Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 18 (22.4.1915)
- Date
- 1915-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette a Nr. 18 Der JSraettt. 33 April L9L5 w f *! I t; i f er doch den Anschluß an die neue Entwicklung, die seine liebe Heimat genommen und die er in ihren tieferen Zusammenhängen zu begründen sich anschickt, so ganz und gar verloren. Ter Herr weis; nicht einmal, was heute jeder dalbtvegs kundige Zeitungsleser weiß: daß an der Lpihe des Berleumduugsseldzuges gegen Deutschland von Anfang an die „Times" steht und daß dieses Weltblatt nicht nur kein jüdisches Blatt ist, sondern schon vor Kriegsausbruch des öfteren v o n antisemitisch eil A n w r n d - l n n gen befallen war. Im ersten Kriegslarlbjahr hat sie sich aber als würdiges Lprach? rohr der russischen äußeren und auch inneren Politik bewährt, die iit ihren Hauptzügen eine A u s r o t t u n g s p o l i t i k gegen die Juden ist. Eingeweihte rechrren nach, wieviel von den nicht näher bezeichnelen Posten im Etat des russischen Finanzministers in die Taschen der „Timers-Redakteure fließen. Herr Chamberlain dagegen sieht immer noch den Juden an der Spitze der englischen Verleumdungspresse.... Eine Tatsache ist, daß die englischen Juden sich bei Ausbruch des Krieges, den'sie so wenig gewollt haben, wie alle ehrlichen, rechtdenkenden Bürger des Jnselreiches, sich in einer besonders Prekären Lage befanden. Wußte doch der jüdische englische Kaufmann mit seinem erweiterten Horizonte am besten, wie ein friedliches Zusammengehen mit dem großen starken Deutschland nicht nur der Weltkultur, sondern auch dein englischen Welthandel von Nutzen ist. Wenn die Juden Engsands in einer nach Deutschland orientierten Politik die Führung hatten, so war es die der internationalen Berst ä n d i g u n g und der F r i e d e n s b e st r e - bnng zwischen England und Deutschl a n d, und traurigen Herzens standen die Juden ani 4. August vor dem Zusammenbruch auch dieses hohen Ideals. Noch süpverer wurde es beit Juden Englands gemacht, das ethische Motiv in den Krieg lckneinzutragen, durch das Mitgehen Rußlands, des Amaleks der Völker, dem eine gerechte Behandlung der Juden abzuzwingen, nirgends so als heilige jüdische Pflicht erachtet würde als in England. Aus diesen Gewissenskonflikten heraus erklärt sich auch das kindische Unternehmen Israel Zangwills, der sich und der Welt aus Grund dunkler Versprechungen des bedrängten Zaren an seine „lieben Juden", einreden wollte, als nt ü f; t e aus diesem Kriege Heil für die russische Judenheit erwachsen. Bald genug lehrten aber die Erfahrungen in den russischen Grenzbezirken, daß cs mit diesem „heiligen Kriege" nichts sei, worauf auch Zangwill und seine Geireuen die Parole ändern mußten: Man spricht nicht mehr davon, daß aus dem blutigen Boden „Amulet" für jüdische Krieger. Vvn^Rabb. Dr. L win in W reichen. In bem Inseratenteil eines jüdischen Blattes wurde jüngst ein Amulet sür jüdische Krieger angepriesen und zum Kaufe angeboten. Wir sind die letzten, die wir den guten Glauben und die ehrliche Absicht des angeblichen „Rabbi" in Zweifei ziehen wollen und die letzten auch, die wir das r Tragen eines solchen Amulels zu bespötteln suchten Gleichwohl möchten wir nicht verfehlen, auf das Bedenkliche