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Der Israelit · 1915-04-15 · Heft 17 (15.4.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 17 (15.4.1915)
Date
1915-04-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Leuilleton-Beilage zu Nr. 17 des „Israelit." ...*3 KentUrton. Sei den jüdischen Kriegsgefangenen in Sad Orb. Von Sch. Daß der Krieg dem Rabbinatsbezirke Hanau einen Zuwachs von 75 Seelen gebracht hatte, das wußte zunächst nur der Herr Provinzialrabbincr, der seit einiger Zeit ein wohlgeordnetes Realster in der Tasche herumträgt, dar- Mf, tmch Alter und Geburtsort angelegt, die Namen seiner neuen geistigen Pflegebefohlenen verzeichnet sind. Letzten Sonntag durfte ich mit gütiger Erlaubnis des Generalkommando den Herrn Rabbiner in seine neue Gemeinde hinausbegleiten und das mitten zwischen deutsche Berge und deutsche Auen hingeworfene Stück Rußland unmittelbar auf mich einwirken lassen. Wir fahren im offenen Wagen von Bad Orb etwa zwei Stunden zwischen den grünen Hügelketten des Spessart, die graugefurchte Felder und schon grünende weite Wiesen flankieren. Der Weg wimmelt von Soldaten in bunter und feldgrauer Uniform, die mit Sonntagsurlaub in aehobener Stimmung heimwärts ziehen. Wir kommen durch ein Dorf, dessen Hauptstraße, von keinem dunklen Punkt einer Zivilperson getrübt^ eine Szenerie für Wallensteins Lager abaeben könnte Am Dorfende halten würdige Äandsturmm ärmer treu die Wacht am Bach und Brücke. Auch unser Vehikel, das ganz und gar rächt den Ehrgeiz hat, es einem mit so und so viel Pferdekraft dahinsausenden Militärauto gleichzntun^ hat militärischen Anstrich und ftört daher das bunte Bild der Straße nicht. Denn uns zur Seite sitzt in schmucker Uniform ein Krummer Soidat, der junge Lehrer von Bad Orb, dessen Beine so liebenswürdig waren, sich just um die Pefsachzeit wund zu laufen, so daß ihr Träger über die Festtage in seiner Gemeinde bei seinen heiligen Funktionen bleiben konnte. Da die Füße »och nicht recht mitwollen, fährt er mit uns — wohl in eine entfernte Filialgemeinde, um dort Religionsunterricht zu erteilen. Im Mai geht es wieder hinaus, meint er, mW da heißt es auch in der Schule : SchneIlsen er! Es wird gedrillt, wie es die eiserne Zeit erheischt. In einigen Wochen müssen es auch die Rekruten, die Olefbes-Schützen, „ganz heraushaben" ... In etwas beängstigender Weise rollt jetzt unser Fuhrwerk, dessen Lenker in Vertretung des eingezogenen Fuhrmanns ein beurlaubter Fcldbäckkr ist, die Straße hinunter. Und schon sind wir vor der hügeligen Barackenstadt der Russen. Zunächst ins Lazarett. Der brave Landsturmposten studiert etwas umständlich unsere Legitimationen und läßt uns passieren. Eine helle, freundliche, ganz wohnlich eingerichtete lange Stube mit etwa zwanzig guten Betten, die Rekonvaleszenten in bequemen, sauberen Krankenkitleln. Die wir suchen, springen oder winken uns schon entgegen. Es sind hier nur zwei. Einer liegt noch schwer darnieder, der andere ist, auf dem Wege der Besserung, aus und pflegt wie eine lreusorgende Mutter seinen Kameraden. Er erzählt uns, wie er hier, am Bette des kranken Freundes, mit diesem Seder gehalten. Die jüdischen Kameraden von draußen brachten Mazzo und Was, in einem neuen Kruge, später auch eine Suppe aus der durch das freundliche Entgegenkommen der Kommandantur für die Festwoche eigens eingerichteten PessachKiche. Hagodaus hatte der Herr Rabbiner zusammen mit den Mazzaus und mit dem Fleische geschickt. Nnd s) saß