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Der Israelit · 1915-04-29 · Heft 19 (29.4.1915) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 19 (29.4.1915)
Date
1915-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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U.W., J jo» U4S.'>^ „1.V V-- ' ■ 56. Jahrgang- Sranhfurf a. UI-, gen — - ®S9 Jt& Der Israelit flR9(V\ Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Judentwn ufjSf j II p^asaagga Begründet non Df. lefcinann in IDainz sas^s \\\ WD^j *»omicmc«t pro «tertrNohrr VrwShnlichr «vs,a-r Mkikv, brftauSsabr (Kuu-dnnv «k. 8.—. AuSlandSdnisr. SrwSknlich« lufiflobr i Orsterreich-lloaarn s Kr., VhtHanb 1 Bub* England s si*.1( Amerika 80 ei»., ftiuetumbt 1.10 fl., Kravkrckch Fr» L80. Abonnements bei alle« Voflanstaltm, Buchbandlemgen. sowie direkt bei IttlAt. IMtantaft^ iw kWH Der JSraelit erscheint jeden Do««erftag. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespalten« Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenanuabme durch den Verlag deS JSraelit <8. m. b. H., Frankfurt a.M., Gr. Lschenbeimerstr^SZ Lel.5842.Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. deS In- und Auslands. Pt«tzv«schrMe» ohne InlmiklUikttt. Sa-l»»se» können aaßer direN an den Verlag erfolg« v« Aonto a»t de« fl. K. WaAfpaukaBe Wut Wo. 71W» CoMto del de« «. Vosts»a»laUe»a«t VndadeA Mo. L84AA (nt« der de« VN,«« Caamtnlaid 1» Mt« «md deren Ailialra. Her NsckSmck Ser Hrfihel und Correfpondenien des „Israelit“ ist nur unter genauer Quellenangabe, und, faroeif es fidi um größere Gufffibe handelt, nur nach vorheriger Genehmigung geffaftet IvhaltsSbeFstcht l.Le^tartikel: Das gaUsifchr Glrvd auf der Wanderschaft. — 2. Aufsätze: Prof. Abraham Drriiner y'XT, — Haievys wissenschaftliche Methode. — 3. Dermißte jüdische Familien. — 4. Kleines Feuilleton: Sara Bondi: Möge nie der Tag erscheinen . Dr. A. Neuwirth, Mainz: Die Srpytratage im Wandel dcr. Zeit — Dichtung und Wahrheit über dir Juden Polens —L. Wolfs Tempel bürg: Eine neue Handgemeinde. — 5. Korrespondenzen und R ackrichten:Frankfurt a. M. (Eine Bücher-Sammlung der Agudas-Jisroel.) — Breslau (Das Schicksal der Kriegsgefangenen, in Rußland.) — Karlsruhe (Die Sabbathbrote.) Lodz (AuS den okkupierten Gebieten.) — Warschau (Das „Neueste" aus t Rußland.) — New-Uork (Lebensmitteltransport nach dem^Heili^en Lande.) — New-Z)ork (Jerusalem unter deutschem Kommando.) — 6. Personalien: Mainz. — Schwäbisch-Hall (Heinrich Herz m.) — Freiburg i. Br. (Max Weil btt.) — Köln. — 7. Vermischt es: Berlin. — 8. Familien-Nachrichten. 9. Feuilleton-Betlage: Kodzrr Straßenbilder. — Z. B. A.: Jüdische Episoden nom Krieg. Dagalizlfche Glend auf der Wanderschaft. Man schreibt uns: Man mag es „Ausweisung", „Weiterbeförderung", „Abschiebung" oder wie immer nennen, die Tatsache, die traurige, kaum glaubliche, bleibt bestehen: Etliche Tausend galizischer Flüchtlinge, deren wehrfähige Famtlienglieder die Schlachtfelder ihrer engeren Heimat mit ihrem Blute tränken, machen auf ihrer Maffenflucht vor dem Kosakenheer auf ungarischem Gebiete Halt, in der Hoffnung, bis zur Rückkehr in die Heimat diesseits der Karpathen unter dem Schutze ihrer ungarischen Glaubensgenossen liebevolle Aufnahme zu finden — und werden nun — kaum daß sie sich von dem ersten Schrecken der drohenden russischen Pogrome erholt — auf administrativem Wege samt und sonders, jung und alt, arm und reich, gezwungen, neue, vielleicht auch gastlichere Zufluchtsorte aufzusuchen. Ob für gewisse Kategorien in letzter Stunde einige Erleichterungen geschaffen wurden, ändert nichts an dem düsteren Bilde, das auf die Lage der Juden ein eigenartiges Streiflicht wirft. Die galiztfchen Juden bilden bereits feit Jahrzehnten das Schmerzenskind aller jüdischen philantropischen Gesellschaften und Organisationen, und es wird gut sein, sich diesen Vorfall recht tief ins Gedächtnis zu Prägen, um an ihm die Größe, des Elends dieser doppelt Unglücklichen zu messen. Alle Bestrebungen, die materielle Not der galiztfchen Juden auf rationellem Wege zu beheben, sind bis jetzt entweder in ihren Anfängen steckengeblieben oder über die vorbereitenden Arbeiten nicht hinausgediehen. Die Gründe für diesen Mißerfolg zu erörtern, müssen wir unS versagen. Wer in Zukunft