Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 18 (22.4.1915)
- Date
- 1915-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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22. April 1016 Der Asraelit. No. 18 Sette S Was die Flüchtlinge in den ungarischen Provinzstädten anlangt, auf deren Entfernung Ungarn beharren zu müssen erklärte, so wurden beim Wiener Ministerium einige Erleichterungen beim Abtransport u. a. auch die Benützuug von Personenwagen an Stelle der früher üblichen Gepäckwagen und Einrichtung eines rituellen Labedienftes an den Haltestellen durchgesetzt. Was die galizischen Flüchtlinge in Budapest anlangt, deren Ausweisung das ungarische Ministerium mit der Begründung verfügte, daß die österreichische Regierung für die Unterstützung keine Beträge zur Verfügung gestellt habe, so hat sich demgegenüber das Ministerium des Innern in Wien zur Auszahlung der Unterhaltsbeiträge für die Flüchtlinge in Budapest bindend bereit erklärt und die ungarische Regierung hiervon amtlich verständigt, sodaß für das ungarische Ministerium weder materielle noch moralische Gründe zu einem inhumanen Vorgehen vorliegen. Ob das nützen wird, steht nicht fest. Die Abgeordneten sind persönlich in Budapest eingetroffen. Unter dem 14. April wird aus Budapest gemeldet: Auf Intervention der orthodoxen Landeskanzlet beim ungarischen Ministerium ist bestimmt worden: 1. Die Flüchtlinge, welche keine staatliche Unterstützung erhalten und gegen die eine polizeiliche Klage wegen Preistreibereien nicht vorliegt, können bis auf weiteres in Budapest verbleiben. 2. Die anderen Flüchtlinge sollen nicht vor dem 1. Mat von Budapest abtransportiert werden. Ueber eventuelle weitere Milderungen der Maßregel wird noch verhandelt. Vermißte jüdische Familien. xxiii. Es werden gesucht. seine Ir. Chane Rosen biüth mitN Kindern aus Pustkow bei Dembica, Galizien. seine Eltern Latauior» Waller und Frau ans Belzecz Bezirk Rawa- Ruska, Gal. und seinen Bruder Sam. BZaller und Frau aus Lezajsk, Bez. Laneut, Gal. Auskünfte an Feldrabbiner S. L mberger, Feldpostamt Nr. 70 erbeten. Josef Berner, z. Z. in seinen Schwiegersohn Jsak Karlsruhe, Marienstr.K« Et man nebst Frau Brucha u. derenKinder aus Tarnobzek. Dime Richter geb. in ihren Sohn I. Richter Bojanietz, seit 7 Jahren mit Frau Eva geborene in Antwerpen, von dort Grauer'und 5 Kindern, geflüchtet nach Frankzuletzt inRarva RuSka fnrt wohnhaft. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Sorrespondenzen und Nachrichten. Keulsrhes Keicy. Die Pogrome in 6ali?ien. Aerlin, 24. März. Um die Russen von der Verantwortung für die galizischen Judenhetzen reinzuwaschen, wälzt die „Nowoje Wremja", indem sie die Tatsache der Judenhetzen selbst ein gesteht, die Schuld daran den polnischen Legionären zu. Sie behauptet nämlich, daß Legionäre unter Simulierung von Verwundungen in LembergerKrankenhäusern Zuflucht gesucht hätten und dann von polnischen Aerzren aus den Spitälern entlassen worden seien, worauf sie versucht hätten, einen regelrechten Aufstand hervorzurufen. Sie hätten Waffen ausgele lt und Maschinengewehre in den Häusern gegenüber den Kasernen ausgestellt. Das alles soll nach der Phantasie der „Now. W." unter den Augen der Russen in Lemberg geschehen sein! Und das soll den Grund für die Judenhetzen abgegeben haben. Aus den occupierten Gebieten in Polen. Lodz, 16. April. In Lodz kehren unter der deutschen Berwaltung allmählich geordnete Verhältnisse ein. Die „Deutsche Lodzer Zeitung" vom 4. April berichtet von einer Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung, die sich schon wieder mit Einzelheiten zu beschäftigen