er am Bettrande und las mit den: Kranken das „K'ho lachmo" und „Manischtanoh" und „Awobim hojinu"; und dann erzählten sie sich, indem sic aus dem neuen Kruge tranken, noch einiges aus der eigenen Hagadah, von den masurischen Seen und der Schlacht bei Tomaschvw... Dort bei Tomaschvw haben sie, die Deutschen, mit so vielen, den jetzt im Bette Liegenden gekriegt Er hat, falls es die lieben Kameraden int russischen Heere noch nicht zerstört haben, im Süden Polens, unweit der Grenze, ein eigenes Häuschen, darin Weib und Kind, zwei blühende Töchter, weilen, vorausgesetzt, daß — Er stockt und bringt das Wort der bangen Angst nicht über die blassen Lippen. „Ja", bestätigt der jüngere, der Littauer, mit den seinen durchgeistigten Zügen, den die Deutscherr aus dem masurischen Sumpfe heraus „gerettet" haben, „ja bei den Kameraden...." Er ist Aktiver und war bereits voriges Jahr in einer russischen Kaserne, wo er keinen Pessach hatte. Und hier, im Feindeslande, als Gefangener, hatte er Pessach gefeiert, Seder gehalten.. Aber er möchte beileibe kein Wort gegen ,ein Vaterland sagen. Es sei dieses schon von Religionswegen nicht recht. Tann schäme er sich in der: Boden hinein, wenn er die glühende Liebe der d e u t s ch e n Juden zu ihrem Baterlande sehe. Nur eines möchte er wissen: ob sein Heimatstädtchen bei Tauroggen schon deutsch sei. „Und mein Tors bei Tomoschow", ächzt es auch aus dem Bette. Und in der Leute Augen leuchtet eine unausgesprochene Hoffnung aus, die die ganze Seele durchstrahlt und durchwärmt.... Nun geht es in das eigentliche Russenlager hinaus Ein: richtige Straße zwischen zwei endlosen Barackenreihen, aus der sich ein buntbewegtcs Leben abspielt. Vorherrschend ist der russische Typ, stumpfnäsig, mit stupidem, knochigem Gesichte. Aber mitten durch diese erdgraue Schar schwirren auch blaurote Franzosen und tiefblaue Belgier. Diese Westler sind noch Neulinge hier und scheinen von den Alliierten aus dem Osten nicht sonderlich erbaut zu sein, denn sie halten sich etwas reserviert. Hetzt kommt Leben in die hohle Gasse. Bon allen ©eiten eilen die Juden herbei, die dem steifen militärischen Gruß noch den warmen jüdischen hinzusügen. Vertraulich strecken sich uns die Hände entgegen und das alte „Scholaum" erhält in dieser seltsamen Umgebung einen eigenen Klang. Es ist der Menschheit heißes Gebet.... Es sind geistig Ausgehungerte, sie hunaern nach einem Worte der Freundschaft, der Ernrunterung, nach Kunde von der weiten Weit draußen und von dort, wo die einsame Mutter, das Weib, das Kind, ungewiß ihrer harrt und um sie weint. Einige und siebenzig Menschen, die fast ebensoviele Gegenden des weiten Zarenreiches vertreten. Recken ans den jüdischen Kolonien in Südrußland, gebeugte Greisengest alten von kaum 35 Jahren und schmächtige littauische Jünglinge mit wkhcn, verschüchterten Kindergesichtchen. And jeder hat seine eigene Geschichte, die er mir, da ich mit ihm in der Sprache seiner Heimat spreche, gleich Zutraulich und mitteilsam auskramt. Ein schöner hochgewachsener Jüngling in blanker Uniform — Silbermann, nennt ihn der Herr Rabbiner, der sich in dieser seiner nenesten Gemeinde schon gut auskennt — hat hier wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse als Dolmetsch das Kommando und hält so etwas wie eine Begrüßungsrede an uns im Namen aller. Ein kleines Männchen, mit verbundenem Gesichte spricht fast nur in Bibelversen und Talmudsätzea, aus denen ei die ganze Geschichte des unseligen Krieges