Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 13-14 (25.3.1915)
- Date
- 1915-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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No. 13 u. 14 Sette 8 Der Israelit. 35. März 1915. Ihr die Taufe, oder Ihr vertirennr Alle in diesem Gebäude!" Nach diesen Worten entstand ein Weinev und schluchzen, wie es zwischen diesen Mauern noch nicht gehört wurde. üie Männer, im Bewußtsein, dag;ü)üit ihre letzte stunde geschlagen, legten das in der Sterbestunde übliche Südenvetennlnis ab, indein sie bei jedem Werre sich urit der Jaust aus .dte Brust schlugen. Ttese o Minuteil benützte rasch der greise Rabbiner, um wieder eine Thvrarolle aus der heiligen Bundeslade aus den 'Arm zu nehmen r<no dte Erhöhung des Prediglftuhles zu besteigen. Mit bleichem Gesichte, aber mit fester lauter stimme ries er in die Menge herab: „Euch Greise Israels, die Ihr so nahe dem Grabe jccijct, frage ich zuerst: Ist unter Euch Jemand, der bereit wäre, den Väterglauben abzuschwören'?" Weinend antworteten die Alten: „Wir ziehen den Tod vor!" „'Jiiin wende ich mich an Euch, Männer Israels? Eure söhne kämpfen draußen heldenmütig uul unser Vaterland, wollt Ihr seiger als diese sein'? Wer wollte unter Euch unserer Glaubensgemeinschaft untren werden?" „Nie werden wir diese Gemeinschaft verlassen", lautete es aus allen stehlen. „Nun frage ich schließlich Euch. Ihr Frauen und Jungfrauen Israels, möchtet Ihr als Abtrünige ohne Väter und Männer leben?" „'Nein", tönte .es einstimmig von der Frauen-- abteiluug her, „wir sterben lieber für unseren Glauben!" Nach diesen Erklärungen hob der greise Rabbiner die Tyorarotle in die Hohr ulld flehte um Hirse zum Allmächtigen. Ans dem Rcibbinerfiye wartere schon ungeduldig der russische Kommandant ans den Enischlutz der Menge, zu dem nun der Greis mir der Thvrarolle am 'Arme hinzurrat und sprach: „Unser Heiligrum kann nun in Brand gesrestl werden, wir sterben gerne für unseren Glauben." Ter Kommandant eilte mit seinen Offizieren und dem Popen sofort zur Türe hinaus, beauftragte die wachhabenden Soldaten, keine Seele aus dem Tempel entrinnen ,;u lasten, wahrend er einer anderen svldatengruppe befahl, das Gebäude den' Feuer flammen pll'iszugrbl'n. Noch einmal frellUe sich jedoch der rufsifche Befehlshaber in den Engang zum Gotteshaus und rief, daß es durch die .Hallen deutlich hörbar war: „Noch einmal frage ich, wollt Ihr zur rnssifch-n zcirche übertreten, oder Ihr feit dem Tode geweiht?" statt einer Antwort ertönte auf Anregung des greifen Rabbiners, das erhebende „Clcitu lefchabeach"- Gebi r in mächtigem Ehore. In diesem 'Augenblick wurden Trompetentöne hör bar, ein russischer Tsfizier stürzte atemlos zu dem beim Eingänge zum Tempel stehenden .Kommandanten und meldete zitternd: „ T i e u n g a r i i ch e n H n f a r e n kommen! Es muß zum Rückzug geblafen werden!" Tie andächtige schar der Berer' atmete erleichtert auf bei Vernehmen dieser 'Nachricht und rief freudestrahlend: „Lh! Tie llnserigen kommen!" Das Ge-- ficht des Befehlshabers hingegen wurde kreideweiß er schäumte vor Wut. Ganz ohne Lpfer sollte aber fein erteilter Befehl nicht bleiben. Er zog seinen .ctarabrner.... richtete ihn gegen den greifen Rabbiner.... Ein schuß krachte... die Gemeinde schrie erschreckt nur.... die zrugel traf die in der Hand des Rabbiners befindliche Thvrarolle, die entzweigerissen aus der Hand des ohnmächtig gewordenen Greifes fiel... Nächsten Tages war ein Begräbnis in der Gemeinde, die Menge bettete die öurcl)ffl}t>ffeiic heilige Thora rolle zur Erde. Unter dem schwär;,u Tuche lag die Thvrarolle auf der Bahre. An der spitze der trauernden Menge, schritt gebeugten Hauptes der dem Tode entronnene greise Gemeinderabbiner. Ganz nach der Art wie nach verstorbenen Glaubensorüdern wurde die heilige Thvrarolle begraben. Alle stimmten da» „Iansche!rr-beszeszer"-!