anfängt. U. a. wird in derselben Nummer .dteI Tätigkeit der vor zwei Monaten eröffneten Volksküche erwähne, die gegenwärtig 700 Mittagsmahlzetten verabfolgt. In der Volksschule der Talmud-Tora, die von 700 Zöglingen besucht wird, sollen die praktischen Beschäftigungen in der Weberei, sowie in den elektrotechnischen Abteilungen nach den Osterfetertagen ausgenommen werde». Vom Verein für das israelitische BolkshauS ist der Beschluß zur Eröffnung einer Bolksbibltothek und Lesehalle im eignen Lokale gefaßt worden. Schließlich wird über die Generalversammlung des jüdischen Lehrervereins berichtet, der mit gutem Erfolg eine Einkaufsgenossenschaft errichtet hat. Auch in Kutno wurde eine jüdische Volksküche gegründet, die unter Mitwirkung der deutschen Behörden eine große Aufgabe erfüllt. Sowohl hier, wie in Bendin ist die Armut sehr groß. Aus Beuthen schickte Herr Rabbiner Kopftritt nach Bendin II Kisten Kinderkleider, die an die armen Familien durch den Frauenverein verteilt wurden. In Kutno, Pabianice wie in allen Städtchen der Umgegend hat die deutsche Kommandantur den jüdischen Kaufleuten erlaubt, an Sabbat wieder ihre Geschäfte zu schließen. Für die Peffachtage wurden die Armen in den occupierten Gebieten überall mit Geld und Vikiualien reichlich unterstützt. Mit Einwilligung der deutschen Behörde haben überall die Gemeinderabbiner den Mazzoverkauf mit einer Steuer belegt, die den Unbemittelten zugute kommt. Das Entgegenkommen der deutschen Militärbehörden wird überall rühmend hervorgehoben. In W l o s c» zewo erfuhr der Ortskommandant, daß der Rabbiner feit vielen Monaten sein Gehalt nicht mehr a sbezahlt bekam und erbot sich, das Geld gewaltsam einzutreiben. Der Rabbi selbst bat aber den Kommandanten davon abzusehen, da die Gemeinde, sobald bessere Zeiten eintreten, ihren Verpflichtungen gewiß Nachkommen werde. In K a l i s ch kamen vorige W che 9000 Mark zur Verteilung unter die Armen als erster Beitrag des Berliner Hilfskomitees. Oesterreich. Die gaffrjfdien Ifrieosfdiäöen Mie«, 10. März. Die in Wien erscheinende Wochenschrift für polnisch: Jntereffen „Polen" sie >t in ihrer letzten Nummer höchst intereffante Betrachtungen über dir Kriegsschäden, Verwüstungen und Verheerungen in Galizien an. An der Hand genauer statistischer Daten weist der Autor nach, daß vom ganzen Lande mit 78 500 Quadratkilometern und über 8 Millionen Einwohnern nur 5000 Quadratkilometer mit 742 000 Einwohnern in Westgaltzien durch den Krieg nicht direkt berührt wurden, sowie, daß im Osten des Landes 18000 Quadratkilometer uLt I 606000 Einwohnern zwar schwer beschädigt, aber nicht devastiert, dagegen der üb.ige, weit größere Teil des Landes mit sohin 55740 Quadratktlometern und 5675000 Einwohnern durch große Kriegsoperationen Ver- Es sucht: Jak. Rosenbliith, Gend. Abt. :*>, Moses Waller , Briiäenschtttzkomp 4 :;<> unsterbliche Wort des Dichterfürsten zur vollen Wahrheit werden: „cx^m v.stS e'ec n:n Gottes Engel lagert um die, die ihn fürchten, und Er errettet sie.^ Kleines Feuilleton. Im Gefangenenlager zn L'mburg-DieMrchen. ''Auf B^aulnssung der .Kvmmandanlur des W e - i a i! (| c n utl n (| c v v j« i m 1) lt r fl hat der Be- ',i'.'kvrabbiner Herr Dr. We irr garten zu Bad Ems die Seelsorge im 'Gefangenenlager seit ungefähr sechs Wochen übernommen. SUn Purim fand der erste Gottesdienst statt für die dort anwesenden 00 Russen und 14 Franzosen {- ans Paris und l'J aus Algier», 'ju diesem Amecke wnr eine große Hut/,bararte non der Kommandantur zur Verfügung gestellt worden. Mit dem Herrn PeHrksrabbiner war der Kultus vorsteher Herr Nitlas von Limburg erschienen, der die rtott sowie