eines solchen öffentlichen Angebots mit allem Nachdruck hinzuweisen. In welchen Mißverständnissen, zu welch schiefer, ungerechter Auffassung und Beurteilung des Judentums und seiner Bekenner kann ein solches Inserat doch führen! Wer wirklich draußen im Felde täglich an sein Judentum sich erinnern will, sür den brauchen wir das Judenrecht in Rußland mit Naturnotwendigkeit erwachsen itt ü s f e, sondern daß cs an der Zeit sei, aus dem Wege der englischen Regierung a u f R ll ß l a it b e i n e n D r n ck n ach dics e r :)i i ch t u it g hiit au sznüben. In vertraulichen Komitee-Besprechungen wie in Massenmeetings wird diese Frage erörtert und mir unklaren Andeutungen, daß schon Verhandlungen mit diesem uitb jenem im Gange seien, werden Hoffnungen genährt, die letzten Endes nur den Zw.'ck haben, für beit nagenden inneren Schmerz ob der ganz unnatürlichen Verbindung mit der Pogrom regterung ein Pflästerchen zu bieten. Was die englische Regierung voll diesem Druck auf Rußland hält, - wir nässen es genugsam aus der „Times", in der der anglo-deutsche Professor aus Bayreuth immer noch einen Dolmetsch der Gefühle der englischen Judenheit sieht. Wie traurig müßte es um die Wissenschaftlichkeit Chamberlains bestellt fein, wollte mau sie überall, wo sie in Zeitungen, Büchern und Broschüren in so überreichem Maße verzapft.wird, nach diesem einett unglücklichen Ausfall werten. Ausweisungen galirischer Ilüchtlinge aus üngarn. Wir haben bereits in jüngster Nummer die ganz ungeheuerlich klingende Tatsache der Auswesnng galizischer Flüchtlinge aus Ungarn mitgeteilt. In einem von der Zensur unbeanstandeten und auch auf Wiener Zettungen übergegangenen Artikel der Budapester „Allg mnneu jüdischen Zeitung" lesen wir darüber folgendes: „In Furcht und Angst haben die in Budapest befindlichen galizischen Flüchtlinge die ersten Pessachtage verbracht. Ara Tage vor den Ostern wurden nämlich zahlreiche Flüchtlinge teils ans Marktplätzen, teils in den Straßen verhaftet. Als Vorwand dieses ungeheuerlichen Vorgehens diente die Verdächtigung, daß sie Lebensmitte'?zusammenkausen, um dieselben wieder teurer zu verkaufen. Irr Wirklichkeit aber genügte der Ankauf von 2 Hennen oder 2 kleinen Fischen oder 00 Eiern, in manchen Fällen auch der Ankauf einer Weste oder eines Paares Schuhe, daß die Betreffenden zuerst ins Polizci-Gefangenhaus und dann ins schubhaus abgesügrt werden. Schließlich >vurden aber die Leute auch ohne jeden Grund von Wachmännern nur der Stmße angehalten und verhaftet. In der orthodoxen Synagoge spielte sichJieim Abendgebet des ersten Festes eine sehr tragische Szene ab. Aach Schluß des Gebetes erhob ein Flüchtling ein furchtbares Geschrei und rief, daß M Flüchtlinge im Schubhaus festgehalten werden, die gesamte jüdische Gemeinde dürfe nicht früher zum Seder gehen, ehe man die Enthaftung dieser Unschuldigen erwirkt habe. Seitens des Gemeinde-Vorstandes wurde hierauf erklärt, daß sowohl dieser, als auch der Präsident Frankl diesbezüglich interveniert haben, aber leider ohne Erfolg. Man Hai daher diesen Armen Pessach- Aahrnngsmiltel, und zwar Mazzes, Fleisch und Wein geschickt.' Endlich wurden am Dienstag, bcu 00. März, 24 Pe:st'nrik ans der Haft entlassen, dafür aber Mieder andere, die g'iaiß an diesem Tage