^eber in klagenden Töncn an, ließen die heilige Rolle in das Grab hinab icnd schütteten schölle auf schölle auf dieselbe. Ter Rabbi verrichtete unter schluchzen das „t»ravifch"-Gebct. welches von öer großen Aienge weinend und andächtig angehört wurde. Erst „schiwrh", dann 30 tägige Trauer hielt die Gemeinde UM ihre durchschossene heilige Thorarotte, bi*' aber doch ewig bleibt und Israel schütz und schirm in allen Lebenswendungen bietet! „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Minderecke* Abrahams Lhad Gadja?) Unsere Väter in Aegypten lausten einst ein Lämmchen von den Acgypiern, um dieses Lämm- *) Rach der Dr. Lehmannschen „Hngada schel Pessach", Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. chen Gott zu opfern. Es war dies eines der ersten Gebote, die Gott an sein Volk ergehen ließ. Die Erfüllung dieser Mizwoh war nicht ohne Gefahr, denn bekanntlich verehrten ja die Aegypter das Lamm als eine Gottheit, aber Israel sollte eben beweisen, daß ihm das Wort Gottes höher als sein eigenes Wohlergehen, ja als sein eigertes Leben steht. Es sollte bekunden, daß es Vertrauen in seinen Erlöser setze, es sollte zeigen, daß es gleich seinem ersten Ahn Abraham bereit sei, die einmal erkannte Wahrheit selbst mit dem Tode zu besiegeln. Bon unserem Stammvater Abraham erzählen unsere Weisen im Midrasch Rabbah folgende bezeichnende Geschichte. Therach, der Vater Abrahams, war nicht nur Götzendiener, sondern er fertigte auch Bilder und Figuren an und verkaufte sie als Götzen. Als Therach einst vom Hause abwesend war, und sein Sohn Abraham seine Stelle im Geschäft vertrat, kam ein etwa fünfzigjähriger Mann und wollte einen Götzen kaufen. Abraham fragte ihn: „Wie alt bist du, guter Freund?" Der Mann antwortete: „Ich bin etwa fünfzig Jahre alt." „Da bist du mindestens um fünfzig Jahre älter als dieser Götze, der erst vor einigen Tagen angefcrtigt wurde* Glaubst du, daß er dir helfen kann?" war die Antwort Abrahams. Eines Tages kam eine Frau und brachte eine Schüssel voll feinen Mehles, das Abraham den Götzen Vorsitzen sollte. Da entbrannte der Zorn Abrahams, er ergriff eine Axt und zerschmetterte alle Götzen mit Ausnahme eines einzigen, dem er die Axt in die Hand gab. Als der Vater in den Laden trat und die ganze Verwüstung sab, fragte er zornig seinen Sohn, wer denn den Schaden ungerichtet habe. Da erwidere Abraham.' „Was soll ich cs leugnen? Eine Frau brachte eine Schüssel voll fei gen MehleS, um es den Göttern vorzusetzen. Als ich es den Göttern vorsetzen wollte, da entbrannte unter den Göttern ern Streit, da ein jeder zuerst Mehl bekommen wollte-. Da ergriff der größte Götze die Axt und zerschmetterte die übrigen." „Du spottest meiner!" ries Therach. „Haben denn diese Götter Gefühl und Verstand, können sie denn essen und reden?" Da entgegnete Abraham: „O möchten doch deine Ohren hören, was dein Mund spricht! Diese Götter ohne Gefühl und Verstand betest du an?" Abraham wurde nun vor Nimrod geführt, der ihn wegen dieser Götzenlästerung zur Verantwortung zog. Nimrod sprach zu ihm: „Wenn du schon die Macht der Götzen aus