und seiner eigenen Erfahrungen kunstvoll znsamm erficht. Ein anderer, der Typus des gebildeten, thorakundigen Kaufmanns in Rußland, wurde als Sanitäter in der vordersten Stellung gefangen und kann sich als solcher auch hier im Lazarette betätigen. Im Momente möchte er von mir nur zwei Fragen beantwortet haben: ob Warschau bald falle und — was mein Regenschirm koste. Er ist nämlich Schirmfabrikant von Hause aus und" hatte, ach io lange, nichts mehr von der Branche gesehen... Ein bärtiger Riese mit sibirischer Lamrüfellmütze aus dem gewaltigen Kopf hat bereits den japanischen Krieg mitgemacht und bei Mulden gekämpft. „ Hat dort alle russischen Nizchäunes (Siege) mitgemacht", spottet der kleine Littauer, „nun sitzt er hier fest und versäumt die aanze Geschichte..." Ich erkundige mich bei den Einzelnen nach ihren Erlebnissen in der russischen Front. Alle bestätigen einmütig die von den Zeitungen berichteten Greueltaten seiten s r ussisch er SoldatennndenJuden der G r en z b. e z i rke. Es war ganz selbstverständlich, daß man aus dem Durchmärsche die jüdischen Hauser und Geschäfte plünderte und jeden sich zur Wehr Setzenden niedermachte. Die jüdischen Soldaten, in jedem Regimente nur eine geringe Minorität, konnten dem nichts entgegenmn. Einem, der es versuchte, war es übel ergaugeu. Er erzählt mir unter Tränen, wie er in Warschau, selbst im Waffenrocke, Zeuge der Zerstörung feines eigenen Gutes war. Ueber die Behandlung in Deutschland sprachen sie alle voll innerer Zufriedenheit und tiefer Dankbarkeit. Wie für den Krieg überhaupt in all seinen Erscheinungen haben sie für das Leben hier nur stummes Staunen. Als man sie gefangen nahm, hatten sie im Stillen vom Leben Abschied genommen. Man führte sie ivohl aus den Richtplatz oder in Gefängnisse, in denen ungeahnte Torturen ihrer harrten. Man war ja im Feindeslande... Nun ist man in sauberer Stube, bei guter soldatischer Verpflegung. Offiziere und Unteroffiziere sind zwar kurz und entschieden, aber fteundlich nnd gerecht. Der; Zwang zu deutscher Ordnung und Sauberkeit wurde von den Juden zu allererst als großer Segen empfunden. Das größte Wunder hatten sie aber als Juden erlebt. Hätten sie doch alle geglaubt, jenseits der Grenze, in Feindeshano, die Rechnung mit dem Judentum, für das schon in der russischen Kaserne nicht viel Raum war, gänzlich schließen zu müssen. Welche Ueberraschung. Es kam hier schon in den ersten Tagen ein Rabbiner und hatte schöne Worte der Lehre, die zur Lage paßten. Und bald kam eine Thoravolle mit Schrein. Und Gebetbücher und Tefillin und Z'fis und alle anderen heiligen Gegenstände, die an die jüdische Heimat erinnerten, mit dem Gott der Väter verbanden. Und der würdigste Raum wurde von der Kommandantur für den heiligen Schrein und den Gottesdienst angewiesen. Cs gab am Pessach rituelle Kost und tägliche Festandacht. Das war alles so seltsam mü> merdvürdig wie der Krieg überhaupt, der keinen so unerwartet traf wie diese friedsamen Leute in ihrem täglichen Kampf um Brot und Recht. — E? war Zeit geworden, daß wir in der zum Gotteshause verwandelten kleinen Baracke zum Gottesdienste „antreten". Da sollte die Gemeinde ganz ungeahnt noch ein neues Mitglied erhallen. Ein kleiner Trupp gefangener Franzosen wurde aus einem anderen Lager eings-. l iefert. Stolz und trotzig standen die schlanken Gestalten in ihrem schäbigen Rotblau und musterten verächtlich die russische Umgebung. Ein

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