idem ersten Peschch tag» nichts getauft hatten, verhaftet. Als dies nllgen'.ein bekannt wurde, bemächtigte sich der Flüchtlinge eine snechlbme Panik, sie wagten sich nicht ans die Straße, und nicht einmal zum Gebet. Ein Flucht ling erzählte, er sei ain Tage vor Pessach blaß deshalb verhaftet :vordcn, ineil er eine Frau auf der Srraße nagte, ob sie ihm die 2 Hennen, die sie trug, tu »kaufen wellte. Erst auf Intervention eines Aeveialen uod nach Druionierung eiitLr Kaution von M. iSOO. wurde er aus der Hast entlassen. Er ckütd jedoch s a m t F amilie n a ch P ö h in c it a b g e - schob eit. T-e Abschiebungen der Galizier wäret? während der Festtage bereits im vollen Gange. Einen traurigen Pessach hatte eine Gerippe vvti 000 Flüchtlingen, »reiche von Großwardein nach Ungarisch-.Hradisch verschickt wurde. Dieselben verbrachten b e i d e F e : e r l a g e i ni E i s c n b a h n iv a g e n ohne jede F:irrte.gsverlö'sttgung. Tie Bemühungen der Re darrion <dee öbgenannren Leitung), auf telegraphischem zuerst die Pre'ßbnrger Jndengeineinde zu veranlassen, daß sie reu armen Flüchtlingen Mazzes gebe, tcheiterren daran, daß die Gemeinde erklärte, selbst keine überslüssigeu Mazzes zu haben. Ein weiterer Versuch, die Flüchtlinge aniäßlich ihrer Durchreise über Preßburg zu vertäftigen, war vergeblich, da der Ing über Marchegg dirigiert wurde. Sb diese Leute bei ihrer Ankunft in Ungarisch- Hradisch noch Mazzes erhalten, ist bei der derzeitigen Knappheit ebenfalls noch fraglich. Am Nachmittag vor Pessach passierte B u d a - p e ft ein Fug mit 600 Flüchtlingen. Diese wurden wenigstens am Bahnhof vom Hilfskomitee mit Lebensmitteln, wie Mazzvs und Kelchwaren versehen. Diese beideir Transporte bestanden teils aus solchen galizischen Flüchtlingen, die bereits in ungarischen Prvvinzftüdten »peilten, teils aus solchen, die erst in letzter Feit von ihrer» galizischen Wohnorten nach Ungarn geflüchtet waren." Wie den Zeitungen aus amtlicher Quelle mitgeteilt wird, werden alle galizischen Flüchtlinge aus Ungarn nach Beendigung der Osterfeiertage nach Oesterreich abgeschoben werden. (Ist bereits zum großen Teile geschehen. D. Red.) Eine bezügliche Verordnung des ungarischen Ministeriums des Innern ist bereits an alle Munizipien ergangen. Diese Maßregel sei darauf zurückzuführen, daß seitens der österreichischen Regierung beschlossen wurde, den in Ungarn sich aushaltenden galizischen Flüchtlingen keine staatliche Unterstützung zu gewähren, sondern dieselben in Böhmen, Mähren, eventuell Steiermark und Tirol in kleineren Gruppen unterzubringen. Die Vorsteher der Wiener „Jsr. Allianz", wie auch die jüdischen Abgeordneten aus Galizien, die Herren Dr. Kolischer, Dr. Rauch, Dr. Groß und Dr. Steinhaus, unter Führung des Abgeordneten Dr. Lötvenstein versuchten beim Wiener Ministerium des Innern für die Inschutznahme der Flüchtlinge zu intervenieren. nicht erst nach neuen, eigens erdachten „Amuleten" zu suchen. Zizis und Tefillin, von Gott geboten, dächten wir, sind durch die Flucht der Jahrhunderte und durch die Stürme der Zeiten so erprobt und bewährt, daß sie immer noch uns als „heilige Zeichen" gelten, unter deren Schutz wir uns überall in dem Schatten des Allmächtigen sicher und geborgen fühlen. Wieviel Mut und Vertrauen können