Holz und Stein leugnest, so bete das Feuer an,, dessen Macht du nicht leugnen kannst." Ruhig antwortete Abraham: „Es gibt eine Macht, die größer ist, als das Feuer, nämlich' das Wasser, welches das Feuer verlöschen kann." „„So bete das Wasser an!" rief Nimrod. „Warum nichl lieber die Wolke, die das Wasser in sich birgt und entströmen läßt?" „So bete die Wolken an," sagte Nimrod. „Warum nicht den Wind, der die Wolken, auseinanderjagt?" „Nun so bete den Wind an!" „Warum nicht den Menschen, der dem Winde standhält?" Nimrods Geduld rvar zu Ende und wütend rief er Abraham zu: „Du machst leere Ausreden. So wisse denn, mein Gott ist das Feuer, dessen Macht du bald fühlen sollst. Möge dein Gott kommen und dich aus der Gewalt .es meinigen erretten." Abraham wurde in den Feuerofen geworfen, und Gott errettete ihn. Haran, der Bruder Abrahams, war unschlüssig, zu welchem Gott er sich bekennen sollte. Als er sah, daß Abraham ungefährdet dem Feuerofen entstieg, da bekannte er sich zu dem Gott Abrahams. Diese Unschlüssigkeit mußte er mit dem Tode büßen, denn als er in den glühenden Ofen geworfen ward, da ging er zugrunde. Eine ähnliche freudige Opferwilligkett forderte nun Gott von unseren Vätern in Aegyten. Sie mußten das Lamm, das den Aegyptern als ein höheres Wesen galt, vor ihren Augen hinschlachten. Als nun die Aegypter sie daran hindern wollten, da sagten die Hebräer: „Wie töricht seid ihr doch, das Lamm als Gottheit zu verehren, betet doch lieber die Katze an, die ja viel kräftiger ist." Aber auch die Katze ist im Vergleich zum Hunde ein ohnmächtiges Wesen, so daß auch die Katze keine rechte Gottheit sein dürfte. Mächtiger als der Hund ist aber der Stock, mächtiger als der Stock das Feuer, als das Feuer das Wasser, das das Feuer verlöscht, als das Wasser der Ochse, der das Waffer trinkt, als der Ochse der Schlächter, als der Schlächter der Todesengel, als der Todesengel unser Gott, der auch den Todesengel einst dahinschlachten wird. Es bleibt euch also keine andere Wahl, als Gott zu verehren, denn sein ist die Größe, die Stärke, die Macht, der Sieg und die Herrlichkeit. Lin Gedicht für den Seder-Adend.*) Der Freiheit schönes Fest beginnt, Das Fest des Pessach-Lammes/ Für Alle, die da froh gesinnt, Sich rühmen alten Stammes. Sie feiern in geweihter Nacht Die Rettung von Tyrannenmacht, Durch heilige Gebräuche. Und ist auch jene Zeit vorbei, Dcr Sklaven heißes Dürsten — Und leben wir auch frank und frei Im Schutze edler Fürsten: So bringen heute dennoch gern Die Gorterlästen ihrem Herrn Des Dankes fromme Opfer. Nicht freuen in der Freiheit wir Uns irdischen Gewinnes/ Nein, nur des Geistes edler Zier, Der Zier des Freien Sinnes. Denn mit dem Sklavenjahre schwand Der Wahn, der seine Sinne band, Dem schwer gedrückten Volke. Und was sich einst auf Sinai dort Den Vätern offenbaret, Es hat bis jetzt auch fort und fort Den Enkeln sich bewahret. Gesetze und Religion, Ausstrahlend von dem höchsten Thron, Sie leuchten uns noch heute. Sie wahren unfern schwachen Blick Vor täuschender Verblendung/ Und führen uns zum Qu ll' zurück, Der göttlichen Vollendung. So wirket das Erlösungswort, Zu unserm Heile hier und dort, Und schützt uns vor Verderben. Drum — ist auch jene Zeit.vorbei, Der Sklaven heißes Dürften — Unb leben wir auch frank und frei Im Schutze edler Fürsten.: So bringen heute dennoch gern Die Gotterlösten ihrem Herrn Des Dankes fromme Opfer. *) Aus einer alten Preßburger Hagadah. Mitgeteilt von Herrn Siegfried Nofcnburgsi