ri^en und aus der Synagoge von Limburg mitgebracht hatte. Nachdem der Herr Rabbiner die h'tjd vorgelesen hatte, hielt er im Jargon etne zu . Herzen gehende Ansprache, sodaß die Gefangenen nefergriffen ihn sämtlich baten, baldigst wiederzukommen. Seit der Jett findet mindestens alle 14 Tage Gottesdienst fiatt. Durch das Entgegenkommen der Lagerkommandantur konnten am nee sämtlichen jüdischen Gefangenen mxo und rituelle Kost verabreicht werden, was mit Hilfe der „Freien Vereinigung" in Frankfurt a. M. durch den Herrn Rabbiner geschah. Tie Gefangenen hielten -ns ab, und während der acht Tage täglich Gottesdienst. Bon der Gemeinde Limburg war ihnen ein -iec zur Beifügung gestellt »norden, das seitdem in einem besonderen Schranke im Lager allfbeloahrt wird. Bor Kurzem starb (wie bereits an anderer Stelle berichtet. T. Red.» einer der jüdischen Gefangenen, Neu mann ans Piolrotau, an einem Schlaganfall und wurde am folgenden Sonntage beerdigt. In entgegenkvinmerrdster Weife war den jüdischen Gefangenen von der Kommandantur gestattet morden. c*2",En in Limburg selbst zu kaufen, sie zu nähen und die rnn' vorzunehmen. Die Beeroigung fand auf Wunsch des Herrn Rabbiners nicht auf dem beim Lager befindlichen Gefangenenfriedhofe, sondern dem jüdischen Gemriiidefriethnst' in Limburg mit allen n'.ilitürifchen Ehren statt. Bor dem Leichenwagen marschierten die Regimeuisrnnfik und eine Ehrenablcilnng Non zehn Landsturmlcutcn. Direkt hinter dein Sarge folgten der Herr Bezirksrabbiner und der Kultnsvorsteher, der siommantant des Gefangenenlagers nad der .Kompanie, bann sämtliche jüdislben Gefangene und Gemcindemitglieder von Limburg. Ter Herr Bezirksrabbiner hob in seiner Grabrede hervor, wie Deutschland auch den Feinden stets menschlich begegne. Eine halbe Million jüdischer Soldaten erfüllten jetzt in Rußland ihre vaterländische Kricgspflicht, wie es auch der verstorbene Soldat gerarr, obwohl das Vaterland ihren Angehörigen mit Pogromen lohne, Inm Schlüsse betonte der Herr Bezirksradüiner noch das große Wohlwollen der Komnrandankur und das gute Verhältnis zwischen Wach- Mannschaften und Gefangenen. Die Gefangenen waren von der Rede tief ergriffen und schluchzten laut. Das Kaddifch-Gebet wurde mit groger Inbrunst unter Tränen von einem Gefangenen gesprochen. Erhebend war der Moment, als zum Schlug einer der Gefangenen auf den Herrn Bezrrksrabbiner zukam, ihm herzlichft dankte und ihn bat, dem Herrn Oberstleutnant rm Namen aller Kriegsgefangenen fürfein liebenstnürdiges Entgegenkommen und feine große Menschenfreundlichkeit den Dank auszuspreclp?». Als sich der Herr Bezirksrabbiner seines Auftrages vor allen Bei sammelten entledigte, lvar der Kommandant rief gerührt und schüttelte mit Tankesworten für feine nneigennützige Seelsorge dem Herrn Rabbinerwiederholt die Hand. Geber im Felde. (Aus Feldpostbriefen.) „ Es dürfte unfre lb. Freunde interessieren, zu erfahren, daß ich den Inhalt des mir gesandten Pessachpakets nicht allein verzehrte, bielmehr denselben zur Verschönerung unserer beiden Scderabende zur Verfügung stellte. Wie wir diefe im Felde feierten, möchte ich gerne betanntgeben. Infolge Vermittlung unseres Landsmannes M. L. (iikraft)ahrer beim Tivisionsstab) wurde seitens der Division der Gottesdienst für die beiden Zederabende festgesetzt. Am v'v besorgte ich mit Kameraden zusammen alles Nötige, folveit dies möglich ivar. Meerrettig war keiner zu bekommen, sodaß «vir uns mit Salat begnügen mrrßten; wir Verrvendeten dafür ein speziell französisches Geivächs, sogenannten Eichoree, eine Pflanze, die es in unserer Gegend wohl kaum geben wird. Mazzoth hatte ich sowie noch