diese doch auch den Kämpen aus unserer Glaubensgemeinschaft einflößen, die sich in den Geist ihrer Sprache zu versenken vermögen! Erinnern die Tefillin nicht den Krieger an Gottes Allmacht, an seinen „starken Arm", der Israel nach einer vielhundertjährigen Knechtschaft die Sklavenkelten gelöst hat? Sie legen ihm so das Wort des Glaubens und der Hoffnung aus den Mund, daß es in seinem Herzen widerhallt: „P's ■na:' nsa sS. Nicht durch Kraft siegt der Mensch". Und die Schausäden, die jeden Israeliten nlahnen, nicht zu wandeln „nach den Herzen und nach den Augen", sondern sich als würdigen Diener des Heiligen zu bewähren, können gewiß auch jedem jüdischen Soldaten zum Talisman werden, daß er auch mitten im Kriege seiner Menschenwürde eingedenk bleibt, daß er auch im Feuer der Geschütze seine Leideuschnften zügle und seine Begierden bezwinge. Man denke, die brennenden und sengenden russischen Horden wären solcher Gedanken fähig, um wie viel weniger hätten wir über ihre Raubzüge, über alt ihr Plündern und Morden zu klagen. Dem jüdischen Soldaten fehlt es also nicht an einem wirksamen Schutz in Gefahren. Freilich denken wir da mehr als an die feindliche Kugel an die Gefahren, denen Herz und Seele ausgesetzt sind. Aber gerade denen, die auch draußen mitten im Waffenlärm sich noch religiös betätigen, wächst der Mut und die Widerstandskraft, die die besten und zuverlässigsten nassen in einem jeden Kampfe si d, und auch die Erkenntnis: der Erdengüter größtes ist das Leben nicht. Sich sür andere opfern, für die Gesamtheit leiden und Entbehrungen ertragen, das sind dis Bedingungen reinen Menschentums, das find auch die Forderungen des Schriftwortes, welches uns die diesmalige Sidrn einschärft: ynn cnsvp Werdet heilig!" Wer ans die Stimme der Thora zu lauschen gewohnt ist, kennt die Pflicht der Selbstverleugnung und des Opfermutes für das Ganze, der vergißt nicht die Mahnung der Alten: 'vw L'v'Vd und drängt die Leidenschaften und Triebe, die ihn zum Staube ziehen und des Priesterschmuckes der Gottebenbildlichkeit ihn entkleiden, zurück und ist auch des Gleichnisses eingedenk, das gleichfalls Israels Lehrer aufgestellt haben: „nby ms: -jSo*? k^öb Die Umgebung des Königs hat das Sittengepräge des Königs zu tragen". (Siehe S. R. Hirsch S. 440.) Gott preisen wir als .irv7v p'x als „Mann des Krieges", weil er der Gebieter über Krieg und Frieden, und auch der Lenker der Schlachten ist. Dieser Glaube stärkt und ermutigt, er läutert aber auch und steigert die sittliche Kraft. Der gläubige jüdische Soldat weiß sich Gott überall nahe, sein Wort und Witte lebt in seinem Herzerr rrnd in seinem Munde, darum schwindet ihm die Furcht und Zagnis aus Herz und Seele, er hat aber auch einen Schild und Panzer gegen sittliche Verirrung und Verfehlung. Ein „Amulet" solcher Art sollten rvir den jüdischen Krieger» anpreisen! Das würde dazu beitragen können, tpnp j:no 'VI daß unser Kriegslager heilig ist und daß allenthalben der Hoff nungsinut und dir Siegeszuversicht wächst. Möchte ein jeder, der es vermag, in diesem Sinne Einfluß übe»t und in Wort »md Schrift einen Saatenkeim des Göttlichen und Heiligen in die empfänglichen Herzen und Seelen pflanzen! Dann wird an den Söhnen unserer Bekennerschar »vie an allen ihren Genoffen das