an der Besserung der galizischen Lage wird arbeiten wollen, wird nicht umhin können, diese einem gründlichen Studium zu unterwerfen. Letzten Endes werden es die breiten Massen der galtzischen Juden selbst sein müssen, die eventuell unter Mitwirkung gesinnungsgenössischer Organisationen — etwa der Agudas Jisroel — die Hinübergleitung ihrer ökonomischen Verhältnisse in ein besseres Fahrwasser bewirken werden. Vor der Hand muß die jüdische Oessentltchkeit die Lage so nehmen, wir sie nun einmal ist, und unter Aufbietung aller Kräfte und aller Möglichkeiten helfend eingreifen. Das wird auch ohne Zweifel in genügendem Maße geschehen, wie es bisher in diesem großen Völkerringen immer noch geschehen ist. Was aber die jüdische Oessentltchkeit unter allen Umständen verlangt und wozu sie angesichts der großen Opfer, die ihr auferlegt werden, auch berechtigt scheint, ist Aufklärung über die Ursachen, die Maßnahmen von solcher Schärfe und solcher Härte erforderlich machen. Die Zahl der nach Ungarn geflohenen Galizianer ist im Verhältnis zur Gesamtzahl der Flüchtlinge und zur jüdischen Bevölkerung des Landes nicht so ungeheuerlich, wie dies die ungarischen Zeitungen hinzustellen suchen. Nach Angabe jener Zeitungen selbst befinden sich zur Zeit z. B. in der Hauptstadt Ungarns mit ihrer drittgrößten Judengemeinde der ganzen Welt nicht mehr als höchstens 2900 aus Galizien geflüchtete jüdische Familien,' also auf eine jüdische Gemeinde von mehr als 200.000 jüdische Seelen 12—13.000 Flüchtlinge. Man vergleiche damit beispielsweise Ntkolsburg mit etwa 700 jüdischen Seelen und 18 000 Flüchtlingen, und selbst Wien mit ca. 150.000 jüdischen Seelen und 180.000 Flüchtlingen. Im „Egyenlöseg" vom 11. April wird eine Aeußerung einer maßgebenden Persönlichkeit im ungarischen Ministerium des Innern wiedergegeben, worin die Ausweisungsmaßnahmen damit begründet werden daß diese Flüchtlinge ursprünglich gar nicht die Absicht haben konnten, bis nach Beendigung deS Krieges in Ungarn Aufenthalt zu nehmen, sondern bloß bis die österreichischen Behörden in die Lage kämen, für anderweitige Zufluchtsorte Sorge zu tragen. Und da die österreichische Regierung die erforderlichen Unterstützungsgelder für die Flüchtlinge nicht mehr flüssig mache, so sei deren Abschiebung zur Notwendigkeit geworden. „Unsere eigenen Flüchtlinge bereiten uns Sorge genug, freuen wir uns also, daß sie nun etwas erleichtert werden." Der Budapester Polizeihauptmann Kaveggia hingegen äußerte sich dem Berichterstatter des „Egyenlöseg" gegenüber, daß er aus seiner Praxis darauf Hinweisen könne, daß zahlreiche Budapester Juden selbst bei ihm gegen die plötzliche „Invasion" des Erwerbslebens durch galizische Flüchtlinge Klage geführt hätten. Aus den Nachrichten der österreichischen und ungarischen Zeitungen geht auch nicht hervor, ob die beiden in Ungarn staatlich anerkannten jüdischen Landesvertretungen tatsächlich alles getan haben, was Menschenpfltcht und Bruderliebe erforderten, um das Verhängnis der Massenaustreibung von ihren Schutzbefohlenen adzuwenden. Die ungarische Regierung ist als liberal bekannt. Und die weitgehende Selbständigkeit, deren sich in Ungarn beide jüdische Konfessionen gleichmäßig erfreuen, legt Zeugnis von diesem Liberalismus ab. Weshalb hat also der Einfluß und die Agilität dieser autoritativen Vertretungen gerade den galiztfchen Flüchtlingen gegenüber versagt und dazu noch zu einer Zeit, da das jüdische Herz uud der jüdische Wohltättgkeitssinn den Flüchtlingen gegenüber überall und auch in Ungarn sich in erhebender Weife kundgtbt? — Der „Israelit" veröffentlichte vor kurzem an leitender Stelle eine Zuschrift, aus der hervorgeht, daß selbst der Wiener Antisemitismus angesichts der Notlage der galizischen Flüchtlinge seine gehässigen Absichten nicht im vollen Umfange durchsetzt. Man sollte meinen, daß es jenseits der Leita ebenfalls nicht ausgeschlossen gewesen wäre, die Ausweisungsbefehle gegen die galizischen Flüchtlinge rückgängig zu machen, wenn die verantwortlichen jüdischen Führer mit der erforderlichen Energie dafür 'eingetreten wären. Die erwirkte Galgenfrist von 6 Tagen für einen Teil der Flüchtlinge und die großmütig auf Kosten der amerikanischen Hilfsgelder

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