen wir tun?" scheinen ihre verzweifelten Blicke zu sagen. Traurig und zögernd, manche weinend, toiro die Schar der Kleinen abziehen. Wissen sie doch nur zu gut, daß daheim kein Mittagbrot auf sie wartet. Ist docb diese für viele jetzt bic einzige Mahlzeit, die sie täglich erwartet. Ist doch die Armut hier setzt größer denn je. Und was erhalten die Kinder in der Schule? Ein Stück Brot und eine Orange meist, weil "diese letztere das billigste, ja das einzig billige ist, was man jetzt hier in Jerusalem bekommt Und manchmal gibt es auch Suppe, wie sie dann strahlen! Aber die Preise für die Nahrungsmittel steigen, steigen — •Dhm ist auch noch ein tzenschreckenschwarm — die Heuschreckenplage, die man bisher nur aus der Bibel gekannt -- über Palästina gekommen. Millionenweise überstiegen die Heuschrecken das Land, lassen sich auf Feldern, Wiesen, Weinstöcken nieder, und dann ziehen sic weiter. Aber wo vor ihrer Ankunft sich dao Korn gewiegt, die Rebe blüht, ist es dann öde, leer — kein grüner Halm zu sehen. Kein Wunder, daß die Nahrungspreise unerschwinglich werden. Wie lange wird es uns noch möglich sein, unseren 400 das tägliche Stück Brot zu verabreichen? Was soll aus ihnen werden? Und flehentlich bete ich zu Gott: „Möge nie der Tag erscheinen, an dem " (A tt in erkung: Spenden für Fl l. Bcmdi's Hungrige Kinder werden entgcgengenommen bei der Redaktion dieses Blattes.) Die Sephiratage im Wandel der Zeit. Von Dr. A. Neuwirth in Mainz« tn den Tagen zwischen Pesach und Schrvuaus, ephiratagen, vollzog sich einst Israels physische und sittliche Befreiung. In dieser Zeit zogen die Befreiten aus der sittlichen Tiefe Egyptens zu der Gotleshöhe an, Sinai. Der Prophet Jiremjahu bezeichnet diese Tage nach der Erlösung "als die Brauttage Israels: „Ich gedenke dir deine jugendliche Huld,deine „bräutliche Liebe", wie du mir durch die Wüste gefolgt, durch unbesätes Land" (Jer. 2,2). Gott erwählte Israel in Egypten, am Sinai heiligte er es,- von Pesach bis Schwuaus dauerte die Brautzeit Israels. Bon dem beseligenden Bewußtsein, das das ganze Volk damals durchzuckte, weiß uns noch ein späterer gottbegnadeter Sänger, König Salomo, die herrlichsten Schilderungen zu geben. Das das Lied der Lieder, ist nach der Austastung unserer Weisen, dem innigen bräutlichen Verhältnis Gottes zu Israel gewidmet. Auch nachdem Israel ins Land gezogen, waren die Wochen zwischen Pesach und Schwuaus die fröhlichste Zeit des Jahres. In dieser Zwischenzeit wurde nämlich jährlich die Ernte geschnitten und das Offenbarungssest mit seinem vorgeschriebenen Opfer der zwei Brote, »nsr" bildete zugleich am Schluß der Ernte ein „*i’5tpn;n"" ein Erntedankfest (Ex.;U,22). Jeschajohu berichtet uns von den herzerhebenden Gesängen, die bei dieser Arbeit der frohlockenden Brust der Schnitter sich entrangen. Wollte man die höchste Freude des menschlichen Lebens durch ein Beispiel näher erläutern, so wies man auf die frohe Stimmung bei der Ernte hin. „vxpn rnetw “peS map", „Sie freuen sich vor Dir, wie die Freude bei der Ernte" Nicht minder freudig verbrachte Israel die Zeit zwischen Pesach und Schwuaus während des zweiten Staatslebens. Die Freude und Wonne der Ernte wurde da durch verschiedene nationale Siege, die die Selbständigkeit des Landes sicherten, die Heiligkeit des Tempels festigten, noch erhöht. Die Fastenrolle (n’iyri nV'30) berichtet uns von verschiedenen Festen, die unsere Weisen aus Anlaß dieser Siege für die Zeit des Tempelbestandes, zur jährlichen Abhaltung eingerichtet haben. Und wie oft wurde da am 14. Jjar das zlveite Pesach gefeiert. Ist es demnach nicht auffallend, daß gerade diese Brautzeit von Pesach bis Schabuoth für das wandernde Israel zu einer Zeit der grauer wurde, wo jede Freude gemieden werden soll? Die Abhaltung

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